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home > Kommentiert > Juni 2006

Sinus-Milieus – die unbekannte Chance?

Für einige sind sie das neue Zauberwort einer gesicherten Zukunft, für andere erscheinen sie wie ein soziologisches Gespenst: die „Sinus-Milieus“. Immerhin hat das sozialwissenschaftliche Institut Sinus Sociovision 25 Jahre Arbeit investiert, um Lebensweltanalysen innerhalb der Gesellschaft vorzunehmen. Dem Ergebnis kann man sich nicht verschließen, auch nicht im religiösen Bereich. Die seit einigen Monaten vorliegende Milieustudie „Religiöse und kirchliche Orientierungen in den Sinus-Milieus“, ein von der Medien- Dienstleistung GmbH und der Katholischen Sozialethischen Arbeitsstelle gesteuertes Projekt, rüttelt auf. Von Werteorientierungen über Alltagseinstellung bis hin zum Medienverhalten sind Lebenswelten analysiert worden, die einen wichtigen Nährboden für künftiges kirchliches Handeln bergen.

Die Studie will „mehr Informationen und bessere Entscheidungshilfen als herkömmliche Zielgruppenansätze“ bieten. Ein großes Ziel, das aber – schaut man auf innerkirchliche Strukturen, das Image und das unermüdliche Wirken in Seelsorge und Verwaltung – zum richtigen Zeitpunkt kommt, um die Arbeit zu reflektieren. Die Studie selbst formuliert: „Will die katholische Kirche eine Volkskirche im besten Sinne sein, muss sie die Menschen, ihre Wertprioritäten, Einstellungen und Befindlichkeiten verstehen, um sie kommunikativ zu erreichen.“ Es macht eben keinen Sinn mehr, die Augen zum Himmel zu heben und ein solches Ergebnis zu ignorieren. Im Klartext: Die Studie ist eine Chance, wenn sie unverblümt darlegt: „Dramatisch ist der Befund, dass man Kirche in der Gesellschaft jenseits der loyalen Kirchgänger und Klischees schlichtweg nicht wahrnimmt.“

Viele Teilbereiche sind von der Studie betroffen. Da hilft weder Aufregung noch Aktivismus, sondern das nüchterne Überlegen, wie das Ziel künftig erreicht werden kann: Kirche, Werte und Sinn kommunikativ an die Menschen/Milieus zu bringen. Diesem Prozess können sich auch Medien, vor allem die kirchlichen Medien, nicht entziehen. Mehr noch: Dieser Prozess geht auch katholische Journalistinnen und Journalisten etwas an, denen die Kirche am Herzen liegt. Jeder Journalist wird sich in einem der zehn Milieus wiederfinden, jeder katholische Journalist wird sich die Frage stellen, welchen Beitrag er zum kommunikativen Handeln der Kirche leisten kann, um Kirche und Glaube in die Gesellschaft zu transportieren.

So ernüchternd vielleicht viele Ergebnisse in der Studie sind und zu einem neuen Handeln, möglicherweise auch zu einer neuen Sicht kirchlicher Medienarbeit führen, so sehr muss man sich im klaren sein: Die Sinus- Studie macht keine Angst, sie kommt im rechten Moment, um die Weichen in jene Richtung zu stellen, wo die Kirche eine Verpflichtung hat, möglichst allen Menschen eine Botschaft zu vermitteln und sich nicht auf ein oder zwei Milieus zurückzuziehen. Hier sind also kirchliche Medien gefordert, hier sind katholische Journalistinnen und Journalisten gefordert, hier muss ein Dachverband der katholischen Publizisten mitwirken, weil seine Mitglieder als Multiplikatoren eine hohe Verantwortung für das Erreichen der Sinus-Milieus tragen. Vielleicht wird mit der Sinus-Studie ein Konsultationsprozess angeschoben, bei dem Bischofskonferenz, der Sachbereich Publizistische Grundsatzfragen des ZdK und die GKP einmal mehr in einem Boot gemeinsam zum Wohl für Kirche und Glaube handeln.

Matthias Kopp



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