Moralische Autorität
„Caritas in Veritate – Die Liebe in der Wahrheit“ heißt die dritte Enzyklika von Papst Benedikt XVI., seine erste Sozialenzyklika. Mit viel Spannung ist sie erwartet worden, denn der Papst hatte die Veröffentlichung seines Lehrschreibens mehrmals verschoben, um die aktuellen Entwicklungen der weltweiten Finanzkrise aufgreifen zu können. Der Zeitpunkt der Veröffentlichung war klug gewählt und selten günstiger, um sich weltweit Gehör zu verschaffen.
Einen Tag vor dem G8-Gipfel erschien sie nun, zu dem sich die Mächtigen der Welt im vom Erdbeben zerstörten italienischen L’Aquila trafen, um über Wirtschaftskrise und Klimawandel zu diskutieren. Wer sonst als der Papst könnte dazu mit weltweiter Autorität die moralische Ausrichtung der Debatte um Globalisierung und Gerechtigkeit einfordern.
Benedikt XVI. spricht sich für eine „echte politische Weltautorität“ aus, die nötig sei „um die Weltwirtschaft zu steuern, die von der Krise betroffenen Wirtschaften zu sanieren, eine Verschlimmerung der Krisen und sich daraus ergebenden Ungleichgewichten vorzubeugen“. Außerdem gehe es darum „eine geeignete vollständige Abrüstung zu verwirklichen, die Sicherheit und den Frieden zu nähren, den Umweltschutz zu gewährleisten und die Migrationsströme zu regulieren“. Die Einrichtung einer solchen Autorität hatte bereits sein Vorgänger Johannes Paul II. angeregt.
Benedikts Enzyklika behandelt auf 73 Seite beinahe alle politische aktuellen Themen, von der Krise über die Diskrepanz zwischen armen und reichen Ländern bis hin zu Umweltschutz und Sextourismus. Der Papst fordert dazu auf, die Krise als Chance zu begreifen, um Solidarität und Gerechtigkeit in der Welt zu stärken. Die Medien räumten dem Erscheinen des Lehrschreibens breiten Raum ein – was freilich auch an der zeitlichen Nähe zum G8-Gipfel liegt. Die Bewertung der Kommentatoren fällt unterschiedlich aus, die einen halten den Papst für einen Visionär und Idealisten, die anderen für zu unpolitisch. Entscheidend ist jedoch vor allem, dass die Sozialenzyklika besprochen und diskutiert wird. Denn gerade in Deutschland machte die Kirche in letzter Zeit vor allem Schlagzeilen wegen ihres oft unbeholfenen Umgangs mit den PiusBrüdern. Jetzt wird wieder über das diskutiert, was das Oberhaupt der katholischen Kirche vor allem sein kann: Eine weltweite Autorität in moralischen Fragen.
Katja Auer
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