
Berhard Rude kommentiert
Absturz und Aufbruch
Die Analyse klingt ernüchternd: „Wir stehen am Ende der Selbstlüge, dass ein Wirtschaftssystem sich unendlich über Schulden weiterentwickeln kann.“ So fasst Henry Kissinger im Magazin „Cicero“ die derzeitige Situation zusammen und fährt fort: „Jedes Wirtschaftssystem, vor allem aber die Marktwirtschaft produziert Gewinner und Verlierer. Wenn der Abstand zwischen beiden zu groß wird, dann organisieren sich die Verlierer politisch und versuchen, das bestehende System zu ändern – innerhalb von Staaten und auch zwischen ihnen.“
Aber nicht nur die Finanzwelt versucht festen Boden unter den Füßen zu gewinnen, auch die Medienwelt ist derzeit orientierungslos. Zeitungen und Zeitschriften suchen den richtigen Kurs in einer Welt, in der die nächste Generation, die früher ganz selbstverständlich zu den künftigen Lesern zählte, sich nunmehr im Internet tummelt - fernab von Vereinsberichten in den Lokalteilen, weit entfernt vom Schlagabtausch, den sich Politiker in Zeitungen und im Rundfunk tagein tagaus liefern.
Wenn das Finanzwesen den Lebensnerv der Wirtschaft bilde, dann seien die Zeitungen aber auch die Nervenstränge der Demokratie, kommentierte neulich der Kölner Stadt-Anzeiger. Zurückgehende Auflagen- und Anzeigenerlöse zwingen Verlage dennoch zum Sparen. Wie bei der Finanzkrise hat es sicherlich auch im Medienbereich Warnsignale gegeben und doch wirken die Meldungen der zurückliegenden Wochen hier ebenfalls kurzatmig: Rigorose Sparprogramme nicht nur bei Flagschiffen wie bei der WAZ und der Süddeutschen Zeitung, sondern auch Zusammenlegungen von Redaktionen wie bei Financial Times Deutschland und bei Capital. Verlierer sind jene, deren Verdienste und Erfahrungen plötzlich nichts mehr zählen, aber auch die Jüngeren, für die die Medienwelt derzeit wenig sichere, zumindest auf absehbare Zeit Berufsperspektiven bietet. Finanzkrise und crossmediales Arbeiten scheinen hier leider Zauberworte zu sein, die auf dem Arbeitsmarkt fast alles möglich machen.
Langfristig überzeugende Konzepte, die aus der Krise herausführen, sind also in der Finanz- wie in der Medienwelt zu Beginn eines Jahres gefragt, in dem mehrfach vom Umsturz vor 20 Jahren die Rede sein wird. Auch die GKP wird sich bei der Jahrestagung 2009 im Frühjahr in Freising mit der Wende 1989/90 beschäftigen: Runde Tische in Warschau, tanzende Menschen auf der Berliner Mauer, die Jahrzehnte lang West und Ost trennte, samtene Revolution in Prag. Bilder und Nachrichten waren das, die Unterwartetes, Unverhofftes zeigten. Es waren jedoch neue Kräfte, neue Chancen und neue Wege zur Demokratie. Es war ein Aufbruch, der in diesen Ländern noch bis heute spürbar ist. Zu Beginn des Jahres 1989 war vom Aufbruch längst noch nicht die Rede, eher vom Stillstand, eher von Ernüchterung. Bleibt für 2009 zu hoffen, dass im Zusammenhang mit diesem Jahr später eher vom Aufbruch als Absturz geredet wird – in der Finanzwelt, den Medien und der Politik.
Bernhard RudeDruckversion



