
Christian Frevel kommentiert
Kommunikationsdesaster im Vatikan
Vor drei Monaten hatte eine Gruppe der GKP den Vatikan besucht und dabei auch mit verschiedenen Kardinälen gesprochen. Sie hatte den Eindruck gewonnen, dass der Vatikan funktioniert - doch die Ereignisse um die Aufhebung der Exkommunikation für vier Bischöfe der „Priesterbruderschaft St. Pius“ werfen Schatten auf den Vatikan, und vor allem auf die Kommunikationsstrukturen des Zentrums der katholischen Kirche.
Die mediale Berichterstattung über den Vorgang lief wie auch sonst in diesen Fällen: Zuerst war viel Undifferenziertes zu lesen (dass die Leugnung des Holocausts nicht zur Exkommunikation führt, war zum Beispiel nirgends zu lesen), erst später kamen Fachleute zu Wort, während politische Töne bis hin zum Ruf nach Rücktritt des Papstes überwogen. Katholische Journalisten schwankten zwischen geistiger Solidarität mit der Kirche und dem Druck, die Ereignisse in einem politischen Kontext beschreiben zu müssen. Nicht nur in Deutschland ging es eben nicht nur um die Kirche und eine brüderliche Geste der Versöhnung, sondern um die Frage, wie die Kirche mit Leugnern der Shoah umgeht. Bemerkenswert sachlich und differenziert haben katholische Nachwuchsjournalisten im „E-Circle“ der katholischen Journalistenschule ifp darüber diskutiert.
Einem Desaster kam die Kommunikationspolitik des Vatikan nach außen gleich. Mehrfach hätte Papst Benedikt Gelegenheit gehabt, öffentlich den Bischof aufzurufen, seine Leugnung des Holcausts zu widerrufen. Das geschah nicht, statt dessen wurde nach der Mittwochsaudienz eine Erklärung veröffentlicht, die zwar eindeutig gegenüber Williamson ist, aber gleichzeitig auch ein Eingeständnis des Kommunikationsgaus im Vatikan darstellt: Der Papst habe nichts gewusst, steht da zu lesen.
Zumindest in Deutschland ist es ein „größter anzunehmender Unfall“, wenn ein aus Deutschland stammender Papst in Verdacht gerät, Holocaust-Leugner nicht maßregeln zu wollen (obwohl er selbst zu diesem Thema stets eindeutig Stellung bezogen hatte, aber das war in diesem Fall nicht das Entscheidende). Es ist ein Gau, wenn Deutschlands Kanzlerin breite Zustimmung erhält, wenn sie den Papst maßregelt – das hatte nicht einmal Bismarck zu Zeiten des Kulturkampfs gewagt. Fast leid tun muss es einem für Padre Lombardi, den Pressesprecher des Vatikan, der fast hilflos bekennen musste, da sei etwas nach dem falschen Drehbuch gelaufen. Bei den Entscheidungen, die gefällt wurden, hat man offensichtlich die Kommunikationsexperten nicht gehört.
Es ist schon ganz außergewöhnlich, dass Kardinäle Mitbrüdern im Kardinalsamt Versagen vorwerfen – so muss man Kardinal Lehmanns Äußerungen über den kolumbianischen Mitbruder Castrillon Hoyos werten. In diesen Tagen hat der Vatikan, hat die Kirche, hat der Papst persönlich viel verloren: Sicherheit, Ansehen, Vertrauen, Glaubwürdigkeit.
Christian Frevel
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