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home > Kommentiert > April 2010


Katja Auer kommentiert


Nicht mit dem Finger auf andere zeigen

Nein, es ist wirklich kein schönes Thema. Und ganz bestimmt macht es den meisten Journalisten auch keinen Spaß, darüber zu berichten. Der Missbrauchsskandal, der gerade die katholische Kirche erschüttert und nicht nur sie, sondern die ganze Gesellschaft, weil er längst nicht nur kirchliche Institutionen betrifft, er beherrscht zurzeit die Medien. Das ist richtig so, denn auch wenn es schockierend ist, was da an immer neuen Fällen zum Vorschein kommt, jetzt muss die Aufklärung an erster Stelle stehen. Und dazu gehört die öffentliche Auseinandersetzung. Die Medien spielen dabei eine wichtige Rolle: Viele Opfer trauten sich erst, von ihren Qualen zu berichten, als sie merkten, dass sie nicht die einzigen waren. Viele wandten sich an Journalisten, weil ihnen lange niemand zuhören wollte und sie jetzt endlich eine breite Aufmerksamkeit für ihre Ge-schichte bekamen. Und ohne den Druck, der durch Öffentlichkeit zweifellos entsteht, wäre die Aufklärung möglicherweise längst noch nicht so weit vorangeschritten. Deswegen ist es völlig unangebracht, wenn ein Bischof in dieser Situation Me-dienschelte betreibt. Der Regensburger Hirte Gerhard Ludwig Müller hat das getan, als er kürzlich eine „Kampagne gegen die Kirche“ beklagte. Sogar eine Parallele zur NS-Zeit zog der Bischof. So wie die Katholiken damals der Kirche treu gewesen seien, „so wollen wir auch heute in dieser bedrängten Situation als Kirche zusammenstehen“, predigte er.

Da hat Bischof Müller ganz offenbar etwas falsch verstanden: Nicht die Kirche ist das Opfer. Und nicht die Medien sind die Täter. Sicherlich werden die Missbrauchsfälle in manchen Medien nicht so sachlich aufgearbeitet, wie das wünschenswert wäre. Es gibt auch Kommentatoren, die die Vorfälle zum Anlass nehmen, grundsätzlich die katholische Kirche und ihre Sexualmoral zu kritisieren. Aber das muss die Kirche aushalten.

Auf der anderen Seite darf natürlich in der ganzen Debatte nicht vergessen werden, dass Missbrauch in den allermeisten Fällen innerhalb der Familie passiert und in der Kirche wahrscheinlich nicht überproportional viele Pädophile zu finden sind – auch wenn es die geballte Zahl der Fälle derzeit danach aussehen lässt.

Es gibt keinen Anlass, sich darüber zu freuen, wie das Bild der Kirche derzeit in der Öffentlichkeit erscheint. Und es ist natürlich die Aufgabe all derer, die in der Kirche Verantwortung tragen, dieses Bild wieder zu verbessern. Aber ganz sicher der falsche Weg ist es, mit dem Finger auf andere zu zeigen, um von den eigenen Schwierigkeiten abzulenken. „Wir sollen unser eigenes Haus in Ordnung bringen“, sagte Kurienkardinal Walter Kasper als Reaktion auf Müllers Einlassung und ZdK-Präsident Alois Glück äußerte sich ähnlich. Glaubwürdig muss die Kirche bleiben in ihrem Bemühen, die Missbrauchsfälle aufzuarbeiten. Das Gleiche gilt für die Medien. Wenn sich alle den gegenseitigen Respekt und vor allem den Respekt vor den Opfern zur Maxime machen, sollte ein vernünftiges Auskommen doch möglich sein.

Katja Auer



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