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schluss von Publizisten, die versuchen, aus christlicher Verantwortung auch im Beruf ihren Dienst für Gesellschaft und Kirche zu leisten. Mehr dazu
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Kommentare im Jahr 2006

Januar

Vom Frieden - verlassen?

Frisch und jung ist das neue Jahr. Es beginnt mit dem Weltfriedenstag. „In der Wahrheit liegt der Friede“, sagte Papst Benedikt XVI. in seiner ersten Botschaft zum Weltfriedenstag, wie in einer Veröffentlichung der Deutschen Bischofskonferenz zitiert. Wer sich von der Wahrheit leiten lasse, schlage „fast selbstverständlich den Weg des Friedens ein“. Friede müsse als eine von Gott gestiftete Ordnung von den Menschen verwirklicht werden. Alle seien dazu aufgerufen, „fruchtbare und aufrichtige Beziehungen zu pflegen (...), die Wege der Verzeihung und der Versöhnung zu suchen und zu gehen sowie ehrlich zu sein in den Verhandlungen und treu zum einmal gegebenen Wort zu stehen.“ Dann erscheine der Friede in neuer Weise „als Zusammenleben der einzelnen Menschen in einer von der Gerechtigkeit geregelten Gesellschaft“. Das hört sich gut an und macht Mut.

Leider war das alte Jahr nicht wirklich von Frieden erfüllt. Die Zahl der Opfer durch Terroranschläge im Jahr 2005 war wieder enorm. Täglich berichteten die Nachrichten von Anschlägen im Irak, fast jeden zweiten Tag von Attentaten in Israel oder Palästina. London wurde Ort des Terrors, und durch die Entführung der deutschen Susanne Osthoff blieb auch unser Land nicht länger verschont. Wirklich erschreckend daran ist, dass wir anbetracht solcher Nachrichten nicht mehr erschrecken. Was kann uns noch „schocken“? Vielleicht dass noch eine Woche vor Weihnachten in den USA Tookie Williams hingerichtet wurde. Oder dass CIA Menschen verschleppt, foltert und sich dabei auch mal an den Falschen vergreift? Ein Aufschrei in den Medien gab und gibt es wohl, von den Menschen in unserem Land vermisse ich ihn bislang. Kein Erstaunen mehr über Unmenschlichkeit. Wir sind satt an schlechten Nachrichten.

Papst Benedikt XVI. sagt zum Terror, dass er zum einen vom Nihilismus - der Leugnung der Existenz jeglicher Wahrheit - und zum andern vom Fundamentalismus - dem Anspruch, Wahrheit mit Gewalt aufzwingen zu können - inspiriert werde. Krieg und Terror stimmten in einer gefährlichen Verachtung des Menschen und seines Lebens überein. Wenn Autoritäten in ihren Bürgern feindselige Gefühle gegenüber anderen Nationen schürten, setzten sie das sensible, in mühsamen Verhandlungen errungene Gleichgewicht aufs Spiel und trügen dazu bei, die Zukunft der Menschheit noch unsicherer zu machen. Und das gilt, so verstehe ich es zumindest, für alle Regierungen und ihre Handlanger - auch für Geheimdienste.

Es war und ist die größte Ungerechtigkeit, im Namen der Gerechtigkeit Unrecht zu tun. Ob Krieg oder Terror, es liegen weder Wahrheit noch Gerechtigkeit in ihnen.

Die klare Stellungnahme aus dem Vatikan zu dem Unfrieden in der Welt und die Aufforderung zu Abrüstung und die dann freigesetzten Gelder für die Entwicklungspolitik einzusetzen, ist nur zu begrüßen. Doch bedarf es für eine gelingende Entwicklungshilfe vor allem des Friedens. Bürgerkriege und diktatorische Regierungen verursachen das meiste Leid in der Welt. Entwicklungshilfe will deshalb auch immer mit Friedenspolitik gepaart sein.

Wünschen wir uns also ein friedliches Jahr und dass der Mensch sein Talent, Frieden zu verursachen, nutzt.

Beate Schneiderwind






Februar

Vergessliche Demokraten

Fusionswellen laufen in Zyklen ab, und derzeit ist offen- bar so ein Zeitpunkt. In elektronischen Medien und im Printmarkt ist wieder die Zeit der Aufkäufe, von Springer über Holtzbrink bis zur Kirchenpresse. Die Not oder zu- mindest die schwindenden Margen drängen die Verlage dazu: Die kleineren müssen verkaufen, weil sie Investi- tionen bei sinkenden Einnahmen nicht mehr stemmen kön- nen, die Großen versuchen sich breiter aufzustellen, um unabhängiger von den Launen der Marketingabteilung in den Konzernen zu werden. Denn dort wird das Geld ver- teilt, das alle Medien längst für ihr tägliches Arbeiten brau- chen - das Werbegeld.

Solche Zeiten gab es vor zwei Dutzend Jahren schon ein- mal, als man vom .Zeitungssterben. sprach. Aus heutiger Sicht erscheint das übertrieben, und so mag eine kaum interessierte Öffentlichkeit auch jetzt wieder glauben: Am Ende wird schon noch genug Wettbewerb übrig bleiben, um uns nicht der Deutungshoheit von zwei, drei Medien- konzernen auszuliefern. Doch Marktmacht ist auch Meinungsmacht, und ein kurzer Blick über die Alpen lehrt uns, wie selbst halbwegs gestandene Demokratien mit der Pressefreiheit so fahrlässig umgehen, dass sie erodiert. Was unterscheidet die Herren Berlusconi und Putin in diesem Punkt eigentlich noch?

Wenn wir als bekennende Christen und Journalisten zu solchen Entwicklungen Stellung nehmen, dürfen wir uns glücklicherweise inzwischen des lehramtlichen Beistan- des sicher sein. Die Teilnehmer der GKP-Rom-Reise ha- ben das aus dem Munde von Papstsprecher Navarro-Valls und Erzbischof Foley hören dürfen. Das war nicht im- mer Meinung des Vatikans, und so, wie das kirchliche Lehramt dazugelernt hat, scheinen ausgerechnet die welt- lichen Demokraten jetzt vergesslich zu werden. Der Vati- kan hatte im 19. Jahrhundert sehr präzise erkannt: Mit der Pressefreiheit fängt die Demokratie erst an. Wer diese ablehnte, musste jene bekämpfen. Pressefreiheit stand in den Augen des Papstes damals für Individualismus, Libe- ralismus und letztlich den sittlichen Niedergang. Umge- kehrt erkennen wir heute: Wo immer auf der Welt es um die Demokratie schlecht bestellt ist, braucht man nach der Pressefreiheit gar nicht erst zu fragen. Medienmacht darf sich also nicht soweit ballen, dass die Trendsetter des Boulevards diktieren, worüber in dieser Republik gesprochen wird. Michael Jürgs, ehemaliger Chefredakteur des Stern, erklärte kürzlich in entwaffnen- der Offenheit: Natürlich gebe es Kampagnen im Journa- lismus, er habe ja selbst welche inszeniert. Nur war das eine Kampagne eines Mediums, die andere wiederum kri- tisch aufgreifen konnten.

Aber Gnade uns Gott, wenn es nur noch ein paar ver- sprengte Intellektuelle sind, die sich dem Meinungsdiktat widersetzen. Aus den Statuten der GKP geht klar hervor: Wenn es soweit käme, gehörten wir zu dieser Minderheit.

Stefan Kläsener







März

Mit Kuschelkurs und Profil

Welches Profil hat die Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands? Eine Frage, die mich in meinem Rechenschaftsbericht beschäftigt und die auch in der Aussprache eine Rolle gespielt hat. Hätten wir uns zum Karikaturenstreit äußern müssen? Müssen wir den Medienkodex, den das Netzwerk Recherche vorgestellt hat, kommentieren? Und soll sich die GKP zu den Vorgängen im Bistum Regensburg äußern? Drei Beispiele mit unterschiedlichen Akzenten: Während die Veröffentlichung der Karikaturen politische und gewalttätige Folgen hat und somit hohe öffentliche Aufmerksamkeit erregt, ist der Medienkodex längst nicht von allen Journalisten, geschweige denn von der Öffentlichkeit wahrgenommen und diskutiert worden. Und über die Streichung des Bistumsanteils für den ZdK-Haushalt durch den Regensburger Bischof ist in den Medien berichtet worden, hat aber mehr mit dem kirchenpolitischen Kurs des Bischofs als mit Medienfragen zu tun. Trotzdem wären alle drei Themen eine Stellungnahme der GKP wert.

Der Vorstand hat durchaus selbstkritisch festgestellt, dass wir offensiver mit unserer Meinung an die Öffentlichkeit gehen sollten. Die Behandlung dieser Themen in den „Informationen“ geht zwar in den Verband hinein, wird aber außerhalb nicht wahrgenommen. Sollen wir im Sinne von „me too“ unseren Senf auch verzögert dazu geben, weil wir aufgrund von Abstimmungsproblemen selten kurzfristig reagieren können?

Die Kommunikationsstruktur im Vorstand ist zwar dank email sehr gut, aber wir alle sind ja auch in unseren beruflichen Strukturen eingespannt und oft nicht erreichbar. Und gibt es eine „Verbandsmeinung“ zu bestimmten Fragen, mit der die Mitglieder sich auch identifizieren können, oder würden wir dadurch eher ausgrenzen und polarisieren?

Man wird sicher in jedem Einzelfall entscheiden müssen. Wir wollen, dass unsere Mitglieder sich mit der GKP und ihren Aussagen identifizieren können, dass sie sich im Verband wohlfühlen. Aber ein solcher „Kuschelkurs“ im Umgang miteinander und im gemeinsamen „networking“ darf nicht dazu führen, dass wir unpolitisch werden, wie ein Mitglied in der Diskussion forderte. Ich kann ihm nur Recht geben. Die GKP braucht eine Stimme in der Öffentlichkeit, die Gewicht hat, weil sie nicht inflationär ist, sondern begründet in der sachlichen Argumentation. Die Qualität der Medienarbeit, in den Redaktionen und in der Kirche, die Erhaltung der Pressefreiheit und die Forderung nach guter Aus- und Fortbildung, Arbeitsbedingungen und Ethik im Journalismus sind Themen, bei denen wir in Zukunft unser Profil schärfen sollten.

Michaela Pilters






April

Unbegründete Vorwürfe

Dass ich meinen Kommentar an einem Fußballthema „aufhänge“, hat weniger mit der jüngsten GKP-Jahrestagung zum Thema „Kult und Kultur im Sport“ zu tun; denn Kultur bewies im folgenden Vorgang kaum jemand. Zur Sache: Am 16. März berichtete die „tz“, dass Fußball-Nationalspieler Bastian Schweinsteiger (21 Jahre alt), Spieler beim FC Bayern München, und zwei weitere Fußballer des Zweitligisten München 1860 von der Staatsanwaltschaft München als „Beschuldigte“ bei Ermittlungen im Wettskandal geführt würden. Die drei sollten hohe Wetteinsätze auf möglicherweise manipulierte Fußballspiele gesetzt haben und auch bereits von der Polizei verhört worden sein. Bastian Schweinsteiger ist nicht Irgendjemand. Er ist bei der Fußball-WM im deutschen Team gesetzt, gilt als Vorbild der Jugend und eine der Hoffnungen des deutschen Fußballs. Und er hat als Kaderspieler des FC Bayern München einen mächtigen Verein im Rücken. Der holte verbal und rechtlich kräftig aus und stellte sich schützend vor den jungen Mann aus Bayern.

Die „tz“ dementierte und entschuldigte sich offiziell zu „Fehlern in der Berichterstattung“. „tz“-Chefredakteur Karl Schermann erklärte, dass sich die Informationen „aus guten und verlässlichen Quellen“ gespeist hätten. Nur: Die Fußballer waren nie von der Polizei verhört worden, es gab kein Verfahren, und die Staatsanwaltschaft München, die auf Grund der Schlagzeilen tätig wurde, erklärte 14 Tage später, es gebe keinen Grund zu Vorwürfen gegen die genannten Spieler. Die Untersuchungen wurden eingestellt.

Übergang zur Tagesordnung, Übergang zum normalen Spielbetrieb? Vielleicht für den Zirkus Fußball-Bundesliga. Aber nicht für Journalisten, die sich die Qualität zur Maxime gemacht haben. § 9 des Kodex des deutschen Presserates führt aus: „Es widerspricht journalistischem A nstand, unbegründete Behauptungen und Beschuldigungen, insbesondere ehrverletzender Natur, zu veröff e n tlichen.“ 2005, so die Statistik des Presserates, gab es 50 Eingaben an das Gremium, die sich auf § 9 bezogen.

50 Fälle, und kaum einer der in der Presse unbegründet Beschuldigten hatte einen Verein wie den FC Bayern im Rücken. Es ist halt nicht nur die „tz“, die nach Auflage schaut und die Qualität in der Recherche vergisst – „verlässliche Quellen“ gibt es im illegalen Spielgewerbe nicht.

Noch ein Blick zurück: 1971 wetterte Heinrich Böll gegen die „Bild-Zeitung“. Diese hatte ohne Beweise einen Banküberfall der „Baader-Meinhof-Bande“ angelastet. Böll wurde von „Bild“ mit Goebbels verglichen. Seine Erfahrungen verarbeitete er im Roman „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“. Sollte sich seitdem im Journalismus in Sachen Vorverurteilung, übler Nachrede und Ehrverletzung nichts getan haben? Es bleibt eine Anfrage an unsere Qualitätsdebatte.

Christian Frevel






Mai

Lauter Jubel für den leisen Stil

Als aus Joseph Kardinal Ratzinger vor gut einem Jahr Papst Benedikt XVI. wurde, war der Jubel groß. „Wir sind Papst“ titelte die Bild-Zeitung und die Schlagzeile ist immer noch Programm. Vergessen scheinen die Zeiten, als Ratzinger – gerade in Deutschland – als strenger Glaubenswächter gefürchtet und für seine konservativen Positionen kritisiert wurde. Auf einmal ist Kirche wieder „in“ und vor allem Bayern feiert seitdem ein immerwährendes katholisches Volksfest. Kaum eine Stadt, die dem Pontifex noch nicht die Ehrenbürgerwürde angetragen hat, kaum ein Landstrich, der nicht einen Benedikt-Rad- oder Wanderweg, irgendeinen Zusammenhang mit dem Leben des ehemaligen Münchner Erzbischofs oder zumindest eine Papst-Delikatesse vorzuweisen hat. Spitzenreiter im großen Papst-Poker um die meisten Besucher ist natürlich Marktl am Inn, der Geburtsort des Kirchenoberhaupts, „Media-Marktl“, das sich nach Vorwürfen von kirchlicher Seite die „Vermarktelung“ des Papstes radikal zurückgefahren hat.

Man kann über die Auswüchse des Papstfiebers schmunzeln oder über die Profitgier manches Geschäftsmannes den Kopf schütteln, trotzdem zeugen all die Aktivitäten auch von der Popularität von Papst Benedikt XVI. Und das liegt nur zum Teil an seiner Herkunft. Im ersten Jahr seines Pontifikats hat es der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation geschafft, Menschen in aller Welt zu begeistern und so manchen Kritiker zu verblüffen. Dabei verfügt der Bayer nicht über das Charisma von Johannes Paul II. noch über dessen Begabung, Medien wirksam für sich einzusetzen. Viele zweifelten noch vor einem Jahr an der Fähigkeit Benedikts XVI., die Massen derart mitzureißen, vor allem nach der Euphorie, die sein Vorgänger zuletzt ausgelöst hatte. Spätestens der Weltjugendtag in Köln belehrte jedoch alle eines Besseren. Benedikt XVI. hat mit seiner zurückhaltenden, fast schüchternen Art die Zuneigung der Menschen gewonnen. Und er hat die Medien auf seiner Seite. Nirgends ist mehr die Rede vom „Panzerkardinal“ oder gar von „Gottes Rottweiler“ . Der Papst ist präsent in den deutschen Medien, und die Resonanz ist überwiegend positiv. Sein bescheidenes Auftreten kommt gut an, die Medien zeichnen das Bild des gütigen Hirten. Wichtige Ereignisse wie der Besuch der Synagoge in Köln werden geradezu begeistert gesendet und geschrieben. Die erste Enzyklika wurde von manchen Kollegen wie ein Bestseller gefeiert. Am leisen Stil des Papstes stört sich niemand, im Gegenteil, gerade das kommt an. Ein Medienpapst wie Johannes Paul wird Benedikt sicher nicht werden. Aber doch einer, der sich zumindest mit den Medien angefreundet hat. Und umgekehrt.

Katja Auer





Juni

Sinus-Milieus – die unbekannte Chance?

Für einige sind sie das neue Zauberwort einer gesicherten Zukunft, für andere erscheinen sie wie ein soziologisches Gespenst: die „Sinus-Milieus“. Immerhin hat das sozialwissenschaftliche Institut Sinus Sociovision 25 Jahre Arbeit investiert, um Lebensweltanalysen innerhalb der Gesellschaft vorzunehmen. Dem Ergebnis kann man sich nicht verschließen, auch nicht im religiösen Bereich. Die seit einigen Monaten vorliegende Milieustudie „Religiöse und kirchliche Orientierungen in den Sinus-Milieus“, ein von der Medien- Dienstleistung GmbH und der Katholischen Sozialethischen Arbeitsstelle gesteuertes Projekt, rüttelt auf. Von Werteorientierungen über Alltagseinstellung bis hin zum Medienverhalten sind Lebenswelten analysiert worden, die einen wichtigen Nährboden für künftiges kirchliches Handeln bergen.

Die Studie will „mehr Informationen und bessere Entscheidungshilfen als herkömmliche Zielgruppenansätze“ bieten. Ein großes Ziel, das aber – schaut man auf innerkirchliche Strukturen, das Image und das unermüdliche Wirken in Seelsorge und Verwaltung – zum richtigen Zeitpunkt kommt, um die Arbeit zu reflektieren. Die Studie selbst formuliert: „Will die katholische Kirche eine Volkskirche im besten Sinne sein, muss sie die Menschen, ihre Wertprioritäten, Einstellungen und Befindlichkeiten verstehen, um sie kommunikativ zu erreichen.“ Es macht eben keinen Sinn mehr, die Augen zum Himmel zu heben und ein solches Ergebnis zu ignorieren. Im Klartext: Die Studie ist eine Chance, wenn sie unverblümt darlegt: „Dramatisch ist der Befund, dass man Kirche in der Gesellschaft jenseits der loyalen Kirchgänger und Klischees schlichtweg nicht wahrnimmt.“

Viele Teilbereiche sind von der Studie betroffen. Da hilft weder Aufregung noch Aktivismus, sondern das nüchterne Überlegen, wie das Ziel künftig erreicht werden kann: Kirche, Werte und Sinn kommunikativ an die Menschen/Milieus zu bringen. Diesem Prozess können sich auch Medien, vor allem die kirchlichen Medien, nicht entziehen. Mehr noch: Dieser Prozess geht auch katholische Journalistinnen und Journalisten etwas an, denen die Kirche am Herzen liegt. Jeder Journalist wird sich in einem der zehn Milieus wiederfinden, jeder katholische Journalist wird sich die Frage stellen, welchen Beitrag er zum kommunikativen Handeln der Kirche leisten kann, um Kirche und Glaube in die Gesellschaft zu transportieren.

So ernüchternd vielleicht viele Ergebnisse in der Studie sind und zu einem neuen Handeln, möglicherweise auch zu einer neuen Sicht kirchlicher Medienarbeit führen, so sehr muss man sich im klaren sein: Die Sinus- Studie macht keine Angst, sie kommt im rechten Moment, um die Weichen in jene Richtung zu stellen, wo die Kirche eine Verpflichtung hat, möglichst allen Menschen eine Botschaft zu vermitteln und sich nicht auf ein oder zwei Milieus zurückzuziehen. Hier sind also kirchliche Medien gefordert, hier sind katholische Journalistinnen und Journalisten gefordert, hier muss ein Dachverband der katholischen Publizisten mitwirken, weil seine Mitglieder als Multiplikatoren eine hohe Verantwortung für das Erreichen der Sinus-Milieus tragen. Vielleicht wird mit der Sinus-Studie ein Konsultationsprozess angeschoben, bei dem Bischofskonferenz, der Sachbereich Publizistische Grundsatzfragen des ZdK und die GKP einmal mehr in einem Boot gemeinsam zum Wohl für Kirche und Glaube handeln.

Matthias Kopp


Juli/August

Ethische Massstäbe

Die GKP ist Mitglied in der Initiative Qualität im Journalismus ( IQ ). Gemäß Definition handelt es sich bei IQ um einen Zusammenschluss von Berufsverbänden der Journalisten und Verleger, Medienaufsicht, Selbstkontrolle, Wissenschaft und Weiterbildungseinrichtungen, die sich für Erhalt und Förderung von Qualität in den Medien einsetzen. Bis Anfang Juni hat auch das Netzwerk Recherche (nr) zu dieser Initiative gehört. Der Vorsitzende des Netzwerks, Dr.Thomas Leif, teilte dann per Email den übrigen Mitgliedern der Initiative Qualität den Austritt mit: „ Dies hat der Vorstand von nr einstimmig beschlossen. Der Grund für diesen Entschluss ist die diffamierende und ehrverletzende Berichterstattung des DJV in der Zeitschrift ,der journalist’ über Netzwerk Recherche.“ Schweres Geschütz also und massive Reaktion auf einen kritischen Artikel eines Journalistenkollegen im ,Journalist’ vom April 2006 . Der Autor, Florian Ditges, arbeitet gemäß Artikelnachspann als freier Journalist und ist – pardon – war Mitglied des Netzwerk Recherche, denn inzwischen hat ihn das Netzwerk ausgeschlossen. Begründung: Der Kollege habe seine Tätigkeit im Aufnahmeantrag anders beschrieben als auf seiner Website. Er betreibe sehr wohl PR. Und für so etwas schafft der am 22.Februar 2006 veröffentlichte nr Medienkodex unter Punkt 5 Klarheit: „Journalisten machen keine PR.“ Gerade diese Regel in ihrer radikalen Formulierung bewertete der Autor als mit den Mitgliedern nach langer, kontroverser Diskussion nicht endgültig abgestimmt, vielmehr als „weiteren Nachweis der ideologischen und in weiten Teilen selbstgerechten Medienpolitik eines ,Qualitätszirkels’ um den nr-Vorsitzenden Thomas Leif“. Dass die Diskrepanz zwischen Aufnahmeantragsangaben und Website gerade jetzt nach dem kritischen Artikel festgestellt wurde, ist sicher Zufall. Aber ausreichend ist dieser Bestrafungsakt offenbar nicht. Zwar hält das Impressum des „Journalist“ fest, dass Veröffentlichungen, die nicht ausdrücklich als Stellungnahme des DJV-Vorstandes gekennzeichnet sind, die persönliche Meinung des Verfassers darstellen; das ficht aber das Netzwerk Recherche nicht an, von einer diffamierenden Berichterstattung des DJV zu schreiben. Der DJV wiederum ist die federführende Organisation der Initiative Qualität laut Kündigungsschreiben des Netzwerk Recherche. Also: Wie soll unter diesen Umständen ein solcher Zusammenschluss noch journalistische Qualität glaubwürdig öffentlich fordern und fördern können, meint das Netzwerk Recherche. Die durchaus spannende Frage: Wie hätte wohl eine dem Netzwerk Recherche angemessen erscheinende Reaktion der Initiative Qualität aussehen müssen? Angesichts der hohen ethischen Maßstäbe, die das Netzwerk Recherche an die Arbeit von Journalisten anlegt, verwundert der undifferenzierte Rundumschlag als Reaktion auf einen kritischen Artikel schon.

Es stimmt traurig, wenn unter den Nutzern des Wortes, am grünen Holz also, eine kontroverse, aber sachliche Auseinandersetzung nicht mehr möglich ist. Punkt 5 des nr-Medienkodex hat es nämlich wirklich in sich. Was so moralisch unangreifbar daherkommt, verkennt die Notwendigkeit der Praxis. Welcher freiberufliche Journalist kann es sich schon leisten, nicht auch bezahlte PR Arbeiten abzuliefern? Er muss allerdings die Gabe der Unterscheidung haben und wissen, was er gerade tut. Soll man allen Kollegen, die in Presseabteilungen von Unternehmen und Organisationen tätig sind, die Berufsbezeichnung Journalist verweigern und ihre Presseausweise einziehen? Was betreibt z.B. der festangestellte Redakteur einer öffentlich-rechtlichen Anstalt anderes als PR, Image-Pflege, wenn er einen wichtigen Beitrag mit Blick auf die Quote nicht für sein Programm machen lässt?

Die GKP ist sich der Brisanz dieses Themas bewusst. Der Vorstand hat daher, und zwar schon vor dieser Kontroverse, für unser Kolloquium im Herbst das Thema gewählt: Schreibst du noch oder wirbst du schon? Wir hoffen, dass der Vorstand des Netzwerk Recherche an Pult und Podium vertreten sein wird – angefragt haben wir schon vor einiger Zeit. Es wäre auch schön, wenn das Netzwerk Recherche den Austritt aus der Initiative Qualität überdenkt. Die sehr moderate Reaktion der Initiative hat jedenfalls die Tür offen gelassen. Der Austritt des Netzwerk Recherche schwächt das hoffentlich immer noch gemeinsame Anliegen.

Georg Stingl


September

Berufsethik hoch im Kurs

Die Medienwelt ist im Wandel, rasante Entwicklungen in der Technik fordern ihren Preis. So bemühen sich Experten seit Jahren immer wieder um eine Neubestimmung des journalistischen Profils. „Die Souffleure der Mediengesellschaft. Report über die Journalisten in Deutschland“ heißt eine groß angelegte Studie, die in diesem Monat als Buch erscheint. Durchgeführt wurde sie von Siegfried Weischenberg, Professor für Journalistik und Direktor des Instituts für Journalistik und Kommunikationswissenschaften der Universität Hamburg. Wesentliche Erkenntnisse der Studie hat Weischenberg zusammen mit den Mitarbeitern Maja Malik und A rmin Scholl vorab in der Zeitschrift Media Perspektiven veröffentlicht. Für die repräsentative Bestandsaufnahme wurden 1536 fest angestellte und freie Journalisten befragt. Anfang der 90er Jahre hatte Weischenberg schon einmal eine solche Erhebung durchgeführt. Die neue Studie erlaubt, da sie methodisch als Replikation angelegt ist, den direkten Vergleich.

So manch ein Ergebnis überrascht kaum. Dass Journalisten heute weniger Zeit auf Recherche verwenden, legen Stellenabbau und Arbeitsverdichtung nahe. Nun gibt es dazu aktuelle Zahlen. Im Durchschnitt werden 117 Minuten täglich für Recherche verwendet. Anfang der 90er waren es noch 140 Minuten. Es muss schneller und preiswerter produziert werden denn je. Der Preis dafür ist Qualitätsverlust – vorausgesetzt, man verbindet Recherche mit Qualität. Wenig verblüffen dürfte auch, dass der Anteil von technischer und organisatorischer Arbeit gestiegen ist. Im Schnitt muss sich der Journalist mit solchen Dingen 162 Minuten pro Tag herumschlagen.

Bei allem Gejammere über den Qualitätsverlust im Journalismus - die Studie deckt auch Trends auf, die optimistisch stimmen. So möchten fast 90 Prozent der Journalisten „möglichst neutral“ informieren. Und als geradezu auffallend wird die Wertestabilität der Zunft bezeichnet. So sollten die Befragten Recherchemethoden bewerten, die als moralisch umstritten gelten. Wie zum Beispiel der Umgang mit vertraulichen Informationen oder mit versteckten Kameras und Mikrophonen. Das Ergebnis laut Studie: Journalisten reagieren heute „in ihrer deutlichen Mehrheit auf problematische Vorgehensweisen eher noch zurückhaltender“. Wenn die Sensibilität für werteorientiertes Arbeiten im Journalismus gestiegen ist, kann uns das nur freuen. Dann liegt die GKP ganz im Trend.

Laut Studie arbeiten in Deutschland 48 000 Männer und Frauen hauptberuflich als „Souffleure“ der Mediengesellschaft. Als eigentliche „Flüsterer“ hat Weischenberg die Großjournalisten aus Presse und Fernsehen ausgemacht. Die Macher einiger Leitmedien bestimmen mehr denn je die journalistischen Inhalte. So neu ist diese Erkenntnis zwar auch wieder nicht, aber es ist gut, dass mal wieder daran erinnert wird. Die GKP bleibt thematisch am Ball – wie unser Symposion in Bonn im kommenden Oktober zeigen wird.

Carola Hoßfeld


November

50 Jahre Deutscher Presserat

Zu Unrecht ist der Deutsche Presserat für manche immer noch ein „zahnloser Tiger“, denn er hat längst jene Lähmung von Anfang der achtziger Jahre überwunden. Damals stellten nicht abgedruckte Rügen für Beschwerdefälle um den Publizisten Günter Wallraff das Selbstkontrollorgan der Printmedien vor eine Zerreißprobe. Dabei war diese Beschwerdearbeit immer nur ein Teil der Arbeit. Gegründet 1956 von Zeitungsverlegern und Journalisten als Reaktion auf die von Konrad Adenauer geplante Einführung eines Bundespressegesetzes, war er stets auch ein aufmerksamer Mahner für Pressefreiheit - von der Lex Soraya 1958 über das Gladbecker Geiseldrama 1988 und die Spiegel- Affäre 1962 bis zur Lex Lafontaine 1994. Aber neben dem „Feststellen und Beseitigen von Missständen im Pressewesen“ und dem „Schutz der Pressefreiheit und der Sicherung des ungehinderten Zugangs zu den Nachrichtenquellen“ – wie es der erste Tätigkeitsbericht 1959 als Aufgaben definierte - erweiterte das Selbstkontrollorgan in den 50 Jahren stetig seine Aktivitäten. Erst jüngst etwa noch durch den Redaktionsdatenschutz und journalistische Verhaltensgrundsätze zur Finanzberichterstattung. Der Deutsche Presserat kann - und will –dabei kein Reparaturbetrieb des Journalismus sein. Er kann aber einen Diskurs über die Maßstäbe journalistischen Handelns in Gang halten, als moralische Instanz, die ihre Entscheidung nicht zwangsweise, sondern durch den Appell durchsetzen will. Dabei gibt es heute noch genügend Herausforderungen: Neben dem Verhältnis von Staat und Presse bestimmen heute ebenso der Graubereich zwischen Journalismus und PR sowie die durch neue Technologien resultierenden neuen Verbreitungswege und journalistischen Arbeitsfelder die aktuelle Diskussion in der angewandten Medienethik. Im Redaktionsalltag sind dabei die 16 Ziffern des Pressekodex des Deutschen Presserates – am 20. November wird er übrigens in neuer Fassung in Berlin dem Bundespräsidenten überreicht – bis heute eine verlässliche Richtschnur für viele Journalisten und dies nicht nur in den Printmedien. Denn über die Entscheidungen des Presserates wird heute längst auf den Medienseiten aller großen Zeitungen ausführlich berichtet. Manche seiner Entscheidungen mögen zwar in den 50 Jahren seines Bestehens für Unverständnis, manchmal auch Empörung der Bürger und professioneller Beobachter hervorgerufen haben. Dennoch bilden der Pressekodex und die Entscheidungen des Beschwerdeausschusses eine Leitbildfunktion, indem sie kontinuierlich Regeln für guten Journalismus fest- und im Dialog mit den Journalisten und Lesern fortschreiben als einen Beitrag zur journalistischen Qualitätssicherung auf hohem Niveau.

Bernhard Rude



Dezember

Den Aufwind nutzen

Die Flaute im Anzeigengeschäft scheint vorbei, auch die konfessionellen Titel legten 2005 deutlich zu: Mit einem Umsatz von fast 4,8 Millionen Euro erreichte die Anzeigen-Genossenschaft Konpress, die 43 konfessionelle Wochenzeitungen vermarktet, den höchsten Wert seit ihrer Gründung 1970. Für Rudolf Thiemann, den Vorsitzenden des Fachverbands Konfessionelle Presse im Verband deutscher Zeitschriftenverleger, ist das ein Grund, ein stärkeres Engagement für „innovative Printmedien“ zu fordern. Recht hat er. Neben dem Anzeigenumsatz nennt Thiemann wachsende Religiosität und eine steigende Präsenz religiöser Themen in den Medien als Gründe für seine Forderung. Wenn man in kirchliche Verlagshäuser schaut, scheint die teilweise resignative Stimmung der vergangenen Jahre tatsächlich vorbei. Zumindest hellt sie sich gebietsweise auf. Es ist Zeit für einen neuen Aufbruch und für mutige – und das heißt nicht leichtsinnige, aber risikobereite – Weiter- und Neuentwicklungen konfessioneller Zeitungen und Magazine. Nicht vergessen werden darf der Bereich online mit all seinen Möglichkeiten von Podcasting, Blogs, Internet-TV und dergleichen mehr – wobei die Vermarktungsmöglichkeiten sowie die Chancen und Risiken für die Printprodukte auszuloten sind.

Das gestiegene Interesse an religiösen und spirituellen Themen wird man kaum mit den bisherigen Kirchenzeitungen und religiösen Zeitschriften abdecken können, da die Zielgruppen nicht deckungsgleich sind. Wichtig ist für die konfessionellen Verlage, bei den Interessierten und Suchenden, aber vielfach Kirchenfernen, mehr als einen Fuß in die Tür zu bekommen. Dafür braucht es neue Produkte. Es ist spannend, dass auf der Basis der Sinus-Milieustudie in einigen Verlagen nun intensiv nachgedacht wird und dass es auch schon Pläne für neue Produkte gibt und erste Entwicklungsstadien. Denn wer, wenn nicht wir katholischen Journalisten und Verlage, könnte und sollte über Religion und Glauben schreiben sowie Menschen in ihrer Glaubens- und Lebenspraxis Hilfestellung geben? Medien zu machen, die abseits von religiöser Folklore, kirchlichem Eventjournalismus und dem Ritt auf der Religionsbasarwelle liegen, ist nicht nur eine Verpflichtung – sondern auch eine der spannendsten Aufgaben für konfessionelle Medienmacher.

Hildegard Mathies