Kommentare aus dem Jahr 2002
Engführung
Seit Monaten fällt es mir schwer, die Nachrichten im Rundfunk und in der Presse zu verfolgen. Das ist nicht gerade normal für einen politisch denkenden, gar noch für einen selbst journalistisch arbeitenden Menschen. Schon seit längerer Zeit existiert das Wort "Politikverdrossenheit". Das trifft es nicht. Meine Unlust, meine Verdrossenheit gilt mehr noch dem, was und wie über Politik gesprochen wird. Nicht, dass ich alle Politiker für toll halte, ganz im Gegenteil. Nicht, dass ich den Stillstand in Deutschland, den Reformstau nicht bemerken würde; aber das fast nur deutschlandzentrierte Geschwätz, das aus den meisten Medien tönt, die Panikmache und die Wiedergabe des Parteiengezänks, das Reden über zu knappe Finanzen und Börsenkurse, auch die lustvollen Demontagen der politischen Personage sind mir leid. Von der restlichen Welt kommt momentan außer globaler Terrorismusgefahr und israelischen Gewaltakten wenig vor, sogar der große Kontinent Amerika fast nur in bezug auf unser deutsches Verhältnis zur Bush-Administration. Die Art, wie von Politik geredet wird, hat doch auch Rückwirkungen auf die Politik. Man kann etwas zerreden oder auch herbeireden, heißt es.
Warum wird die Welt in ihrer Gänze kaum wahrgenommen? Bieten die 59 Staaten Afrikas wirklich nur Berichtsstoff, wenn Kriege und Katastrophen sie heimsuchen? Auch im Blick auf die Krisenregionen dieser Welt wie den Kaukasus oder Afghanistan wüsste ich gern Ausführlicheres über die dortige Entwicklung. Welche Strategien zur Bewältigung mancher Katastrophe gibt es? Werden sie angewandt?
Das schwierige Danach nach einer solchen Heimsuchung erlebe ich gerade mit. Die Berichterstattung über die Flut in Sachsen hat in den deutschen und offensichtlich auch in den ausländischen Medien breiten Raum eingenommen und nicht zuletzt dadurch eine Welle großer Solidarität erzeugt. Dass ich per Mail von der Wolga aus angefragt wurde, wie es mir an der Elbe ergangen sei, war mir schon fast peinlich, hatte ich doch hier kaum mitbekommen, wie kurz zuvor im Kaukasus ebensolche Unwetter eine ohnehin gebeutelte Region verheert hatten. (Auch die schlimme Flut in Südfrankreich kurz nach der hiesigen kam nur kurz und fast am Rande in den heimischen Nachrichten vor.)
Direkt hier in Sachsen sind die Folgen der Flut selbstverständlich noch immer ein Thema. Denn wir haben sie vor der Nase. Doch über den eigenen Sorgen und dem Kampf um die gerechte Verteilung der Mittel wird bereits hier vergessen, dass gute 50 km weiter die Elbe auch über schmale Ufer trat, dass Orte wie Hrensko (Herrnskretschen) oder Decin (Tetschen) weit mehr an den Folgen zu knabbern haben als wir. Denn Hilfe hat dort noch weniger erreicht als die unbenannt gebliebenen Orte an der Elbe und den kleinen Erzgebirgsflüssen hierzulande.
Kollegenschelte? Das liegt mir fern. Ich steck doch mittendrin als Mitmacherin und als Konsumentin. Und ich bin selber ratlos und weiß beileibe kein Rezept. Es ist leicht gesagt: Guckt über den heimischen Tellerrand hinaus, rennt nicht nur den Tagesereignissen nach. Es ist leicht gesagt, nicht nur die schlechte Nachricht sei eine gute Nachricht. Es ist schwer, den selbst geschaffenen Zwängen nicht zu folgen. Ich spreche nur von meinen Bauchschmerzen dabei. In der Hoffnung, dass ich mit meiner Wahrnehmung der Situation nicht allein bin, in der Hoffnung, dass, wenn mehrere so denken, sich die so wichtige vierte Macht im Staat nicht selbst entwertet.
Ursula Wicklein
Novembergrau
Für viele Menschen ist der Journalismus nach wie vor ein Traumberuf. Nachrichten sortieren, Geschichten ausgraben und schreiben, die Stimme im öffentlichen Disput erheben. Den eigenen Namen im Blatt lesen, von Umfrageinstituten als "Meinungsführer" eingestuft werden. Fabelhaft. Halt.
Alltag: Post sortieren Termine vergeben, Bittsteller am Telefon versorgen, Computerabstürze verkraften, Fotos einscannen, Seiten gestalten, Überschriften basteln, Texte lesbar machen. Kürzen, streichen, verlängern, korrigieren, Seiten belichten. Dazwischen quellen die Meldungen erbarmungslos aus der Datenbank: Kardinal Meisner hat gepredigt und die Laien angegriffen. Soso. ZdK Präsident Meyer hat zurückgewettert. Ah, ja. Oder: "Papst spricht Opus Dei Gründer heilig."
Was machen wir daraus? Meldung, Hintergrundbericht, Leitartikel? Haben wir eine Meinung? Welche? Bleibt überhaupt Zeit, Meisners Predigt im Original zu lesen? Und dann: Was hat es heute mit dem Opus Dei auf sich? Vor zehn Jahren, zur Seligsprechung, war die Empörungswelle größer. Normalisierung? Bestimmen die ganz strammen Kräfte die nächste Papstwahl? Knapp 1000 Mitglieder hat das Opus Dei in Deutschland. Jeder Fußballclub hat mehr. Unterwanderte Gesellschaft?
Die Zeit rast. Ein Hintergrundbericht muss her. Welche Meinung habe ich? Muss ich jetzt sofort eine haben? Liegt dpa mit ihren Wertungen richtig? Oder vertrauen wir blind auf den goldenen KNA Mittelweg? Machen wir Journalismus oder Mainstream? Fürchte ich mich vor der eigenen Meinung? Werde ich den Menschen, über die ich schreib,e gerecht? Gibt es in der Kirche mittlerweile auch eine "political correctness?" Hier der Buhmann, dort die Lichtgestalt?
Innehalten. Es gibt kein Schwarz und Weiß in Beinform. Grautöne und Schattierungen haben wie Novembernebel die Herrschaft übernommen. Das ist normal. So ist die Welt, Menschen, die immer sofort wissen, was Schwarz und Weiß, was Weizen und was Unkraut ist, sind mir suspekt. Grautöne fordern zur feinen
Differenzierung heraus, machen den journalistischen Alltag spannend.
Was kann, was soll ich tun? Ich kann in 100 Zeilen zumindest die Schattierungen und Grautöne vortragen. Vielleicht bekommt der Leser dadurch ein ungefähres Mosaikbildchen, noch sehr grob gerastert, aber in Umrissen erkennbar. Eigentlich bräuchte ich noch 100 Zeilen mehr.
Über Theaterpremieren zu berichten, ist geradezu entspannend. Nächste Woche gibt's ein neues Stück; das alte ist vergessen. Aber als Katholik über die Kirche zu schreiben, das strengt an. Schließlich gehöre ich dazu und muss dennoch Distanz wahren. Manchmal habe ich ein ungutes Gefühl, immer und prompt eine Meinung haben zu müssen. Vielleicht ist das ganz gut so. Was meinen Sie?
Johannes Loy
Offenheit statt Schweigen
Es war nicht nur ein gewaltiger Aufbruch für die Kirche, was vor 40 Jahren begann, sondern auch eine Anpassung des Verhältnisses zwischen Kirche und Medien. Noch während des II. Vatikanischen Konzils änderte sich mit dem "Aggiornamento" dieses Verhältnis zu den Journalisten.
Wortkarg klangen noch die Bulletins der ersten Wochen des Konzils: "Von den Vätern, die um das Wort gebeten hatten, haben heute morgen 20 gesprochen, einige für, andere gegen das Schema", konnten dort die Journalisten über die erste Arbeitssitzung lesen. Hatte doch Pericle Felici, der Generalsekretär des Konzils, der Presse besser "ehrfürchtiges Schweigen" empfohlen.. Historische Beiträge aus der Konzilsgeschichte waren erwünscht, mehr nicht.
Vielleicht war es dann im Verlauf des Konzils die Einsicht, dass dort, wo alles geheim ist, auch nichts geheimgehalten wird. Vielleicht - so die Analyse von P. Wolfgang Seibel SJ jetzt beim GKP-Symposium in Würzburg - die Erkenntnis, dass die umfassende Recherche und die Kraft der Analyse der Weltpresse auch der Welt die Konzilsberatungen näher brachten. Die Rückwirkungen der Medien auf das Konzil selbst jedenfalls zeigten den Bischöfen, dass ihre Diskussionen nun öffentlich waren: Sie sprachen im Konzil nicht mehr nur zu ihren Kollegen; die Beiträge konnten nun von einer großen Öffentlichkeit beurteilt werden. Damit entstanden, so P. Seibel, gleichsam über Nacht ein neues Kirchenbild und ein neues Kirchenbewusstsein: Nicht hinter den Mauern des Vatikan, sondern vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Diese Öffentlichkeit bekam nun mit, dass im Konzil kein vorgefertigtes Einverständnis über alle Fragen bestand, sondern ehrlich gerungen und gekämpft wurde. Gerungen um eine lebendige Zukunft der Kirche, gespiegelt in Presse, Funk und dem damals noch jungen Fernsehen.
Einer der Konzilsväter, der Wiener Kardinal Franz König, legte damals den Journalisten ans Herz: "Wenn Sie etwas über das Konzil zu sagen haben, dann warten Sie nicht auf den Bischof, nicht auf eine Nachricht aus Rom ... Mahnen Sie, wo sie glauben, mahnen zu müssen. Drängen Sie, wo Sie glauben, drängen zu müssen. Informieren Sie, wo immer sich eine Möglichkeit bietet, die Welt und die Katholiken über das Konzil zu informieren. Berichten Sie aber auch über alles, was das Volk und die Gläubigen vom Konzil erwarten."
Mahnen, drängen und informieren, diese drei Aufträge aus der "Magna Charta der Konzilspublizistik" - wie Königs Worte später bezeichnet wurden - sind immer noch aktuell. Sie sind klare Wegweiser für uns katholische Journalisten im Verhältnis von Kirche und Medien.
Bernhard Rude
Das Jahr 1 danach
Doch! Das Grauen des 11. September 2001 hat es gegeben, ob wir wollen oder nicht. In endlosen Schleifen wurden uns die Bilder des Schreckens aus den Vereinigten Staaten gezeigt, in den vergangenen 365 Tagen. Wir schreiben das Jahr 1 danach, das erste Jahr nach der Katastrophe, die die Welt nicht so sein lässt wie sie war. Am 11. September 2002, dem ersten Jahrestag, werden uns die Bilder wieder gezeigt, die sich trotz anderer tragischer Ereignisse nicht, niemals verdrängen oder gar vergessen lassen. Ganz nah ist plötzlich jener Moment, in dem jeder von uns vor einem Jahr mit einer Wirklichkeit konfrontiert wurde, die er nie für möglich gehalten hatte. Kennen Sie noch den Augenblick, in dem Sie zum ersten Mal von den Terroranschlägen gehört oder gar gesehen haben? Mir läuft immer noch ein Schauer den Rücken herunter, wenn ich an den Moment denke.
In der Woche 1 danach waren wir den Medien weltweit dankbar für umfassende Information, die das Unfassbare in die Wohnzimmer holte. Eindrucksvoll waren differenzierte Beiträge über das aktuelle Geschehen, Hintergründe und Auswirkungen. Die Debatte, ob bestimmte Bilder, zum Beispiel aus dem Fenster springender Menschen oder verkohlter Leichen hätten nicht gezeigt werden dürfen, hat der Deutsche Presserat vielfach entscheiden müssen: Ja, es handelt sich um Zeitzeugnisse. So tragisch das Ereignis, so wichtig die Erinnerung. Die Medienszene hat dazu beigetragen, unverfälschter und sicherer Garant für das traurigste Kapitel Weltgeschichte zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu sein.
Im Jahr 1 danach wird die Medienszene jedoch auch hinterfragt, denn schnell waren die einstürzenden Türme von New York in den Hintergrund getreten zugunsten einer 1 a Kriegsberichterstattung aus Afghanistan. Um an Informationen zu kommen, war jeder Weg recht, ob Journalisten das eigene Leben aufs Spiel setzten oder ob Fernsehanstalten dem arabischen Sender al-Dschasira hohe Summen für Topbildmaterial zahlten. Die Wahrheit trat dabei all zu oft zurück. Quotenjagd und verkaufte Auflage haben seriösen Journalismus ins Trudeln geraten lassen. Wenn zum 11. September 2002 zurecht der Journalismus um den 11. September 2001 gewürdigt wird, bleibt für den Rückblick auf die gefolgten 365 Tage die berechtigte Nachfrage: Und, wie hältst Du es mit Wahrhaftigkeit und Redlichkeit?
Matthias Kopp
P is for Patriotism
Wo beginnt politische Bildung? Im Kinderzimmer - keine Frage. Eltern vermitteln Werte und politische Ansichten, unter Geschwistern oder im Kindergarten bilden sich die ersten Parteien, in der Schule beginnt die Reflexion über soziale Gefüge und politische Systeme.
Politische Literatur gibt es ebenfalls schon für die ganz kleinen: Bilderbücher über bunte Hunde - Außenseiter, die sich mühevoll in die Gesellschaft integrieren, Geschichten über grausame oder gütige Könige oder über zwei Käferstaaten, die sich um einen einzigen Kirschkern streiten und dabei fast übersehen, wie daraus ein kleiner Baum erwächst - mit Früchten für alle ("Der Kern", Empfehlungsliste für den Katholischen Kinderbuchpreis 2002). Wenn die Frau des Bundeskanzlers, Doris Schröder-Köpf, ein Buch über Politik herausgibt - "Der Kanzler wohnt im Swimmingpool"- dann freuen sich vor allem die Eltern: Endlich geht auch ihnen so manches Licht auf, wie die Dinge in einem Staat funktionieren (sollten).
Von ganz anderer Qualität ist die jüngste Veröffentlichung der Second Lady der Vereinigten Staaten, Lynne Cheney: "A Patriotic Primer" (Patriotische Fibel) heißt das reich illustrierte Bilderbuch, das sich - nach dem System einer Schulfibel - von A (für "America, the land that wie love") bis Z (the end of the alphabeth, but not of America´s story") durchs Alphabet arbeitet und den amerikanischen Kindern auf diesem Wege ihr Vaterland näher bringen will. Wenn Kinder amerikanischer Schulen jeden Morgen den Fahneneid schwören, wird ihnen der Ton in diesem Buch nicht fremd vorkommen. Und doch schwingt hier noch etwas mit, was uns besonders seit dem 11. September bekannt vorkommt: "H is für Heroes": Die Helden - so wie auch alle unter dem Begriff "Tapferkeit" aufgeführten Amerikaner, sind in erster Linie Feuerwehrmänner, Polizei, Staatsmänner und Soldaten im Kampf. Alle vergangenen Kriege - ob glorreich oder nicht - waren Heldentaten. Wir halten zusammen - gegen den Feind.
In "F for Flag", lernen die Kinder, wie man die Flagge zu einem Dreieck faltet, unter "R for Rights" erfahren sie u.a. vom Recht, Waffen zu besitzen und zu tragen. "Y is for You" - ein spannendes Kapitel: Was wird aus Dir, kleiner Amerikaner, laut Mrs. Cheney einmal werden? Die Antwort entspricht dem amerikanischen Optimismus: "Astronaut, Dirigent, Literatur-Nobelpreisträger, Physiker in hoher Stellung, Spitzensportler..." etc. Lauter Helden. Der Schlusssatz des Buches lautet: "Strong and free, we well continue to be an inspiration to the world". Bleibt nur zur fragen, ob die Welt darauf so großen Wert legt. Aber Fragen werden in dem Buch nicht gestellt.
Die Literatur-Beilage der "Washington Post" konzentriert sich bei der Kritik vorsichtshalber auf ein Lob der Illustration. Einige davon sind bekannten Pressephotos entliehen - so bspw. die Soldaten beim Aufstellen der amerikanischen Flagge im zweiten Weltkrieg. Der Deckel des Buches zeigt übrigens eine Gruppe von Kindern verschiedener Hautfarben in der gleichen Szene. Bei Barns and Noble, dem größten amerikanischen Buchversand, schwärmen begeisterte Eltern von dem Buch, das ihren Kindern die Werte vermittelt, "für die es zu kämpfen lohnt". Ein Kind bedankt sich für die Anweisung der Flaggen-Faltung: "Das wollte ich schon immer einmal wissen..."
Maria Riederer
Chefredakteur gesucht
Kommentar von Michaela Pilters in den GKP-Informationen Juni 2002
Personalpolitik ist eine heikle Sache. Vor allem, wenn es um Spitzenpositionen geht, kommen Entscheidungskriterien mit ins Spiel, die nicht immer fachlich bedingt sind. Hat der Kandidat das richtige Parteibuch? Ist die Bewerberin familiär gebunden? Stimmt die Gesinnung, und welche Beziehungen kann einer spielen lassen? Je größer das Auswahlgremium, desto schwieriger die Entscheidung. Das monatelange Tauziehen um die Wahl des ZDF-Intendanten ist diesbezüglich noch in guter bzw. schlechter Erinnerung.
Es ist richtig, dass für einen verantwortungsvollen Posten noch mehr Sorgfalt auf die Wahl verwendet werden muss als auf eine „normale" Einstellung. Und keinem Herausgeber ist es zu verdenken, wenn er die Besonderheiten seines Blattes durch gezielte Personalpolitik unterstreichen möchte. Dennoch stellt die Ausschreibung für den Posten des Chefredakteurs des Passauer Bistumsblattes ein Novum dar, das bedenklich stimmt (s. S. 12).
Da wird nämlich ausdrücklich kein Journalist gesucht, sondern ein Mitarbeiter/eine Mitarbeiterin im pastoralen Dienst der Diözese. Den PastoralreferentInnen, GemeindereferentInnen und ReligionslehrerInnen wird angeboten, zur Einarbeitung ein mehrmonatiges Praktikum in einer Bistumsblattredaktion einer bayerischen Diözese zu machen, um die mangelnde Erfahrung im journalistischen Bereich auszugleichen. Die Kenntnisse eines Praktikanten scheinen also ausreichend zu sein für einen Chefredakteur!
Seit vielen Jahren war es üblich, nicht Kirchenmänner, sondern qualifizierte Journalisten in die Bistumszeitungen zu holen. Professionalität im journalistischen Handwerk war gefragt, um auf dem immer schwieriger werdenden Markt der konfessionel
len Presse bestehen zu können. Den Ruf eines „Blättchens", das über die Gottesdienstordnung, den Fortsetzungsroman und die Sonntagspredigt des Bischofs hinaus wenig bietet, haben die Kolleginnen und Kollegen dank guter Ausbildung und solidem Können längst abgestreift. Auch wenn für eigene Recherche oft aus Spargründen wenig Zeit bleibt, sind die Macher der Bistumspresse in ihrer Arbeit an journalistischen Beiträgen interessiert - und die Leser sind es auch. Warum soll also hier das Rad zurückgedreht, warum sollen neue/alte Ziele einer missionarischen Unternehmenspolitik verfolgt werden? Sind Journalisten nicht loyal genug? Oder sind sie zu teuer?
Es steht viel auf dem Spiel für das Ansehen der katholischen Presse. Wenn es sich in der Branche erst herumspricht, dass man für den Posten eines Chefredakteurs bei einer Kirchenzeitung kein Journalist sein muss, dann leidet das Ansehen aller. Eine Offensive „Qualität im Journalismus" kann nur gelingen, wenn auch die Spitzenpositionen im Sinne einer Qualitätssteigerung besetzt werden. Freiwillige Rückschritte hinter errungene Standards schaden mehr als dass sie im konkreten Fall nützen mögen. Es gibt genug Spitzenleute auf dem Markt, man braucht sie nur zu engagieren.
Michaela Pilters
Der Alltag nach Erfurt
Kommentar von Winfried Bettecken in den GKP-Informationen Mai 2002
Der Amok-Lauf im Gymnasium - ist er noch präsent oder schon versandet unter neuen Schlagzeilen? Verhallt der Schwur in den Redaktionen nach jenem letzten Freitag im April, nun am Thema dranzubleiben, die altbekannten Probleme hinter der schrecklichen Bluttat darzustellen, zu brandmarken, um Antworten zu ringen? Jeder mag an sich selbst vollziehen, in wie weit der gute journalistische Vorsatz noch nachhallt, im Sog neuer Aktualität.
Festzuhalten bleibt: Mitten in unserer Gesellschaft verroht ein junger Mensch, unbeachtet von Eltern, Mitschülern, Lehrern, dann schießt er wie auf einer PC-Festplatte 16 Menschen aus dem richtigen Leben. In einem Hörerforum unseres Radio-Programms sagte ein Psychologe, was wir alle wissen: Jeder junge Mensch braucht Eltern, Familie und Freunde als Maßstab dafür, was gut und schlecht, was richtig und falsch ist, als tägliches Klima, in dem Werte vermittelt, diskutiert und verteidigt werden.
Erst nach 16 Morden im Gymnasium stand da der 60jährige Geschichtslehrer dem Amok-Läufer Auge in Auge gegenüber, die Chance zu überleben eins zu unendlich. Der Lehrer spricht ihn an, der Amok-Schütze reagiert: er nimmt die Vermummung vom Kopf, als erwache er, läßt die Waffe sinken, läßt sich von dem Lehrer einsperren.
Unvorstellbar, aber möglich, dass dieser Lehrer, vielzitierter "Held von Erfurt", seit langer Zeit der erste Mensch mit Autorität war, der dem 19jährigen in die Augen schaute, die Seele ansprach.
Wenn dies so geschah, dann nicht zufällig, dann hatte dieser Lehrer offenbar in guten Zeiten zu dem Schüler den inneren Draht gezogen, den seine sonstige Umgebung gedankenlos kappte.
Wertevermittlung bedarf harter Arbeit; daran mißt sich auch glaubwürdige, vorbildliche Medienarbeit. Stichflammen-Journalismus fällt den Medien zu. Viel schwieriger ist die leise, harte Arbeit nach dem Gewitter von Titel-Stories und Sondersendungen. Jetzt beginnt die Kunst, alltäglich vernehmbar konsequent und beharrlich zu bleiben, in Zeilen, Bild und Ton: Dazu gehört sicherlich, nach den Werten zu fragen, nach dem gewaltfreien Miteinander, nach Richtig und Falsch, und das auch noch mit hohem Gebrauchswert für die Medien-Nutzer, hinter der Schlagzeile.
Winfried Bettecken
"Wächteramt" und Profit
Kommentar von Christian Frevel in den GKP-Informationen April 2002
Das Medienimperium Kirch ist pleite. Heute, da ich diese Zeilen schreibe, scheint es jedenfalls nur noch eine Frage kurzer Zeit zu sein, dass der Münchner "Medienmogul" seinen Posten und Einfluss abgeben muss. Lange Zeit hatten Medienbeobachter vor dem "unnahbaren" Unternehmer Kirch gewarnt, den man nicht einschätzen könne, dem eine gewisse Nähe zur damals CDU-geführten Bundesregierung wie auch in die bayerische Staatskanzlei nachgesagt wurde: Das "Wächteramt" der Presse sei in Gefahr.
Kaum jemand, der sich damals aufregte, empört sich heute über die Aussicht, die der deutschen Medienlandschaft blüht: Dass sich nämlich Konzernherren wie Berlusconi oder Murdoch in Deutschland einkaufen. Gegen Murdoch, den australischen Mediengiganten, gehe in England kaum etwas, gab unlängst Premierminister Toni Blair zu. Und welchen Einfluss Berlusconi, im Nebenberuf italienischer Regierungschef, durch seine Medien auf die Politik seines Landes nahm und nimmt, ist hinläglich bekannt.
Nicht, dass ich hier einer von manchen Politikern bemühten "nationalen Lösung" das Wort reden wollte. Ich weine dem Imperium Kirch keine Träne nach. Doch es geht mir um die Frage, welche Werte die Medienkonzerne heute opfern, wenn es um Gewinne geht. Das "Wächteramt der Presse", jene "4. Gewalt im Staate", ist doch angesichts von Shareholder-Value-Denken in den Medien-AG's und dem unverhohlenen Profitdenken der internationalen Mogule eine fixe Idee vergangener Tage.
Zusammenschlüsse sollten sich in Qualität auszahlen. Tun sie aber nicht, jedenfalls zumeist (ich nehme hier mal einige Versuche in der katholischen Presselandschaft aus). Denn die Konzerne nutzen das gesparte Geld nicht, um in Redaktionen (und damit in Qualität) zu investieren, sondern um weiter zu expandieren. Denn dann können Kosten gespart werden (und das Rad dreht sich weiter…) Wohin das führt, kann man dieserTage beim Medienkonzern WAZ (Essen) sehen: Die Gruppe (der künftig Ex-Kanzleramts-Minister Bodo Hombach als Geschäftsführer vorstehen wird) kauft kräftig auf dem Medienmarkt ein - und kündigt Redakteuren und Volontären ihre Verträge. Ähnliches geschieht bei Springer, bei… die Liste lässt sich fortführen.
Die katholische Soziallehre spricht zwar nicht von der publizistischen Verantwortung der Verleger, aber von der sozialen Verantwortung des Kapitals. Ich denke, es wäre in diesem Fall gleichzusetzen.
Christian Frevel
Lebendige Einmischung erwünscht
Kommentar von Ursula Wicklein in den GKP-Informationen März 2002
Zu Anfang des Jahres war überall in der Stadt ein Großplakat eines Mediamarktes zu sehen. Es zeigte eine Frau mit drei Brüsten, weil in dieser Firma ja „mehr drin" sei als anderswo. Man kann über Geschmack oder Frauendiskriminierung trefflich streiten. Man kann auch etwas tun: Es gab Proteste. Das Plakat war bald verschwunden, und die Werbetreibenden ließen sich sogar zu einer Entschuldigung bewegen.
Unlängst fiel mir ein Plakat für einen Film des bekannten französischen Regisseurs Costa-Gavras auf. Ich sah die dicke Schrift AMEN und entnahm der Ankündigung, dass es sich um ein filmisches Remake von Hochhuths „Stellvertreter" handele. Ansonsten erschien mir das Plakat nicht besonders auffällig. Dann las ich, dass die französische und später die deutsche Bischofskonferenz den Zusammenhang zwischen Hakenkreuz und dem Kreuz Christi darauf heftig verurteilt haben. Ich ging zum Kino, wo ich das Plakat (das gleiche?) gesehen hatte, um noch einmal nachzuschauen. Es war weg. Zufall? Vielleicht. Im Ganzen aber bin ich von der Wirkung des bischöflichen Votums überzeugt. (Sicher: In diesem Fall kann man sich fragen, ob der Appell von ganz oben nicht eher eine gelungene Werbung für den Film ist - ich war in einem Programmkino, nicht etwa an der Fassade eine Filmpalasts auf das Plakat aufmerksam geworden. Die Multiplexe werben zwar groß, aber im allgemeinen für kleinere Ansprüche.) Das wäre also ein Punkt, den es stets abzuwägen gilt, wenn man Laut gibt.
Ein Drittes: Bei meiner Mitarbeit im Programmausschuss der sächsischen Landesmedienanstalt (SLM) erlebte ich es einige wenige Male, wie einem Beitrag im Fernsehen oder Hörfunk die erneute Ausstrahlung untersagt wurde. Nach Prüfung, auf eine Beschwerde hin. Allerdings ist es höchst selten, dass sich Bürger zu wirklich konkreten Einsprüchen über ethische Mängel aufraffen und sich an die SLM wenden. Meist wird doch nur daheim oder am Stammtisch geschimpft, oder man zuckt die Achseln. Wäre nicht das Vorantreiben einer lebendigeren Einmischung eine Aufgabe für Publi-
zisten, die es mit ihrer Verantwortung ernst nehmen?
In der GKP haben wir doch schon einmal aufeiner Jahrestagung überlegt, ob nicht ein erneuter Vorstoß zur Änderung des entsprechenden Paragraphen sinnvoll wäre, wennbeispielsweise die Freiheit der Kunsthöher steht als die Gefühle der durch Blasphemie Gekränkten. Mir scheint die oben beschriebene Zivilcourage Erfolg versprechender. Dass undifferenziertes Geschrei nicht gemeint sein kann und beileibe kein Ruf nach Zensur, versteht sich von selbst. Sachkunde wäre Voraussetzung. Wie es nicht gehen kann, soll ein Beispiel belegen: Unter Kollegen wies ich auf den „Stellvertreter"-Film hin und schlug vor, ihn zur Bildung einer eigenen Meinung anzuschauen. „Ach Kino, dahin gehe ich seit Jahren nicht", war die fast einmütige Antwort. Aus solcher Ecke kann natürlich kein glaubwürdiger
Protest kommen. Ursula Wicklein
Spaßgesellschaft GKP?
Kommentar von Michaela Pilters in den GKP-Informationen Februar 2002
Kloster Reute? Wo liegt denn das? Manches GKP-Mitglied mag sich das gefragt haben, als die Einladungen für unsere Jahrestagung vorlagen. Vor allem die „Nordlichter" mögen den Atlas zu Rate gezogen oder im Internet die Bahnverbindungen nach Bad Waldsee recherchiert haben. Nun, so zentral wie Fulda oder so bekannt wie Aachen ist unser diesjähriger Tagungsort nicht, aber dafür hat er einige Attraktionen zu bieten. Die oberschwäbische Barockstraße mit der einzigartigen Klosterbibliothek in Bad Schussenried (ein kleiner Tipp für die Anreise!) und in Weingarten die größte Barockbasilika nördlich der Alpen sind allein eine Besichtigung wert. Und mit dem Ravensburger Spieleverlag lernen wir einen interessanten Betrieb kennen, dessen Firmenphilosophie dem harten Konkurrenzkampf in der Unterhaltungsbranche standhalten muss. Es macht ja auch den Reiz eines bundesweiten Verbandes wie der GKP aus, dass er seinen Mitgliedern die Chance bietet, neue Gegenden von Deutschland kennen zu lernen.
Der Vorstand ist sich sehr bewusst, wie kostbar freie Zeit für Journalisten ist. Die Familie am Wochenende allein zu lassen und sich für drei Tage aus dem redaktionellen Geschäft zu lösen fällt niemandem leicht. Aber wenn wir es nicht schaffen, hin und wieder diesem Alltagstrott den Rücken zu kehren und uns anregen zu lassen von Gesprächen und Begegnungen, die eben nicht alltäglich sind, dann wird auf die Dauer etwas fehlen. Die GKP will ein Forum sein für solche „Auszeiten". Ob Besinnungstage oder Journalistenreisen, Kolloquien oder die Jahrestagung - unsere Veranstaltungen wollen Lust machen auf das Gespräch mit Kollegen und Kolleginnen ganz unterschiedlicher Medien, auf deren Erfahrungen und Einschätzungen. Die GKP engagiert Referenten, die neugierig machen und etwas zu sagen haben, die herausfordern zur eigenen Meinungsäußerung. Das traditionelle Hintergrundgespräch mit dem Ortsbischof ist in diesem Jahr ein besonderes „Schmankerl", denn Bischof Fürst als Mitglied des Nationalen Ethikrats steht im gesellschaftlichen Dialog über zentrale Fragen an vorderster Front.
Mit dem diesjährigen Thema „Ende der Spaßgesellschaft - ohne Ende Spaßgesellschaft?" widmen wir uns einer Frage, die weit mehr Facetten hat, als wir an einem Tag darstellen können. Lange vor dem 11. September hatten wir uns das Thema vorgenommen; seine Aktualität hat es behalten, auch nachdem die kollektive Betroffenheit wieder der Normalität gewichen ist. Es gibt so viele Aspekte der „Spaßgesellschaft", die unsere Arbeit als Publizisten berühren, dass man den Vergleich gar nicht bis in unsere Verbandsinterna ausziehen muss. Aber auch da gilt (als Thema der Mitgliederversammlung) die Frage nach dem „Spaßfaktor" in der GKP. Warum ist es wichtig, dabei zu sein? Was bringt es mir, Mitglied zu sein? Wie kann es gelingen, den Zusammenhalt und die Solidarität untereinander zu verstärken und attraktives Programm zu gestalten?
Kommen Sie nach Reute und überlegen Sie mit!
Michaela Pilters
Kreativität gefragt
Kommentar von Bernhard Rude in den GKP-Informationen Januar 2002
Für die Chronisten war es die Katastrophe, die Hun-derte unschuldiger Menschen in den USA das Leben kostete; für die Sprachforscher war "der 11. September" auch in Deutschland das Wort des Jahres 2001. Denn die Bilder dieses unvorstellbaren Terroranschlages prägten nicht nur wochenlang die Berichterstattung aller Medien, sondern blieben auch nicht ohne Auswirkungen auf den Medienmarkt selbst: Einstel-lungsstopps, Entlassungen, Zusammenlegungen von Redaktionen und Umstrukturierungen in den Medienhäusern. Oft wurde auch in diesem Zusammenhang davon gesprochen, dass nach dem 11. September nichts mehr so sei wie zuvor. Also schlechte Vorboten für das neue Jahr?
Jahrelang konnten beispielsweise Zeitungsverlage sich fast aussuchen, zu welcher Maßnahme sie in schlechteren Zeiten greifen wollten. Entweder die Abopreise erhöhen oder leicht an der Schraube der Anzeigenpreise drehen. Beides kalkulierbare Maßnahmen. Doch nun sind die Abopreise allmählich an der Schmerzgrenze vieler Abonnenten angelangt, und die Anzeigenkunden würden höhere Preise wohl in der Situation einer erlahmenden Wirtschaft nicht mehr bezahlen. Nach dem 11. September schien der Anzeigenmarkt vielerorts einzubrechen. Gerade der Vergleich zum Vorjahr war ernüchternd. Doch übersehen wurde dabei oft, dass die Telekommunikationsbranche mit ihren Anzeigenschlachten im Jahr 2000 den Verlagen ein wirklich außerordentliches Jahr beschert hatte. Ein so außerordentliches Jahr, dass sogar die Papierpreise zeitweise verrückt spielten.
Nicht die Terrorangriffe in den USA, sondern auch andere Entwicklungen haben zudem dafür gesorgt, dass die Einnahmeseite in den Verlagen schlechter aussieht. Zu zögerlich haben z. B. viele Medienhäuser darauf reagiert, dass ein Großteil des Kleinanzeigenmarktes - wie der Auto- und Immobilienmarkt - längst unwiederbringlich ins Internet abgewandert ist. Auf das Engagement im Internet folgte die traurige Erkenntnis, dass dort - zumindest nicht auf die Schnelle - noch kein Geld zu verdienen ist.
Nun ist offensichtlich die Zeit, auch in der Medienbranche mehr als zuvor über bessere Konzepte nachzudenken. Von Übernahmen ganzer Zeitungshäuser ist derzeit die Rede, von Konzentrationen und davon, dass einige Medienkonzerne bald auf Einkaufstour gehen. Hoffentlich setzen sie dabei auf die Qualität und ihre Kreativität. Die Redaktionen sind dabei nicht nur Kostenstellen oder die einzige Abteilung, die nur Ausgaben und keine Einnahmen vorzuweisen hat, wie oft genug zu hören ist. Die Redaktionen sind kreatives Kapital, das die Verlage jetzt richtig einsetzen müssen. Jetzt ist in der Medienbranche die Zeit, in der getan oder auch vertan wird, worauf es ankommt. Hoffent-
lich wird es ein gutes Jahr 2002! Bernhard Rude
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