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Kommentare aus dem Jahr 2000
Was eigentlich ist Europa?
Wenn man für einige Zeit im Ausland lebt - selbst wenn es nicht fern und auch nicht sehr fremdartig ist - erscheint vieles, was immer selbstverständlich war, plötzlich neu. Ich erlebe es hier in der Schweiz mit Europa.
Im jüngsten Wahlkampf in der Eidgenossenschaft wurde von einer rechten Partei in schlimmsten Farben ausgemalt, welche Folgen ein EU-Beitritt für die Schweiz habe: Arbeitslosigkeit, Überfremdung, Gewalt… Diese Stimmungsmache brachte Stimmenzuwachs. Europa macht Angst, und doch erahnt man es als unausweichliches Schicksal. Ein zu gestaltendes Schicksal, wie jene betonen, die nicht europhob sind.
Es ist interessant und spannend, an einem Prozess teilzunehmen, der im eigenen Land schon lange abgeschlossen ist, den man aber selbst nicht miterlebt hat. Zu Beginn der Europäischen Union war ich noch nicht auf der Welt, und später war die Zugehörigkeit zu Europa nie eine Frage, sondern immer ein Zustand, eine Wirklichkeit. Jetzt erlebe ich in der Schweiz das Ringen um die Position des Landes in Europa, die Frage nach dem Sinn einer Europa-Zugehörigkeit. Ein Suchen zwischen Wunsch und Wirklichkeit, zwischen Annäherung und Abgrenzung, zwischen Isolation und Teilhabe. In diesem Kontext stand die Tagung "Europa - rund um die Schweiz?" im Lassalle-Haus Schönbrunn. Es ging einerseits um das aktuelle Europa: um den Euro und das Schweizerische Bankwesen, um Arbeitslosigkeit und Globalisierung, um Asyl- und Bildungspolitik, um Krieg und Nationalismus. Andererseits ging es aber auch um Fragen, die meinen Blick auf Europa neu schärften: Gibt es eine Identität Europas? Was ist das europäische Werteverständnis? Worin unterscheidet sich globale und europäische Friedenssicherung? Wozu verpflichtet die Geschichte Europas? Was macht eine Solidargemeinschaft aus? Und was heißt das alles für junge Journalistinnen und Journalisten? Es bedeutet, dass Europa solange kein Zustand ist, bis wir glaubwürdige Antworten auf diese Fragen finden. Bis dahin ist es ein Prozess, in dem wir stehen, den wir mit unserem Können, mit unserem Engagement, mit unseren Visionen mitprägen können. Manchmal, wenn ich mich, wenn wir Verantwortliche für das "Netzwerk junger Journalisten" uns umsehen, glauben wir nicht daran.
Tagungen werden abgesagt, "Europa ist kein Thema", selbst hochkarätige Persönlichkeiten ziehen nicht. Deutschland-Frankreich, Deutschland-Polen, Deutschland-Deutschland: alles uninteressant? Lohnt sich Engagement wirklich nicht, alles schon gesagt, alles schon gewusst, Leerlauf? Hände in den Schoß, weil das "alte" Europa gesättigt ist? Resignation, Selbstmitleid?
Nein, denn immer wieder begegnen wir in Europa Menschen, die nicht alles zu wissen meinen und von denen man eigentlich auch gar nichts weiß - zum Beispiel junge Medienschaffende in Osteuropa. Ein nächstes Projekt des "Netzwerks junger Journalisten" ist in Rumänien geplant. Weißrussland hat angefragt. Wir können das Gesicht Europas mitgestalten, wenn wir uns auf das Neue einlassen. Das ist journalistische Solidargemeinschaft. Die Strukturen sind da, etwa das Netzwerk der UCIP, in Deutschland, in Europa, in der Welt.
An uns ist es, etwas daraus zu machen.
Ihre
Livia Leykauf
Zeitenwende
Kein Zweifel - auch nach dem Millennium-Fieber leben wir in einer Zeitenwende; der Übergang in eine "digitale Weltordnung" ist in vollem Gange, und Internet-Experten betonen, wir alle erlebten eine Revolution ohne geschichtliches Vorbild.
Welche epochalen Zeitenwenden haben unsere Vorgänger-Generationen schon erlebt: Wer warnte Mitte des 15. Jahrhunderts vor Vereinsamung, vor dem Untergang der Erzählkultur, nachdem Gutenberg den Buchdruck erfunden hatte? Dann begann der Siegeszug des Papiers, des Kommunikationsmittels für jedermann. Später wurde das gesprochene Wort weiter mobil, ohne Zeitverlust, erst durch die den Innovationsschub der Telegraphie, dann durch das erste World wide web, als die Telefonkabel die Welt umgarnten wie ein Wollknäuel.
Der ausgewählte Blick in die Geschichte machte also eher gelassen, und: Gemessen an den gesellschaftlichen Verhältnisen unserer Vorfahren bleibt offen, welche Generation bisher die größere Herausforderung zu bestehen hatte.
Gleichwohl macht der Blick in die Geschichte nicht arglos, denn stets hat sich Gesellschaft in einer Zeitenwende auch gravierend verändert. Diese Gravitationskräfte der jetzigen Zeitenwende spüren Journalisten täglich am eigenen Leib: War für uns noch vor einem Jahr jeder Schnitt am Hörfunk-Band ein handwerklicher Akt mit Schere und Klebestreifen, so schneiden wir digital per Mouse-Klick digital, auf dem Schirm, zeitsparend, als sei es schon immer so gewesen. Gleichzeitig erleben wir durch das Internet den death oftime, den Segen und Fluch zugleich, ohne Zeitverlust bis in den letzten Winkel des Erdballs alles wissen zu können (zu müssen?).
Manch ein Kollege fühlt sich überrollt von einer Informationsflut: So flimmern an einem ganz normalen Werktag nachmittags innerhalb einer halben Stunde etwa 135 Meldungen über die Agentur-Terminals in der Redaktion. Genau betrachtet, entfallen allerdings auf diese dreißig Minuten keinesfalls mehr bedeutende Ereignisse als vor Jahren; nein, lediglich die Unübersichtlichkeit schwillt an zu einem thematischen Getümmel, die Verantwortung wächst, in dieser Flut noch mehr als bisher zu selektieren; ständig drängt die Zeit im aktuellen Tagesgeschäft, die Zeit scheint zu rasen. Dabei vergeht die Zeit selbst ja nicht schneller; es ist die gefühlte Zeit, die uns in Not bringt.
Umso wichtiger ist es im journalistischen Alltag, Widerhaken in der Zeit anzubringen, ein- und innezuhalten, mit einsatzfähigem Kompass zu unterscheiden: Was ist wirklich wichtig, neu, werthaltig, nützlich, und was klingt nur dringlich? Mehr denn je brauchen Medien-Nutzer Orientierungsmöglichkeiten, damit sie die Veränderung im Zuge der Zeitenwende aktiv mitgestalten, statt zu Opfern der Informations-Flut zu werden.
Der Kompass ist dann einsatzfähig, wenn das magnetische Feld im Alltag intakt ist; ich denke dabei an das Kraftfeld der Kardinaltugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Mut und Maß. Und passend zum Jahr 2000 platzieren die katholischen Bistümer in Ostdeutschland zum Jahr 2000 eine aktuelle Diskussion über die Zehn Gebote passgenau inmitten gesellschaftlicher Veränderungen. Auch so wächst die Chance, dass wir die Zeitenwende verantwortungsbewusst im Griff behalten.
Ihr
Winfried Bettecken
50 Jahre Mediengeschichte der Bundesrepublik
Dem 50-jährigen Gründungsjubiläum der Bundesrepublik Deutschland verdanken wir eine im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung von Jürgen Wilke, Professor am Institut für Publizistik der Universität Mainz, herausgegebene "Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland". Darin wird in einem konzisen Überblick beschrieben, wie sich Presse, Hörfunk und Fernsehen nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt haben und welche Funktionen und Wirkungen ihnen zugeschrieben werden. (Der Film als Medium eigener Art, die sich von den anderen Medien abhebt, wurde nicht berücksichtigt.) 25 Publizistik- und Medienwissenschaftler, Historiker und Juristen sind die Autoren des 846 Seiten starken Bandes, der nach einem Konzept des Herausgebers erstellt wurde. Das Ergebnis dieser Teamarbeit ist eine übersichtlich gegliederte und umfassende Information ad rem, angereichert mit dokumentarischen Fotos, Tabellen, einer Zeittafel, behutsamen Wertungen sowie mit einer stattlichen Zahl von Anmerkungen, die einzelne Vorgänge präzisieren und die Fülle der einschlägigen Publikationen erschließen.
Michael Schmolke, Professor für Publizistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg, ist Autor des Kapitels "Die kirchlich-konfessionelle Presse". Darin befasst er sich mit der Bistumspresse und Kirchengebietspresse, politischen Wochenzeitungen, der Jugendpresse, kulturpolitischen Zeitschriften, der Verbandspresse, Standes- und Unterhaltungspresse, Nachrichtendiensten und Organisationen im Dienst der kirchlichen Publizistik.
Man erfährt nicht nur kenntnisreich und in flüssiger Sprache Erinnertes über die kirchlich-konfessionelle Presse seit 1945, sondern auch über Wurzeln und Anfänge, die weiter zurückreichen und das Verständnis für Neuanfänge und spätere Entwicklungen erleichtern. Die knappe Form der Darstellung, in die dieses Kapitel deutscher Mediengeschichte eingebunden wurde, erweist sich als Vorteil: Schmolke musste sich auf Wesentliches konzentrieren und Akzente setzen. Das ist ihm auf souveräne Weise gelungen. Vor allem junge Kolleginnen und Kollegen, die Konzil und Synode sowie das "Debakel ,Publik'" nicht unmittelbar erlebt haben, erfahren z. B., welche einschneidende Zäsuren - teilweise unter turbulenten Begleiterscheinungen - das katholische Szenario in der alten Bundesrepublik vor 30 Jahren aushalten musste. (Im Vorfeld der Gründung von "Publik" - 1968 - kam es bei GKP-Veranstaltungen zu nächtelangen kontroversen Diskussionen, in denen jahrelange Freundschaften eine harte Bewährungsprobe zu bestehen hatten.)
"Am Ende des Jahrtausends" merkt Schmolke zum Standort der kirchlich-konfessionellen Presse in der säkularisierten, weithin medienbestimmten Gesellschaft an: "Ein halbes Jahrhundert seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bzw. seit der Gründung der Bundesrepublik hat Ideen, Strömungen, Lebensstile kommen und gehen sehen. Die Werte der Aufbauzeit, die im religiösen Bereich stark wurden, sind neuen, heterogenen Lebensgefühlen gewichen. Religion ist dennoch ein wichtiges Thema geblieben, aber Religion und deren traditionelle Vermittlungs- und Verwaltungsinstanzen, die Kirchen, werden nicht mehr, jedenfalls nicht mehr vor allem, als funktionale Einheit begriffen. Religion, Konfessionen, Kirchen und besonders die in ihnen handelnden bzw. an ihnen leidenden Menschen sind dabei stets Thema der Massenmedien geblieben. Aber sie sind mehr denn je Thema im Sinne von Gegenstand, Objekt. Insofern gelten dafür die üblichen säkularen Nachrichtenwertskalen. Nur in ihrer eigenen bzw. der ihr nahestehenden Publizistik sind die Kirchen beides: Objekt aus der Sicht der dort arbeitenden Journalisten und Subjekt aus der Sicht ihrer Herausgeber - und selbstverständlich auch derselben Journalisten, insofern sie verantwortungsbeteiligte Gläubige sind. Für den säkularen Publizisten verdienen z. B. Konflikte zwischen und besonders in den Konfessionen besondere öffentliche Beachtung. Konfliktfreudige Bischöfe - und seien sie noch so reaktionär - haben für ihn einen höheren Nachrichtenwert als gemäßigt fortschrittliche. Kirchlich eingebundene Publizisten kommen von der Relativierungsfrage nicht los: Was nützt, was schadet der Kirche? Was beeinträchtigt womöglich die Botschaft? Sie tun recht daran, sich der Frage zu stellen, denn täten sie es nicht, fänden sie vielleicht breitere allgemeine Aufmerksamkeit; andererseits riskieren sie, die Anhänglichkeit ihrer noch immer großen Kernleserschaft zu verlieren. Und diese, weitgehend deckungsgleich mit den aktiven Kernmitgliedschaften beider Kirchen, ist keine spezielle Zielgruppe, wie manche Analytiker sagen, sondern so etwas wie das Mittelfeld der deutschen Bevölkerung, durch 50 Jahre vielfach verändert im Profil, aber wiedererkennbar geblieben in Struktur und Substanz."
Günter Graf
"Turn bad news into good news…"
"Man liest nur noch Schlechtes in der Zeitung" - oft hört man dieses Klagelied und fragt sich, wie man angesichts der Verbrechen, Katastrophen, Kriege und Bestechlichkeiten diese schlechten Nachrichten in gute Nachrichten, in eine frohe Botschaft verwandeln könnte.
Als ich im letzten Jahr mit jungen Journalisten aus aller Welt nach Südostasien reisen durfte, hatte ich mehrere Begegnungen und Gespräche mit Prostituierten in Thailand, Kambodscha und Vietnam. Ich sprach mit ihnen auf der Straße, und sie erzählten mir ihre Geschichte. Von Experten bekamen wir Hintergrundinformationen über die Problematik. Je mehr ich mit den Frauen sprach, je mehr ich von ihrer Bedrängnis erfuhr, um so weniger wusste ich, wie ich darüber würde berichten können. Zum einen glauben hier alle, die Zustände in Asien bereits zu kennen - "kein Interesse, das hatten wir schon" - zum anderen fehlen mir die Worte für die Verbrechen, die dort - in allen Instanzen - begangen werden. Wie soll ich darüber berichten, ohne schlafende Hunde zu wecken? Muss hier jeder wissen, dass Männer und mittlerweile auch Frauen aus dem Westen nach Asien reisen und dort Kinder für eine Nacht kaufen? Darf das überhaupt jeder wissen? Und wo ist hierbei die gute Nachricht? Sie ist dort, wo sich Menschen zusammentun, um die Missstände zu lindern, um Frauen und Kindern von der Straße zu helfen. Sie ist auch dort, wo Frauen aus dem sogenannten "tourist sector" mir das Leben schildern, das sie eigentlich suchen.
Der Weg nach vorne ist die gute Nachricht.
Father Joe Maier, der Leiter eines Aids-Hospizes in Bangkok, stellte uns als Journalisten auf derselben Reise genau diese Frage, bevor er uns seine Einrichtung zeigte: "How will you turn bad news into good news?" - "Wie werdet ihr schlechte in gute Nachrichten verwandeln? Wie wollt ihr hiervon erzählen?" Das Aids-Hospiz und die Slums, in denen es steht, scheinen alles aufzusammeln, was es in Thailand an schlechten Nachrichten gibt: Drogen, Prostitution, Korruption, Gewalt. Die gute Nachricht? Hier ist jemand, der sterbende Aids-Kranke bei sich aufnimmt, und hier sind Menschen, die ihm dabei helfen. Hier hat sich aus der Not eine Gemeinde gebildet, die zusammenhält. Die Zustände im Land ändern sich dadurch nicht; auch werden wir sie nicht verschweigen. Was wir nach Hause bringen können, ist aber nicht nur der traurige Anblick der Sterbenden, sondern auch die Gespräche mit ihnen und die erstaunliche Tatsache, dass sie noch lächeln, ja sogar lachen können. Die Tatsache, dass wir diesen Menschen begegnen durften, ist die gute Nachricht.
Maria Riederer
DER MEDIENPAPST
Eine Szene vor gut einem halben Jahr für einige Mitglieder der GKP in Rom. Bei der Vesper an Allerheiligen auf dem Campo Santo Teutonico taucht plötzlich der Papst auf. Während lateinischer Gesänge auf dem fast dunklen Friedhof, wo farbige Grabkerzen die einzige Lichtquelle sind, steht er und betet mit. Ebenso unauffällig wie er kam, verschwindet er wieder. Ein Moment, der selten ist. Ohne Medien, ohne Rummel, ohne Hektik. Wir kennen ihn auch anders. Einen Johannes Paul, der die Szene beherrscht, der als am meisten fotografierter und durch das Objekt beobachteter Mann der Welt gilt. Ein Papst, der die Medien zu nutzen weiß und die Medien, die ihn gerne nutzen. In diesem Monat, am 18. Mai, wird der Pontifex maximus 80 Jahre alt. 22 Jahre lang versucht er, das Schiff der Kirche zu lenken, begleitet von Medienmachern und Medienkonsumenten. Was wären Medien ohne den Papst und umgekehrt, was wäre der Papst ohne die Medien? Der Bischof von Rom hat während seines Pontifikates viele Titel erhalten, "Mann des Jahres", "Mann der Medien" usw. Johannes Paul führt uns beeindruckend vor Augen, in welcher Inszenierungsgesellschaft wir leben, dass die Kirche auf dem weltweiten Markt der Medien sehr wohl eine Rolle spielen kann. Die Medienverfolgung mit über 2.100 nach Israel gereisten Journalisten während der zurückliegenden Heilig-Land-Reise des Papstes ist dafür ein beeindruckendes Beispiel. Zu seinem 80. Geburtstag werden sich die Medien noch einmal auf ihn stürzen, spekulieren, orakeln und versuchen, Topgeschichten zu vermarkten.
Johannes Paul hat den Vatikan für die Medien geöffnet und sich die persönliche Auseinandersetzung mit den Medien in der langen Regierungszeit zu eigen gemacht. Zahlreich sind seine Warnungen, die Forderungen nach ethischen Maßstäben, die Grenzen der Mediengesellschaft. Aber genauso zahlreich sind seine Ermutigungen, die Chancen der Medienvielfalt, der zügige Informationsfluss, der jeden Menschen erreichen soll, die Medien als Mittel der Pastoral. Gewiss, manche Formulierungen zum Mediensonntag, dem "Welttag der sozialen Kommunikationsmittel", hätte griffiger, medial besser vermittelbar ausfallen können. Aber es ist dieser Papst, der unermüdlich den Menschen vor Augen hatte. Um ihn müsse es gehen, ihn müssten die Medien in den Mittelpunkt ihres Interesses rücken. Deshalb bleibt das viel zitierte Papstwort noch immer ein Auftrag für uns. "Mögen die Massenmedien in immer stärkerem Maße zu Förderern der Freiheit werden, der wahren Freiheit des Menschen!"
Johannes Paul II. blickt am 80. Geburtstag auf ein Medien-Pontifikat zurück, im positiven Sinne des Wortes. Viele von uns haben ihre persönlichen Erfahrungen mit diesem medialen Brückenbauer, nicht zuletzt durch die drei Besuche in Deutschland. Es gab Höhen und Tiefen in den durch Medien vermittelten Papst-Ereignissen. Aber es ist ein Papst, dem es besondere Freude macht, mit unserer Klientel umzugehen. In diesem Sinne. Ein Glückwunsch !
Matthias Kopp
Kirche (k)ein Thema
Ernüchternder könnte das Ergebnis einer wissenschaftlichen Studie kaum sein: Den Kirchen kommt in der Berichterstattung der Medien gerade noch die Bedeutung einer Randgruppe zu. Nur noch knapp über ein Prozent aller Beiträge in den Printmedien und im Rundfunk galten im vergangenen Jahr den christlichen Kirchen. Zwar schnitten in der Untersuchung der Medienforscher überregionale Tageszeitungen noch etwas besser ab als ARD, ZDF und vor allem die privaten Rundfunksender. Aber in der ersten Reihe saßen die Christen weder hier noch dort. Ist denn die Kirche heute kein Thema mehr? Überraschenderweise ist die Antwort auf diese Frage gerade bei jüngeren Journalisten nicht eindeutig: Da suchen sich Volontärinnen und Volontäre an Tageszeitungen während ihrer Ausbildung beim Münchner Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses freiwillig die "Mea culpa"-Erklärung von Papst Johannes Paul II. als Kommentarthema aus. Da versucht eine Nachwuchsjournalistin aus eigenem Interesse die Gründe dafür zu finden, warum eine ihrer Freundinnen vor Jahren dieser Welt den Rücken zugedreht hat und in ein abgeschiedenes Klarissenkloster im Rheinland eingetreten ist und schreibt darüber eine längere Reportage. Da kommen junge Kolleginnen und Kollegen in der Deutschen Journalistenschule in München selbst auf die Idee, einmal ein Magazin rund um den Kirchturm herzustellen. "Gloria", so der schlichte Titel dieser gelungenen Übungszeitschrift.
Drei Zufallsbeobachtungen aus der Journalistenausbildung. Drei Belege dafür, dass das Thema "Kirche" für junge Journalisten durchaus ein Thema ist. Vielleicht gerade dann, wenn es gelingt, für Leser, Hörer und Zuschauer die Kluft zwischen Kirche und vielfältig spürbarem Interesse am Glauben zu überwinden und wieder zusammen zu bringen. Wenn es gelingt, Interesse zu wecken für das Engagement der Christen, die Gemeinden, Verbände, die Kirche vor Ort. Wenn es gelingt, auch im Fernsehzeitalter nicht nur, sondern auch den Focus nach Rom zu richten.
Zur wirtschaftlichen Lage sei die Position der Kirchen mit 0,19 Prozent fast gar nicht von den Medien registriert worden, stellen die Medienforscher fest, bei sozialen Fragen nur mit 0,66 Prozent. Am höchsten war mit 2,48 Prozent der Anteil kirchlicher Stimmen in den Medien, wenn es um politische Grundwerte ging. Erstaunliche Werte in einer säkularisierten Welt. Wenn sich in diesen Tagen wieder Tausende unter dem Motto "Sein ist die Zeit" zum 94. Deutschen Katholikentag in Hamburg einfinden, dann zeigt sich dort wieder, wie vielfältig und lebendig Kirche sein kann. Vielfalt, die auch die Medien bereichern kann, denn Themen von A wie Adveniat bis Z wie Zölibat sind Themen für Nachrichten, Interviews, Reportagen und Kommentare. Eine Fundgrube für Journalisten, wenn Sie die Themen auch einmal unkonventionell angehen. Eine Fundgrube für die, die eine einfache Erkenntnis haben: Glaube allein ist immer ein Thema. Kirche allein nicht. Dies zusammen zu bringen, muss wieder ein Thema sein.
Bernhard Rude
Leipzigs grösstes Pfingstfest
Als ich die Pfingst-Wochenendausgabe der großen Leipziger Tageszeitung "Leipziger Volkszeitung" (LVZ) in die Hand nahm, dachte ich einen Moment lang, es wäre der "Tag des Herrn", unsere hiesige Kirchenzeitung. Ein großes Farbfoto der neuen Bach-Orgel in der Thomaskirche dominierte die erste Seite, und in fetten Lettern stand darüber "Leipzigs größtes Pfingstfest". Mit der "Thomaskirche 2000" beschäftigte sich zudem die zwölfseitige Extrabeilage. Auf Seite eins war aber auch noch Platz für den Mainzer Dom. Ein dpa-Foto zeigte den deutschen Bundeskanzler und Frankreichs Staatspräsidenten beim deutsch-französischen Gipfeltreffen in Mainz. Aber noch nicht genug; denn in der Kommentarspalte sah mich Pfarrer Friedrich Schorlemmer mit strengem Blick und erklärendem Gesichtsausdruck an. Der nicht nur hierzulande allseits bekannte Leiter der Evangelischen Akademie in Wittenberg und 1989 Mitbegründer der DDR-Bürgerrechtsbewegung "Demokratischer Aufbruch" schrieb unter dem Titel "Feuer des Geistes" seine Sicht von Pfingsten und Johann Sebastian Bach. Die LVZ vom ersten Arbeitstag nach dem Pfingstfest war dann wieder wie üblich, dachte ich. Weit gefehlt. Diesmal war Kirche das Thema der ersten Seite des Lokalteils. Und wieder ein großes Farbfoto von der Thomaskirche - diesmal der Innenraum mit vollen Kirchenbänken - ein langer Bricht über die Ereignisse vom Pfingstsonntag, Bilder von Pfarrern, fromme Titelzeilen und ein gelungener Kommentar dazu.
All das konnte doch kein Ausrutscher der Blattmacher sein, waren meine Überlegungen. Und ich wurde darin bestätigt, als ich die "Bild"-Leipzig vom gleichen Tag aufschlug. Auch sie wendete eine halbe Seite auf, um mit Bild und Text von der Thomaskirche, vom Gottesdienst mit den Thomanern und von den Feierlichkeiten am Pfingstsonntag ausführlich zu berichten. Was war mit den Blattmachern geschehen? Wieso war ihnen das Thema Kirche diesmal so wichtig? Waren die Ereignisse um die Thomaskirche für die Leser wirklich von solcher Bedeutung? Stimmt es etwa nicht mehr, wenn die Journalistenkollegen sagen, Kirche schreckt hier immer noch ab - Leser, Hörer und Zuschauer?
"LVZ" und "Bild" haben nicht geirrt: Zu Pfingsten war Kirche das Thema in Leipzig. Mit feierlichem Gottesdienst, musikalisch gestaltet vom weltberühmten Thomanerchor, und umfangreichem Festprogramm feierte die Kirchengemeinde St. Thomas-Matthäi am Pfingstsonntag die Wiedereinweihung des in dreijähriger Bauzeit aufwendig restaurierten evangelischen Gotteshauses. In der Thomaskirche, seit fast 800 Jahren Heimstatt des Thomanerchores, wirkte Johann Sebastian Bach von 1723 an 27 Jahre lang als "Director musices" und Kantor.
Vor mehr als 2.000 Gläubigen und geladenen Gästen erklang zu Beginn Bachs Kantate "O ewiges Feuer, o Ursprung der Liebe" mit dem phantastischen Klang der nagelneuen Bach-Orgel. Sie allein hat 2,5 Millionen Mark gekostet. Der Meister hätte seine helle Freude daran gehabt, klingt die neue Orgel doch ganz authentisch und besser als die, die Bach damals spielte. Die besaß nämlich nur 36 Register, die heutige dagegen 62 mit 4.800 Pfeifen.
Die Komplett-Sanierung des Gotteshauses hat seit der Wende 30 Millionen Mark gekostet. Etwa 9,2 Millionen Mark an privaten Spenden steuerte der Verein Thomaskirche - Bach 2000 bei. Dieses Geld stammt zum überwiegenden Teil von Unternehmen aus dem In- und Ausland. Aber auch viele Leipziger haben sich mit kleineren Beträgen beteiligt. Leipzigs katholischer Oberbürgermeister zeigte sich beeindruckt von der neuen Thomaskirche und bezeichnete sie als "Hauptanziehungspunkt" für die Bewohner der Stadt und die Besucher aus aller Welt.
Also lagen die Kollegen der Tageszeitungen doch richtig, sich so ausführlich mit der Thomaskirche zu beschäftigen. Kirche ist also doch ein Thema, das die Menschen interessiert. Vor allem dann, wenn es sie so hautnah betrifft. Diesmal war es nur das schöne restaurierte Gebäude und eine neue Orgel. In den nächsten Tagen wird es Ruth Pfau sein; wenn sich die katholische Ordensschwester - die seit vielen Jahren in Pakistan als Ärztin unter den Ärmsten der Armen tätig ist - in das goldene Buch ihrer Heimatstadt Leipzig eintragen darf.
Und es wird weitere Anlässe geben. Anlässe, die uns in unserm Beruf helfen, all das, was Kirche ist, den Menschen nahe zu bringen. Dies gilt für Leipzig, gilt für die neuen Länder und gilt für uns alle, egal ob in Ost oder West, egal ob im kirchlichen oder säkularen Medium.
Bernhard Wiedemann
Etwas entgegensetzen
Kein bloßes Sommertheater sind die nicht abreißenden Meldungen über Fremdenfeindlichkeit und neonazistische Gewalt .Sie werden begleitet von einer manchmal ratlos wirkenden Diskussion, was dagegen zu tun sei. Katholische Journalisten sollten hier eine Aufgabe sehen. Nicht schönfärben, aber publik machen, was im entgegengesetzten Geist Positives oder Nachahmenswertes wächst, geschieht, getan wird. Hier ein Beispiel. Ich zitiere aus einer Meldung, wie sie die Pressestelle des Bistums Dresden-Meißen verließ, in der ich arbeite: "Im Deutsch-polnischen Kinderhaus St. Franziskus in Ostritz wird am Dienstag, dem 22. August 2000, 15 Uhr im Beisein von Sachsens Sozialminister Hans Geisler die Grundsteinlegung gefeiert. Den Grundstein wird der Bischof von Dresden-Meißen Joachim Reinelt setzen. Der Bau ersetzt den der bisherigen Katholischen Kindertagesstätte St. Franziskus in Trägerschaft der Katholischen Pfarrei Ostritz.
Zwischen der deutschen katholischen Kindertagesstätte und der polnischen Grundschule Dzialoszin jenseits der Neiße wächst seit Dezember 1998 eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Bisher treffen sich 11 deutsche Vorschulkinder und 20 polnische Kinder wöchentlich einmal entweder in Ostritz oder im 4 km entfernten Dzialoszin zum gemeinsamen Spiel und zum Lernen. In der polnischen Grundschule gibt es eine sogenannte 0-Klasse für Vorschulkinder, aber keinen Kindergarten. Bedarf dafür haben polnische Familien angemeldet. So ist der Gedanke eines grenzüberschreitenden Kindergartens in der Euroregion entstanden, in dem Kinder mit fremder Sprache und anderen Lebensgewohnheiten vertraut gemacht werden und gegenseitige Akzeptanz lernen können. Ein gemeinsames mit wachsendes Bildwörterbuch zu erarbeiten, wurde schon begonnen. Durch Eltern und Erzieher erfahren die Kinder behutsame Begleitung.
Das Ostritzer Kinderhaus will mit den bereits bestehenden grenzüberschreitenden Kindergärten in Görlitz, Lückendorf und Oberwiesenthal in Erfahrungsaustausch treten. Der Neubau besteht aus zwei Häusern, die durch eine Brücke miteinander verbunden sind, unter der sich der Weg in Richtung des Grenzflusses Neiße durchschlängelt. Die Gebäude bieten Platz für 50 deutsche und 10 polnische Kinder in vier gemischten Gruppen. Im April 2001 soll der Einzug gefeiert werden.
Die Baukosten betragen knapp 2 Millionen DM. An der Finanzierung beteiligen sich das Sozialministerium des Freistaates Sachsen mit 400 TDM sowie das Wirtschaftsministerium mit 700 TDM aus Interreg-Mitteln, der Landkreis Zittau und die Stadt Ostritz mit je 200 TDM und das Bistum Dresden-Meißen mit 490 TDM.
Der Elternbeitrag für die polnischen Kinder wird vom Sächsischen Staatsministerium für Soziales, Gesundheit und Familie gestützt, auch über einen Beitrag zu den Personalkosten gibt es eine Zusage." Schon im Vorfeld haben mehr Medienvertreter als gewöhnlich bei Informationen aus der katholischen Kirche Interesse an diesem Projekt angemeldet. Nicht nur als Füller im Sommerloch. Ich selbst kann mir nicht vorstellen, dass Kinder, die einen solchen Kindergarten besuchten, später von "Pollacken" oder "Fidschis" reden, wenn sie Angehörige anderer Völker meinen, sei es in der katholischen Einrichtung Ostritz oder der städtischen Kindertagesstätte Görlitz mit den Kontakten nach Polen, sei es in Lückendorf/Oberlausitz oder in Oberwiesenthal/Erzgebirge in der deutsch-tschechischen Nachbarschaft. Diese Art der Grenzüberschreitung mit der daran wachsenden Kreativität ist übrigens trotz der ehedem viel beschworenen Freundschaftsgrenzen neu für die Menschen hier. Auch daran gilt es bei den Zehn-Jahres-Feiern der deutschen Einheit dankbar zu denken.
Ursula Wicklein
Jagdfieber
Ein Mann wird gejagt. Der Amsterdamer ist auf der Flucht, kreuz und quer durch Berlin. Ein Kopfgeld von 10.000 Dollar ist auf ihn ausgesetzt, obwohl er nichts verbrochen hat. Er lässt sich freiwillig jagen, war ausgewählt worden unter 9.000 Bewerbern. Hinter ihm her die Internet-Gemeinde. Reality-Run heißt das neue Spiel, bei dem die Kameras selbstverständlich immer dabei sind; die moderne Technik macht die virtuell/reale Jagd möglich. Die Jäger sitzen zuhause am PC und haben ihren Spaß. Ein harmloses Spiel?
Ein Mann wird gejagt. Der Ghanaer ist auf der Flucht in einer ostdeutschen Gemeinde. Er will sich in Sicherheit bringen; doch keiner hilft ihm. Der Sprung durch die Schaufensterscheibe endet tödlich für den Mann aus Afrika. Ihm winkt kein Kopfgeld. Hinter ihm her die johlende Menge Jugendlicher, die ihren Spaß haben wollen. Ein harmloses Spiel?
Ein Mann wird gejagt. Der Engländer ist auf der Flucht vor einer wütenden Menschenmenge. Die Zeitung hatte seinen Namen veröffentlicht als Täter, als einer, der pädophil ist und kleine Kinder missbraucht. Hinter ihm her erzürnte Menschen, die entsetzt sind über den Tod eines Mädchens und jetzt in ihrer Wut Autos anzünden, Scheiben einwerfen und nicht daran denken, dass es Namensgleichheit gibt, dass einer unschuldig sein kann. Ein harmloses Spiel?
Drei Meldungen, die sich leider beliebig vermehren ließen. Ob Schnäppchenjäger oder Börsenfieber und Lottospieler - Jagdinstinkt und Spieltrieb sind dem Menschen angeboren; und wer ehrlich sich selbst gegenüber ist, wird im eigenen Verhalten immer auch eine gewisse Portion davon entdecken. Aber es macht einen Unterschied, ob ich Spielsteine oder Menschen jage. Und die Grenze, wo aus Spaß blutiger Ernst werden kann, ist oft fließend. Auch ist der Missbrauch von Kindern ein Verbrechen, für das es keine Entschuldigung gibt. Dennoch rechtfertigt die Verfolgung der Straftat keine Lynchjustiz, ist es verantwortungslos, eine Liste vermeintlicher Täter zu veröffentlichen. Originalgeständnisse von Schwerverbrechern als neuester Schrei von "Court-TV" in USA heizen die Fantasie zusätzlich an.
"Hosanna dem König der Juden" und wenige Tage später "Kreuzige ihn" - Zustimmung und Ablehnung der Massen liegen nahe beisammen. In erschreckender Weise lassen sich Menschen manipulieren, damals wie heute, und wer auf der Klaviatur der Demagogie zu spielen weiß, vermag vieles. Heute sind es vor allem die Massenmedien, die ein öffentliches Klima schaffen. Sie tragen eine ungeheure Verantwortung, die weit über die Verantwortung für Absatzzahlen und Quoten hinausgeht. Aber auch die Mediennutzer können sich nicht von Verantwortung freisprechen. Die Empörung über die englische Boulevard-Presse oder über die rechtsradikalen Gruppen ist schnell ausgesprochen, läuft aber Gefahr, scheinheilig und unglaubwürdig zu sein, solange man gierig entsprechende Berichte konsumiert und "Big Brother", "Court TV" und "Reality Run" zu großen Hits in der Zuschauerbeteiligung werden.
Michaela Pilters
Publizistische Dickschiffe
Eigentlich, so drängte es sich mir in der letzten Woche auf, sollte ich an dieser Stelle doch mal was über journalistische Sorgfaltspflicht schreiben. Darüber, wie man mit Gerüchten umgeht, und darüber, wie die "Grossen" der Fussballbranche sie lancieren, sie nutzen und - offensichtlich - Allianzen mit den Medien suchen, um ihre Interessen durchzusetzen. Ich sollte doch was über Ehrlichkeit, Anstand und Achtung vor der Würde eines jeden Menschen schreiben.
Doch fehlt mir dazu die entscheidende Quelle. Ich werde an dieser Stelle nicht im Indikativ über Vorgänge und Quasi-Fakten rund um einen Fussballlehrer schreiben, den ich nicht persönlich kenne, zumal ich auch um die näheren Fakten nichts weiß. In den vergangenen Tagen habe ich mehrfach lesen können, wie Bekannte und Unbekannte unserer Branche, publizistische "Dickschiffe" und solche, die sich dafür halten, schnelle Urteile gefällt haben. Es tut unserer Branche nicht gut, wenn man tagesaktuell, ja sogar von einer Stunde auf die andere, Urteile fällen soll, ohne Zeit für eine gründliche Recherche zu haben.
Natürlich: Die "AZ" in München hat sich entschuldigt. "Bild", die stets Herrn Daum protegierte, fährt jetzt den Kurs: "Kranke sind nicht zurechnungsfähig, nicht unsere Schuld" und beschreibt einen "Sumpf", von dem niemand etwas zu wissen vorgibt. Frau Christiansen versuchte, aus dem "Fall Daum" auf die höhere "Meta- Ebene" zu springen - und landete im tagesaktuellen Hauen und Stechen, in das dann auch noch eine Ministerin hinein gezogen wurde.
Nein, es fehlt an Wissen, vor allem an der Aussage des "Schuldigen" (Opfers, Täters, Kranken?), um hier eine Analyse der Rolle der Medien in der Sport-Tragödie stellen zu können. Dies wird Aufgabe der Zeitschriften sein, die als "Publizistische Dickschiffe" wöchentlich erscheinen und traditionell auf der Grundlage sorgfältiger Recherchen ihr (so sollte es jedenfalls sein) Urteil fällen oder zumindest mit Fakten dem Leser Entscheidungshilfen geben, sich sein eigenes Urteil zu bilden.
Es ist daher sehr bedauerlich, wenn eines der "Dickschiffe" des christlichen Medienbereiches, das "DS" in Hamburg, eingestellt wurde. "Chrisma", das Nachfolgeblatt (s. S. 9/10 dieser "Informationen") hat nicht mehr den Ansatz des klassischen Wochenzeitungsjournalismus. Qualitätsjounalismus kostet Geld, das zeigen im katholischen Bereich die Aufwendungen für den stark subventionierten "Rheinischen Merkur".
Auch hier will man sich mit einem Fernseh-Magazin dem (wie es "Chrisma"-Chefredakteur Arnd Brummer ausdrückte) "religiösen Swinger" zuwenden. Die innerhalb der katholischen Medienlandschaft immer wieder gestellte Frage nach dem "publizistischen Gesamtkonzept" drängt sich auf, zudem die Frage, wie wichtig es der Kirche ist, Qualitätsjournalismus zu unterstützen. In diesem Zusammenhang wird es interessant sein, die Entwicklung des neuen "Weltbild"-Magazins zu verfolgen.
Christian Frevel
Advent vor Totensonntag
Samstag vor Totensonntag in Magdeburg: Mit Rummel und zentraler Kling-Glöckchen-klingeling-Beschallung wird der Weihnachtsmarkt eröffnet; der Weihnachtsmann seilt sich von der Johanniskirche am Markt zum Rathaus ab. Die City-Geschäfte schließen erst um 20 Uhr. Zwischen gebrannten Mandeln und Bratapfel aber schwelt ein Streit weiter, der erbitterte Kampf um den Eröffnungstermin: Vehement hatte sich Oberbürgermeister Polte dafür eingesetzt, den Weihnachtsmarkt traditionsgemäß erst am Montag nach Totensonntag zu starten. Polte pochte darauf, dass auch die Stadt Magdeburg den Totensonntag als besonderen kirchlichen Gedenktag abwarten solle. Ganz anders sahen das die Innenstadthändler und die Veranstalter des Weihnachtsmarktes: Dieser zusätzliche Sonnabend mit Weihnachtsmarkt und verlängerten Geschäftszeiten bis in den Abend, das verheiße einen "Klasse-Samstag" mit deutlich mehr Umsatz für die gesamte Innenstadt, zumal in dieser ohnehin kurzen Adventszeit. Der Streit eskalierte, bis sich schließlich der Oberbürgermeister zähneknirschend der Mehrheit des Rates fügte, mit dem veröffentlichten Fazit: "Geld regiert eben die Welt". Die City-Geschäfts-Manager hingegen triumphierten mit den Worten, diese Entscheidung sei "ein Meilenstein für den Magdeburger Einzelhandel". Lediglich am Totensonntag selbst musste auch der Weihnachtsmarkt (noch?) einen ungeduldigen Ruhetag einlegen. Mit diesem Früh-Start des Weihnachtsmarktes blieb Magdeburg übrigens reichlich allein: Von Dresden bis Hamburg, auch in Sachsen-Anhalts Kulturhauptstadt Halle, startete die "heimliche Zeit" erst nach dem letzten Sonntag im Kirchenjahr.
Somit könnte ich den Mageburger Weihnachtsmarkt-Streit als Episode beiseitelegen; doch sind vier Folgerungen bemerkenswert:
Erstens: wenn der stillschweigende Konsens ausgedient hat, gibt es immerhin noch eine Kontroverse um den gesellschaftlichen Wert des kirchlichen Gedenktages; aber:
Zweitens siegt leichterhand der Druck derer, die christliches Denken und Fühlen sowie Tradition und Sinn mit lautem Kassenklingeln in den Graben abdrängeln.
Drittens: Die meisten Wortführer der zweifelhaften Sieger müssen sich vorhalten lassen, sie hätten ihre christlich-abendländische Sozialisation aus den alten Bundesländern vielleicht noch mitgebracht, aber einfach ersticken lassen, irgendwann, ganz ohne Phantomschmerz. Und schließlich: Streit um die Bedeutung und Aktualität christlicher Werte und Traditionen braucht nicht nur die Kraft des Arguments; dieses Argument braucht auch genügend Überzeugungskraft, geistiges Gewicht. Dies zu prüfen geht nur durch all-tägliches Wiegen.
Wenn ich also will, dass die Weihnachtszeit nicht schon am 2. Weihnachtstag endet, wenn ich will, dass der Advent nicht beliebig vorverlegt wird, nur damit die Kasse stimmt, dann will ich bei guter Gelegenheit deutlich machen, welchen Sinn diese lichtvolle Zeit wirklich stiftet.
Herzlich Ihr
Winfried Bettecken



