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home > Geistliches Wort > Juni 2010

Mittel.Punkt.

Mein Mund soll von deinen Wohltaten sprechen den ganzen Tag. Ps 71,15

Die Exkommunikation Gottes

Ein aufmerksamer Zuhörer sagte mir nach meinem Vortrag vor Wirtschaftsleuten: „Sie haben die ganze Zeit nicht einmal das Wort „Gott“ gebraucht.“ Ich musste ihm Recht gegen. Meine Begründung: „Ich möchte auch jene erreichen, die der Religion skeptisch gegenüber stehen. Sie sollen mich akzeptieren als Gesprächspartner, der mit ihnen auf Augenhöhe redet.“ Soweit, so schlecht. Denn die Frage meines Zuhörers machte mir die Kehrseite dieser Anpassung bewusst: Um mit Menschen außerhalb des religiösen Settings im Gespräch zu bleiben, spreche ich nicht mehr von Gott.

Ganz davon abgesehen, dass sie dies jedoch genau erwarten: Mein Verhalten ist dramatisch. Im Gespräch mit Gott bete ich ihn an als Quelle meines Lebens. Ich bekunde ihm meine Liebe. Er gibt mir den Maßstab für mein Leben. Seine Gnade durchflutet mich. Sie erhebt mich über alle Daseinsängste und hilft mir Tag für Tag die Logik der Selbstsucht zu überwinden und ein fröhliches „für euch und für alle“ zu leben. Tauche ich aber in der Gesellschaft an Stellen auf, die nicht kirchlich oder christlich sind, bekomme ich einen trockenen Mund. Ich will verständlich sprechen, möchte meine Mitmenschen nicht vereinnahmen, will nicht fundamentalistisch genannt werden. Mit einem Wort: Ich möchte nicht exkommuniziert werden. Und exkommuniziere kurzerhand Gott aus meiner Kommunikation. Man muss dem evangelischen (!) Berliner Soziologen und Medientheoretiker Norbert Bolz nicht in allem folgen, was er von sich gibt. Was er kürzlich sagte, er von sich gibt. Was er kürzlich sagte, hat mich getroffen: „Ich finde großartig an den letzten beiden Päpsten, dass sie erkannt haben, welche Kraft in der Antimodernität stecken kann. Und ich glaube, dass es gerade das ist, was sie für viele auch ‚attraktiv‘ gemacht hat. Sie waren einerseits alle beide medienbegabt, aber doch in ihrer dogmatischen Haltung ‚halsstarrig‘, halsstarrig für Gott.“ (DT, 23. Mai 2010)

Nun ist Halsstarrigkeit gerade das, was ich fürchte, man könnt es mir nachsagen. Trotzdem hilft mir dieser Begriff, meine Hemmung zu verstehen, vor den Menschen, die sich nicht Christen nennen, von Gott zu sprechen. Ich vermute nämlich auch bei ihnen einen halsstarrigen Modernismus, gar Atheismus. In den letzten Monaten fand ich dafür auch schmerzliche Beweise. Es gab hie und da etwas von einem journalistisch sich gebenden Aufklärungswillen, dem es an kritischer Distanz zum eigenen Furor mangelte (bei allen Fehlern der kirchlichen Kommunikation, die ich nicht kleinreden will). Beim ÖKT ließ sich auch Münchens Oberbürgermeister Ude derart vernehmen.

Seine Ratschläge für die katholische Kirche waren im Zusammenhang eines Grußwortes völlig deplatziert, ja unhöflich. Sie sind nur verständlich auf dem Hintergrund eines Klimas, das die undifferenzierte Verhärtung in der eigenen Meinung bei sich selber nicht wahrnimmt und diese stattdessen ständig dem anderen vorwirft.

So unerquicklich solche Erfahrungen sind: Sie zeigen mir mehr und mehr, dass es tatsächlich wieder mehr Stärke – Halsstarrigkeit bleibt mir ein fremdes Wort dafür – braucht, von Gott zu sprechen. Kirche wünsche ich mir mehr und mehr als einen Ort in der Gesellschaft, in der wir als Menschen von heute zu verständlicher Sprache und Form finden, die „Wohltaten Gottes“ zu verkünden. Wir brauchen zuerst unter uns eine neue Kultur der Rede von Gott, des Bezeugens seiner Herrlichkeit, des Preisens seiner Werke. Ich muss gestehen, dass sich diesbezüglich bis in die Klöster hinein eine geistliche Sprachlosigkeit oder wenigstens doch Einfallslosigkeit breitgemacht hat – und wenn schon dort, um wie viel mehr dann wohl in den immer lichter werdenden Reihen der Gemeinden vor Ort?

Mittlerweile spreche ich nach innen wie nach außen hin wieder mehr von Gott. Er bringt sich durch aufmerksames Fragen unserer Zeitgenossen selber ins Gespräch. Seine Gegenwart, so ging mir auf, lässt mich eher Fragen ertragen und auch selber stellen, als immer nur Antworten abzuspulen. Noch übe ich, in Diskussionen nicht sofort eine richtige Antwort hervorzukramen. Ich will mich lieber eine Frage länger zu dem Fragenden stellen. Für ihn, wie sich schon gezeigt hat, und für mich, eine der Wohltaten Gottes.

Ihr Bruder Paulus

Mittel.Punkt. wird gestaltet und verantwortet vom geistlichen Beirat der GKP, Br. Paulus Terwitte, Kapuziner


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