Wir bekennen die eine Taufe zur Vergebung der Sünden.
Das neue Jahr, so heißt es, wird aus dem alten geboren. Wir können die Vergangenheit nicht zu den Akten legen. Und was vor uns liegt, können wir nur erahnen. Viele suchen nach einem Guckloch in die Zukunft. Keine Publikumszeitschrift ohne Horoskop-Ecke. Wir suchen nach Sicherheiten. Der Philosoph Martin Heidegger sagt, wir Menschen seien Wesen, die sich ängstigen, und zwar deswegen, weil wir Zukunft haben, aber nicht wissen, wie sie uns gesinnt ist. Also dann doch der Blick zurück. Woher kommen wir, woraus leben wir? Odo Marquard, ein weiterer Philosoph, meinte einmal: „Ohne Herkunft keine Zukunft.“ Ob wir wollen oder nicht, wir können die ganze Vergangenheit nicht immer und zu jeder Zeit hinter uns lassen. So sehr wir es versuchten: Keiner kann mit der Unschuld eines Kindes, noch dazu beliebig oft, bei Null und ganz neu beginnen.
Oder vielleicht doch? Hinter der kirchlichen Formel von der „Taufe zur Vergebung der Sünden“ steckt die Botschaft, dass es einen radikalen Neuanfang gibt. Das ist mehr als die genannte landläufige Einstellung, man könne – dazu noch beliebig oft – mit guten Vorsätzen das vor einem liegende Leben einfach neu beginnen. Die Taufe ist nicht die Meisterleistung eines Menschen, der sich bessern will. Es geht nicht um einen weiteren, nun spirituellen Baustein im gnadenlosen Kosmos der Moderne, die den Menschen dazu verurteilt, sich selber im Sinn zu erhalten.
Die Rede von der Taufe zur Vergebung der Sünden spricht von einem Gott, der die Vergangenheit der Menschheit in sich aufnimmt. Ihre Herkunft wird von historischer Schuld gereinigt kraft des historischen Kreuzesleidens Jesu. Als Sohn Gottes von Ewigkeit her, hat er in der Zeit die Sünde der ganzen Weltgeschichte ein für alle Mal abgebüßt. Durch die Taufe wird der Mensch in diese Liebestat eingetaucht. Er bekommt einen neuen ewigen, göttlichen Erstbezugspunkt. Nun hat er sich nicht mehr allein von seiner Vergangenheit her zu verantworten, sondern lebt hauptverantwortlich allein dem Sohn Gottes gegenüber: „Christus, gestern und heute, Anfang und Ende, Alpha und Omega. Sein ist die Zeit und die Ewigkeit. Sein ist die Macht und die Herrlichkeit in alle Ewigkeit. Amen.“ (Liturgie der Osternacht)
Die Herkunft aus dem Bad der Taufe ist unsere Zukunft. Die Fratze der Vergangenheit wird vom Antlitz des auferstandenen Herrn überstrahlt, der dem Tod die Macht genommen hat. Christen fangen nicht bei Null an, sondern bei der Person Jesu Christi, der Person des Heiligen Geistes und bei der Person des Vaters im Himmel.
Unsere Hoffnung nährt sich nicht aus oft nur leeren Vorsätzen für ein besseres Leben. Für uns ist das Leben immer besser, solange wir es aus der Geborgenheit im dreifaltigen Gott leben. Und aus einer Verantwortung, die keinen anderen Herrn kennt als den „Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist“ (Eph 4,6).
„Hauptsache mit Gott!“ antworte ich den vielen, die mir auf meine Neujahrswünsche hin antworten: „Hauptsache gesund!“ Die großen Fragen und Anfragen des Lebens brauchen weniger Lösung und mehr Erlösung. Oder hat in den vielen Worten der Lösungssuche um die Wirtschaftskrise jemand gehört, wie jemand um Vergebung bat? Solange wir nur aus dem Alten das Neue schaffen wollen, wird es nichts wirklich Neues geben unter der Sonne.
Alle wirkliche Erneuerung ist gottbewegt. Gott nimmt uns die Angst vor der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Lassen wir ihn wichtig sein in unserem beruflichen Alltag. Dafür gebe uns Gott im Neuen Jahr Zeiten des Gebetes und Zeiten des Nachdenkens über die Botschaft des Evangeliums.
Ihr Br. Paulus Terwitte ofm.cap
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