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Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands e.V.

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Texte von Br. Paulus Terwitte ofm.cap. aus dem Jahr 2008

Januar

Der am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht. Joh 1,18

Welchen Kündern glaubt man noch? Digital lässt sich soviel vorstellen, dass die Frage nach dem, was dahinter ist, nach dem Echten und Wahren also, zu ganz neuen Ehren kommt.

An Epiphanie feiern wir eben nicht eine Erscheinung (als gäbe es dahinter die – graue – Realität). Wir feiern vielmehr, dass die Realität erscheint, auf deren Grundlage oder besser: Durch die alles erst wirklich werden kann.

Ich möchte Sie, liebe Kollegin, lieber Kollege, gleichsam als Beleg dafür mit nach Albanien nehmen. Dort lebt seit fünf Monaten mein Bruder Andreas. Der Kapuziner sitzt nach den Weihnachtstagen im einzig warmen Zimmer des bescheidenen Klosters der Kapuziner in Albanien und lässt die vergangenen Tage Revue passieren: Am Stephanstag um 9.00 Uhr hatte ich den Gottesdienst in Qaf Mali, wo wir in einem schäbigen Klassenzimmer die Gottesdienste feiern können. Der kleine Ofen, den wir mit etwas Holz in Gang gebracht hatten, verbreitete kaum mehr als eine Ahnung von Wärme. 15 Personen – 3 Frauen, 7 jugendliche Mädchen, 3 Jungen und 2 kleine Mädchen – waren zum Gottesdienst gekommen.

Dann waren noch Br. Gjon, Sr. Teresa und ich da. Der Gesang war erstaunlich kräftig. In meiner Predigt hatte ich davon gesprochen, dass nicht den Großen und Mächtigen die Geburt Jesu verkündet wurde, sondern den Kleinen und Armen: den Hirten auf den Feldern von Bethlehem. Die Leute waren ganz still. Zu den Fürbitten habe ich das große Jesuskind aus Ton, von den kleinen Schwestern von Charles de Foucauld gefertigt, herum gegeben. Wer wollte, konnte dann laut eine Fürbitte formulieren oder seine Bitte leise dem Jesuskind sagen. Ich war überrascht, dass die Leute hier ohne Scheu ihre Bitten aussprachen: um ein Ende des Hasses zwischen den Familien, um Frieden und Harmonie, für den kranken Opa, für die Kinder und die Jugendlichen … Weihnachten war ganz greifbar und nah.

Danach hatten wir dann den zweiten Gottesdienst in Lumardh. Auf dem verschneiten Waldweg haben wir Anton, einen 13-jährigen mitgenommen. Er wollte den Schlüssel für den Gottesdienst in der Schule abholen. Der Direktor hat ihn aber trotz der Absprachen vorher nicht herausgegeben. So mussten wir uns auf einen Weihnachtsgottesdienst im Freien einstellen. Gott sei Dank hatte die Schule einen Eingangsbereich mit einer Überdachung 5 x 5 Meter. Aus einem nahegelegenen Haus wurde ein kleiner Tisch geholt. Aus zwei zusammengebundenen Ästen haben wir ein Kreuz errichtet. Ein Dachziegel, der herumlag, diente als Unterlage für das Jesuskind, das nun darin auf einem kleinen weißen Tuch ruhte. Es hatte angefangen zu tauen, vom Dach rieselten die Tropfen. Nach und nach kamen die Leute mit Winterkleidung, Mützen und Gummistiefeln. Man war Kälte und das raue Klima der Berge gewöhnt. Insgesamt waren wir 24 Personen, bunt gemischt: Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Auch ein Baby, in eine warme Decke gehüllt, war dabei. Die Leute standen dicht gedrängt um den Altar und die kleine Krippe. Mit Andacht nahmen auch sie anstelle der Fürbitten das tönerne Jesuskind in die Arme. Mit den Bitten waren sie diesmal eher zurückhaltend. Aber insgesamt war eine große, fast feierliche Freude der Menschen spürbar. Mir kam etwas in den Sinn von Greccio und dem Weihnachtsfest, das Franziskus dort inszeniert hatte. Und in meiner Predigt hieß es: „Jesus wurde geboren in einer Situation, absolut arm, ohne jeglichen Standard und Luxus, in einem Stall, mit Mist und Dreck, Gestank und in Kälte. Jesus wurde bei ganz einfachen Menschen geboren, draußen vor der Stadt, weil in der Herberge kein Platz für ihn war. Jesus wurde geboren bei Menschen des Alltags, bei Menschen wie uns.“ Diese Botschaft, glaube ich, haben diese einfachen Leute aus den Bergen verstanden.

An vielen Orten dieser Welt wird ganz bescheiden und mit großer Kraft die alte und doch immer neue Kunde gebracht. Ob Schneidetisch oder Tastatur, Mikrofon oder Kamera: Es ist oft nur ein kleiner Rahmen, in dem wir arbeiten. Doch im Glauben an die Realität Gottes können wir uns gerade da mit voller Kraft für die Kleinen, für Wahrheit und Recht einsetzen – auch wieder im Neuen Jahr 2008 (unserem kleinen Jubiläumsjahr).

Ihr Br. Paulus Terwitte ofm.cap

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Februar 2008

Mittel.Punkt

Also kehrt um, und tut Buße, damit eure Sünden getilgt werden. Apg 3,16

Die österliche Bußzeit soll den Geist lichten. Stattdessen verdunkelt allein schon das Wort „Buße“ bei den meisten Zeitgenossen die Gedanken. Als Kapuziner denke ich an den sonst doch so fröhlichen Franziskus von Assisi und eine doch so selbstbewusste Frau wie Klara von Assisi. Beide, ganz vom Dualismus geprägt, fasten und töten sich ab und sind so streng mit ihrem „Bruder Esel“, dem Leib, dass ich es kaum verstehen kann. Buße sieht dann so aus wie eine Art Abwende-Bewegung: „Ich verließ die Welt“, fasst Fanziskus seine radikale Lebensbekehrung zusammen, die er vollzog, nachdem er einen Aussätzigen geküsst hatte. Sein „weg von der Welt“ drückt sich dann zwar auch aus in einer Art Verachtung des Genießens der Dinge in dieser Welt. Augenfällig ist aber auch, dass das „weg von der Welt“ für Franziskus und Klara ein „Weg in die Welt“ wird. Beide initiieren eine Bewegung spezifischer Büßerinnen und Büßer. Sie wollen mit ihrem Verlassen der „Welt“ eben nicht an einen weltlosen Ort geraten, im Gegenteil.

In seinem Testament schreit der Poverello über seine Bekehrung: „So hat der Herr mir, dem Bruder Franziskus, gegeben, das Leben der Buße zu beginnen: denn als ich in Sünden war, kam es mir sehr bitter vor, Aussätzige zu sehen. Und der Herr selbst hat mich unter sie geführt, und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen. Und da ich fortging von ihnen, wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süßigkeit der Seele und des Leibes verwandelt. Und danach hielt ich eine Weile inne und verließ die Welt.“ Franziskus öffnete die Klausur des Gefangenseins in sich selber und umarmte einen Ausgestoßenen. Er ließ sich von der sozialen Not, die ihm da entgegentrat, unmittelbar anrufen. Franziskus machte auf diese Weise eine fundamentale Erfahrung mit sich und mit Gott. Und dies mitten in der Welt. Das hat Folgen. Franziskus kehrte um von seinem Weg in einer ganz bestimmten Welt: einer Welt, die geprägt war (und ist) durch ein beständiges Kreisen um den eigenen Reichtum und die herzlos alles an den Rand drängt, was die Perspektive stetigen Reicherwerdens stört. Franziskus zieht es in eine andere Welt: in eine Welt, die Barmherzigkeit kennzeichnet und selbst die in die Mitte zurückholt, deren Aussetzung mit besten Gründen betrieben wurde. Er ahnt, dass Gott ihn mit der Wirklichkeit umarmt, die er wortwörtlich begreifen will. Alles in der Schöpfung ist der Ort, an dem Gott wirken kann. Unfriede, Sünde und Tod schrecken den Heiligen nicht.

Wer sich zu Gott bekehrt, wird radikal Welt zugewandt. Er will Ausgrenzung jeder Art widerstehen. Er will Gott weniger innerlich erfahren, sondern im Gehen bis zum Äußersten. Für Franziskus zielt Umkehr auf eine erneuerte Welt, zu der jeder beitragen kann. Die Brüder unterwegs und die Schwestern, in der Klausur zwar, verzichten auf jede Art der Absicherung. Täglich neu wollen sie die Hände ausstrecken und sich gewahr bleiben, dass sie Gottes und eines jeden Menschen Wohltaten bedürfen.

Wir sind Bettler, das ist wahr (Luther). Buße klärt den Geist auf, wie es um die Sache des Menschen steht. Er muss der Versuchung widerstehen, sich ohne Gottes und der Menschen Gnade falschem Selbstgenügen (oder Selbstvergnügen) hinzugeben. Hier hat der freiwillige Verzicht sein Recht: Wir bleiben für Gott und die Mitmenschen nur offen, wenn wir uns bedürftig halten. Buße macht neugierig auf das, was Gott und die Welt für uns bereithalten. Sie macht empfänglich für Gott und erleuchtet unsere Wahrnehmung der Welt, auf dass wir erneuert darin Handeln.

Eine gesegnete österliche Bußzeit!

Ihr Br. Paulus Terwitte, Kapuziner


März 2008

Er ist nicht hier. Mt 28,6a

Welchen Weg macht die Religion zur Zeit? Der internationale „Religionsmonitor“ hat unter 21.000 Menschen in 21 Staaten und unter Angehörigen aller Hochreligionen deren Einstellung zur Religion erhoben. Danach entspricht die Haltung der Deutschen einem westeuropäischen Trend: Der Glaube hat weit mehr Einfluss auf den Alltag als gemeinhin angenommen wird.

Deutlich mehr religiöse Menschen als hierzulande finden sich durchschnittlich noch in der Schweiz, in Italien oder Polen. Weniger religiös „Musikalische“ findet man dagegen in Frankreich und Großbritannien.

Ganz anders sieht es in den Vereinigten Staaten von Amerika aus. Dort können 89 Prozent der Befragten als religiös eingestuft werden, unter ihnen sogar 62 Prozent als hochreligiös. Zu den religiösesten Ländern der Welt gehören im Rahmen dieser Erhebung Nigeria, Brasilien, Indien und Marokko. Hier konnte der internationale Teil des sogenannten „Religionsmonitors“ über 96 Prozent Gläubige identifizieren. Und noch ein Detail: Für den westeuropäischen Trend war auffallend, dass die Alten sich mit dem Glauben mindestens ebenso sehr schwer tun wie die Jungen.

Und noch etwas: Unter den Mitgliedern der beiden großen christlichen Kirchen ist jeder Sechste nicht religiös. Aber jeder Dritte unter den konfessionslosen Menschen hält sich für religiös. In der Gesamtbevölkerung Deutschlands haben Religion und Glaube bei jedem fünften Bundesbürger einen enorm hohen Stellenwert: Sie gehören zum eigenen Selbstbewusstsein und beeinflussen die Alltagsgestaltung.

Dr. Martin Rieger, Projektleiter der Bertelsmann Stiftung, in deren Auftrag der Religionsmonitor für Deutschland erstellt wurde, stellt fest: "Wir können ein langfristiges Aussterben der Religion in Deutschland, wie es immer wieder behauptet wird, definitiv nicht bestätigen. Aber ob es umgekehrt auch eine Renaissance des Glaubens, z.B. in der Jugend gibt, können wir ebenfalls nicht sagen. Das wird erst eine Wiederholung des Religionsmonitors zeigen. Fest steht, es gibt eine große Stabilität des religiösen Bewusstseins in breiten Bevölkerungsschichten, das aber sehr vielfältig ist.“

Bei allem, was am recht ungenauen Begriff von Religion oder Glaube in dieser Studie zu kritisieren ist: Mit der schon länger diskutierten Sinus- Milieu-Kirchenstudie hilft sie uns Katholiken, die Wirklichkeit wahr zu nehmen. Es muss doch zu denken geben, dass jeder sechste von „uns“ sich für nichtreligiös hält. Und ich erinnere mich noch gut, wie mich als junger Priester erstaunte, dass laut einer anderen Umfrage jeder fünfte Gottesdienstbesucher angebe, nicht an die Auferstehung Jesu zu glauben.

Mittlerweile habe ich aber herausgefunden, dass ein Reflexionsprozess, der bei Defizit-Erfahrungen einsetzt, nicht fruchten kann. Erfolg war und ist keiner der Namen Gottes (Buber).

Der Religionsmonitor und andere Studien bleiben deshalb für mich Sehhilfen. Und wie schön, wenn uns manches darin, irdisch gesehen, noch hoffen lässt.

Die christliche Reflexion hat jedoch einen anderen Ausgangspunkt. Ihr geht es nicht um Erfolg, Religion und Glaube allgemein. Sie lebt von der Frage nach Gott, nach Jesus, nach einem DU: Wann habe ich den Herrn vor mir gesehen? Lebe ich die Freundschaft heute, die mir anzubieten er nicht aufhört?

Die österliche Botschaft ist wahrhaft anregend: Da, wo du Jesus suchst, da ist er nicht. Er geht dir voraus! heißt es bei Matthäus (vgl. M 28, 6f.).

Ich wünsche Ihnen österliche Augen beim Wahrnehmen der politischen, sozialen und kulturellen Wirklichkeiten. Dem allen voraus geht ER.

Ihr Br. Paulus Terwitte


April 2008

Von der ganzen Fülle Gottes erfüllt. Eph 3,19

Der Gesellschaft gehen die Christen aus. Aber nicht nur das. Es gehen ihr auch die Politiker aus. Die Wähler. Und – kaum zu glauben angesichts der Arbeitslosigkeit - bald auch Ingenieure, Ärzte usw.

Die Nachwuchsprobleme liegen auf der Hand. Die hessischen Finanzbehörden erhielten kürzlich einen Brief aus dem Ministerium, in dem die Mitarbeitenden gebeten wurden, sich doch bitte mal in ihrem Umfeld umsehen. Man habe nicht genug Bewerber für den gehobenen Dienst.

Kein Wunder, dass die Personal- Agenturen seit etwa zwei Jahren wieder volle Auftragsbücher haben. Das Recruiting, wie es neudeutsch heißt, gehört zum festen Ausgabeposten eines Unternehmens. Es ist längst nicht mehr selbstverständlich, dass sich junge Leute um eine Stelle reißen. Ganz davon abgesehen, wie es diesen jungen Menschen geht und was sie wollen: Es ist eine Tatsache, die mittlerweile durch die Schließung von Kindergärten, Grundschulen und dann auch weiterführenden Schulen augenfällig wird: Es gibt tatsächlich immer weniger Kinder. Und wenn es welche gibt, sind sie von immer älteren Eltern. Sollte sich der Trend fortsetzen, sterben auch die Großeltern aus: Jedenfalls werden immer weniger Omas und Opas ihre Enkel heranwachsen sehen.

Nun wirkt es sicherlich merkwürdig, dass gerade ich diese Entwicklung beklage. Schließlich habe ich mich selber dazu entschlossen, keinen Nachwuchs in die Welt zu setzen. Dafür führe ich sogar noch religiöse Motive an: Tatsächlich begründen wir Ordensleute unsere Lebensweise mit der Behauptung, dass Gott selber Menschen dazu auswähle, auf diese Weise zu leben. Ausgerechnet der, der uns gesagt hat „Seid fruchtbar und mehret euch!“ begabt einige Gläubige damit, dies nicht zu tun. Als Signal für ihn. Als Signal für ihn als Schöpfer des Lebens. Das ist für viele Zeitgenossen kaum nachzuvollziehen. Auch innerkirchlich stößt man auf Unverständnis.

Wenn man davon redet, dass Jesus selber Menschen zu dieser Art Leben beruft, stimmt dies längst nicht mehr mit jedermanns Jesus-Bild überein. Ich erlebe eher, dass mir bedeutet wird, es sei mein „Problem“, wenn ich so leben wolle. Als sei es das „Problem“ der Verheirateten, in der Ehe zu leben oder auch, darin Nachkommen zu empfangen. Oder auch nicht. Aber so darf man das meiner Meinung nach nicht sehen. Mann und Frau haben sich schließlich nicht füreinander geschaffen, sondern sind von Gott füreinander geschaffen worden. Aus seiner Fülle sind die Liebenden einander zugetan. Vor ihrer Wahl liegt die Wahl Gottes.

Leider wird im Alltag oft vergessen, dass da Gott es ist, der kreiert, schafft und ins Leben ruft, einer, der über alle Wechselfälle des Lebens erhaben ist. Viele machen sich nicht klar, dass aus eben dieser Fülle auch Menschen geschaffen werden, denen „Gott allein genügt“ und die dieser Haltung auch leiblich Ausdruck verleihen können.

Ich möchte Sie bitten, am Welt der Geistlichen Berufe (4. Ostersonntag) um Geistliche Berufungen zu beten. Junge Menschen brauchen Zeugen, die ihnen von der Fülle, die geschenkt wird, erzählen. So werden sie mutiger, sich auf Ehe und Nachkommenschaft einzulassen. Oder selber ein solcher Zeuge zu werden.

Ihr

Br. Paulus Terwitte



Mai 2008

Mittel.Punkt.

Jesus hat sich selbst kraft ewigen Geistes Gott als makelloses Opfer dargebracht Hebr 9,14

Jörg Kürschner musste man es einfach glauben. Die Gruppe von mehr als zwanzig Mitgliedern folgte seinen Schilderungen gebannt. Er berichtete von seiner Zeit in dem Gefängnis, dass er 1979 von innen kennen lernen musste: Das Stasi- Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen. Was man ahnden wollte: Er hat Bücher mit Texten von DDR-Autoren in die DDR eingeführt.

Das Regionalgruppentreffen in Berlin am 29. April führte uns in einen Teil der deutschen Geschichte, der, wie wir erfuhren, von interessierter Seite durchaus gern verschwiegen werden will: Den Umgang des Ministeriums für Staatssicherheit mit den Bürgerinnen und Bürgern der eigenen Gesellschaft.

Kürschner zeigte uns das U-Boot, ein Gefängnistrakt mit Dunkelzellen in der ehemaligen Großküche des Industriebetriebes, der nach dem Krieg in ein Gefängnis der Sowjets umgebaut wurde. Wir folgten ihm in die Schleuse, in der er selber eingeliefert wurde. Wir sahen die Vernehmungsräume, in denen es durchaus auch die Gut-Menschen unter denen gab, die die Gefangenen vernahmen.

Begleitet hatte mich mein Neffe Johannes, 24 Jahre und nicht der einzige junge Mensch auf dem Gelände. Im vergangenen Jahr waren viele Schulklassen unter den über 220.000 Besuchern. Mich begann während der Führung die Frage zu beschäftigen, ob diese jungen Menschen bereit sein würden, an einem Tag X, der nie kommen möge, willige Helfer von Schergen zu werden? So unangenehm mir diese Frage auch ist: Wer rüstet sie für das Dilemma, dem Berthold Brecht mit seiner Mutter Courage ein Denkmal gesetzt hat?

Sie wollte ihre Kinder aus dem Krieg heraushalten. Als sie jedoch einem Feldwebel eine Schnalle verkaufen will, wirbt ein anderer Werber ihren Sohn Eilif an. Sie stellt die Interessen der Händlerin über die Mutter. Ihr Programm, sich gleichzeitig aus dem Krieg herauszuhalten und am Krieg zu verdienen, kann sie nicht verwirklichen. So sieht sie sich gezwungen, auch dem Krieg etwas zu geben.

Es braucht für die moralische Tat den Entschluss, ihretwegen auch Nachteile in Kauf zu nehmen. Mit Mutter Courage führt Brecht vor, dass diese Wahl nicht einfach ist, sondern vielschichtig.

Einmal mehr durchfuhr mich bei unserem Rundgang die Dankbarkeit, Gott auf der Seite der Opfer zu wissen, da er selber Opfer wurde. Dass Jesus sich zum Opfer gar dargebracht hat, hört man in der heutigen Verkündigung selten. Man mag sich nicht vorstellen, dass Gott ein Opfer nötig habe, um sich mit den Menschen zu versöhnen. Nun, er hat es auch nicht. Aber wir haben es nötig. Wir sollen ein für allemal aufhören, Erlösung, Himmel oder Zufriedenheit mit Gewalt zu holen.

Jesus bleibt für uns entschieden bei Gott. Das störte das selbstzufriedene Kreisen von Systemen und Menschen um sich selber. Und es stört sie bis heute. Es macht sie aggressiv. Es demaskiert ihr Gut-Menschen-Getue.

Am eindrücklichsten war für mich bei diesem Rundgang mit Jörg Kürschner, der nachfolgenden Generation in dieser Gedächtnisstätte begegnet zu sein. Es hat mich zum Gebet geführt. Möge der Geist Jesu, den er am Kreuz aufgab, ihre Herzen erreichen. Nur so werden sie befähigt, nicht Täter oder Täterin zu werden. Und bereit, aus Liebe zur Wahrheit, wenn es sein muss, auch Opfer zu werden.

Ihr Br. Paulus Terwitte


Juni 2008

Mittel.Punkt.

Auf dem Markt sprach Paulus täglich mit denen, die er gerade antraf. Apg 17,17

Die sprichwörtliche Kirche wird schon längst nicht mehr im Dorf gelassen. Der Ordnungsruf verhallt, man solle doch maßhalten und alles bitte so planen, dass die Mitte der Gemeinschaft und damit sie selber nicht zerstört werde. So baut man also an den Rändern der Städte neue Tempel, die sich zur Sinnstiftung anbieten. Sogar der kirchlich gewohnte Sprachgebrauch wird übernommen: Man spricht zwar nicht von communio, dafür aber von Community, es gibt auch keine Heiligen, dafür aber Superstars. Diese werden mit einem Kult bedacht, der beachtlich nah am Kitsch bekannter Wallfahrtsorte rührt. Statt Gebetszettel gibt es Tauschbilder, statt flimmernder Wallfahrtskerze eine DVD, die allerlei Überhörendes auf den Bildschirm bringt oder zumindest ins Ohr. Und es gibt in diesen Kathedralen anstelle von Priestern Herren, die sich Master nennen lassen, wie die Sklaven dereinst in Amerika ihre Schänder nennen mussten. Von Showmastern und Talkmastern wird in Übernahme einer fremden Sprache geredet. Das erinnert mich an unsere christlichen Vorfahren in Rom. Sie entlehnten dem Griechischen das Wort für Herr und sangen in den ersten Gottesdiensten statt vom Dominus lieber vom Kyrios. Vielleicht klangen bei den christlichen Römern die Paulus-Briefe sogar modern, weil sie fremdsprachig waren. Und was die Exegeten darin als Anakoluthen bezeichnen, also unvollständige und unverständliche Formulierungen, erinnert mich an so manches, was junge Leute im Hip- Hop-Text formulieren: An der Grenze der Sprache wird wieder und wieder angesetzt, das Unaussprechliche zur Sprache zu bringen. Und wenn es das Böse ist, was sie in der Welt erfahren.

Bevor man mich missversteht: Es gibt natürlich Unterschiede zwischen Hip-Hop und dem Apostel, dem die Kirche ein ganzes Jubiläumsjahr widmet. Mir ist auch klar, dass alles, was so mancher an Religiosität im Fußballstadion erkennen zu können meint, noch längst nicht ein Indiz ist für das Erwachen der Religion in den Seelen der Menschen (vgl. Guardinis Diktum von 1921 vom Erwachen der Kirche in den Seelen der Menschen).

Gleichwohl macht es mich nachdenklich, was in der profanen Welt an Bewegungen zu finden ist, die sich auf Superstars und Gemeinschaftsbildung, Fan–Clubs und Wellness hin bewegt. Das ist eben nicht nur alles Faulenzerei oder Beweihräucherung des Egos. Ich gebe gern zu, dass ich noch nicht das Instrument gefunden habe, wie sich da die Spreu vom Weizen trennen lässt. Es widerstrebt mir immer noch, Veranstaltungen wie „Rock mit Gott“ zu initiieren, wo Menschen sich monatlich treffen können, um mit Musik, Talk und Film in ihrer Sprache sich von der alten Botschaft angesprochen zu fühlen. Und dies von Menschen, die aus ihrer Mitte kommen und sich einladen ließen, ihre Sprache vom Rand der Kirche mitten in sie hineinzutragen.

Im Paulus-Jahr will ich daran denken, dass der Apostel nicht die Strategie hatte: Kauf mein Buch. Lies meine Zeitung. Abonnier meinen Blog. Geh in meine Kirche. Er ging hinaus zu denen, über die man im Dorf die Nase rümpfte. Seine Gottesgewissheit machte ihn stark, in allen Sprachen das Eine Wort Gottes zu bergen, unter dem alle eins werden sollen. Was Petrus großartig an Pfingsten erlebte, wurde Paulus im Kleinen gewahr.

Unser Podium auf dem Katholikentag hat mir auch deswegen gefallen: Die GKP ist Lernort für mediale Entwicklungen auf dem Markt. Und furchtloser Klärort, was davon zur Mitte führt. Und ihr dient.

Ihr Br. Paulus Terwitte


Juli/August 2008

Mittel.Punkt.

… der bleibt in mir … Joh 6,56


Angesichts der Tatsache, dass 400.000 Fachkräfte in Deutschland fehlen, hat die die Wirtschaft Sorgen, ob das Wirtschaftswunderland auch weiterwachsen wird. So hat wie viele, auch BOSCH eine Stelle für „Personal Recruiting“ geschaffen. Darauf sitzt ein Mann, der dazu beitragen muss, dass junge Menschen den Wunsch bekommen, sich bei Bosch zu bewerben. Der Mann ist aktiv. Er hat zur diesjährigen Hannover Messe jungen Studenten und angehenden Ingenieuren eine Busfahrt mit Messeeintritt und Verpflegung angeboten. In Kaiserslautern stiegen ganze vier Studenten zu, in Frankfurt und Kassel waren es dann zwar mehr, aber der Bus wurde nicht voll. Flyer Druck, Plakatentwurf für die Hochschulen, Bus, freies Essen in Restaurants, Eintrittskarten für die Messe – es war ein stattlicher Betrag, den Bosch dafür eingesetzt hatte. Doch nur wenige ließen sich locken, zum Betrieb zu finden, um dann dort, wie es der Betrieb erhofft, zu bleiben nach der Ausbildung.

Soviel Geld habe ich natürlich nicht, als Personal Recruiting Beauftragter für unseren Orden; ich suche ja jene jungen Männer, die den Wunsch entdecken sollen, Kapuziner zu werden. Und auf dem anderen eher privaten Sektor ist es ebenso: Wenn ich es richtig lese, suchen auch Frauen nach Männern, die bereit sind, früh genug Ja zu sagen. Auch da sagen Umfragen, dass (zu?) viele Männer sich das vor dem 35. Lebensjahr gar nicht vorstellen können.

Für den Beruf ist klar: Das Bleiben bei einer Firma wie etwa BOSCH, um dort dann vierzig Jahre zu bleiben, ist mega-out. Heutzutage muss man eine Karriere anzubieten haben, die viele Firmen durchlaufen hat. Man muss von einem zum anderen gehen. Flexibel sein. Binde dich nicht zuviel ein. Vernetze dich zwar, aber halte dich frei. Für die private Entscheidung gilt Ähnliches.

Frei halten? Ja, was ist das denn, frei sein? Ein evangelischer Pfarrer, der Dienstvorgesetzter und Chef von drei evangelischen Kindergärten bei Darmstadt ist, berichtete mir, dass es für ihn immer wieder eine schmerzliche Erfahrung in seiner Tätigkeit als Vorgesetzter in Kindereinrichtungen ist, dass Kinder von Eltern wie eine Störung gesehen werden. „Wir hatten uns noch soviel vorgenommen, und jetzt muss einer wenigstens immer daheim bleiben …“. Dass es Freiheit sein kann, von der Liebe in die Pflicht genommen zu werden: Diese Vorstellung ist weithin aus der Mode gekommen. Man bringt eher die Freiheitsrechte in Anschlag. Fängt man mit Freiheitspflichten an, wird schnell abgewunken. Wir brauchen vielleicht so etwas wie eine neue Klärung im trüb gewordenen Brunnen der Freiheit.

Niemand kann alles je erleben. Das demütig anzuerkennen ermöglicht der Glaube, dass Gott die Fülle gibt. Niemand kann alles und niemand kann überall (gewesen) sein. Aber Gott, der das Alles ist und der überall Gott ist, kann uns von seinem Reichtum geben. Freiheit heißt dann eben nicht, sich nirgendwo, sondern sich irgendwo niederzulassen, mit klarem Verstand gewählt zwar, aber eben doch wissend um das Endliche in der Wahl.

Wenn es auch Exodus- und Wanderschaftsmotive sind, die heute viele ansprechen: Jesus sagt: „Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch.“ Was den Zeitgenossen heute daran eher schreckt, als dass es ihn beruhigt, zeigt ein Liebes-Aphorismus: Sie hat mich in ihr Herz geschlossen; hoffentlich komme ich da wieder raus. Gönnen Sie sich im Urlaub den Blick von außen auf Ihr Leben: Wenn man „mal eben weg“ ist, dann doch auch, um gern (wieder) anzukommen, wo man frei bleiben soll.

Gesegnete Urlaubstage! Ihr Br. Paulus Terwitte


September 2008

Mittel.Punkt.

Alles hat seine Stunde Koh 3,1


Ein Anruf. Ein Freund ist unterwegs nach Freiburg. Er kommt an Dieburg vorbei. Das wäre doch, meint er, eine gute Gelegenheit, mich zu treffen.

Nein, das ist keine gute Gelegenheit. Ich mache ihm klar, dass mich ein solcher Anruf kränkt. Seine Sachen führen ihn nach Freiburg. Das ist wichtig. So wichtig, dass er stundenlang im Auto sitzt. Dafür hat er Zeit. Für mich aber hat er sie nicht.

Immer wieder bekomme ich es mit solchen Vorbeifahrern zu tun. In der Familie sind die, im Freundeskreis und auch im Kollegenkreis. Jedes Mal trifft es mich aufs Neue. Der eine muss (!) nach Frankfurt. Der andere hat am Flughafen zu tun. Ein dritter macht Urlaub in der Nähe. Und ich bin dann das dritte Rad am Wagen der Zeit meiner Mitbrüder, meiner Freunde, meiner Kollegen.

Schon seit längerem habe ich mit meiner Familie und mit einigen Freunden ausgemacht, diese schlimme Form von Beziehungspflege zu beenden. Und ich merke: Das geht. Natürlich ist es immer noch ein sonderbares Gefühl, für einen Geburtstagsabend vier Stunden hin und vier zurück zu fahren. Es macht Mühe, wegen einer Kurzwanderung einen langen Weg auf sich zu nehmen. Das kommt mir dann im ersten Moment so luxuriös vor, dass ich am liebsten umkehren würde. Lohnt sich das denn? nagt eine Frage in mir. Was erlaubst du dir da eigentlich? klingt da als Nächstes auf.

Mittlerweile habe ich mir Antworten auf diese törichten Fragen zurechtgelegt, die auftauchen, sobald ich im Zug bin und für nichts anderes als eine schöne Kaffeestunde zwei Stunden Weg antrete. Die erste Antwort ist klar: Dieser Mitbruder ist mir mindestens soviel wert wie ein Auftritt in einer Fernsehsendung, für den ich natürlich sofort Zeit finde. Meine Verwandten zählen mehr als eine Versammlung von Leuten, die mich für einen Vortrag buchen, zu dem ich oft Stunden unterwegs bin. Auch meine Mitbrüder haben ein Recht darauf, dass ich mir extra für sie Zeit nehme und sie nicht nur nebenbei mal eben besuche, weil es auf dem Weg liegt.

Wenn sich jetzt im September die Terminkalender wieder füllen, bin ich gut vorbereitet. Ich warte nicht, bis mir von außen Termine eingetragen werden. Als erstes trage ich ein, wem ich, weil er mir was wert ist, meine Zeit schenken will. Frei nach dem Motto: Zeige mir, für wen du dir Zeit nimmst, und ich sage dir, wer du bist! wird die Exerzitienwoche eingetragen und auch die Woche, in denen ich mich mit meinen Brüdern treffen will zum Austausch. Ich prüfe in unseren Katalogen, wer einen runden Geburtstag feiert und wähle aus, für wen ich dann einen Tag lang unterwegs sein will. Und meine Mutter: Einmal im Monat oder alle sechs Wochen, habe ich gerne den Tag Fahrzeit im Programm.

Und dann sind da auch noch die Besinnungstage der GKP. Im letzten Jahr hat die Idee nicht recht gefruchtet, nur einen Tag anzubieten. Für 2009 gibt es nun wieder ein Wochenende (mit Sonntag), und das gleich zweimal für die Mitglieder. Auch Familien mit Kindern sind uns dabei willkommen. Bei mir im Kalender stehen sie. Mancher wird sie sich eingetragen haben, als er vorn davon gelesen hat. Andere werden es übersehen haben oder mit Bleistift eingetragen haben – falls noch Wichtigeres kommt.

Wichtigeres? Ein katholischer Verband, so meine ich, braucht Gelegenheiten, an denen sich die Mitglieder gegenseitig bezeugen, wovon sie leben. Und wenn gar nichts mehr hilft: Legen Sie sich einen Termin, z.B. rund um die Zeit in Helfta und kommen Sie vorbei …

Entschiedene Terminplanung für 2009 wünscht Ihnen

Ihr Br. Paulus Terwitte


Oktober 2008

Mittel.Punkt.

Das ist mein Evangelium. 2 Tim 2,8


Es geht um Einfachheit. Die Idee der Computerfirma mit dem angebissenen Apfel setzte sich durch: Eine grafische Oberfläche am Bildschirm führt den Benutzer seitdem intuitiv. Eine Revolution. Endlich musste man nicht mehr komplizierte Formeln hinter einem kleinen blinkenden Rechteck eingeben, um ein Schreibprogramm zu öffnen und damit zu arbeiten. Endlich zeigte die Oberfläche, was sich in der Tiefe des Rechners tat. Microsoft und andere zogen nach. Seitdem braucht keiner mehr ein Hochschulstudium. Seitdem fühlen sich viele wie Eva nach dem Früchtebiss: Als hätten sie Erkenntnis.

Oder doch nicht? Die Einfachheit verführte dazu, die Programme selbst komplizierter zu machen. Immer mehr kann man damit zwar machen. Immer weniger aber wissen intuitiv, was alles. Und stehen ziemlich nackt da, wenn es plötzlich heißt: ERROR.

So beginnt eine neue Suche nach Einfachheit: Wie wäre es, wenn der Computer selbst intuitiv errechnet, was der Benutzer eigentlich will. Sprachbefehle gibt es ja schon; vielleicht wird man ja eines Tages das Denken selbst zum PC übertragen können. Die Tendenz zur noch größeren Vereinfachung der Bedienung von Mac und Windows, iPod und Handheld endet, so weiß der leidgeprüfte Leser von Bedienungsanleitungen, in noch komplizierteren Abläufen, die mit noch weniger Knöpfen einstudiert werden müssen.

Wer immer da auch noch mehr Vereinfachung erfinden will, er wird es wie die Apple- Ingenieure machen müssen: Er wird sich in das Einfachste vertiefen: Alles im Rechner basiert ja auf dem Wechsel von Eins und Null - staunenswert, aber wahr. Die Apple- Leute waren die ersten, die daraus wahrhaft Faszinierendes geschaffen haben. Welches Programm auch immer: Wer nur die Oberfläche kennt, hält sich zu leicht für einen Kenner. Bedienen mag er vieles können, wirklich bewegen nur wenig.

Nur wer radikal, von der Wurzel her, der Dynamik des Einfachen folgt, bewegt nachhaltig. Im Oktober beginnen die franziskanischen Orden ein Jubiläumsjahr: Vor 800 Jahren wurde die Franziskanische Ordensregel von Papst Innozenz III. anerkannt. Die Inspiration dieser letzen seitens der Kirche anerkannten Ordensregel: Einfach das Evangelium leben.

Auch in den franziskanischen Orden ist daraus so manches „Programm“ entwickelt worden. Wir Kapuziner sind eine Frucht daraus. Die Gefahr spüren wir wohl: Wir bleiben fasziniert von der Oberfläche. Die Tradition gibt uns Instrumente in die Hand, die uns eine gewisse einfache Bedienbarkeit des Evangeliums vorgaukeln. Das Ergebnis: Wir wissen viel. Wir können viel. Wir zeigen viel. Der Weg jetzt: Die Grunddynamik eines einfachen Lebens nach dem Evangelium neu zulassen lernen.

Eine evangeliumsgemäße Bildungsoffensive tut not. Nicht nur unserem Orden. Studieren statt Cut and Paste. Einfach radikaler werden.

Ihr Br. Paulus Terwitte



November 2008

Mittel.Punkt.

Euer Reichtum verfault Jak 5,2


Wie man Geld angemessen verwendet, wird viel diskutiert. Wie es erzeugt wird, gerät aus dem Blick. Das geht nicht. Beides gehört zusammen. Geld ist nicht gleich Geld. Es ist nicht neutral. Es hat mit den Menschen zu tun, die es entstehen oder vergehen lassen.

„Gutes Geld“ hat einen guten Grund: Vertrauen in die Gutheit Gottes. Vertrauen in das Geschenk der Schöpfung. Wir haben nichts davon gemacht. Wir finden den Reichtum vor. Wer das achtet, lässt Geld gerne fließen, damit wir miteinander diese Gaben austauschen können. Das setzt Vertrauen voraus, dass neue Gaben kommen werden. Es ist ein Glaube, dass der Fluss immer fließt. Dass alle die Hand öffnen. Öffnen aber kann nur, wer sich woanders festgemacht hat als in der Welt oder im Geld. Man kann nicht lassen, was einem Halt gibt. Nur wer glaubt, so heißt die Konsequenz, wirtschaftet richtig.

Denn, wenn man sich festmacht in der Welt oder im Geld, ist immer alles zu knapp. Ressourcen, Produktionsmittel, Güter, Erträge, Energie, etc. müssen kontrolliert werden. Geizig oder gierig hält jeder fest oder versucht an Besitz zu kommen. So erscheint es als Gebot der Klugheit, dass alles geregelt werden muss in vorausschauende Haushaltsführung, in der „Ökonomie“. Sie wird zum Selbstzweck und verabsolutiert sich. Sie wird zur absoluten, das heißt losgelösten Herrscherin. Sie bestimmt die Logik. Sie bestimmt, wer gibt und wer nimmt. So hat eine von der „Realwirtschaft“ losgelöste „Finanzwirtschaft“ entstehen können, die nun als einstürzender Himmel die Erde unter sich begräbt. „Wie konnten wir nur auf den schülerhaften Fehler verfallen, diese neue Wirtschaft auf das Denken anzuwenden“, stöhnte der Philologe und Byzantinist Erhart Kästner vor bald einem halben Jahrhundert. Und bereits 1642 ahnte der geniale Blaise Pascal, dass die Menschen sich wohl eines Tages auch in unterschiedliche wirtschaftliche Parteien zerstreiten und sich deswegen die Köpfe einschlagen würden wie weiland bei Roms Wagenrennen.

Nur wenn man das Geld als Ding betrachtet, wie alle Dinge der Schöpfung, kann es wirklich dienen. Das setzt Souveränität dem Gegenstand gegenüber voraus. Es braucht eine Widerstandkraft gegen die Verlockungen des anonymen Geldes, die der Fixierung auf das Geld folgt.

Wie können wir dem entgehen? Bestimmt nicht im Trubel von Versprechungen aller Art für das Diesseits nach Art der mitunter zum Life-style-terror mutierten postmo-dernen Form des Faschismus. Eher schon, wenn wir beherzt den Blick auf unser Ende richten. Denn immer noch führen alle Wege auf Erden zum Tod. So ist das Leben.

„Das letzte Hemd hat keine Taschen“, sagt der Volksmund. Da kann man nur staunen, wie sich dennoch alle darin übertreffen, diese Taschen vollzustopfen. Doch – siehe oben – wer darin sein Heil sucht, zerstört, worauf er setzt: Auf den Geldfluss, an dem alle nur teilhaben, wenn alle teilhaben lassen an dem, was allen gehört. Den Erben fällt dann zu, was im Totenhemd steckt. Sie müssen es zu gutem Geld reifen lassen. „Was Du ererbt von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen. Was man nicht nutzt, ist eine schwere Last, nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen.“ (Goethe)

So gehen wir mit Geld gut um: Den Augenblick finden, in dem wir es vertrauensvoll anlegen können. Nachhaltigen Nutzen suchen. Gutes Geld schaffen, das dem Lebensfluss von Erzeugen und Verbrauchen dient. Dem letzten Hemd keinen Cent lassen. Gottgebunden loslassen.

Ihr Br. Paulus Terwitte

nach Gedanken aus: www.wirsinddasgeld.de

Dezember 2008

Mittel.Punkt

Dezember 2008

Das Gewissen des Menschen gibt ihm bessere Auskunft als sieben Wächter auf der Warte. Sir 37,14

Wachet auf, lockt uns die Stimme. Und stell dir vor, nicht alle gehen hin.

Das Adventslied freilich geht davon aus, dass es richtig ist, dem Bräutigam entgegenzugehen. Wegen der Lautstärke der Weckenden? Oder gar wegen ihrer erhöhten Position hoch auf der Zinne? Selbst die Massenbewegung derer, die ihre Lampen nehmen, ist kein Grund, auch selbst aufzustehen. So faszinierend die Bilder von Völkerwanderung sind, die dem Herrn in den Freudensaal folgen: Jeder muss sich zunächst selber vergewissern, ob dieser Weg richtig ist. Nur dann wird die Vielzahl beim Abendmahl im Freudensaal wertvoll.

Das Persönliche zählt mehr als die Konformität in der Masse. Was viele denken, ist noch längst nicht richtig. Keiner kann sich mit dem Fingerzeig auf die vielen um sich herum aus der Verantwortung nehmen.

Die Ankunft dieser einfachen Wahrheit in diese Welt und im Gewissen des Einzelnen erneuert das Antlitz der Erde. Das dieser Advent nötiger denn je ist, erweist sich in den Diskussionen der letzten Wochen um das Gewissen von Abgeordneten.

Klar: Der Demokratie liegen Mehrheitsentscheidungen zu Grunde. Falsch aber ist: Per Mehrheit lässt sich die Wahrheit herausfinden. Daraus ergibt sich ein Spagat, den das Grundgesetz nicht auflöst. Einerseits bestimmt es, dass jene Abgeordnete werden, die die Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigen. Andererseits umgibt es jeden Gewählten mit einem hohen Persönlich-keitsschutz: Er ist allein seinem Gewissen verpflichtet. Der Konflikt zwischen Wählern und Abgeordneten mag noch im direkten Dialog zu klären sein; der Wähler kann sich vergewissern, dass sein Abgeordneter sich zwar anders verhält, als er vorher angekündigt hat, dies aber tun zu müssen meint, da er seinem Gewissen ein höheres Gewicht beimisst: Es kann im Lichte neuer Tatsachen zu neuen Ergebnissen kommen. Die Wähler werden mitgehen, wenn sie erkennen können, dass die Meinungsänderung nicht auf selbstsüchtigen Motiven beruht.

Die Schwierigkeit taucht da auf, wo Abgeordnete nicht direkt gewählt werden, sondern über Listen ihrer Parteien in die Parlamente gelangen. Der Wähler muss einer Partei vertrauen, die richtigen Leute aufgestellt zu haben. Die Gewählten ihrerseits scheinen nunmehr indirekt der Partei mehr verpflichtet zu sein als dem Volk - und kommen in eine unlösbare Spannung, wenn sie der grundgesetzlich verbrieften Pflicht nachkommen müssen, ihrem Gewissen zu folgen, und dieses Gewissen es ihnen gebietet, sich in Gegensatz zu der Partei zu stellen, durch die sie in eben diese Gewissenspflicht hineingekommen sind.

Wie können Parteien im Blick auf den beschriebenen Konflikt sinnvoll arbeiten? Wie entkommen sie dem Verdacht, nur noch solche Mitglieder in die Parlamente gelangen zu lassen, die im Falle eines Falles die Parteiräson höher ansetzen als ihre persönliche Gewissensüberzeugung? Allem zugrunde liegt die Frage, welche Kommunikation in den Parteien gepflegt wird. Gratmesser dafür ist, welche Mechanismen sie sich gegeben haben, den Minderheitenmeinungen Gehör zu verschaffen, die weniger hoch auf der Zinne zu finden sind, mehr jedoch bei Hirten. Interessant, dass von Minderheiten weg Gott einen David oder Amos zu Propheten gerufen hat.

Machen wir uns „auf zum Stalle“. Die Stimme des guten Hirten ruft uns. In seinem Krippen-Mindersein entfaltet er Gottes Kraft. Mit ihm müssen wir alles tun, damit Mehrheiten wertvoll sind.

Ihr Br. Paulus Terwitte




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