Es war zu der Zeit, als es noch keine Azubis gab, sondern Lehrlinge samt den zugehörigen Lehrstellen. Da sagte ein Meister zu seinem Lehrstelleninhaber (richtiger wohl "Lernstelleninhaber"): "Nächste Woche machen wir Konkurs, damit du das auch einmal lernst." Bedenkt man es recht, so ist das ein kluges Ausbildungsvorhaben. Das könnte man aus dem sportlichen Training lernen. In Kampfsportarten - weil fast jeder Sport ein Kampf ist, lassen die sich schwer abgrenzen, aber neben Ringen und Boxen müsste man auch die Mannschaftsspiele wie Fußball, Handball, Hockey dazurechnen - wird nämlich ein kluger Trainer seinen Sportlern beibringen und es einüben lassen, wie man richtig fällt. Dazu kann gehören, dass man sich, wo ein Sturz nicht mehr zu vermeiden ist, nicht dagegen sperrt, sondern den Schwung des Fallens mitnimmt und sich abrollen lässt, um so gleich wieder auf die Beine zu kommen.
Leider fehlt ein solcher Trainer im Alltagsleben, durch das viele stolpern und bisweilen auch stürzen; die Lehrer in der Schule sind es kaum und auch die Eltern nur selten. Obwohl jeder damit rechnen muss, dass auch in seinem Leben Unfälle nicht ausbleiben werden, üben es nur wenige ein, damit recht umzugehen. Wenn man nicht richtig fallen kann, wird aus jedem Fall ein Unfall. Es fragt sich nur, wie man das lernen könnte. In wichtigen Lebenssituationen wird man doch kaum bewusst ein Scheitern und Versagen herbeiführen, nur um sich in derartige Unfälle einzuüben. Aber im Spiel kann man wohl testen, ob man fähig ist, mit einiger Gelassenheit zu verlieren. Menschen, die nicht verlieren können, werden schwerlich unbeschädigt durchs Leben kommen. Viele scheinen von sich selbst ein zu hohes Ideal vor sich herzutragen, so dass sie in ihrem Stolz gekränkt sind, wenn sie diese Vollkommenheit nicht erreichen, und sie schleichen dann angekränkelt durch ihr Leben, durch ihr eigenes Versagen beleidigt, ohne zu bedenken, dass unfehlbare Zeitgenossen meist für ihre Umgebung schwer zu ertragen sind. Weil sie das Risiko, einmal zu stürzen scheuen, kriechen sie langsam dahin, statt wenigstens gelegentlich drauflos zu stürmen, auch auf die Gefahr hin, dabei dann bisweilen zu straucheln. Sie mögen dann weniger Fehler machen als andere, sind aber jedenfalls auch langweiliger und kaum in der Lage, Schwung in ein Unterfangen zu bringen.
Manche vermeiden es sogar, in Gedanken durchzuspielen, was geschähe und wie sie sich verhielten, wenn in einer wichtigen Angelegenheit tatsächlich eine Katastrophe einträte. Das Szenario "of the worst case" nennen das die Englischsprachigen, und man hat leider den Eindruck, dass weder im persönlichen Leben noch bei kirchlichen oder politischen Entscheidungen im voraus ein solches Gedankenspiel häufig durchgeführt wird. "Daran mag ich nicht einmal denken", scheint dann die Devise zu lauten - mit dem Ergebnis, dass man, falls der gedanklich verdrängte Ernstfall doch einmal eintritt, ihm fassungslos gegenübersteht und dann panisch, statt vernünftig vorbedacht, reagiert. Sprichwörter wie "Unverhofft kommt oft" oder der harte Satz Bert Brechts: "Wer nicht sterben kann, stirbt auch" oder gar der pessimistisch übertreibende Spruch: "Alles, was schief gehen kann, geht auch einmal schief" werden nicht zur Kenntnis genommen. Vielleicht kann man sie auch nur in Rechnung stellen, wenn man auch die tröstliche Aussage dazunimmt: "Fallen ist nicht schlimm, nur liegenbleiben." Zum Ganzen aber empfiehlt es sich - auch als Leitspruch fürs Neue Jahr -, die Verse Goethes zu beherzigen: "Eines schickt sich nicht für alle! / Sehe jeder, wie er's treibe, / sehe jeder, wo er bleibe, / und wer steht, dass er nicht falle!"
Albert Keller SJ
Medienschaffende können ihre Produkte auch als Ware ansehen, die es an möglichst viele abzusetzen gilt. Dabei setzt sich die Überzeugung durch, dass zuletzt die Kunden - und nicht irgendwelche ihnen vorgesetzte Gremien - zu bestimmen haben, welche Sendungen sie empfangen. Das führt nun leicht zu einem Niveauverlust im Angebot, denn leider ist der Massengeschmack nicht anspruchsvoll. Doch wer so die Gesetze des Marktes auch in den Medien berücksichtigt, sollte auch beachten, dass einerseits der Markt nicht nur bestehende Kundeninteressen zu bedienen versucht, sondern sich auch bemüht, erwünschte Bedürfnisse zu wecken und zu lenken - die gesamte Werbebranche lebt davon - , und dass er andererseits neben dem Massenangebot auch für Sonderwünsche kleiner Kundenkreise Spezialgeschäfte bereithält.
Daher würden es sich Medienanbieter zu einfach machen, würden sie sich ausschließlich dem Diktat des Massengeschmacks unterwerfen. Gerade wenn sie die Macht der Medien beachten, die in dem Satz zum Ausdruck kommt: Was nicht in den Medien ist, ist nicht in der Welt, müssten sie sich auch der gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sein, die sie als Programmgestalter haben. Wenn jeder einigermaßen Mitfühlende, der einen von Hunger Getriebenen in Mülltonnen nach Genießbarem wühlen sieht, sich gedrängt fühlt, dem zu besserer Nahrung zu verhelfen, müssten sie doch angesichts des geistigen Unrats, den viele, von ihrem Hunger nach Informationen oder Unterhaltung getrieben, sich einverleiben, das Ihre dazu beitragen, ihnen zu zuträglicher geistiger Nahrung und zu kritischem Umgang mit dem Medienangebot zu verhelfen.
Klarheit über den Begriff "Religion"
Natürlich gehen in unserer pluralistischen Gesellschaft die Meinungen darüber auseinander, was in ein Programmangebot hineingehört und woraufhin etwa das Publikumsinteresse zu lenken ist. Das gilt wohl nicht zum wenigsten in der Frage nach religiösen Gehalten dieses Angebots. Die lässt sich nur sinnvoll diskutieren, wenn man sich über den vieldeutigen und vielschichtigen Begriff "Religion" Klarheit verschafft. Der kann allgemein die Beziehung des Menschen zum Absoluten bezeichnen, sofern dieses Unbedingte vom Menschen anerkannt und verehrt wird, ohne dass es zwangsläufig als Gott erkannt und bekannt werden müsste. Dann hätten wir es wohl mit einer Grundhaltung des Menschen über alle Zeiten und Kulturen hinweg zu tun. Die manifestiert sich in unterschiedlichen Formen, oft als ein durch Lehre und Satzungen festgelegter Glaube, der von einer größeren Gemeinschaft angenommen und vor ihr bekannt und gelebt und in gemeinsamen Ritualen ausgedrückt wird. Dann haben wir es mit verschiedenen Religionen und Glaubensgemeinschaften, hierzulande vor allem mit den christlichen Kirchen, zu tun, zunehmend auch mit dem Islam.
Schiefes Bild der Kirche
Wer sich über den Einfluss der Medien auf unsere Gesellschaft im klaren ist, wird Wert darauf legen, im Medienangebot einen guten Platz zu erhalten, auch für seine religiöse Überzeugung. Dabei setzt er sich aber dem Druck des Marktes aus. Er kann sich dann zu eilfertig auf die Felder konzentrieren, die gerade modisches Interesse finden, also etwa ihr Engagement im Umweltschutz oder für Randgruppen hervorheben, östliche Meditationspraktiken vorstellen oder Hildegard von Bingen rühmen, nicht weil sie eine heilige und gelehrte Frau war, sondern wegen ihrer Rezepte für Heilkräuter und Dinkel. Das mag alles ehrenwert sein; Aber es fragt sich ,ob man dafür Religion und Kirche braucht. Wenn man zudem neben Fürstenhochzeiten und kirchlichen Begräbnisfeiern für extravagante Persönlichkeiten oder neben Papstmessen zu Ostern und Weihnachten nur noch exotisch anmutende Rituale präsentiert wie eine Fronleichnamsprozession mit Booten auf dem Chiemsee oder auf dem Rhein, wird das Bild der Kirche völlig schief. Sie erscheint dann zuständig für Folklore, als Brauchtumshüterin oder als Verschönerungsverein für festliche Angelegenheiten.
Was das Christentum zu sagen hat
Allerdings haben derartige Sendungen den Vorzug, sich anschaulich und sinnfällig gestalten zu lassen. Da ist es gewiss schwieriger, die entscheidenden Aussagen der christlichen Botschaft zu vermitteln. Dennoch müssen auch die mediengerecht und kundenorientiert präsentiert werden; die Kunden aber sind - zum Unterschied zu der sonst meist binnenkirchlich angelegten Verkündigung - hier überwiegend kirchenfremde Mediennutzer. Um die zu erreichen, muss man zunächst ihre Sprache reden, ihnen nach einen Lutherwort "aufs Maul schauen". Das ist etwas anderes, als ihnen nach dem Mund zu reden. Aber ihre Interessen gilt es zu kennen und zu berücksichtigen. Dahinter muss die Überzeugung stehen, dass das Christentum etwas zu sagen hat, was die Menschen interessiert und was ihnen von niemandem sonst geboten wird. Sie müssten etwa erfahren, wie Menschen mit Schuld umgehen sollen, wieso sie "Zur Freiheit berufen sind", weshalb allein in der christlichen Aufforderung zur Feindesliebe Toleranz gründen kann, die nicht über Unrecht und Ausbeutung hinwegsieht - worin schließlich der Sinn des menschlichen Lebens liegt, als dessen höchste Werte weder Gesundheit noch Wohlstand gelten können, sondern Mitmenschlichkeit oder - christlich ausgedrückt - Liebe, die stärker ist als der Tod. Diese Art "Religion" verdient gewiss einen Platz in den Medien; die Mediennutzer haben ein Recht darauf.
Albert Keller SJ
Der vielleicht berühmteste Monolog der Theatergeschichte steht im 3. Akt von Shakespeares "Hamlet". Er beginnt: "Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage." Und Hamlet meint mit "Sein oder Nichtsein" Leben oder Tod. Leben oder Tod, "das ist hier die Frage", aber nicht nur hier. Das ist die Frage, die über dem ganzen Leben steht. Und sie ist akut und modern - wenn man an die sogenannte Sterbehilfe, die Töten-Hilfe denkt -, auch weil Hamlet fortfährt: "Aus diesem Meer der Mühsal, der Qualen, auszusteigen, das ist ein Ziel, aufs Innigste zu wünschen, der Plage ein Ende setzen. Sterben, schlafen; schlafen, träumen." "Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen?" geht es dann weiter. Was in d e m Schlaf für Träume kommen mögen!
Und diese Furcht - man werde aus den hiesigen Qualen in unbekanntere flüchten - die hält nach Hamlet die Menschen ab, allem schnell ein Ende zu setzen. Vielleicht fehlt heute diese Furcht, und so ist eine Mehrheit unserer Mitbürger der Meinung, man solle es dem Menschen freistellen, dem Leben ein Ende zu setzen. Er steht vor der Frage: Leben oder Tod? Und wer immer diesem Leben ein Ende setzen möchte, wählt den Tod. Das zeigt, wie er zu diesem Leben steht. Wenn er den Tod wählt, scheint es keine wünschenswerte Situation zu sein. Vielleicht zweifelt er, ob die Plagen, die trüben Stunden, die Verwirrungen, das Unrecht, all das, was hier auszuhalten ist, die wenigen glücklichen Stunden aufwiegen, ob also bei der Frage "Sein oder Nichtsein" - Leben oder Tod - nicht doch der Tod den Vorzug verdient. Zumal ja dieses Leben ständig vergeht. Wir nennen es Leben, und es ist ein Sterben; jede Stunde und jede Minute schwindet dahin. Jede Blüte, die aufblüht, verblüht gleich wieder! Ist das ein Leben? Lohnt sich das?
So stellt sich auch uns die Frage: Sein, oder Nichtsein, Leben, oder Tod?
Es gibt in der Mathematik das Rechnen mit der Klammer. Man addiert, multipliziert in einer Klammer, und entscheidend für das Ergebnis ist dann nicht, was in der Klammer geschieht, sondern das Vorzeichen vor dieser Klammer, ob da Plus oder Minus steht. Der ganze Wert schwenkt ins Gegenteil, wenn aus dem Plus ein Minus wird. Das ist ein Bild für unser Leben. Was wir so vornehmen, vorfinden, alle Unternehmungen, Ereignisse, Tatsachen, das steht alles in der Klammer. Und die Frage ist, welches Vorzeichen steht vor dieser Klammer: Leben? Oder Tod?
Doch vielleicht merken die Leute nicht bei ihrer Entscheidung gegen das Leben, dass sie das falsche Vorzeichen vor der Klammer haben. Wittgenstein, der Philosoph, sagt: "Die Welt des Glücklichen ist eine ganz andere als die des Unglücklichen." Nicht weil da einzelne Tatsachen anders wären - weil einer ein Los gewinnt, oder Gesundheit hat - nein, die g a n z e Welt ist eine andere! Man kann es drastischer ausdrücken, in einem deftigen Bild: "Der Penner sprach: Die ganze Welt stinkt; denn er hatte Scheiße im Schnurrbart." Wenn ich so auf die Welt zugehe, dann wird die ganze Welt verfälscht! Und deutlich gesagt: Es gibt Zeitgenossen, die hochnäsig daherkommen, sehr proper und intelligent (genügend von dieser Sorte) und in Wahrheit - entschuldigen Sie - haben sie Scheiße im Schnurrbart, sie können die Welt nicht wahrnehmen, wie sie ist, weil sie das Vorzeichen vor ihrem Leben nicht begreifen! Die mögen gelehrt sein und effizient, aber haben sie sich die Frage je gestellt: Was ist das Ganze, was bedeutet mein Leben insgesamt? Muss am Schluss bei jedem Faktor gesagt werden: Vergeblich, umsonst, für nichts? Und das wäre der Fall, wenn der Tod das letzte Wort hätte. Wie immer man sich plagt, müht, einsetzt - für Umweltschutz, für Menschenrechte, für alle guten Ziele -, wenn zum Schluss alles aus wäre; zu jeder Tat dieses Vorzeichen stünde: Vergeblich, umsonst, für nichts.
Man hat hundert Sorgen, überlegt dies und jenes, und stellt sich diese fundamentale Frage nicht: Sein, oder Nichtsein? Leben, oder Tod? Untergang, oder Auferstehung? Diese Frage stellt sich und beantwortet, wer Ostern glaubt, wer begreift, dass Jesus nicht nur auferstanden ist, sondern auferstehen mußte. Es geht auch hier um die fundamentale Frage des gesamten menschlichen Lebens. Wenn es Gott gibt, der die Menschen, auch Jesus als Menschen, geschaffen hat und liebt, kann der gewollt haben, dass das letzte Wort Verwesung und Vergeblichkeit sei? Das wäre doch widersinnig! Wie beschränkt sind anscheinend hochbegabte und gelehrte Menschen, wenn sie das als letztes Wort für das Leben ansehen: Nichtsein!
Praktische Konsequenz: Versuchen wir, das richtige Vorzeichen
für unser Leben zu gewinnen. Versuchen wir,
den Dreck aus dem Schnurrbart wegzunehmen, zu sehen,
dass Vergänglichkeit nicht das letzte Wort hat, dass das
Böse vergeht, dass die Liebe bleibt. Dann sieht in der Tat
die Welt anders aus. Jedes einzelne Ereignis erscheint in
einem anderen Licht. Da gibt es auch Verluste, da gibt es
auch Vergänglichkeit, da gibt es Schmerzen und Tod.
Und doch kann ich sagen, wie die Schrift: "Tod, wo ist
dein Stachel?" Vergänglichkeit, wo ist dein Schrecken?
Dann sieht die Welt anders aus. Es ist eine Welt des
Glücklichen für den, dem es gelingt, an Ostern zu glauben.
In diesem Sinn wünsche ich allen freudenbringende
Albert Keller SJ
Bei Wilhelm Busch findet sich folgende treffende Beschreibung einer Begleiterscheinung des Zahnwehs:
"Das Zahnweh, subjektiv genommen, / Ist ohne Zweifel unwillkommen;
Doch hat's die gute Eigenschaft, / Dass sich dabei die
Lebenskraft,
Die man nach außen oft verschwendet, / Auf einen
Punkt nach innen wendet,
Und hier energisch konzentriert. / Kaum wird der erste
Stich verspürt, ...
Und aus ist's mit der Weltgeschichte, / Vergessen sind
die Kursberichte,
die Steuern und das Einmaleins. / Kurz, jede Form gewohnten Seins,
Die sonst real erscheint und wichtig, / Wird plötzlich
wesenlos und nichtig.
Denn einzig in der engen Höhle / Des Backenzahnes
weilt die Seele."
(Balduin Bählamm, 8. Kapitel)
Dieser Text scheint theologisch kaum bedeutsam. Und doch wird von ihm her eine Auffassung in Frage gestellt, die das Verhältnis von Leid und Sünde betrifft, nämlich die Meinung, Leid stünde in einer Art Gegensatz zur Sünde, könne davon reinigen, oder man könne dadurch Sünden abbüßen oder sühnen. Christlich gesehen zur Besserung anzutreiben. Ohne Zahnschmerzen fänden viele nicht den Weg zum Zahnarzt. Es kann uns auch vor falschem Verhalten abhalten, falls wir entdecken, dass dies zu Leiden führt. Vor allem kann es die Liebe prüfen, denn die ist nur echt, wenn sie auch bereit ist, um des Geliebten willen etwas preiszugeben, also schmerzliche Opfer freiwillig zu bringen oder wenigstens in Kauf zu nehmen. Wenn es im 1. Johannesbrief von Jesus heißt: "Daran haben wir die Liebe erkannt, dass Er sein Leben für uns hingegeben hat. So müssen auch wir für die Brüder das Leben hingeben"( Joh 3,16), wird sogar deutlich, dass Lieben die Bereitschaft einschließt, das Leben für andere zu geben. Das muss nicht in einem grausamen Tod geschehen wie bei Jesus. Aber jeder, der wahrhaft liebt, lebt für andere. Das kann ganz still und unauffällig sein und ist doch ein Leben hingeben, und wenn's dies nicht ist, verdient's den Namen Liebe nicht. Dass wir dazu nicht bereit und aus eigener Schuld nicht fähig sind, das macht die Sünde aus.
Manche scheinen zu ahnen, dass Liebe zu Leid führen kann, um das wir sonst herumkämen, denn wir leiden, wenn wir das verlieren oder verletzt sehen, was wir lieben. Und aus Angst vor dem Leid machen sie einen Bogen um die Liebe. Sie sind dann vielleicht leidensfrei, aber zugleich liebeleer und daher ärmer als einer, der aus Liebe leidet. Sie sollten die Mahnung aus Hölderlins "Hyperion" bedenken: "Neide die Leidensfreien nicht, die Götzen von Holz, denen nichts mangelt, weil ihre Seele so arm ist, die nichts fragen nach Regen und Sonnenschein, weil sie nichts haben, was der Pflege bedürfte."
So kann die Angst vor dem Leid, obwohl wir keinen Grund haben, es herbeizuwünschen und nicht vielmehr zu bekämpfen, verhängnisvoller sein als das Leid selbst.
Albert Keller SJ
Auch im Zusammenhang mit dem Streit um den sogenannten "Werteunterricht" in Berlin lohnt es sich wohl, das Wort "Wert"zu bedenken. Es lässt sich bereits im Althochdeutschen und Gotischen nachweisen und gehört vermutlich zu der indogermanischen Wortgruppe, zu der auch "werden" und "Würde"zählen, und bedeutet ursprünglich "auf etwas zu gewendet, hingewandt". Uns geläufige Ableitungen wie "bewerten", "abwerten", "wertvoll","wertlos" und "Wertung" stammen indes alle erst aus dem 19. Jahrhundert. Erst damals tritt auch in der Philosophie der Ausdruck "Wert" zunehmend an die Stelle des zuvor gebrauchten "Gut" als Zentralbegriff einer eigenen Richtung, der "Wertphilosophie", die vor allem in Deutschland einflussreich war. Da wurden im Vorgriff auf manche zeitgenössischen Ansätze (z.B. "New Age") die Werte der rationalen und berechnenden Vernunft entzogen und einem eigenen Wertfühlen zugeordnet.
Gewiss waren die Ausdrücke "das Gute" oder "Gutheit" in der philosophischen Behandlung sehr vieldeutig geworden; aber darin liegt wohl nicht der Hauptgrund dafür, dass sie durch den aus der Nationalökonomie übernommen Begriff "Wert" abgelöst wurden. Vielmehr verrät der Wechsel der Begriffe auch eine geänderte philosophische Einstellung. Wo liegt der Unterschied?
"Gut" wurde genannt, was einem Streben oder einer Neigung entspricht. Nach Aristoteles "hat man sehr richtig das Gute als das definiert, wonach alles strebt." Und Thomas von Aquin sagt: "Gut ist bezogen auf ein Verlangen" ("bonum est relativum ad appetitum"). Seine Qualität ergibt sich aus der Natur der Sache; sie ist zwar subjektbezogen, aber der Zeit und Willkür enthoben und von der Vernunft zu erkennen. Die erfasst etwa, was gut ist für den Menschen durch eine Einsicht in sein Wesen, oder sie entnimmt Stricknadel auszuprobieren oder wenn ein Säufer in der Entwöhnung nach Alkohol giert, würde man das jeweilige Strebeziel kaum als einen Wert für den Dazuhinstrebenden bezeichnen. So hat man vorgeschlagen, Wert im Sinn der Werthaftigkeit als die "richtige Erstrebbarkeit" von etwas zu verstehen. Dann bleibt aber die Frage, wie dieses "richtig" auszumachen wäre. Nach dem heute überwiegenden Urteil wird die Entscheidung darüber der Gesellschaft überlassen. Wert wäre demnach etwas, das von Menschen erstrebt wird, und zwar derart, dass die Gemeinschaft dieses Strebeziel anerkennt oder bei rechter Einschätzung der Situation zumindest anerkennen sollte (auch hinter dieser Formulierung versteckt sich die Frage nach der Norm, etwa für die "rechte Einschätzung oder das "sollte"). Diese Bestimmung des Wortes "Wert" scheint vorzuliegen, wenn etwa von "Grundwertdiskussion" oder eben von "Wertewandel" gesprochen wird. Danach ist "Werthaftigkeit" als jene Qualität verstehen, die etwas nach dem begründbaren Urteil einer Gesellschaft erstrebenswert macht. Weil sich die Auffassungen einer Gesellschaft darüber auch in ihren rechtfertigbaren, also legitimen Einschätzungen ändern können, ist ein Wertewandel bei dieser Definition nicht ausgeschlossen.
Welche Einschätzung jedoch legitim ist, lässt sich wohl kaum ohne Rückgriff auf Grundwerte der Gesellschaft klären. Woher aber sollen wir die beziehen? Es scheint, wir haben uns auf etwas Nebulöses geeinigt, nämlich auf Grundwerte, die zwar aus christlicher Tradition stammen, aber die darf gar nicht mehr herangeholt werden, diese christliche Tradition. Dem steht angeblich die Neutralität des Staates gegenüber, aber die ist ein Gespenst, denn sie kommt in Wirklichkeit nicht vor. Ein Staat, der sich nicht auf wenigstens einige feste Grundüberzeugungen gründet, der sich etwa um die Frage herumdrückt, wie er zur christliche Tradition steht, der gleicht nämlich jemandem, dereinen Hund kaufen möchte und sagt, es darf aber kein Dackel sein und kein Bernhardiner und kein Dobermann und kein Schäferhund, überhaupt nichts Spezielles, sondern eben bloß ein Hund; den aber gibt´s nicht. So lässt sich die Frage nicht umgehen, in welchem Staat wir leben möchten, wie er seine Grundwerte gewinnt und wie dieses Problem demokratisch gelöst werden soll. Das ist keineswegs speziell eine Aufgabe der Kirche, wenn auch die als Gemeinschaft in diesem Staat gefordert ist, ihr Nachdruck zu verleihen und Hilfen zu ihrer Lösung anzubieten. Jedenfalls dürfte eine staatliche Vermittlung von Werten nicht gleichsam erschlichen werden, ohne dass man diese Werte vor der Gemeinschaft diskutiert und sie von ihr bestätigen lässt.
Albert Keller SJ
Ob man von einer Entfremdung zwischen Kunst und Gesellschaft sprechen kann, weil die meisten Mitmenschen der Gegenwartskunst beziehungslos gegenübersteht, hängt davon ab, was unter „Kunst“ zu verstehen ist. Rechnet man alles, was als Fernsehunterhaltung oder an Industriedesign geboten wird, was an Tonträgern oder als Mode auf den Markt kommt, zur Kunst, könnte man kaum festhalten, dass die Kunst an der Mehrheit unserer Gesellschaft vorbeiliefe. Es liegt aber nicht fest, was als Kunst zu gelten habe und was nicht. Am Gebrauch der Wörter „Kunst“ und „Künstler“ lässt sich das kaum ablesen. Der „Künstlerdienst München“ etwa betreut auch Bauchredner, Stripteasetänzerinnen oder Zitherspieler. Und im „Deutschen Universalwörterbuch“ des Duden (S.750 f.) finden sich nacheinander zum Stichwort „Kunst“ die Zusammensetzungen „Kunststoff“, „Kunststopferei“ und „Kunststudent“.
Anhand dieser Aufzählung lassen sich drei unterschiedliche Verwendungsweisen des Wortes „Kunst“ erläutern, die seine Vieldeutigkeit bedingen. Im ersten Fall (Kunststoff, ähnlich: Kunstdünger, Kunsthonig, auch Kunstherz und Kunstsprache) steht „Kunst“ im Gegensatz zu natürlich Gewachsenem und kann alles von Menschen Produzierte bezeichnen. Dazu gehört das Eigenschaftswort „künstlich“. Heute wird meist das Natürliche höher geschätzt als das Künstliche. Die Werbung gebraucht etwa das Prädikat „naturrein“, um etwas als hochwertig zu verkaufen. Dennoch wächst die Bedeutung des Künstlichen in unserer „Kunststoff- Zeit“ beständig, die neben Kunstfasern oder Kunstlicht auch künstliche Befruchtung oder künstliche Intelligenz zeitigt.
In der zweiten Bedeutung (Beispiel: Kunststopferei, aber auch Kunstturnen, Kunststück, Kunstgriff, Kunstfehler, Kunstflug, Kochkunst, Überredungskunst usw.) bezeichnet „Kunst“ Fertigkeit oder Meisterschaft. Das Gegenteil wäre Stümperei oder Dilettantismus. Dem Künstler (etwa „Trapezkünstler“) steht hier der Amateur, der Laie oder als Extrem der Linkische oder Pfuscher und Scharlatan gegenüber. Zugehörige Adjektive wären: „kunstgerecht“, „kunstvoll“, „kunstreich“. Von diesen „mechanischen“ Künsten unterschied man früher die „schönen“ Künste. Das wäre dann die dritte - für manche die „eigentliche“ - Bedeutung von „Kunst“. (Unser Beispielwort: Kunststudent, auch Kunstakademie, Kunstausstellung, Kunstrichtung, Kunstkritik, Kunstmaler, Kunstverständnis usw.) Gegenbeispiele wären Kitsch, aber auch anspruchslose Gebrauchsgegenstände und Massenprodukte (die jedoch nach heutiger Auffassung auch zur Kunst werden können, wenn man sie der gewohnten Einordnung entreißt).
Es ist nicht ratsam, diesen dritten Bedeutungsbereich des Wortes „Kunst“ den beiden zuvor erwähnten dadurch gegenüberzustellen, dass man ihn nach der Tradition als „schöne Kunst“ bezeichnet; denn zum einen findet sich Schönes auch auf den Gebieten, die durch die beiden ersten Bedeutungen abgedeckt werden, ohne dass es deswegen Kunst im dritten Sinn wäre. Zum andern kann gerade diese bereits seit der Antike durchaus auch das Hässliche zum Gegenstand haben, und neuerdings scheint nicht nur der Gegenstand, sondern selbst die künstlerische Darstellungsweise bisweilen fast gesucht hässlich zu sein. Wer dennoch an der Begriffskopplung „schöne Kunst“ festhalten wollte, die ja lange das Kunstverständnis bestimmte, müsste entweder das Hässliche aus der Kunst ausschließen, also den Begriff „Kunst“ auch in der dritten Bedeutung enger fassen als üblich, oder er müsste den Begriff „Schönheit“ so ausdehnen, dass seine geläufige Bedeutung (etwa Wohlgefälligkeit) ins Unbestimmte verschwindet. Zur Klärung des Kunstbegriffs trüge das nicht bei.
Kunst in diesem Sinn soll durch die Weise, wie sie etwas darstellt, dem Menschen eine neue Sicht auf die Wirklichkeit eröffnen. „Als sähe, als vernähme ich es zum ersten Mal“ wäre dann die treffende Auskunft des Kunstbetrachters. Eine solche Sensibilisierung täte unserer abgestumpften Gesellschaft durchaus not.
Albert Keller SJ
Wir irren, wenn wir die Menschen in Gläubige und Ungläubige einteilen. Denn einerseits glauben alle vielerlei, anderseits glauben alle auch etliches nicht. So könnte ein Christ nicht nur seinen Glauben, sondern auch seinen Unglauben bekennen. Er könnte etwa einräumen: “Ich bin auf vielfältige Weise Atheist, einer, der an einen Gott nicht glaubt. Ich glaube nicht, dass einer da oben thront, den Lauf der Welt, die er vor Jahrmilliarden Jahren vom Stapel gelassen hat, nun interessiert betrachtet, da ein wenig zurechtrückt, dort ein Wunder tut, hier sich beleidigt fühlt, weil ein böser Mensch ihn verhöhnt, dort ein Strafgericht verhängt und bei allem den Zeitpunkt vor Augen hat, da die ganze verdammte Sache in Rauch aufgeht. Was immer mir so als Gott geschildert wird, näher zusehend finde ich faule Stellen am Bild und sage: „Nein, der nicht!“
Der nicht, der meine Freiheit einschränkt und mir undurchsichtige Vorschriften macht; der nicht, der einen Teil der Welt dem Kaiser überlässt und den Rest für sich beansprucht; der nicht, mit dem sich alles bequem erklären lässt, was der Wissenschaft ein Rätsel bleibt; der nicht, der nur in ekstatischen Momenten mich persönlich anrührt oder für besonders Auserwählte erfahrbar ist; der nicht, dessen Name man nicht nur verwendet, um das Denken zu verbieten oder die Wahrheit zu vertuschen, sondern den man auch benutzt, um zu unterdrücken, sein eigenes ausbeuterisches Geschäft oder auch nur sein behagliches Leben abzusichern, wenn nicht gar um zu quälen und zu morden. Nicht einmal der, auf den ich meine Rachegefühle übertragen kann, weil er es denen heimzahlen wird, auf die ich eine berechtigte Wut habe, die aber zu mächtig oder zu gut geschützt leben, als dass ich ihnen selbst ihre Bosheit ausprügeln könnte. Und ich könnte diese Litanei beliebig fortsetzen, die Litanei des Unglaubens, den ich haben möchte.
Auf schlimmere Weise bin ich Atheist, wo ich mich in Gedankenlosigkeit, ja Dummheit flüchte, wo ich mich um Entscheidungen drücke und mich dem entziehe, was jeder andere von mir zu fordern hat: Mitleid und Empörung, Überlegung und Gespräch und vor allem Fröhlichkeit und Hilfe. Das ist der Unglaube, den ichgerne los wäre; das ist der Atheismus, der nicht entweder dumm oder schlecht ist, sondern immer beides zugleich.
Wieso aber handelt es sich hier auch um Unglauben? Nun, ich bin der Meinung Wittgensteins, der sagt: „Alles, was wir sehen, könnte auch anders sein.“ (Tractatus, 5.634). In der Welt, heißt das, ist alles beliebig. Das aber könnte man nach Dostojewskij, Brüdern Karamasow, auch in den Satz fassen: „Ohne Gott ist alles erlaubt“, und wo alles erlaubt ist, verlieren Wörter wie „erlaubt“ und „verboten“, „zulässig“ oder „verwerflich“ völlig ihren Sinn - und letzten Endes ist alles gleichgültig. Wenn aber letzten Endes alles egal ist, dann ist es das schon jetzt und von Anfang an und immer. Das bliebe als Haltung des Unglaubens: „Alles ist egal und einerlei und sinnlos.“ Diese Haltung aber scheitert - es mag denen paradox klingen, die gewohnt sind, Georg Büchners Satz vom „Leid als Fels des Atheismus“ vor sich her zu zitieren - an Leid und Unrecht in der Welt, dem Fels des Gottesglaubens, an dem jeder Atheismus zerschellen muss. Denn am Leid und Unrecht in der Welt geht jedem nicht völlig innerlich Versteinertem, also dumm und böse Gewordenen, auf, dass nicht alles einerlei ist. An solchem Übel, das, wie Adorno in „Wozu noch Philosophie“ zu Recht anmerkt „so wenig eines philosophischen Beweises bedarf, dass es ein Übel sei, wie, dass es existiert“, kann ich nicht mit einem Schulterzucken vorbeigehen und mir einreden, es sei letzten Endes alles egal, Recht oder Unrecht, Hilfe oder Unmenschlichkeit. Aufs ganze gesehen also muss es mehr geben als die beliebige Welt. Etwas anderes kann ich nicht annehmen, d.h. dieser Unglaube, der alles für zuletzt einerlei erklärt, ist mir unmöglich, und ich versuche ehrlich zu wünschen, dass er mir immer unmöglich bleiben wird. Dazu helfe mir Gott.
Albert Keller SJ
Das Christentum kennt außer der Eucharistie keine kultischen Opfer wie im Alten Testament oder in anderen Regionen. An ihre Stelle tritt aber bisweilen in christlichen Überlegungen das Leid oder der Verzicht, die man auf sich nimmt und „Gott aufopfert“, auch um dadurch Sünden zu tilgen und Gott zu versöhnen. Umgangssprachlich bedeutet „Opfer“ nämlich auch persönlicher Verzicht zugunsten eines anderen oder einer Sache (z.B. „er opferte seine ganze Freizeit für den Verein“). Aber auch ein unfreiwilliger Schadensfall kann „Opfer“ genannt werden („Das Erdbeben forderte viele Opfer“; „Das alte Haus fiel der Abbruchbirne zum Opfer“).
Der Verzicht ist für sich genommen keine hochzuschätzende Leistung. So warnt der erste Brief an Timotheus vor der Haltung der Gnostiker: „Sie verbieten die Heirat und fordern den Verzicht auf bestimmte Speisen, die Gott doch dazu geschaffen hat, daß die, die zum Glauben und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangt sind, sie mit Danksagung zu sich nehmen. Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, wenn es mit Dank genossen wird; es wird geheiligt durch Gottes Wort und durch das Gebet.“ (4:3-5) So genügen bereits die Speisevorschriften verschiedener Religionen (Judentum, Islam, Hinduismus), um sie in diesem Punkt als abwegig zu erweisen. Auch die bei frommen Christen nicht seltene Praxis, Gott das eigene Leid aufzuopfern, muss die Frage hervorrufen, ob denn Gott an Leiden und Verzicht ein besonderes Wohlgefallen habe. Wenn ihm jemand seine Schmerzen darbringt, was soll er damit? Müsste er ihm nicht - wie der Text aus dem Timotheusbrief nahelegt - zumindest ebensosehr seinen Genuss und seine Wohlbehagen dankend aufopfern?
Opfer und Verzicht stellen für sich keinen Wert dar, und Weltverachtung missachtet den Schöpfer. Dennoch fordert zwischenmenschliche Liebe vielfältig Bereitschaft zum Verzicht zugunsten des anderen. Gerade wer das Aufzugebende nicht verachtet, sondern hochschätzt, dem wird es nicht leichtfallen, darauf zu verzichten. Liebe kann also zu Leid führen, um das wirsonst herumkämen, denn wir leiden daran, zu verlieren oder verletzt zu sehen, was wir lieben. Mancher meidet daher die Liebe aus Angst vor Leid. Er ist dann vielleicht leidensfrei, aber zugleich liebeleer und so ärmer als einer, der aus Liebe leidet. Er sollte die Mahnung aus Hölderlins „Hyperion“ bedenken: „Neide die Leidensfreien nicht, die Götzen von Holz, denen nichts mangelt, weil ihre Seele so arm ist, die nichts fragen nach Regen und Sonnenschein, weil sie nichts haben, was der Pflege bedürfte.“ So kann die Angst vor Leid, obwohl wir keinen Grund haben, es herbeizuwünschen und nicht vielmehr zu bekämpfen, verhängnisvoller sein als das Leid selbst.
Damit uns diese von der Liebe verlangte und in diesem Sinn nicht freigestellte Bereitschaft zum Verzicht nicht überfordert, ist es ratsam, sie durch freiwillige Verzichte einzuüben, also das Verzichten zu trainieren. Dieses Training nennt man nach dem Griechischen auch Askese. Die wird also dann recht verstanden, wenn sie anleitet, Verzicht zu üben und Leidenschaften zu beherrschen. Eine Fehlform läge vor, wenn sie jeden Genuss verteufelte oder Leidenschaften abtöten möchte. Vor dem ersten warnt der Spruch: „Wer nicht genießen kann, wird ungenießbar“, dem zweiten gegenüber wäre zu bedenken, dass ohne leidenschaftlichen Einsatz nichts Bedeutendes in der Welt oder auch im privaten Leben zustandekommt. Schon Thomas von Aquin stellt sich die Frage, ob Leidenschaft den Wert menschlichen Handelns mehre oder mindere, und er gibt darauf die kluge Antwort: „Aus Leidenschaft handeln mindert den Wert der Handlung, aber mit Leidenschaft handeln vergrößert ihn“ (De Ver., q.26, a.7, ad 1).
Ein abgetöteter Asket kann also nicht als christliches Ideal gelten. Er verfehlt die rechte Mitte der Einstellung zu den Leidenschaften ebensosehr wie der zügellose Wüstling. Das Ideal läge eher darin, eine reiche Emotionalität und Leidenschaftlichkeit zu pflegen und dennoch stets vernünftiger Herr der eigenen Entscheidungen zu bleiben.
Albert Keller SJ
Was ist Vergangenheit? Zum einen ist sie ein gewichtiges Geschenk. Unser Wissen, unsere Erfahrung stammen aus der Vergangenheit. Es ist bedenkenswert: Die gesamte Wissenschaft, das ungeheuere Wissensarsenal der Menschheit, betrifft Vergangenes. Zu Recht haben wir Ehrfurcht vor Tatsachen, Fakten. Sie sind unumstößliche Prüfsteine unserer Überlegungen, unserer Theorien. Aber Fakten sind Vergangenes; Fakten sind geschehen. Die Wissenschaft liefert uns ein immenses Kapital menschlicher Erfahrung aus der Vergangenheit, sei es auch vorherrschend jüngste Vergangenheit. Unser eigenes Vermögen und Wissen - wir haben es gelernt. Wir haben Wissen und Fähigkeiten angehäuft. Wir können schreiben, lesen, gehen, Auto fahren - aus der Vergangenheit.
Und weiter ausholend: Wenn man die Evolutionstheorie ansieht, sind Milliarden Jahre des Lebens vergangen, in denen das Leben - anthropomorph aus gedrückt - versucht hat, sich zu. entwickeln, indem es diese oder jene Richtung eingeschlagen hat. Seine Fehlversuche sind gescheitert, günstige Ergebnisse dagegen sind weitergetragen worden. Und so haben sich durch Jahrmillionen Fähigkeiten aus der Vergangenheit entwickelt, durchgehalten, verbessert. Dass wir atmen, ist ein solch überkommenes Stück Vergangenheit.Dass unser Herz schlägt und unser Blut pulst, verdanken wir jahrmillionenalter Erfahrung des Lebens. Wir sind nicht von gestern, wir sind aus uralten Zeiten. Das ist unsere Vergangenheit, die wir mitbringen. Ein unermessliches Geschenk! Die ganze Weltgeschichte hat beigetragen, dass wir jetzt als Menschen leben. Und wir selbst? Ziehen wir einmal ab von uns, was uns angeboren ist, eben aus dieser Tradition des Lebens heraus. Und ziehen wir weiter ab, was wir gelernt haben, was wir erworben haben durch Erziehung und Erfahrung, denn auch das verdanken wir der Vergangenheit.
Und ziehen wir noch darüber hinaus ab aus den Schatzkammern des Vergangenen das Wissen, das uns andere noch zur Verfügung stellen. Was bleibt übrig von uns? Müssen wir nicht sagen: Wir sind nichts anderes als unsere in das Jetzt gerettete Vergangenheit? Was wissen wir denn von uns, jeder von sich? Nun, das, was er von sich erfahren hat in seiner Vergangenheit. Von da kennen wir und von da rühren unsere Neigungen, unsere Fähigkeiten, dass wir dazu Lust haben und zu jenem nicht. Auch bittere Erfahrungen sind darunter, die bewirken, dass wir vernarbte Wesen sind; aus den Wunden der Vergangenheit sind Narben geworden, taube oder sehr empfindliche Stellen. Das sind wir! Gebilde der Vergangenheit. Wir wüssten nicht um unsere Identität, wenn wir unsere Vergangenheit abschneiden wollten.
Und wir fühlen uns zu Hause in dieser Vergangenheit. Das sind die Wege, nicht nur die örtlichen Wege und Straßen - vielmehr die Wege unseres Verhaltens -, die wir tausendmal geschritten sind. Da kennen wir uns aus. Da wissen wir, wie es weitergeht. Das ist uns vertraut, und da sind wir zu Hause. Und nun kommt der Ruf: „Kehrt um! Geh’ weg, heraus!“. So wie Gott den Abraham im Alten Testament gerufen hat: „Heraus aus der vertrauten Heimat in eine wüstenhafte Zukunft, unbekannt, unvertraut, ungeheuer!“; so ruft er uns: „Kehr um, das Reich Gottes ist nahe! Heraus aus dieser Vergangenheit!“ Ist das zu leisten? Können wir umkehren? Warum müssen wir überhaupt? Warum sollen wir weg?
Nun, die Vergangenheit ist nicht nur Geschenk; sie ist auch Last wie alles Angehäufte. Sie ist Last, weil sie verführerisch ist. Eben wo wir so gut Bescheid wissen, wo wir unser Kapital angehäuft haben, da besteht die Versuchung, wie im Evangelium (Mt, 3, 1-12) zu sagen: „Herr, wir haben Abraham zum Vater!“ Wir stammen aus guter Tradition. Wir sind gestützt durch Wissen, durch Leistungen. Wir haben das oder jenes in unserer Vergangenheit aufgeboten. Und schon sind wir Pharisäer und rechnen vor und stehen vorn im Tempel und sagen; „Sieh, all das habe ich getan und den Zehnten gebe ich auch.“ Vergangenheit ist gefährlich, wenn wir dazu die Lorbeeren anhäufen, um uns darauf auszuruhen. Und vor Gott zählen nicht ehemalige Taten, sondern nur das jetzige lebendige Herz.
Albert Keller SJ
Allerseelen scheint ein überflüssiges Fest, denn der christlichen Toten gedenken wir in Freude schon an Allerheiligen. Nach Paulus, der alle Christen „Heilige“ nennt, sind nämlich alle unsere Verstorbenen Heilige bei Gott. Weil wir uns dessen wohl zu wenig bewusst sind, begehen wir dann doch dieses Gedächtnis. Es entspricht dem Bedürfnis, mit den Toten verbunden zu sein, das sich in vielen Religionen zeigt, als Ahnenkult im klassischen China; aber auch in Rom oder bei den Griechen, und so verbindet dieses Fest Religionen. Andererseits scheint es aber auch zu trennen, wie die Lehre vom Fegfeuer zeigt, die erstmals im 13. Jahrhundert im Blick auf die Ostkirche dogmatisch gefasst wird. In der Reformationszeit hat Luther noch 1517 geschrieben: „Mihi certissimum est purgatorium esse“, zu deutsch: „Ich bin ganz sicher, dass es das Fegfeuer gibt.“ Davon ist er dann abgekommen, weil mit dem Fegfeuer-Gedanken im Ablasshandel erheblicher Missbrauch getrieben wurde. Mit dem Spruch: „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt“, hat man Geld gescheffelt. Als daher das tridentinische Konzil gegen Luther, Calvin und Zwingli entschieden hat, am Fegfeuer sei festzuhalten, hat es doch hinzugefügt, man solle sich aber hüten vor Neugierde, Aberglauben und schmutziger Geschäftemacherei.
Diese Probleme im Umfeld des Fegfeuerglaubens führten dann zum Wegfall des Allerseelenfests bei den Protestanten. Aber weil die Menschen danach verlangen, die Toten nicht abzuschreiben, sondern mit ihnen weiter umzugehen, an sie zu denken und die Gräber zu besuchen, hat dann der Preußenkönig durch „Königlichen Erlass 1816“ den „Totensonntag“ eingeführt, der Allerseelen entspricht, allerdings ohne Bezug zum Fegfeuer und den „Armen Seelen“.
Der Ausdruck „Arme Seelen“ ist selbst ein armseliger Begriff. Arm sind diese Verstorbenen nämlich nicht, sondern ihres Heils gewiss. Aber müssen sie nicht ihre Sünden und Sündenstrafen im Fegfeuer durch Leid und Pein abbüßen?
Dazu ist zweierlei zu bedenken: Erstens schafft Leid keine Sünde weg. Sünde ist nichts anderes als selbst verschuldete Liebesunfähigkeit, und allein dadurch, dass einer Qualen erduldet, wird er nicht zum Liebenden; vielmehr muss Gott ihm die erneute Liebesfähigkeit schenken. Die aber beseitigt das Leid, das die Sünde bringt. Der Mensch ist nämlich von Grund seines Herzens auf Liebe aus. Wenn er dazu nicht fähig ist, leidet er daran, weil er sich selbst dieser Fähigkeit beraubte und sich so verkrüppelt hat, da er an Dingen hängt, die er nicht bereit ist preiszugeben für Liebe, am Geld, an der Ehre, an der Gesundheit. Er wird verbittert, wenn er das verliert, denn daran hängt sein Herz; an seiner Firma, an seiner Karriere, an Wohlstand und dergleichen. Und der Tod nimmt ihm das alles. Nichts davon wird er mitnehmen. Keine Karriere, keine Gesundheit, keinen Besitz. Und das Sterben ist nicht nur ein „Augen zumachen“, im Tod gehen die Augen auf! Und dann begreift er, wofür er denn gelebt, sich zerstritten, sich aufgerieben hat: Für Schund! Und diese Erkenntnis ist schmerzlich, zu entdecken, wieviel Zeit und Mühe und Liebesverbindungen ich drangegeben habe, für letzten Endes nichts und wieder nichts. Und je mehr ich mein Herz verkehrt an die Welt gehängt habe, umso schmerzlicher ist dieses Losreißen. Dazu ist kein strafender und quälender Gott anzunehmen, sondern das ergibt sich von selbst.
Daher können wir mit Recht sagen: „Fegfeuer“ erleben wir schon jetzt, wenn uns entrissen wird, woran wir uns zu sehr geklammert haben, wenn die Gesundheit angegriffen wird, wir finanzielle Einbußen erleiden, in unserer Ehre gekränkt werden und so fort. Wir werden langsam losgebrochen von aller falschen Anhänglichkeit. Und unser Tod vollendet dieses lebenslange Sterben. Aber wir sollten das nicht einfach mit uns geschehen lassen. Wir sollten – wenn wir beim Wort „Fegfeuer“ bleiben und es weiter auslegen –, anfangen zu fegen, auszukehren, was die Liebe hindert. Denn das bleibt als tröstlicher Gedanke zu Allerseelen: Die Liebe verbindet, und kein Tod vermag dieses Band zu zerreißen. Wir bleiben also mit unseren Toten verbunden. Sie sind uns aus den Augen und vielleicht sogar auch aus dem Sinn. Sie sind uns aber in der Liebe eher inniger verbunden als zuvor. Wir sind eine „Gemeinschaft der Heiligen“. „Wir glauben“ – sagen wir im Credo – „an die Gemeinschaft der Heiligen“. Wir glauben, dass die Liebe den Tod überdauert. Dann könnten wir eigentlich „Gloria“ singen an Allerseelen, denn Liebe ist stärker als der Tod.
Albert Keller SJ
Weihnachten steht vor der Tür, das Fest der Geburt Christi. Dieser Geburtstag war unseren Vorvätern so wichtig, dass sie von ihm her unsere gesamte Zeitrechnung einteilten in die Jahre vor Christi Geburt und die danach. Allerdings hat man sich wohl ein wenig verrechnet, als man Anfang des 6. Jahrhunderts den Zeitpunkt dieser Geburt festlegte, denn vermutlich wurde Jesus Christus schon einige Jahre vor der Zeitwende geboren. Dennoch bestimmt das damals angenommene Datum der Geburt Christi heute ziemlich weltweit unsere Jahreszahlen. Diese christliche Zeitrechnung begründet es also auch, dass wir jetzt im 3. Jahrtausend leben.
Das könnte Anlass sein, auf diese vergangenen zwei Jahrtausende christlicher Zeit zurückzublicken. Da bietet sich nun keinesfalls ein durchweg strahlendes Bild, das den Eindruck aufdrängte, mit Jesus sei eine neue und bessere Zeit angebrochen. Es gab Gräuel vor ihm, und es gibt ebenso Gräuel in all den Zeiten danach. Wir brauchen nur ans 20. Jahrhundert zu denken, an die Brutalität des Nationalsozialismus oder des Stalinismus, an Kriege, an Armut, an Hungergebiete, an Verbrechen und Menschenverachtung. Die Welt scheint in der christlichen Ära keineswegs derart besser geworden, dass nun überall Frieden und Menschenfreundlichkeit herrschten.
Das aber hat Jesus auch nicht verheißen. Er prophezeit vielmehr Hunger, Verfolgung, Schwert und kündigt an: "Sie werden euch Gewalt antun und euch verfolgen"; "ja es kommt die Stunde, in der alle, die euch töten, meinen, Gott einen heiligen Dienst zu erweisen." Die Geschichte bestätigt also nur, was er vorhergesagt hat. Er ist nicht gekommen, um eine Zeit der Behaglichkeit und des Wohlstands heraufzuführen. Er hat auch nicht eine Gesellschaft aus lauter vollkommenen, heiligmäßigen und moralisch einwandfreien Menschen in Aussicht gestellt. Vielmehr sagt er, er sei gekommen, die Sünder zu berufen, und mit Sündern meint er nicht in erster Linie schwache, sondern vor allem gemeine, böse, gewissenlose und hartherzige Menschen. Die beruft er, nicht indem er sie zwingt und unterjocht, sondern indem er ihnen nachläuft und sich ihrer erbarmt.
Das ist ein Ärgernis für viele, mögen sie sich für fromm oder für aufgeklärt halten. Wir meinen nämlich, wenn Gott in dieser Welt etwas zurechtrücken müsste - und es gibt gewiss ganz vieles, was nicht in Ordnung ist - dann müsse er doch, gemäß der Erwartung der Propheten, hereinbrechen, dreinschlagen wie der Drescher auf der Tenne und die Bösen vernichten, wie man Unkraut ausrottet. Jesus aber schlägt nicht drein und stößt niemanden von sich. Vielmehr lädt er alle ein in das Reich Gottes, das er verkündet. Wenn dieses Reich aber nicht in einer behaglicheren Welt und goldenen Zeiten besteht, die mit Jesus anbrechen, wenn es nicht einmal die moralisch bessere und gerechtere Gesellschaft auf die Erde bringt, wo ist es dann zu suchen? Es ist nicht von dieser Welt, sagt Jesus, aber es ist bereits in dieser Welt; also nicht erst in Zukunft, etwa im neuen Jahrtausend, gewiss nicht erst nach dem Ende der Welt zu erwarten. Denn mit Jesus bricht dieses Reich Gottes an; „es ist mitten unter euch!“, sagt er. Wer dieses Reich, diese Herrschaft Gottes entdecken möchte, der muss freilich umdenken. Ganz gegen unsere Erwartung herrscht Gott nämlich in Jesus Christus dadurch, dass der den Menschen dient mit seinem ganzen Leben bis hin zu seiner Kreuzigung.
Die Macht Gottes, seine Herrschaft, ist keine Gewaltausübung, sondern sie ist dienende Liebe. Am Kreuz also, wo er sein Leben hingibt aus Liebe bis zum letzten Blutstropfen, da ist das Wort Jesu erfüllt, seine Zeitgenossen würden noch zu Lebzeiten sehen, dass das Reich Gottes in Macht gekommen ist. Zwar scheint er am Kreuz völlig machtlos, und doch herrscht da die selbst vom Tod nicht zu bezwingende Macht der Liebe. Denn wahre Macht - auch Macht in dieser Welt - liegt nicht da vor, wo Zwang und Gewalt, geistige oder körperliche, herrschen, Wahre Macht über die Herzen entsteht nur, wo geliebt wird. Das ist die Macht des Reiches Gottes, die Macht des guten Willens. Und so ist dieses Reich Gottes weltweit verbreitet, denn es umfasst alle Menschen guten Willens. Daher können wir trotz aller Düsternis in dieser Welt von einer christlichen Ära sprechen und die Weihnachtsbotschaft erfüllt sehen, wonach Gott in der Höhe die Ehre ist und Frieden auf Erden den Menschen guten Willens, den Bürgern seines Reiches, von dem verheißen ist, dass es kein Ende haben wird.
Albert Keller SJ