Wir Menschen haben ein merkwürdiges Verlangen nach Besonderem bis zum Absonderlichen. Davon leben unsere Sensationsblätter. Auch Christen unterliegen dieser Lust am Auffälligen selbst im Bereich des Glaubens. Wo von Erscheinungen und Visionen und Wundern berichtet wird, strömen sie zusammen. Dagegen sollten wir doch Gott in allem finden können, also auch im Unscheinbaren und Alltäglichen; da ist der allgegenwärtige Gott nämlich gewiss nicht weniger als in dem, was aus dem gewohnten Rahmen fällt. Die Sucht nach Außergewöhnlichem aber hindert sogar die persönliche Frömmigkeit. Die meisten sehen schon deshalb wenig Chancen für sich, heilig zu werden, weil sie Heiligkeit verwechseln mit Auffälligkeit. In Wirklichkeit aber besteht Heiligkeit in nichts anderem als Liebe zu Gott und im Dasein für andere, also in der Erfüllung des Grundgebotes; und niemand von uns hat zuletzt eine andere Wahl, so zu werden: entweder heilig oder verdammt. Eben deshalb ist es wichtig einzusehen, dass es nicht um auffällliges oder merkwürdiges Benehmen geht. Nicht ein weltabgewandtes Einsiedlerdasein, nicht eine naive Unschuldigkeit. Man könnte sich einmal fragen, wie das bei Jesus war, gewiss dem Urbild des heiligen Menschen. Das Evangelium berichtet davon: Als er in seiner Heimatgemeinde auftrat, haben die nicht gesagt: "Aha, da ist ja der, der uns schon als Kind aufgefallen ist (wenn man etwa an manche Heiligenberichte denkt); der schon als Kind verzückt gebetet hat, eifrig sich Bußübungen unterworfen hat, der allem weltlichen Trubel abgekehrt war." Den Eindruck hatten sie offenbar nicht, denn sie sagen nur: "Das ist doch der Zimmermann, der Sohn der Maria." Das heißt, Jesus hatte unauffällig dreißig Jahre lang unter ihnen gelebt und war doch wohl heilig wie kein anderer.
Das macht es deutlich, was gemeint ist. Ich denke sogar: Wenn es so etwas wie Konkurrenz unter den Heiligen gäbe (es gibt sie, glaube ich, glücklicherweise nicht), und wenn dann einer wäre mit spektakulären Erscheinungen, augenfälligen Tugendübungen oder ungewöhnlichen Entrückungen, und daneben stünde eine ganz unauffällige, schlichte, alltägliche Gestalt, so halte ich dafür: Der zweite wäre vor Gott und den Menschen der Vorzüglichere.
Freilich sollen wir uns davor hüten, die Normalität des Spießbürgers zu unserem Maßstab zu machen, dem jede Großzügigkeit und jeder Überschwang der Liebe fremd ist und der das Leben des Geistes erstickt, der alle Mauern und Engen sprengt. Wenn wir jedoch nicht diese Borniertheit als Ideal hinstellen, sondern wenn wir unter "normal" einmal verstehen den unauffällig sich mühenden Menschen, der nicht ständig aus der Reihe tanzt, dann würde ich folgendes zeitgemäße Gebet um Heiligkeit empfehlen: "Herr, gib uns Schlichtheit und zu einem mitfühlenden Herzen einen nüchternen Verstand. Sonderlinge haben wir genug, Schwärmer auch. Was wir, was Deine Kirche dringend braucht, das sind zuverlässige, selbstlose, unaufdringliche und kluge Menschen, die sich einsetzen für andere. Lass uns diese unauffällige Heiligkeit entdecken und in ihr wachsen, damit wir auch die auffällige schadlos verkraften und uns auch am Absonderlichen noch freuen können."
Albert Keller SJ
Im Lukasevangelium fragt Jesus: "Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht?" (6,41) Diese Frage gilt nicht nur seinen Jüngern damals, sie richtet sich auch an uns und unsere Gesellschaft. Zwar hat man die bezichtigt, sie leide an Unschuldswahn, weil sie alle Vergehen damit erklären wolle, dass die Erbanlagen, die Erziehung oder die Gesellschaft selbst Grund solcher Übel sei. Aber unsere Gesellschaft ist keineswegs bereit, alles zu entschuldigen. Zeitungen etwa sind voll von Schuldzuweisungen - ob es um Sportler geht, um Politiker oder Geistliche: Wer immer im Rampenlicht steht und wen man auch nur verdächtigt, er habe Anrüchiges getan, ist Zielscheibe von Schuldsprüchen. Wilhelm Busch spottet: "Der gute Mensch gibt gerne acht, ob auch der Andere Böses macht." Und dieser Spott trifft, weil wir uns um so besser vorkommen, wenn wir sehen, wie schlecht doch die Menschen um uns herum sind; dagegen sind wir die Guten und setzen uns von denen ab. Daher liegt es uns, andere herabzuwürdigen. Und deshalb gilt uns die Aussage Jesu: "Den Splitter im Auge des anderen siehst du, den Balken im eigenen nicht."
Aber es ist nicht nur diese Lust, sich selbst etwas herauszuheben als den Besseren, die uns so eingestellt sein lässt, sondern es liegt bereits daran, wie wir Menschen erkennen. Wir sind nach außen gerichtet, selbst wenn ich in einem Zurückbesinnen mich selbst in den Blick nehme, entdecke ich mich immer bezogen auf anderes: Ich höre Laute, sehe Farben, empfinde Schmerzen; das "Ich pur" kommt nicht vor. Auch im Körperlichen ist es so: Wir bemerken, wenn der andere Dreck an der Stirne hat; aber den eigenen Fleck entdecken wir nicht, es sei denn, wir schauen in einen Spiegel. Wir lassen auch da reflektierend das Bild zurückwerfen, denn sonst sind die Augen nach außen gerichtet, sehen sich nie selbst. Wenn wir wissen wollen, wie wir aussehen, brauchen wir einen Spiegel. Auch wenn wir wissen wollen, wie wir im Inneren, in unserer Gesinnung und Haltung aussehen, benutzen wir einen Spiegel, nämlich die Meinung der anderen; so wie man sich eitel vor dem Spiegel drehen kann, seine eigene Schönheit entdecken (oder sich dann zurechtmachen, damit man schöner wirkt), so dreht man sich auch vor dem Spiegel der Gesellschaft - gefallsüchtig, denn man will gefallen - und wie die reagiert, so schätzen wir uns dann selbst ein. Aber das ist gefährlich und irreführend. Die Gesellschaft ist nämlich ein Zerrspiegel. Was ihr gefällt, ist oft nicht das Richtige, sondern das ihr Genehme. Jesus geht so weit zu sagen: "Wehe euch, wenn euch die Menschen loben!" Er misstraut diesem allgemeinen Urteil. Wer für Wahrheit und Freiheit eintritt, sich einsetzt gegen Unrecht, nicht den Dingen ihren Lauf lässt, sich nicht der Gesellschaft angleicht, der ist nicht genehm. Deshalb bietet das, was man in ihr so tut und denkt, leider keine verlässliche Orientierung. Wie uns andere einschätzen und wie wir ihnen gefallen, das liefert kein zuverlässiges Bild von uns. Weil aber auch ein bloßes Zurückschauen auf uns selbst das nicht erbringt, bleibt nur der Satz des Evangeliums: "An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen."
Wir entdecken unsere Gesinnung nur an ihren Symptomen, ihren Ausbrüchen und Auswirkungen. Deshalb gibt es diese Beichtspiegelfragen: "Habe ich das getan und das unterlassen?" Das aber führt wieder leicht zu der schiefen Meinung, das Tun und Unterlassen sei das Entscheidende. Nein!, sagt Jesus: Das Herz ist es, aus dem kommen die bösen Gedanken. Entscheidend ist die innere Einstellung. Die aber entdecken wir nur, wenn wir unseren Taten und Unterlassungen in uns auf den Grund gehen. Dann können wir vermuten, wie es in uns selber aussieht. Bei einem anderen wissen wir noch weniger, was bei ihm zu seinem Tun und Unterlassen führt. Aber in jedem Fall ist nicht das äußere Tun und Unterlassen das Entscheidende, sondern die innere Einstellung.
Daher müssen wir ständig an uns arbeiten, an dieser inneren Gesinnung, damit wir ein gutes, ein frohes, ein auf Gott und Menschen ausgerichtetes Herz haben. Wenn wir dann Splitter in fremden Augen bemerken, können wir zwar das Verkehrte und Böse verurteilen; aber wir haben kein Recht, den Menschen zu verurteilen, weil wir ihm nicht ins Herz sehen. Wir sehen nur (wie bei uns, erst recht beim anderen), die äußeren Verhaltensweisen und wissen nicht, aus welchen Umständen die entstehen. Und deshalb sollten wir uns hüten, irgendeinen Menschen als böse zu beurteilen; dann sind wir nämlich selbst böse, weil es einer gehässigen Einstellung entspringt, den anderen für böse zu halten. Die müssten wir zuvor in eine liebevolle Gesinnung wandeln gemäß dem Wort Jesu: "Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; dann kannst du versuchen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen."
Albert Keller SJ
Es gibt den Maibaum und den Apfelbaum und viele Baumarten mehr. Dass es auch einen Bierbaum gibt, wissen selbst zahlreiche Botaniker nicht. Der zählt allerdings auch nur im metaphorischen Sinn zu den Pflanzen, denn es handelt sich bei ihm um einen Mann, der hieß Otto Julius Bierbaum und hat - wie glaubwürdig berichtet - auch wirklich von 1865 - 1910 gelebt. Der lieferte das vermutlich häufigste Zitat über den Humor, als er feststellte: " Humor ist, wenn man trotzdem lacht!"
Leider ist darin nicht angegeben, trotz wem oder wessen man lachen sollte. Muss die Lage ernst sein und die Umstände traurig, damit wir trotz ihrer lachen können, oder kann man auch sagen: Obwohl die Situation lächerlich ist, lachen wir? Vielleicht muss man nur unterscheiden zwischen einem Lachen, das in eine allgemeine Ausgelassenheit einstimmt, oft ohne den Grund zu kennen oder das aus einer unklaren, "angeheiterten" (nicht notwendig alkoholisch beschwingten) Vergnüglichkeit ausbricht, und einem, das aus dem Humor stammt, der die Nase noch hebt, wenn einem das Wasser bis zum Hals steht, um den Mund frei zu halten zum Lachen. Vielleicht beherzigt der aber nur das japanische Sprichwort: "Die Lebensspanne ist dieselbe, ob man sie lachend oder weinend verbringt!" Um sie jedoch lachend verbringen zu können, muss man wohl trotzdem lachen, denn allzeit ungetrübt heiter wird vermutlich das Leben für niemand verlaufen. Das wäre ja auch ein wenig fad wie ein immer gleich blauer wolkenloser Himmel auf die Dauer eintönig scheint. Ich muss gestehen, dass ich sogar eine pausenlose Friedlichkeit allmählich schal fände - ennuyant würde ich sagen, wenn ich ein Monokel trüge - , und den für die post-apokalyptische Zeit angekündigten Löwen, der Stroh frisst (vgl. Jes 11,7), halte ich für ein recht langweiliges Vieh; es nähme mich nicht wunder, wenn der auch blökte, statt schön schaudererregend zu brüllen.
Drum käme uns eine allzu heile Welt, die immer monoton nichts als heil wäre, womöglich gar nicht so heil vor. Es ginge uns wie dem Münchner im Himmel, dem das fortwährende Halleluja und tagaus tagein offerierte Manna auch bald zum Hals heraushingen. "A bisserl Apokalypse möcht' schon sein" würde vielleicht einer im österreichischen Paradies denken, wenn es nur lange genug gedauert hat - und in Paradiesen anderer Nationalität erginge es uns nicht anders. Wenn wir so unsterblich wären, dass wir immer und endlos weiterexistierten, verginge uns schließlich irgendwann das Lachen, zumal selbst das Aufhängen nichts hülfe; wir lebten ja auch baumelnd noch weiter. Glücklicherweise dauert der Himmel nicht lang, sondern gar nicht, versichern uns drum kluge Theologen, wenn sich auch alle gern Zeit lassen, dahin zu kommen, wo es keine Zeit mehr gibt.Bis dahin vertreiben wir uns die Zeit, hie und da auch mit schaurigen apokalyptischen Betrachtungen. Und damit wir unsere Phantasie dafür nicht zu sehr anstrengen, liefern uns Fernsehen und Film oder Video auf Wunsch die "Apokalypse now" in verschiedenen Variationen frei Haus oder zumindest frei Kinosaal (ganz frei ja auch nicht, denn erstens kostet es Geld und zweitens kümmert sich der Jugendschutz, dass die Apokalypsen nicht gar zu brutal ablaufen - sonst könnten wir vielleicht nicht "trotzdem" lachen, und es verginge uns der schwarze Humor, der ohnehin eher Sadismus, Gemütsroheit und Zynismus wäre als humorige Gesinnung - jedenfalls wenn andere betroffen sind). Wer aber selber drinnen steckte, in den Elendsgebieten und Kriegsschauplätzen, dem sind vielleicht die apokalyptischen Endzeitbedrohungen, die man fürchtet, selbst nur zum Lachen, weil sie ihm angesichts der Gräuel seiner Gegenwart nur lächerlich erschienen. Es kann auch einer lachen, der nichts mehr zu verlieren hat, weil ihm alles Verlierbare schon genommen ist - und es muss kein Lachen der Verzweiflung, es könnte auch der Hoffnung sein, wo einer weiß: schlechter kann's nicht mehr kommen, nur noch besser werden. Wir aber in unserer behaglichen Umgebung, dem einen durch Friedensdemonstrationen, dem anderen durch Waffen gestört, wir scheinen auf unseren Blick in die Ferne oder auf Tele-Visionärisches angewiesen, um etwas zu finden, trotzdem wir lachen könnten.
Wer aber nun - fern oder nah - in seiner Umwelt oder seinen Mitmenschen partout nichts aufzutreiben vermag, trotz dem er lachen könnte, dem rate ich, den Blick einmal auf sich selbst zu wenden. Selbst wenn es ihm wie dem Berliner geht, der auf die Ermahnung: "Mensch, geh in dir!" erwidern könnte: "War ik schon, is ooch nichts los!" , wird er auf diesem Weg zur Selbstfindung auch mancherlei Lächerliches finden. Und es mag sein, dass wir über uns selbst weder hämisch noch schadenfroh lachen können. Lachhaftes gibt es dennoch genug. Und man kann jedem nur raten: "Lach über dich selber, bevor es die anderen tun!" Kannst du das, dann hat das den Vorteil, dass du den Gegenstand deines Lachens in jeder Situation unmittelbar zur Verfügung hast. Und außerdem hast du - nur so! - Humor. Denn - so möchte ich den Kollegen Bierbaum ergänzen - "Humor ist, wenn man trotz seiner selbst lacht."
Albert Keller SJWir sind ständig gefordert, die Folgen unseres Tuns richtig einzuschätzen. Überwiegen seine Nachteile, ist es zu unterlassen; wo hingegen der Schaden einer Unterlassung unstreitig größer ist, müssen wir handeln. Das gilt für unser individuelles Verhalten und noch mehr für Eingriffe in gesellschaftliche Strukturen oder Institutionen wie für Entwicklung und Einsatz der Technik. Weil da die Auswirkungen meist viel weiter reichen als bei privatem Tun oder Unterlassen, sind auch die Konsequenzen schwerer zu überblicken und vorauszusagen. Daher reagiert unsere Gesellschaft, die man doch permissiv nennt, weil sie sich wenig darum kümmert, wie der einzelne sein Privatleben gestaltet, hier zunehmend misstrauisch gegen Institutionen wie gegen Technik, beides "Menschenwerk", wie allerdings auch das Misstrauen selbst. Um auch dessen Folgen einzuschätzen und es zu beurteilen, ist nach seiner Eigenart und seinen Gründen zu fragen.
Da fällt auf, dass fast alle institutions- und technikskeptischen Erscheinungen unter dem Transparent "Zurück zur Natur" zu marschieren scheinen. Sie reichen vom Bio-Laden zur Ablehnung der Gentechnik, vom "Nein, danke" gegen Atomkraft bis zur alleinseligmachenden natürlichen Methode der Empfängnisverhütung. Dahinter liegt eine Auffassung, die man als säkularisierte Übersetzung des Berichts vom Sündenfall im Alten Testament lesen könnte. Dort war die Welt von Gott gut geschaffen. Erst das Handeln des Menschen in der Ursünde - oft noch als Griff nach "Erkenntnis", als autonome Ausrichtung auf Wissenschaft interpretiert - hat uns dieses Paradies verlieren lassen. Jetzt gilt die Natur als gut, falls sie nicht die Eingriffe des Menschen ruiniert. Nimmt man Geschichte im engeren Sinn als den Verlauf des gesamten menschlichen Handelns, dann ließe sich diese Tendenz zu der Position verschärfen: Natur ja - Geschichte nein.
Eine solche Haltung gründet wohl nicht zuletzt in der Naturferne unserer Gesellschaft. In ihr erfährt sich der Mensch nicht mehr ständig von der Natur, etwa von Hunger und Seuchen, bedroht; von Naturkatastrophen nimmt er wie von exotischen Ereignissen Kenntnis, die ihn nicht betreffen. Die vom Menschen verursachten, geschichtlich bedingten Übel liegen ihm näher. Und das Ferne sehen wir ohne weiteres verklärt. Der Teufel liegt im Detail, und das verschwimmt aus der Weite betrachtet. In unseren Theorien und Entwürfen ist das Paradies mit wenig Mühe zu malen; erst wenn es ans Verwirklichen geht, zeigen sich die Schwierigkeiten. Vielleicht erklärt das, warum Studenten, in einer Gedankenwelt zu Hause, die sich nicht ständig im Alltag bewähren muss, für derartige schöne, aber wirklichkeitsferne Weltbilder besonders anfällig scheinen. Von weitem dünkt uns die Natur gern angenehm, da wir ihre Härte nicht mehr auf der Haut verspüren.
Aus dieser Verehrung einer idealisierten Natur, die bisweilen an eine "Natur-Religion" eigener Art erinnert, verstehen sich Eigentümlichkeiten wie eine neue Vorliebe zum Mythos auf Kosten der Naturwissenschaften oder die einseitige Forderung nach Legitimation, die allein für das Tun, kaum für das Unterlassen aufgestellt wird, wenn es um unser Verhalten der Natur gegenüber geht. Der Zugriff des menschlichen Erkennens wie noch mehr des Handelns scheint nämlich der Verehrung entgegenzustehen. Die Naturwissenschaften etwa lösten, so formuliert Jacob Burckhardt, "den Geist von der Natur und ihrer Anbetung, der Naturmagie". Und die Technik will die Natur beherrschen, anstatt sie verehrend gewähren zu lassen.
Die Reserve gegen die Naturwissenschaften kann darin gründen, dass man ihnen zu viel zumutet, bisweilen sogar die Auskunft über den Sinn des Lebens; und ein sachlicher Grund dafür, eher für das Eingreifen in die Natur Rechtfertigung zu verlangen als für das Unterlassen der Eingriffe, liegt darin, dass die Natur Milliarden Jahre Zeit hatte, ihren jetzigen Zustand herauszubilden und zu erproben, so dass nicht vorschnell zu erwarten ist, eine Änderung würde ihn bessern, da sie ihn doch zunächst jedenfalls aus dem Gleichgewicht bringt. Allerdings existiert für die Umwelt des Menschen dieses naturbelassene Gleichgewicht schon längst nicht mehr. Und nicht nur sprachlich ist an die Stelle von "Natur" die "Umwelt" getreten.
Es gibt eben Geschichte, und diese umfasst das ununterbrochene Einwirken des Menschen auf seine Welt und deren Umgestaltung. Wer aus der Geschichte aussteigen wollte - und jedes "Zurück" kündigt einen solchen Versuch an -, der endet nicht im geschichtsfreien Bereich reiner Natur oder in einem glücklichen Urzustand, einer "guten alten Zeit". Solche Aussteiger sind vielmehr in der Gefahr, um noch einmal Jacob Burckhardt zu zitieren, entweder als Barbaren zu landen - "Ihre Barbarei ist ihre Geschichtslosigkeit und vice versa" - oder als "ungeschichtliche Bildungsmenschen", die dennoch das Geschichtliche" nicht los werden. Es hängt ihnen alsdann unfrei, als Trödel an". Von der Geschichte, die nicht einfach als ganze zu billigen ist, wird nur frei, wer sie weder ignoriert noch verehrend hinnimmt. Der Natur wie der Geschichte, die für den Menschen untrennbar sind, wird nur gerecht, wer bewusst in ihnen steht. Das heißt gerade nicht, er solle ihnen unbekümmert ihren Lauf lassen. Aber wer von ihrem Zug abspringt, der kann ihn gewiss nicht steuern.
Albert Keller SJ
Die Zehn Gebote, vor über zwei Jahrtausenden aufgezeichnet, gelten als Lebensgrundregel auch heute, weil der Mensch Mensch bleibt und kein Zusammenleben gelänge, gäbe man Betrug, Ehebruch, Diebstahl und Mord frei. Daher finden sich weit über den jüdisch-christlichen Kulturkreis hinaus in Gesetzgebung und Rechtsprechung ihnen entsprechende Regelungen. Dennoch dürfen sie nicht überschätzt werden, wozu eine unter Deutschen anscheinend besonders verbreitete Schwäche neigt. Die tendiert dahin, Gesetze höher zu schätzen als Moral, und verkennt, dass es wichtiger ist zu fragen, was ich vor meinem Gewissen verantworten kann als danach, was Gesetze vorschreiben. Gerade wir Deutsche sollten das wissen, wir hatten Nazigesetze! Und viele erstickten mit der Parole: "Gesetz ist Gesetz und Befehl ist Befehl!" die Frage: Ist das vor Gott zu verantworten? Diese Haltung ist nicht ausgestorben, auf Gesetzesbrecher zu lauern, statt zu fragen, wie lebe ich vor Gott? Auch in der Kirche besteht die Gefahr, Gesetze überzubewerten nach dem Motto: Befehl ist Befehl (hier: Vorschrift aus Rom oder Anweisung des Bischofs) und Gehorsam ist höchste christliche Tugend! Man bedenkt nicht den Satz der Apostel: "Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen." (Apg 5:29) noch die Tatsache, dass Christus keine Gesetze erlassen hat, nichts mit dem Dekalog Vergleichbares. Und dass er sich immer dort, wo die Gesetze des Alten Bundes an Menschenwürde rührten und Menschlichkeit einzuschränken drohten, darüber hinwegsetzt, weil sie ihm da nichtig sind.
Allerdings sagt er ausdrücklich: "Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen." (Mt 5:17) Die Verbote behalten also ihre Gültigkeit: Er ist nicht gekommen, Lüge und Ehebruch zu erlauben, aber er rückt etwas anderes in die Mitte: Er will die Gebote erfüllen. Erfüllen heißt mehr als sich daran halten; das gerade tut er nämlich nicht, wenn es der Menschlichkeit im Wege steht. "Erfüllen" heißt, dieser leeren Form (was ich alles nicht tun darf), die einen äußeren Rahmen absteckt, einen Inhalt, eine Fülle zu geben, nämlich aufzuweisen, dass das ganze Gesetz und die Propheten nur den einen Sinn haben, den Menschen auf sein Ziel hin zu leiten wie Leitplanken. Und das Ziel heißt, Gott und den Menschen zu lieben.
Damit ist dem Christentum anstelle eines Gesetzesdenkens als Orientierung für jeden das Leben Jesu vorgegeben. Das Judentum verstand die Thora, die Bücher des Moses, als den Weg. Auf dem muss jeder bleiben, dann wird er leben. Das Neue Testament setzt anstelle dieses Weges einen anderen, nämlich Jesus selbst mit seinem Anspruch "Ich bin der Weg". Für den Christen ist daher die Antwort auf die Frage "Wie soll ich leben?" immer von Jesus her gegeben, an seiner Person allein ist sie abzulesen. Er müsste sich in jeder Situation fragen: Wie kann ich hier in der Gesinnung Jesu handeln? Das ist nicht einfach an den Zehn Geboten abzulesen. Aber das bewahrt vor dem Pharisäismus derer, die sich ein sauberes Gewissen verschaffen mit dem Abhaken von Geboten - ich habe noch nie gemordet, noch nie gestohlen und wenn, dann habe ich's gebeichtet, und so ist alles in Ordnung.
Der Christ muss hingegen fragen: Wie stehe ich da im Vergleich mit Jesus Christus? Kann ich sagen: Ich lebe für andere, nicht für mich? Denn Jesus war "der Mensch für andere", gekommen zu dienen und sein Leben hinzugeben. Daran ist das eigene Leben zu messen, ohne Sünden aufzurechnen, um aus dem Vergleich mit dem nie erreichten Vorbild die eigene Erlösungsbedürftigkeit zu erkennen. Natürlich wäre es schon viel, wenn man leistete, was die Zehn Gebote wollen; aber es ist von uns mehr verlangt, nämlich eine Grundeinstellung und Gesinnung, die sich an Jesus orientiert. Daraus resultieren neue Gebote, die in den Zehn Geboten nicht vorkommen. (Wie übrigens auch nicht das Grundgebot: "Du sollst den Herren lieben über alles und den Nächsten wie dich selbst", das zwar dem Alten Testament entnommen ist, aber nicht dem Dekalog). Eines dieser neuen Gebote hieße zum Beispiel: "Richte nicht"!, entsprechend der Gesinnung Jesu, der die Ehebrecherin fragt: "Hat dich niemand verurteilt?" und als sie antwortet: "Keiner, Herr", dann (auch kirchlich unerhört!) sagt: "Auch ich verurteile dich nicht." (Joh 8, 10f) Er heißt nicht die Sünde gut, sondern sagt dieser Frau "Gehe hin, sündige nicht mehr". Aber er verurteilt sie, eine überführte Ehebrecherin, nicht: auch darin ein leider unerreichtes Vorbild für uns. An Jesus können wir ablesen, wie Gott ist, also kein Gott, der verurteilt. Dadurch wird das Bild eines Gottes zurechtgerückt, von dem es im Kontext der Zehn Gebote hieß, er verfolge "die Schuld der Väter an den Söhnen und an der dritten und vierten Generation". (Dt. 5:9, Ex 20,5) Der Gott, der sich in Jesus zeigt, ist nicht dieser Art. Er ist einer, der den Sündern nachläuft, sie aufnimmt, sie aber nicht gleichgültig oder wie Marionetten abtut. Ihre Pflicht zum Guten bleibt, aber weder als drohendes Damoklesschwert noch als drückendes Joch, vielmehr als Herausforderung, der nachzukommen ist, um recht zu leben. Aber wo wir das nicht schaffen, wissen wir von Jesus her: Er verurteilt nicht, wenn nur auch wir niemanden verurteilen.
Albert Keller SJ
In seiner Abschiedsrede (Joh, 17. 20-26) legt Jesus sein geistliches Vermächtnis vor. Er will, dass seine Jünger und alle, die ihm auf ihr Wort hin folgen, "eins seien", und zwar "damit die Welt glaubt", denn die kann das nicht, wo im Namen Jesu Gegensätzliches verkündet wird. Daher müht sich das Christentum von seinen Anfängen an auch um eine einheitliche Lehre und hat dafür Dogmen und Glaubensbekenntnisse aufgestellt. Dennoch ist Einheitlichkeit nicht oberstes Ziel und nicht mit Einheit zu verwechseln. Wir müssen gewiss eines Sinnes sein, und doch gilt hier und in allen Fragen das Wort: "So viele Köpfe, so viele Sinne." Glaube ist nur dem lebendig, der darüber nachdenkt, und jeder, der denkt, ist ein Andersdenkender, der betet nicht einfach nur Gedanken nach. Wenn jeder einmal über seinen Glauben redete - nicht über den Glauben der Kirche, sondern über seine persönliche Ansicht - und ehrlich erzählte, was er glaubt, ungeschützt und nicht gleich im Blick auf Lehramt und ohne Ängste vor anderen, dann entstünde wohl ein sehr vielfältiges Bild. Darin läge kein Mangel, sondern Bereicherung. Es ist also kein Ideal, nur mit einer Stimme zu reden. Gott will vielfältig gelobt werden! Daher ist niemand, der von anderen abweicht, gleich des Irrglaubens zu verdächtigen. Jeder entdeckt den Sinn der Schrift aus seiner Sicht. Dadurch kommt der unerschöpfliche und vielgestaltige Sinn in den Blick, der im Wort Gottes liegt, das reicher ist als das, was jeder sich selbst ausdenken kann, weshalb er andere braucht, um das eigene Verständnis zu ergänzen. Wo aber nicht der vielfältige Sinn des Wortes Gottes gesucht wird, sondern der eigene Sinn, der als allein gültiger durchzusetzen wäre, kann Schuld vorliegen, die wohl auch bei der Glaubensspaltung mitspielte, und zwar auf allen Seiten, und die auch heute der fürchten muss, der nicht alles unternimmt, diese Trennung zu beheben, weil er vielleicht vor allem Recht behalten will (und man kann im Deutschen Recht behalten, ohne es zu haben). Dann wird der eigene Sinn für den Sinn der Schrift ausgegeben und daraus nur das entnommen, was einem passt. Dagegen muss jeder sich und seine Ansicht in Frage stellen lassen von anderen, in der eigenen Kirche wie außerhalb, mit der Absicht, in aller Unterschiedlichkeit einig zu sein gemäß der Bitte Jesu: "Sie sollen eins sein." Jesus will diese Einheit auch, weil sie dem für ihn entscheidenden Gebot entspringt: Gott zu lieben aus ganzem Herzen und den Nächsten wie sich selbst. Denn niemand kann lieben, der nicht auf Einheit aus ist, und der Nächste ist nicht einfach der, der Glaubensgenosse, der gleicher Rasse, gleichen Vaterlandes oder gleicher Meinung ist, sondern jeder Mensch, sogar der Feind. Wo also dieses Gebot gilt, da muss Einheit mit den Mitmenschen vorherrschendes Ziel sein.
Der wichtigste, tiefste Grund, warum Jesus Einheit will, liegt im Kern des christlichen Glaubens: Wir sind nur durch Einheit, nämlich die Einheit mit Christus erlöst, der die Sünden der Welt hinweggenommen hat. Sünde ist im Sinne Jesu nämlich immer Lieblosigkeit, und die wird nur beseitigt durch Liebe, und zwar eine Liebe, die keine Schranken und Grenzen kennt, die bis zum letzten Blutstropfen geht. Und das ist die Liebe Jesu. Als der Auferstandene ist er beim Vater allen Menschen aller Zeiten gegenwärtig, das heißt: Seine Liebe ist bei uns bis ans Ende der Welt. Die kann zudecken und ergänzen, was an Lieblosigkeit in uns bleibt, kann es aber nur, wenn wir eins sind mit ihm, wenn wir uns in seine Liebe hinein flüchten, deshalb ist nur Erlösung, wo Einheit ist. Wer immer sich von einem Menschen distanziert, distanziert sich von der Erlösung,. So müssten wir darüber erschrecken, wie wir leben können in Distanzen gegeneinander, in unterschiedlichen Konfessionen, in Parteiungen, jedenfalls dort, wo es um den Glauben geht.
Die Einheit als Aufgabe muss uns auf den Nägeln brennen. Dazu ist allerdings zu beachten, dass Einheit nicht Einerleiheit besagt. Eine monolithische Kirche wäre kein Ideal, wo alle die gleiche Kniebeuge machen, alle den gleichen Kult haben. Wer einen Sizilianer und einen Hamburger oder gar Koreaner, Eskimos und Afrikaner zu den gleichen Formen des Glaubens bringen möchte, wird den Menschen nicht gerecht, die nicht alle in die gleiche Jacke zu zwängen sind. Vielfältigkeit ist nicht ein Kompromiss, den man eingehen muss, weil die Menschen zu schwach sind, vielmehr dient gerade sie - nicht aber ein Einerlei - der Einheit. Zum Beispiel gedeiht Einheit zwischen Mann und Frau nicht, wenn der Mann weiblich und die Frau männlich wird. Reiche Einheit kommt gerade dort zustande, wo Vielfalt besteht und sich ergänzt.
Das ist auch im Glauben wie im Kult zu akzeptieren: Vielfalt, die sich ergänzt, sollte das Ziel sein. Die eine Kirche, die wir nach dem Auftrag Christi höchst dringlich anzustreben haben, darf nicht nur, sondern sie soll die Mannigfaltigkeit dessen umfassen, was sich in unterschiedlichen Konfessionen und Kulturen entwickelt hat, solange es nur nicht gegen die Einheit ausgespielt wird. Weder soll der andere auf meine Linie gebracht werden, noch soll ich die eigene Linie aufgeben. Es darf überhaupt nicht um die eigene Linie gehen, es darf nur darum gehen, den Auftrag Christi zu verwirklichen. Und der verlangt nicht, die Vielfalt auszurotten, sondern sie zur Einheit zu ergänzen in der Liebe, die nicht die unsere, vielmehr die seine ist.
Albert Keller SJ
Bereits Aristoteles hat den Menschen als "animal sociale", als "gesellschaftliches Lebewesen" bestimmt. Diese Kennzeichnung ist durch Erfahrung und wissenschaftliche Erkenntnisse inzwischen ausgiebig bestätigt. Schon auf der biologischen Ebene hat der Mensch Gemeinschaft nötig. Der einzelne kann nicht allein leben; zumindest als Kleinkind wäre auch Robinson auf der einsamen Insel zugrunde gegangen. Und mag auch unter günstigsten Umständen ein Erwachsener als Eremit überleben können, so leben doch die meisten "Aussteiger" von und auf Kosten der Gemeinschaft.
Nun ist zwar das biologische Leben für sich nicht Endziel des Menschen, und seine Grundaufgabe heißt nicht etwa zu überleben, koste es, was es wolle. Da aber dieses Überleben Bedingung dafür ist, dass der Mensch dem nachzukommen vermag, was er für sein Ziel hält oder was sein Ziel ist, muss er sich auch um dieses Leben sorgen, wenn auch seinem Hauptziel untergeordnet und in dem Maß, wie es dem dient. Daher ist auch die Gemeinschaft anzustreben und für sie Sorge zu tragen, da nur sie das leibliche Leben und Überleben garantiert. Aber vielleicht noch mehr ist der Mensch auch für seine geistige Entfaltung auf Gesellschaft angewiesen.
In dieser Sicht wäre allerdings Gesellschaft nur als Mittel zur Selbsterhaltung und Selbstentfaltung gewürdigt und so dem Individuum eindeutig untergeordnet. Die Persönlichkeit des einzelnen und ihre Bedürfnisse erhielten eindeutig Vorrang vor den Erfordernissen der Gesellschaft; diese Haltung läuft unter dem Namen "Individualismus". Ihr stünde ein Kollektivismus gegenüber, nach dem der einzelne ganz im Dienst der Gemeinschaft aufzugehen hat und dessen Handlungsgrundsatz dementsprechend lautet: "Gemeinnutz geht vor Eigennutz!" Hier scheint nun umgekehrt die einzelne Person ganz zum Mittel für die Gesellschaft zu werden. Das verstieße gegen die eben in der Freiheit des einzelnen gründende Menschenwürde, die Kant in seinem für alles zwischenmenschliche Verhalten grundlegenden Imperativ beachtet, der fordert: "Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest." Das Dilemma, wonach entweder der einzelne Mittel zur Gesellschaft oder umgekehrt die Gesellschaft Mittel für ihn zu sein habe, lässt sich nur lösen, wenn man erkennt, dass weder das Individuum der Gesellschaft noch diese dem einzelnen unterzuordnen sind. Geht man nämlich davon aus, dass es zum Ziel des Menschen gehört, sich seinen Mitmenschen zuzuwenden, etwa gar gemäß dem christlichen Gebot der Nächstenliebe, und begreift man ferner, dass "lieben" in diesem Sinn heißt, den anderen als freien zu wollen und alles zu seiner Freiheit zu tun, dann wird auch deutlich, dass sie sich nicht in einer individuellen Zuneigung zu einem einzelnen erschöpfen darf, etwa gar im bloßen "nett zueinander sein" und auch nicht im Almosen geben, dass ich vielmehr Gemeinschaft mit ihm suchen und aufrichten muss. Denn die Gemeinschaft des persönlichen Austausches, das verbindende Gegenüber freier Personen ist unmittelbare Bedingung der Freiheit, da ich ohne sie dem anderen als freien gar nicht begegnen würde. Ein bloß flüchtiges Aufeinandertreffen lässt mich ihn zwar auch wahrnehmen; aber es führt nicht dazu, dass ich dann behaupten könnte: "Ich kenne ihn". Ohne eine intensivere Kommunikation, durch die ja Gemeinschaft erst zustandekommt, bliebe er mir in seinem ethischen Anspruch und seinen Zielen, in seiner Abhängigkeit und in seiner Selbstbestimmung unbekannt; ich würde also seine Personalität nicht erfassen und ihm daher nicht als einem freien begegnen, in dem nur so meine Freiheit ihr angemessenes und für sie unentbehrliches Gegenüber findet.
Daher bietet allein die Gemeinschaft die natürliche Bedingung dafür, dass ich mich auf einen anderen als unbedingtes Ziel meiner Freiheit ausrichten kann, und ermöglicht damit erst meine Freiheit selbst. Deshalb gibt es ohne Ausrichtung auf Gemeinschaft und ohne das gemeinsame Anzielen der Freiheit auch keine Selbstverwirklichung. So stehen sich denn individuelle Persönlichkeit und Gemeinschaft nicht konkurrierend gegeneinander, so dass jeweils das eine sich nur auf Kosten des anderen realisieren ließe, sondern sie bedingen sich gegenseitig derart, dass sie nur zusammen ihre Vollendung finden können.
Albert Keller SJUnsere Gesellschaft hielte den für engstirnig, verbohrt und fanatisch, der behauptete: Der Sinn des menschlichen Lebens misst sich allein daran, ob man Christ ist oder nicht. Wer es nicht ist, führt eine unsinnige, verdammungswürdige Existenz. Aber ganz ähnliche Behauptungen finden sich im Neuen Testament. Da schreibt Paulus: "Lebt nicht mehr wie die Heiden in ihrem Wahn. Ihr Sinn ist verfinstert. Sie sind dem Leben Gottes entfremdet durch die Unwissenheit, in der sie befangen sind, und durch die Verhärtung ihres Herzens. Haltlos wie sie sind, geben sie sich der Ausschweifung hin, um voll Gier jede Art von Gemeinheit zu begehen."(Eph 4,17-20) Jesus selbst lehrt: "Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen. Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden." (Mk 16,15 f)
Dieser absolute Anspruch der urchristlichen Verkündigung klingt - milde ausgedrückt - nicht sehr zeitgemäß; er scheint nicht in unsere aufgeklärt demokratische Gesellschaft zu passen. Und die hat wohl nicht ganz unrecht mit ihrer Ablehnung aller Fanatiker, denn geistige Drogenhändler, die ihren Fanatismus verbreiten, richten auf Dauer vielleicht mehr Schaden für die Menschheit an als die zweifellos ebenfalls menschenverachtenden Rauschgiftdealer, die ihre Suchtpülverchen vertreiben. Außerdem taugt keine Überzeugung etwas, und sei sie von noch so edlem Inhalt, wenn sie unter Gewalt oder psychischem Zwang anderen aufgenötigt würde und Andersdenkende unterdrückte oder benachteiligte. Daher scheint die Haltung unserer westlich-säkularisierten Gesellschaft, die jeden nach seiner Fasson selig werden lässt, jeder Art von geistigem Totalitätsanspruch, von alleinseligmachender Lehre vorzuziehen.
Nur müsste man auch wissen, warum sie vorzuziehen ist. Die Antwort, sie sei vorzuziehen, weil sie menschenwürdiger ist, unterstellt, man wisse, was der Würde des Menschen entspricht. Das kann ich aber nicht an dem ablesen, was die Menschen tatsächlich tun oder wie sie alltäglich leben. Daran ist doch vieles schief und verkümmert, erbärmlich und unsinnig, also gerade menschenunwürdig oder gar unmenschlich. Um zu begreifen, was menschenwürdig ist, genügt also nicht der Blick darauf, wie die Menschen tatsächlich existieren, sondern dazu muss ich den Menschen sehen, wie er sein sollte.
Was der Mensch soll, wozu er lebt, welchen Sinn sein Dasein hat, kann jedoch niemand festlegen außer dem, der den Menschen entworfen und geschaffen hat. Hätte der Mensch keinen Schöpfer, der seine Entwicklung aus dem Tierreich gewollt und bestimmt hat, dann hätte er weder Ziel noch Sinn, dann bliebe auch die Rede von Menschenwürde grundlos, nämlich unbegründbar, weil von unserem Geschmack und Gutdünken abhängig. Nun hat Gott aber Ziel und Sinn unseres Lebens nicht nur festgelegt; er hat uns auch darüber informiert. Und zwar ein für allemal und endgültig in Jesus Christus. Wenn der von sich sagt: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben", stellt er diesen Anspruch, in ihm sei verkörpert, was in den Augen Gottes wahrhaft menschliches Leben heißt. Christus erklärt, er sei der Weg, also nicht ein Weg, neben dem man noch andere gehen könnte. Das schließt er vielmehr ausdrücklich aus. Wer ihm nicht folgt, geht in die Irre.
Führt dieser Anspruch eines alleinseligmachenden Weges nicht doch wieder zu Fanatismus und Intoleranz? Jesus nachzufolgen führt keineswegs zum Fanatismus, sondern schließt ihn gerade aus. Wer Fanatiker ist, folgt darin keineswegs Christus, sondern der folgt vielmehr einer Haltung, die Jesus scharf bekämpfte wie kaum etwas sonst. Der Fanatiker betrachtet die Menschen, die seine Auffassung nicht teilen, als Feinde, die er hasst; und er will nichts mit solchen Abtrünnigen oder Sündern zu tun haben. Jesus verlangt dagegen, dass wir die Feinde lieben, und er hielt Gemeinschaft mit Sündern und Ausgestoßenen.
Wenn also Jesus Christus uneingeschränkt und unbedingt fordert, nur wer ihm nachfolge, verwirkliche den Sinn des menschlichen Lebens und könne endgültig, also für die Ewigkeit, vor Gott bestehen, so schließt er damit niemanden aus. Vielmehr lädt er jeden Menschen über alle Schranken von Herkommen, Rassen, Nationen und Kulturen hinweg ein, in Gemeinschaft mit ihm wahrhaft als Mensch zu leben. Ausnahmslos allen sagt er: "Ich bin Euer Weg, Eure Wahrheit, Euer Leben, hier in dieser Welt und in Ewigkeit."
Albert Keller SJ
In der deutschen Umgangsprache hat das Wort "Kirche" vier Bedeutungen. Erstens kann es eine organisierte christliche Glaubensgemeinschaft bezeichnen ("er ist aus der Kirche ausgetreten"); dann einen solchen Zusammenschluss, insofern er durch Amtsträger, etwa den Klerus, repräsentiert ist ("die Kirche hat sich dazu noch nicht geäußert"); drittens einen Gottesdienst, etwa eine Eucharistie oder Abendmahlsfeier ("die Kirche beginnt um 9 Uhr"); schließlich ein für solche Gottesdienste errichtetes Gebäude ("eine gotische Kirche"), auch "Gotteshaus" genannt.
Allerdings kannten die ersten Christen keine eigenen "gottgeweihten" Räume oder Häuser. Vielmehr gingen sie zum Beten in den Tempel. "Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Freude und Einfalt des Herzens", berichtet die Apostelgeschichte (Apg 2:46). Der christliche Gottesdienst, das Brotbrechen, fand also in ihren Privathäusern statt. Das zeigen auch die Anfänge des Kirchenbaus. Den ältesten Beleg dafür liefern die ab 1922 erfolgten Ausgrabungen von Dura- Europos am Westufer des Euphrat. Dort entdeckte man die bisher einzig bekannte Hauskirche vorkonstantinischer Zeit. Es handelt sich um ein römisches Privathaus, in dem man durch Abtragung einer Mauer einen Versammlungsraum geschaffen hatte, dessen Entstehung auf 232/33 n.Chr. datiert werden kann. Auch die ältesten Titelkirchen gehen vermutlich auf römische Wohnhäuser zurück, die als Hauskirchen verwendet wurden. Das römische Recht kannte nämlich kein Gemeineigentum; als die Kirchengemeinschaft daher eigene Häuser für ihre Gottesdienstversammlungen erwerben wollte, musste eine Privatperson ihren Rechtsanspruch, den "titulus", auf dieses Gebäude vertreten. So kennt man aus alten Inschriften für die römische Titelkirche S. Pudenziana, früher auch "ecclesia Pudentiana" genannt, den "titulus Pudentis", und es ist nicht ausgeschlossen, dass man nach diesem Namen in Unkenntnis seines geschichtlichen Ursprungs erst die Existenz einer "Heilige Pudentiana" gefolgert hat. Auch als es dann nach der konstantinischen Wende möglich war, eigene Kirchengebäude zu errichten, hat man die nicht als Tempel gebaut, sondern als Basiliken. Die Basilika (von griechisch "basileus", König) war im alten Rom ein vom Kaiser privilegiertes Versammlungsgebäude, meist eine Säulenhalle ohne festgelegten Baustil, in dem man Handel trieb, Rechtsgeschäfte abwickelte, aber auch zur Unterhaltung oder zum Spiel zusammenkam. Die frühen kirchlichen Basiliken wurden also als Monumentalbauten, meist mit Langhaus und Seitenschiffen, für die Gemeinde errichtet, in dem sie sich zum Gottesdienst versammelte.Daher wäre der Name "Haus der Christen" für ein Kirchengebäude angemessener als die Bezeichnung "Gotteshaus". Wer freilich meinte, man könne im Christentum auf derartige Kultbauten ganz verzichten, da man doch auch in der Urkirche ohne sie ausgekommen sei und sich in Privathäusern zur Eucharistie zusammenfand, müsste nicht nur berücksichtigen, dass die damalige "kleine Herde" nicht das Maß für spätere Großgemeinden abgeben kann, sondern er müsste vor allem auch das Wort Jesu genauer bedenken, wonach "der Sabbat um des Menschen willen da ist" (Mk 2,2). Jesus fordert damit nämlich keineswegs, man müsse den Sabbat - oder entsprechend einen besonders Gott bezogenen Tag - abschaffen. Aber nicht weil es einen Gott vorbehaltenen Tag geben müsse; dem gehören nämlich alle Tage gleichermaßen. Vielmehr brauchen die Menschen einen solchen Tag, eben damit sie sich daran erinnern, dass auch die übrige Zeit ganz "gottgeweiht" sein muss. Ebenso benötigen sie Kirchenbauten, nicht weil die als "Haus Gottes" dessen besondere Wohnung oder ein ihm reserviertes Eigentum wäre - er wohnt überall und ihm gehört alles -, sondern weil den Menschen Räume der Sammlung und Versammlung zu Verfügung stehen müssen, wo sie sie sich dessen bewusst werden können, dass sie selbst und die ganze Welt Gott zu eigen sind.
Als Christen wissen sie zudem, dass sie nur in Gemeinschaft mit Christus und mit allen, die zu ihm gehören, die sie in der Eucharistie ausdrücken und feiern, mit Gott verbunden leben und so ihr Heil finden können. Diese Gemeinschaft wird in der Weltkirche zeichenhaft verkörpert, die in den Einzelgemeinden ihre Lebenszellen hat; für die wieder soll das Kirchengebäude Symbol sein, das sie an den Satz aus dem ersten Petrusbrief erinnert: "Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen, zu einer heiligen Priesterschaft, um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen" (1 Petr 2,5). Als dieses so aufgebaute "geistige Haus" erst wäre die Kirche wirklich "Gotteshaus".
Albert Keller SJIn Shakespeares Komödie "Was ihr wollt" findet sich folgender kurzer Dialog zwischen der Gräfin Olivia und ihrem Narren: Narr: "Gute Madonna, warum trauerst du?" Olivia: "Guter Narr, um meines Bruders Tod." Narr: "Ich glaube, seine Seele ist in der Hölle, Madonna." Olivia: "Ich weiß, seine Seele ist im Himmel, Narr." Narr: "Desto größer ist eure Narrheit, darüber zu trauern, dass eures Bruders Seele im Himmel ist."
Hier wird gerafft das Problem christlicher Trauer um die Toten sichtbar und auch ein Wandel unserer Einstellung dazu vorweggenommen, der in jüngerer Zeit zu beobachten ist.
Wenn wir sie betrauern, bedauern wir dann die Toten? Ein solches Bedauern könnte zwei Arten von Gründen haben. Die erste, eher "weltliche", zeigt sich, wenn wir von einem Verstorbenen sagen: "Schade, dass er das nicht mehr erleben durfte." Er geht davon aus, dass man nach dem Tod von den Ereignissen dieser Welt nichts mehr mitbekommt, und das erklärt dann, dass man den Toten bedauert, weil er ein angenehmes oder fröhliches Ereignis demnach nicht mehr miterleben könne. Ein Christ kann hingegen überzeugt sein, die Verstorbenen seien nicht derart von der Welt abgeschieden, dass sie in keinerlei Beziehung mehr dazu stünden. Der Satz aus dem "Credo", wir glaubten an die "Gemeinschaft der Heiligen", bekennt sich zu dieser Überzeugung, die sich auch in dem Spruch niederschlägt: "Wer zu Gott heimgeht, bleibt in der Familie." Die andere, eher religiöse Begründung dafür, Tote zu betrauern, offenbart die traditionelle Rede von den "Armen Seelen". Sie geht davon aus, dass die meisten Menschen nach ihrem Tod im Fegfeuer, oft als Ort der Qualen vorgestellt, eine schmerzliche Läuterung über sich ergehen lassen müssen und daher "arm" und zu bedauern seien. Dahinter liegt eine schwer nachzuvollziehbare Auffassung, wonach zugefügte Schmerzen Sünden wegschaffen könnten. Sünde ist immer Lieblosigkeit, und die kann nur durch Liebe beseitigt werden.
Allerdings kann die Liebe behindert sein durch eine falsche Bindung an Vergängliches, und davon reißt der Tod jeden weg. Dieses schmerzliche Losgerissenwerden heißt nur auf Deutsch "Fegefeuer", andere Sprachen haben dafür Ausdrücke, die "Reinigung" besagen. Jedenfalls handelt es sich dabei nicht um einen Ort, sondern um einen Prozess. Gewiss kann man bedauern, dass dieser Vorgang schmerzlich ist, und zwar um so schmerzlicher, je intensiver jemand sein Herz an Vergängliches hängte, und man kann auch den bemitleiden, der ihn durchleiden muss. Aber wirklich "arm" ist er dennoch keineswegs, vielmehr im Übergang zu seinem unverlierbaren Heil. Dessen sind sich heutige Christen bewusster als frühere Generationen. Ihnen kommt wohl eher die Verheißung aus der Offenbarung des Johannes in den Sinn: " Selig die Toten, die im Herrn sterben, von jetzt an; ja, spricht der Geist, sie sollen ausruhen von ihren Mühen; denn ihre Werke begleiten sie." (Offb14:13) Oder auch das Wort des Apostels Paulus, der in seinem 1. Brief an die Thessalonicher schreibt: "Brüder, wir wollen euch über die Verstorbenen nicht in Unkenntnis lassen, damit ihr nicht trauert wie die anderen, die keine Hoffnung haben," (1 Thess 4,13) und dann anfügt: "Dann werden wir immer beim Herrn sein. Tröstet also einander mit diesen Worten!" (4:17f)
Diese Überzeugung hat dazu geführt, dass in heutigen christlichen Trauergottesdiensten oder bei Beerdigungen öfter ein Osterlied gesungen wird. Allerdings kann sich dadurch durchaus ein Leidtragender in seiner Trauer beeinträchtigt fühlen. Wir müssen auch als Christen tiefer Trauer Raum geben. Schließlich sagt Jesus: "Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden." (Mt 5:4) Warum aber preist er Trauernde selig? Weil Trauer Ausdruck der Liebe ist. Nur wer liebt, trauert um den Verlust des Geliebten. Liebe will Nähe, will, was sie liebt, auch körperlich bei sich haben. Deshalb ist der Tod um so schmerzlicher, je mehr der Verstorbene geliebt wird. Und die Liebe ist bedroht durch den leider oft wahren Spruch: Aus den Augen, aus dem Sinn, und die Beteuerungen am Grab: "Du wirst uns immer unvergessen bleiben" sind zwar im Augenblick, wo sie geäußert werden, meist ehrlich gemeint, aber bleiben doch auf Dauer eben so oft ein leeres Versprechen.
Christliche Trauer sollte nicht den Toten betrauern oder bedauern, sondern sie zeigt den Schmerz des verlassenen Zurückbleibenden über den Verlust eines lieben Menschen. Sie kann daher beim Christen nicht weniger tief sein als beim Ungläubigen. Freilich kann sie nie verzweifelt sein, sondern muss mit der gewissen Hoffnung verbunden sein, dass alle Trennung nur vorläufig ist und dass sie zudem nur leibliche Abwesenheit besagt und an der Verbundenheit der Herzen nichts zu ändern vermag (weshalb übrigens der bei auch kirchlichen Trauungen geläufige Zusatz: "bis der Tod euch scheidet" mehr als missverständlich ist). Trauernde verdienen deshalb Respekt, weil man frei nach dem Wort Jesu sagen kann: "Selig die Trauernden, denn sie sind die Liebenden."
Albert Keller SJ
Thomas von Aquin erklärt in seiner kleinen theologischen Schrift "Darlegung über die zwei Gebote der Liebe und die zehn Gebote des Gesetzes": "Dreierlei muss der Mensch zum Heil wissen, nämlich was zu glauben ist, was zu wünschen ist und was zu tun ist." Das erinnert an eine ähnliche Dreiteilung, die Kant in seiner "Kritik der reinen Vernunft" vorlegt: "Alles Interesse meiner Vernunft (das spekulative sowohl als das praktische) vereinigt sich in folgenden drei Fragen: 1. Was kann ich wissen? 2. Was soll ich tun? 3. Was darf ich hoffen?"
Der ersten Frage widmen sich in der Philosophie Erkenntnislehre und Wissenschaftstheorie, der zweiten die Ethik. Für die dritte jedoch, was ich wünschen und hoffen darf, hat sich keine eigene Disziplin entwickelt. Dennoch ist sie für das menschliche Leben von erheblichem Gewicht, denn davon, was ich mir wünsche und erhoffe, hängt es weithin ab, was ich zu erkennen trachte und wie ich handle. Daher lohnt es sich wohl, dieser Frage nachzugehen, und zwar nicht nur allgemein zu erörtern, worauf sich die Hoffnung der Menschen generell richtet, sondern es wäre bereits reizvoll und weiterführend, wenn jeder einzelne sich fragte, was er sich denn erhofft und wünscht.
Freilich lässt sich das gar nicht so einfach herausfinden, weil unser Wünschen und Hoffen auf tausenderlei Unterschiedliches geht, das sich oft nicht einmal miteinander vereinbaren lässt, und uns zudem die unablässigen Forderungen des Alltags in die Quere kommen. Wir Menschen haben doch ständig eine Uhrmacherlupe vor das Auge unseres Geistes geklemmt, die uns scharfsichtig macht für das, was uns vor der Nase liegt, und blind für die Weite. Kurzsichtigkeit ist die verbreitetste Geisteskrankheit, die nicht behandelt wird, weil sie normal ist. Und das Alltägliche fördert diese Erkrankung. "Für den Menschen ist das Wichtige oft durch einen undurchdringlichen Schleier verdeckt. Er weiß, da drunten ist etwas, aber er sieht es nicht. Der Schleier reflektiert das Tageslicht", sagt Wittgenstein (Vermischte Bemerkungen, Eintrag aus dem Jahr 1949).
Dass wir eine Nahsichtlupe tragen, um zu sehen, was die unmittelbar vorliegende Aufgabe des Tages ist, und uns darauf konzentrieren, darin liegt noch keine Krankheit. Aber wenn wir sie nie ablegen, wird unsere geistige Sehfähigkeit verkümmern und wir werden nicht mehr im Stande sein, hinter allem Vorläufigen das zu erblicken, worauf wir letzten Endes aus sind. Dann bleiben wir desintegrierte Menschen, von einer Vielzahl von Sorgen und Ängsten bedrängt, jagen hundert Hasen nach und fangen keinen.
Wenn wir von einem sagen, er sei nicht ganz bei sich, kann das darauf verweisen, dass er von seinen Süchten und Wünschen, von Ängsten und Hoffnungen derart gegängelt wird, dass er sich nicht mehr selbst zu bestimmen vermag und in diesem Sinn nicht mehr bei sich ist, sondern zersplittert in seine vielfältigen Strebungen. Dem ist eben dadurch zu begegnen, dass man sich auf sich selbst besinnt, etwa mit der Frage: "Was will ich eigentlich? Worauf geht mein Wünschen und Hoffen zuletzt?" In dem nämlich, was wir erhoffen und damit schätzen, bestimmen wir selbst, wer wir sind und wo wir zu Hause sind, gemäß dem Wort des Evangeliums: "Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz." (MT 6.21) Um also herauszufinden, wo unser Herz ist, woran es hängt, sollten wir uns die Zeit nehmen zu bedenken, was wir über alles wünschen und worauf wir vor allem hoffen.
Und einen Tipp, wie wir die Antwort auf diese Frage aufspüren können, gibt uns der heilige Augustinus, wenn er in seinen "Bekenntnissen" zu Gott redet und feststellt: "Ruhelos ist unser Herz, bis es seine Ruhe findet in Dir."
Albert Keller SJ