"Die Zeit", sagt die Marschallin im Rosenkavalier, "die ist ein sonderbares Ding. Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts. Dann, auf einmal, spürst du nichts als sie; sie ist um uns herum und ist in uns drinnen. In den Gesichtern rieselt sie, in dem Spiegel da rieselt sie, und zwischen mir und dir fließt sie dahin, wie eine Sanduhr, lautlos. Manchmal hör' ich sie rinnen, unaufhaltsam; und ich steh' auf, mitten in der Nacht und lass die Uhren alle stehen." Wir können Uhren stehen lassen, die Zeit nicht. Die Zeit läuft, was immer wir tun, sie läuft, und das heißt auch, sie läuft ab. Das mögen wir nicht, weil wir mit der Zeit verrinnen. Vielleicht lärmen und besaufen sich Leute an Neujahr auch deshalb, damit ihnen dieser Ablauf, das Verrinnen der Zeit nicht so deutlich vor Augen tritt. Vieles, was wir Menschen tun, tun wir dagegen. Ob wir faltenglättende Creme nehmen oder Denkmäler aufrichten, Pyramiden bauen, ob wir den Toten nachrufen: "Ihr bleibt ewig unvergessen" - im Grunde ist es ein ohnmächtiges Anrennen von Zwergen gegen den Tyrannen Zeit. Am Ende gewinnt sie und schüttet mit ihrer Sanduhr alles einebnend zu, als wäre es nie gewesen. Das Alte Testament sagt: "Wie eine Blume blüht der Mensch, der Wind fährt drüber hin, sie ist verschwunden, und nicht einmal den Standort findest du mehr."
Diese unaufhaltsame Zeit ist deswegen auch eine unaushaltbare Zeit. Sie läuft im Sauseschritt, und wir laufen oft mit oder trotten hinterdrein, statt unser Leben zu gestalten. So sollten wir vorausdenken ans neue Jahr und nicht nur fragen, was wird's bringen, sondern: "Wie werde ich damit zurechtkommen; was werde ich daraus machen?" Ich soll mich einsetzen, engagieren für die Mitmenschen, für die Umwelt, für den Frieden, für die Dritte Welt. Ständig kommen Forderungen. Wenn man jedoch sagen müsste, letzten Endes ist alles egal, kann ich mich dann wirklich engagieren, plagen, aufreiben, für eine Sache, die nach kurzer Zeit vergangen wäre? Wenn sich bald niemand mehr darum kümmert und kein Hahn mehr danach kräht, ob du dich so oder so verhalten hast, käme da nicht, als einzig vernünftige Haltung die heraus: "Es hat doch alles keinen Zweck?" Lasst uns essen und trinken, morgen sind wir tot, sagt die Schrift von dieser Einstellung.
Die bestimmt die Menschen zum Glück mehrheitlich nicht. Eine Mehrheit versucht doch, etwas aus ihrem Leben zu machen, sich für ein Ideal einzusetzen. Wie aber, müsste man sich fragen, verträgt sich das mit deiner Einstellung zur Zeit? Denkst du nicht darüber nach, dass in zweihundert Jahren niemand mehr fragen wird, ob du dieses oder jenes getan hast? Warum also dann dieses Mühen? Warum dieses Ringen nach Sinn?
Es zeigt sich, dass viel mehr Leute glauben als sie selbst wissen. Was man so Unglauben nennt, ist schlicht Seichtheit. Man kommt sich selbst nicht auf den Grund, denn man könnte nicht leben mit dem Satz: "Es ist eh alles egal." Und wenn die Zeit das letzte Wort hätte, w ä r e letzten Endes eh alles egal. Wir leben in einer viel größeren Gemeinschaft von Glaubenden als man normalerweise denkt, auch wenn 90 % ungetauft sein werden. Als Christen sind wir privilegiert. Wir haben die Chance zu sehen, was wir glauben, nachzudenken darüber. Natürlich müssten wir dieses Privileg nutzen. Was sagt denn "christlich"? Die christliche Überlegung zeigt, es bleibt alles wahr - die Zeit vergeht, sie ist unaufhaltsam, eben darum kostbar. Keine Minute, die man vergeudet hätte, gibt die Ewigkeit zurück. Aber wir können mit dieser Zeit etwas anfangen, auf Unvergänglichkeit hin.
Und was ist unvergänglich? Gut, Gott. Aber der kommt uns nicht entgegen, dass wir ihn treffen, unser Leben mit ihm festmachen könnten über die Zeit hinaus. Wir glauben jedoch auch, dass jeder Mensch mehr ist als nur Teil der Flüchtigkeit der Zeit. Schon die Tatsache, dass wir in Gedanken Vergangenheit und Zukunft umfassen, deutet an, dass wir nicht untergehen im bloßen Strom der Zeit. Und auf den Menschen hin können wir Dinge tun, die von der Sanduhr der Zeit nicht einfach zugeschüttet werden. Freilich muss ich dann im Menschen mehr sehen als nur das Vergängliche. Ich muss auch vom anderen wissen: Er lebt nicht nur vom Brot allein; was ich damit sättige, das vergeht. Aber der Mensch ist mehr. Er ist eine Person, er ist einer, dem es um Wahrheit, Freiheit, um die Mitmenschen gehen kann. Sich um diesen Menschen als Unvergänglichen zu kümmern, nur das ist im Grunde christliche Liebe, die im anderen mehr sieht als nur den Streichelpartner. Was ich aber dafür tue, das ist der Zeit enthoben.
Christlich gesagt: Da wächst der Leib Christi, wo Liebe zwischen Menschen aufgebaut wird. Daher sollte der Christ nicht bloß sorgenvoll fragen: "Was wird das nächste Jahr bringen", sondern er muss sich fragen: Was werde ich damit tun? Wird es mir gelingen, in dieser Einheit mit Christus an der Liebe weiterzuwirken? Dann mag die Zeit kommen, wie sie will, sie wird ja vergehen - das ist sogar tröstlich, wenn sie denn Widrigkeiten bringt. An mir aber liegt es, ob ich im Rückblick sagen kann: "Es hat sich auf Dauer gelohnt" - an mir, getragen von der Kraft Christi. Machen wir also aus dem Jahr 2003 für uns und andere etwas Unvergängliches.
Albert Keller SJ
Im ersten Brief des Johannes im Neuen Testament heißt es: "Wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht." (4.20). Gott ist nämlich in der Welt nicht anzutreffen, und der einzige Zugang zu ihm findet sich im Menschen, da jede menschliche Person auf ihn als ihr Ziel angelegt ist. So lässt sich auch Gott nur lieben, indem ich den anderen als Person, also in seiner Verwiesenheit auf Gott liebe. Daran führt kein Weg vorbei. Wer sich in sich selbst und seinen Egoismus einriegelt, versperrt sich demnach auch gegen Gott. Und diese Verkapselung vermag nur die Nächstenliebe aufzubrechen und uns so auch für Gott wieder aufgeschlossen zu machen. Diese Liebe gibt es in vielerlei Formen; ihre intensiv-ste Ausprägung findet sich wohl in der Liebe zwischen Mann und Frau.
Aber es ist nicht allein diese größere Offenheit, die den Liebenden besser auf Gott hin ausrichten kann, sondern es ist vor allem der neue Blick für die Menschen, die der Geliebte verkörpert, der fast zwangsläufig auch eine neue Sicht auf Gott vermittelt. Der andere Mensch, den man liebt, erweist sich als so kostbar, dass einem an ihm aufgehen kann, dass der Mensch unmöglich nur ein zufälliges Produkt einer Entwicklungskette ist, die nach blinden Naturgesetzen abläuft. Ich kann nicht jemanden, den ich liebe, ehrlich ansehen und dann ernsthaft annehmen, dass von ihm in fünfzig Jahren nichts mehr übrig sein sollte als ein Haufen verwesender Materie oder etliche Gramm Asche. Der Mensch zeigt sich dem, der liebt, als ein endgültiger Wert. Weil dieser Wert aber nicht in einer Weit begründet liegen kann, in der alles beliebig und vergänglich ist, bildet er den unübersehbaren Verweis auf Gott, in dem allein die unbedingte, also nicht aus der Welt ableitbare Würde des Menschen verankert sein kann. Echte Liebe ist immer in bestimmter Hinsicht auch bedingungslos. Sie will sich nämlich unbe-dingt für den anderen einsetzen und sich andererseits unbedingt auf ihn verlassen können. Und in beidem steckt wiederum unausweichlich ein Bezug auf Gott. Warum nämlich kann ich fordern, ich müsse mich blind auf den anderen verlassen können, wenn wir uns lieben? Nicht weil ich garantieren kann, dass ich ihn nie enttäusche, nie versage; auch nicht, weil er ein felsenfester Charakter ist, bei dem kein Wankelmut denkbar wäre, sondern weil die Liebe eine Pflicht zu Treue einschließt, eine Verpflichtung, die man nicht beliebig und zusätzlich zur Liebe eingehen könnte, sondern die mit ihr gegeben ist. Der andere mag zwar dieser Ver-pflichtung nicht gerecht werden; aber das löscht die Pflicht nicht aus.
Und diese Pflicht zur Treue, auf die ich mich stütze, wenn ich mich in der Liebe ganz auf den andern verlasse, gründet zuletzt darin, dass Gott absolut verlässlich den Menschen annimmt, ohne sein Wohlverhalten zur Vorbedingung dafür zu machen. Mit den Worten des Apostels Paulus gesagt: "Wenn wir untreu werden, so bleibt er doch treu, denn er kann sich selbst nicht verleugnen" (2 Tim 2,13). Unserem Recht, uns unbedingt auf den anderen verlassen zu können, entspricht aber andererseits auch die Pflicht, dass wir selbst für ihn verlässlich sind, dass wir uns unsererseits unbedingt für ihn einsetzen, also auch dann, wenn er unseren Erwartungen einmal nicht gerecht wird, sondern sie enttäuscht.
Auch diese unsere eigene Verpflichtung können wir uns nicht selbst auferlegen, und auch der andere, der Geliebte, ist dazu nicht imstande, sondern auch sie stammt von Gott. Selbst wenn wir uns das theoretisch nicht so klar machen, empfinden wir diese unbedingte Seite der Liebe, dass sie also ein absolutes Recht wie eine absolute Verpflichtung einschließt, als über die Welt hinausreichend. Es geht uns darin auf, dass wir selbst wie der andere, den wir lieben, dass keiner deswegen diesen absoluten Anspruch stellen kann, weil er von sich aus so makellos vollkommen wäre (denn nur eine schwache Liebe ist für die Mängel des Geliebten blind oder stellt sich blind), sondern zuletzt ist gerade deshalb jemand deswegen unbedingt liebenswert, "weil Gott die Menschen liebt".
Albert Keller SJMündig ist, wer fähig ist, sich selbständig zu entscheiden und so bewusst neue Anfänge zu setzen. Wer etwas beginnt, erweist sich darin als frei, wie Kant meint, der eine Kausalität der Natur und eine der Freiheit unterscheidet. In der ersten geht ein Zustand einem anderen in der Zeit voraus, der ihm nach einer Regel folgt als Glied in einer Kette aufeinanderfolgender Zustände, von denen immer der frühere den späteren bestimmt. Kant weiter: "Dagegen verstehe ich unter Freiheit ... das Vermögen, einen Zustand v o n s e l b s t anzufangen, deren Kausalität also nicht nach dem Naturgesetze wiederum unter einer anderen Ursache steht, welche sie der Zeit nach bestimmte." (I. Kant, Kritik der reinen Vernunft, B 560/61) In dieser Freiheit, der Fähigkeit, selbst etwas zu beginnen, aber gründet mit der Mündigkeit auch die Verantwortlichkeit des Menschen, denn wenn sein Tun gänzlich von der Kette der Ereignisse bestimmt wäre, in der es steht, könnte es nicht ihm zugerechnet werden, sondern allein den Zuständen, auf die es folgt.
Allerdings ist es dem Menschen nicht möglich, einen umfassenden Anfang zu setzen. Er kann nicht alles überhaupt anfangen lassen, sondern er findet sich, seine Bewusstheit und seine Welt bereits vielfach bestimmt vor. Er steht in der Geschichte, ja er ist selbst Teil dieser Tradition, wie er Glied der Gesellschaft ist, und er ist so vielfach geprägt. Was wir anfangen, unterliegt daher vielen Bedingungen über unsere Existenz und Bewusstheit hinaus.
Aber er ist dennoch durch diese Bedingtheit nicht entmündigt oder umfassend gezwungen, sondern er vermag sehr wohl zwischen zwanghaftem oder unwillkürlichem und freiem Tun zu unterscheiden. Wäre er restlos durch Tradition und Gesellschaft bestimmt, dann wäre er unzurechnungsfähig und könnte für keine seiner Entscheidungen verantwortlich gemacht werden. Dann aber wäre er in der Ebene des Erkennens auch urteilsunfähig, denn Urteilen heißt, sich für eine Auffassung entscheiden.
Für das Erkennen besagt das nun aber auch, dass er sich keiner Tradition unkritisch ausliefern darf, kein Argument ungeprüft übernehmen und glauben darf. Dabei wird er in der Alltagsüberzeugung wie in den übrigen Wissenschaften allerdings in der Regel und zu Recht sehr vieles glauben müssen, nämlich alles übernommene und gelernte Wissen, und zwar sind wir in ganz anderem Ausmaß als frühere Gesellschaften darauf angewiesen zu glauben. Das ergibt sich aus der atemberaubenden Zunahme des Wissens und führt unausweichlich dazu, dass jeder von uns täglich inkompetenter wird. Inkompetenz ist mangelnde Fachkunde, fehlende Zuständigkeit. Gemessen an der sich ins Unübersehbare dehnenden Flut von Informationen und Theorien und Wissen vermag der einzelne nur einen immer kleineren Ausschnitt davon zu erfassen. In allen übrigen Fragen wird er eben dadurch inkompetent, man könnte auch sagen: unmündig.
Ist damit das Projekt der Aufklärung gescheitert, die nach Kant im "Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit" besteht? (I. Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung, A480). Das wäre nur dann der Fall, wenn man sich nicht zumindest in den Fragen, die einen selbst angehen und zu denen man einen Standpunkt beziehen muss, eine eigene Meinung bildet. Dabei darf man sich allerdings nicht der Illusion hingeben, man könne sich da wirklich sachkundig machen. Vielmehr muss man sich bei immer mehr Themen auf das Urteil kompetenter Autoritäten verlassen.
Doch muss sich jeder dann Rechenschaft darüber geben, wem er glaubt und warum er das tut. Er sollte also durchaus den Autoritäten gegenüber skeptisch sein im ursprünglichen Sinn des Wortes "Skepsis", das wachsames Hinsehen bedeutet, und er muss sich vor allem bewusst sein, dass ein Zweifel oder ein Leugnen ebenso der Rechtfertigung bedarf wie eine Zustimmung, wie das Unterlassen nicht weniger zu verantworten ist als das Tun. Angesichts der Fülle des Wissbaren ist es zudem erforderlich, eine Auswahl unter den Informationen zu treffen, die auf uns einströmen. Die wird je nach Lebenssituation für jeden unterschiedlich ausfallen müssen; allerdings bleibt zu bedenken, was von jedem Menschen, insofern er mündig sein will, zu wissen ist. Und jeder ist gehalten, sich dieses Wissen dann auch anzueignen.
Albert Keller SJ
Wenn einer behauptete: "Der Mensch ist 18,70 Euro wert!", so schiene uns das recht unsinnig. Aber diese Preisangabe wird weniger sinnlos, nimmt man den Menschen nur als Summe seiner physikalischen Elemente, also von Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Kohlenstoff und den verschiedenen Spurenelementen. Analysierte man den Menschen nach den chemischen Verbindungen, die ihn aufbauen, so wäre der Preis höher; und sehr ansehnlich würde der Erlös, berechnete man seine organischen Bestandteile, also Nieren, Herz und alles, was sich heute verpflanzen lässt, nach Marktpreisen.
Diese Betrachtung scheint inhuman, doch sie verdeutlicht, dass man die Frage nach dem Menschen unter sehr unterschiedlichen Gesichtspunkten angehen kann. Ich kann ihn als physikalisches Gebilde oder als Organismus betrachten; dann werden meine Aussagen nicht schlechthin falsch, aber völlig unzureichend. Weil unser ganzes Verhalten unseren Mitmenschen gegenüber aber von der rechten Antwort auf die Frage: "Was ist der Mensch?" abhängt, genügen solche Auskünfte nicht. Gewiss kann heute etwa das Resultat der Evolutionstheorie nicht bestritten werden: Der Mensch stammt vom Affen ab. Wenn sich die Kirche dennoch darum zu drücken scheint, diese Auskunft anzunehmen, dann vielleicht deshalb, weil auch diese Antwort ungenügend ist; falsch wird sie dadurch nicht.
Freilich, wäre der Mensch nicht mehr als ein höherentwickeltes Tier, verlöre jeder Humanismus, jedes Reden von Menschenrechten die Grundlage. Selbst die Auskunft, der Mensch sei ein Geschöpf Gottes, bleibt unzureichend, denn schließlich ist alles auf dieser Welt von Gott geschaffen.
Weiter führt vielmehr eine andere Aussage des Schöpfungsberichts aus dem Alten Testament. Sie lautet: "Gott schuf den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie" (Gen 1,27). Auf die Frage, worin die Ähnlichkeit des Menschen mit Gott zu sehen sei, antwortet man meist, der Mensch sei Person, d. h. der Veranwortung fähig, auf Wahrheit und Freiheit und somit zuletzt auf Gott ausgerichtet. Beherzigenswert scheint aber vor allem auch, dass ich ein Abbild nicht begreifen kann, wenn ich von seinem Urbild nichts weiß. Das hieße, ich kann den Menschen nicht verstehen, wenn ich Gott ausklammere. Und umgekehrt: Wenn ich nach Gott frage, kann ich nicht am Menschen vorbeigehen.. Mit Rudolf Bultmann können wir also feststellen: Vom Menschen reden heißt von Gott reden und umgekehrt.
Man kann versuchen, sich die Antwort auf die Frage: "Was ist der Mensch?" auch aus der Erfahrung zu holen. Der Blick in die Geschichte oder auch aufs eigene Leben mag dann zuweilen die Auskunft, der Mensch sei Abbild Gottes, sei ihm ähnlich geschaffen, wie eine Gotteslästerung klingen lassen. Zu viel Engstirnigkeit und Dummheit, zu viel herrschende Gier und Egoismus, zu viel Brutalität und Bosheit verdunkeln dieses Bild. Das nötigt zur Feststellung: Der Mensch ist nicht, was er sein soll. Die Frage: "Was ist der Mensch?" führt also zu der anderen: "Was soll der Mensch sein?" Die christliche Antwort auf diese Frage ist in dem Grundgebot enthalten: Der Mensch soll ein Liebender sein, er soll Gott lieben aus ganzem Herzen und den Nächsten wie sich selbst. Das lässt aber fragen: Sind wir dazu fähig? Ist Menschsein möglich? Ist es möglich, in einer von Menschen verdorbenen, d.h. eben von Lieblosigkeit und Ichsucht durchherrschten Welt? Die christliche Auskunft besagt, es sei uns nicht aus eigenen Kräften möglich, Mensch zu sein. Einer allerdings hat es uns vorgemacht und uns dadurch Grundlage geschaffen, gemeinsam mit ihm und in seiner Kraft Mensch zu sein: der Mensch Jesus Christus. Er ist die christliche Antwort auf die Frage: "Was ist der Mensch?" Freilich keine harmlose Antwort. Denn das Neue Testament stellt ihn als den Menschen dort vor, wo er wegen seiner rückhaltlosen Liebe zu Gott und den Menschen ausgestoßen, verspottet, zerschlagen vor uns steht: "Ecce homo!", "Seht, das ist der Mensch!"
Albert Keller SJ
Es gibt unterschiedliche Versuche, die Freiheit des Menschen zu beweisen. So geht man etwa von der Selbsterfahrung aus und stellt fest, der Mensch erfahre in seinen Entscheidungen immer wieder, dass er dabei nicht unter Zwang oder unwillkürlich handle, sondern dass er selbst Urheber seines Entschlusses sei. Das Gegenargument, dass wir darin vielleicht dennoch Einflüssen unterliegen könnten, die uns nur nicht bewusst werden, krankt einmal daran, dass dies höchstens eine umfassende Freiheit, aber nicht Freiheit überhaupt ausschlösse, weil Freiheit schon gegeben ist, wenn wir auch bloß geringfügig unseren Zustand selbst mitbestimmen. Zum anderen verkennt dieses Argument den Unterschied zwischen Fremdbestimmung und Fremdbeeinflussung. Völlige Fremdbestimmung schlösse gewiss Freiheit aus; aber ganz ohne fremde Einflüsse käme Freiheit ebenfalls nicht zustande. Wer schlechterdings unmotiviert handelte, entschiede darin nicht frei, denn jede Entscheidung bedarf der Gründe, also der Motive, die sie beeinflussen.
An diesen Aufweis der Freiheit aus der Selbsterfahrung grenzt der, aus dem Bewusstsein der Verantwortlichkeit und der Schuld. Der Mensch ist sich nämlich des öfteren zweifelsfrei der Tatsache bewusst, dass er für ein Geschehen verantwortlich ist, dass er eine Tat keinem anderen zuschreiben oder - falls sie verwerflich wäre - sie auf ihn abwälzen kann, dass er vielmehr selber daran schuld ist. Dem schließt sich wieder ein Argument an, das von der Verantwortung allgemein ausgeht. Ohne Freiheit wären nämlich alle Menschen unzurechnungsfähig in dem genauen Sinn, dass ihnen keine Tat angerechnet werden könnte: Immer könnten sie sich darauf berufen, dass sie gar nicht anders handeln konnten. Auch alle Ermahnungen, alles Reden von Pflichten (und damit auch von Rechten der Menschen) gingen ins Leere. Von einem Recht kann ja nur gesprochen werden, wenn auch die Verpflichtung besteht, es zu beachten.
Ohne dass diesen Argumenten ihr Gewicht abgesprochen werden soll, wird hier ein anderes vorgelegt, nämlich ausgehend von der Fähigkeit, etwas in einer Diskussion zu bestreiten, von der jeder Gebrauch macht, der in einer Auseinandersetzung die Freiheit negiert. Es lässt sich nämlich zeigen, dass als Bedingung einer solchen Leugnung, wenn sie sinnvoll sein soll, Freiheit vorausgesetzt werden muss.
Dafür wird ein Dialog nachgezeichnet zwischen einem, der die Freiheit des Menschen verteidigt, und einem, der sie leugnet, also einem Freiheitsverfechter (F) und einem Deterministen (D). F sagt: "Es gibt Freiheit!" D: "Es gibt keine Freiheit!". F: "Einer von uns, da wir uns widersprechen, behauptet etwas Falsches". D: "Ja, beides kann nicht zugleich wahr sein." F: "Auch wenn er es nicht nur nach außen behauptet, sondern einzusehen meint, hat er diese Überzeugung von etwas Falschem deiner Auffassung nach zwangsläufig. Er kann nichts dafür. Es hängt nicht von seiner Entscheidung ab, er muss das Falsche für wahr halten?" D: "Unter den von dir geschilderten Umständen allerdings!" F: "Und wenn die deterministischen Gesetze bestimmt hätten, dass du das Falsche behauptest und als wahr zu erkennen glaubst, gälte das ebenso für dich?" D: "Zwangsläufig!" F: "Da aber einer von uns etwas Falsches behauptet - und unterstellen wir einmal, dass er nicht lügt -, da er auch für wahr hält, was er sagt, setzt sich die Wahrheit nicht notwendig durch, sondern es kann ebenso zwangsläufig aus einer Überlegung oder Diskussion das Falsche als Ergebnis herauskommen - und wir haben, da es uns beiden nach deiner Auffassung auch fälschlich als wahr vorkommen könnte, ohne dass wir etwas dazu können, von uns aus keine Möglichkeit, das aus eigenem zu korrigieren und zu steuern?" D: "Ja, es sei denn, wir seien dazu programmiert." F: "Weil aber einer von uns deiner Auffassung nach auf etwas Falsches programmiert ist und wir auch beide daraufhin festgelegt sein könnten, wäre auch das möglich, dass wir, statt das Falsche auf das Wahre hin in der Diskussion zu verbessern, das Wahre diskutierend gerade zum Falschen verbiegen. Dann aber - und immer wenn ich die Unfreiheit der Diskutanten unterstelle - ist unsere Diskussion so sinnvoll wie ein Wortwechsel zwischen Papageien oder ein Redewettkampf zwischen zwei Schallplatten. Außerdem könnte das, was wir sagen, uns gar nicht zugerechnet werden, denn es wäre durch eine Ursachenkette bestimmt, der wir völlig unterworfen wären. Wir wären also in diesem Sinn unzurechnungsfähig. Mit Unzurechnungsfähigen zu diskutieren, ist aber offensichtlich widersinnig. Wer sich überhaupt anderen gegenüber vertritt, setzt also Freiheit voraus!" So zeigt diese Diskussion, dass sich der Determinismus höchstens denken, aber jedenfalls nicht als wahr vertreten lässt - und überdies, dass Wahrheit und unsere Fähigkeit, uns darüber Rechenschaft zu geben, mit der Freiheit unlösbar zusammenhängen. Folglich muss es Freiheit geben.
Albert Keller SJ
Dass man seine Mitmenschen lieben solle, ist weithin anerkannt, wenn auch leider weit weniger allgemein verwirklicht. Ob jedoch Gott dafür eine Rolle spiele und welche, ist vielfältig bestritten. Der katholische Traditionalist Dietrich von Hildebrand schreibt etwa (in "Der verwüstete Weinberg", Regensburg 1973): "So wenig kann die Moral auf die Mitmenschlichkeit reduziert werden, dass sogar eine Wohltat, die ich einem anderen erweise, ein sittliches Unrecht sein kann, eine Sünde, die Gott beleidigt. Hand in Hand mit dieser Verfälschung der Moral geht auch die Verfälschung der Nächstenliebe. Schon der Ausdruck ‚Mitmenschlichkeit' zeigt die humanitäre Verfälschung der Nächstenliebe ... Die Umdeutung besteht hier darin, dass man die Nächstenliebe als einzige Aktualisierung der Liebe zu Christus bezeichnet oder gar Nächstenliebe als mit der Gottesliebe durch und in Christus identisch erklärt. Die Nächstenliebe ist zwar eine notwendige Frucht der wahren Gottesliebe. Wenn sie fehlt, ist auch die wahre Liebe zu Gott nicht da. Sie ist ein Beweis für die Echtheit und die Größe der Gottesliebe. Aber sie ist duchaus nicht die einzige Manifestation oder Aktualisierung der Gottesliebe" (146 f.).
Diese Stellungnahme ist klar. Wir beweisen dadurch unsere Liebe zu Gott, dass wir seinem Liebesgebot gehorsam sind. Vielleicht ist das nicht das einzige Motiv, den Nächsten zu lieben; aber jedenfalls sind Nächstenliebe oder Mitmenschlichkeit auf der einen Seite und Liebe zu Gott auf der anderen Seite "grundlegend verschieden", und die Nächstenliebe ist nicht die einzige Weise, die Gottesliebe zu zeigen.Auf den Einwand etwa eines Atheisten, das sei keine rechte Menschenliebe, die den andern nur Gottes we- gen liebe, wird erwidert: Gewiss, "die Nächstenliebe ist ein Gebot Christi ... und jede Manifestation der Nächstenliebe gilt letztlich Christus. Nicht als ob die Nächstenliebe nur ein Akt des Gehorsams, gegen Christus wäre. ... Nein, die Nächstenliebe impliziert ein wahres Interesse an dem Nächsten als solchem" (154). Darin aber ist sich dieser traditionalistische Katholik mit einem Atheisten einig: Nächstenliebe ist etwas ganz anderes als Gottesliebe.
Nur: Was ist Liebe? Gewiss eines der abgegriffensten, missbrauchtesten, verschmutztesten und geöltesten Wörter, die wir haben. Zunächst müsste man sich also, bevor man sich auf eine Diskussion über das Verhältnis von Gottes- und Nächstenliebe einlässt, darüber klar werden, was "Liebe" heißt, zumindest, was man selbst unter diesem Wort verstehen möchte, und dann müsste man den Gesprächspartner darüber informieren, wenn die Auseinandersetzung sinnvoll verlaufen soll.
Ein Christ kann und soll sich für sein Verständnis von Liebe dabei auf das Wort und Beispiel Jesu berufen. Der sagte: "Liebt einander, wie ich euch geliebt habe! Es gibt keine größere Liebe als die, wenn einer sein Leben hingibt für seine Freunde" (Joh 15, 12 f.). Und er hat mit seinem Tun dieses Wort noch überboten, da er auch noch für seine Feinde gestorben ist und sie so zu seinen Freunden machte. Darauf weist Paulus im Römerbrief hin, wo er schreibt: "Schwerlich wird jemand für einen Gerechten sterben; allenfalls wird er für einen guten Menschen sein Leben wagen. Gott aber hat seine Liebe zu uns darin erwiesen, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren" (Röm 5, 7 f.). Allerdings versteht Jesus unter der Hingabe des Lebens nicht als erstes, dass man für einen anderen stirbt, sondern dass man für ihn lebt, dass man nämlich bereit ist, dem andern zu dienen bis dahin, dass man alltäglich sein Leben für ihn einsetzt und aufbraucht: "Wer unter euch groß sein will, soll bei euch Diener sein, und wer bei euch Erster sein will, soll der Sklave aller sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele" (Mk 10,43-45). Allerdings wäre diese Botschaft, sich selbst aufzubrauchen für andere, unmenschlich - weil man sich selbst nämlich darin zum Mittel machte, und sei es zu dem besten Zweck, anderen zu helfen -, wenn er nicht auch garantieren würde mit seinem Wort und seiner Auferstehung: "Wer sein Leben um meintwillen verliert, wird es retten" (Lk 9, 24). "Das also", könnte der Vorschlag des Christen lauten, "verstehe ich unter Liebe sein ganzes Leben ohne Rast und Rückhalt einzusetzen für andere, ihnen dienend im Wissen, dass gerade darin auch der Sinn und die Erfüllung des eigenen Lebens besteht." Diese Liebe aber kann nicht in dem Sinn vervielfältigt werden, dass ich mit einer Liebe dies und mit einer anderen jenes liebte, denn sie verlangt das Herz ganz. Man kann nicht dem Kaiser das eine geben und Gott den Rest. Deshalb habe ich auch nicht eine Liebe für die Menschen zur Verfügung und eine andere für Gott. Das heißt aber nicht, dass ich mich für eine Seite entscheiden müsste, und zwar einfach deshalb, weil Gott nicht auf einer Seite steht, sondern umfassend hinter allem.
Wenn es nun wahr ist, dass der Mensch auf "alles Gute", und zwar ohne Einschränkung, ausgerichtet ist, kann er gar nicht "aus ganzem Herzen" sich für etwas Gutes entscheiden, das anderes ausschlösse. Auf den bloß "unbestimmten allgemeinen Horizont seiner Sehnsucht" hin, dorthin also, wohin er seinen Schrei nach Gott richtet, der ihn ausmacht, kann er sich aber auch nicht entscheiden, denn sich auf "alles Gute" auszurichten wird für jede Entscheidung vorausgesetzt, die ja immer etwas Gutes anstrebt. Daher kann er diese Ausrichtung, die wir "Gottesliebe" im Ansatz nennen könnten, nur verwirklichen, wenn er ein Gegenüber trifft, für das er sich entscheiden, auf das er sich festlegen kann und das dennoch anderes nicht ausschließt, also gewissermaßen unendlich ist. Eben dieser Art aber ist unter allem, was wir treffen, nur der andere Mensch, und zwar nicht als rein körperliches Wesen, als Ding in der Welt verstanden - denn als dieses ist er offenkundig endlich und vergänglich, sondern als Person, die der Wahrheit und Freiheit fähig, also ihrer Intention nach unendlich, eben "Schrei nach Gott" ist.
Deshalb ist also die Nächstenliebe keine andere Liebe neben der Gottesliebe, sondern deren einzige konkrete Verwirklichung, solange wir in dieser Welt leben. So heißt es im 1. Johannesbrief (4, 20): "Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott!, aber seinen Bruder hasst, ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht." Deshalb ist auch die Alternative: entweder "Horizontalismus", also ganz auf Mitmenschlichkeit aus, oder "Vertikalismus", allein Gott anzielend, falsch. Wer Gott will, muss den Menschen wollen und umgekehrt. Gott ist also nicht ein anderer Name für Mitmenschlichkeit, sondern deren Bedingung. Diese Behauptung verurteilt den Atheisten nicht notwendigerweise zur Unmenschlichkeit; man kann sie nämlich auch umgekehrt lesen: Wer immer radikal für seine Mitmenschen da ist, der ist kein Atheist, was immer er von sich behaupten mag.
Albert Keller SJ
Wenn jemand absichtlich und aus eigener Verantwortung etwas Böses herbeiführt oder daran mitwirkt oder es nicht verhindert, ist er daran schuld oder zumindest mitschuldig. Wir sprechen aber bisweilen auch von "Schuld", wo von moralischer Verantwortung keine Rede sein kann, wenn es nämlich nur darum geht, etwas als Ursache für einen misslichen Zustand oder ein Unglück zu benennen; so sagen wir etwa, die langdauernde Hitze sei schuld an der außergewöhnlichen Trockenheit. Da auch ein Mensch manchmal unwillentlich etwas Übles verursacht, kann er sich dafür schuldig fühlen, ohne doch dafür verantwortlich zu sein.
Solche falschen Schuldgefühle sind oft nicht leicht auszuräumen, da sie sich nicht selten vernünftiger Argumentation entziehen. Dennoch sind sie nicht einfach hinzunehmen, denn sie schädigen die Freiheit und verhindern ein begründetes Urteil über Schuld und beeinträchtigen so die Gewissensbildung. So könnte durch ein Beharren in falschen Schuldgefühlen echte Schuld entstehen.
Da es indes ebenso wenig angenehm ist, sich schuldig zu fühlen, wie einen Schmerz oder eine Krankheit zu empfinden, könnte es zunächst scheinen, es bestehe keine Gefahr, dass jemand sich freiwillig bei falschen Schuldgefühlen aufhält. Dennoch kann es zumindest drei - oft in sich zusammenhängende - Gründe dafür geben, dass jemand nicht bereit ist, sich von unechten Schuldgefühlen zu lösen: die Egozentrik, ein übersteigertes Sicherheitsbedürfnis und eine insgeheim für bequemer gehaltene Flucht vor der Wirklichkeit.
Egozentrisch beschäftigen wir uns gern mit uns selbst. Um einen zusätzlichen Anreiz dafür zu haben, müssen wir uns problematisch vorkommen - Tugendhaftigkeit hat einen Beigeschmack des Langweiligen. Daher kommen wir uns auch selbst bisweilen gerade dadurch interessant vor, wenn wir uns schuldig fühlen. Das kann dazu führen, dass wir - ohne dass wir uns dies ganz bewusst machen - unsere Schuldgefühle hätscheln. Ein zweiter Grund dafür kann in der Angst vor einer richtenden Autorität liegen, etwa vor Gott. Vor deren Unwillen möchte man sich dadurch absichern, dass man sicherheitshalber sich eher auch dort für schuldig erklärt, wo man - obwohl man sich gewissenhaft fragt - gar keine Schuld entdeckt hat, als dass man Gefahr laufen möchte, sich umgekehrt für unschuldig zu halten, wo eine übersehene Schuld liegen könnte. Auch Menschen gegenüber gibt es ja diese "bucklige Demut", die vorsichtshalber sich klein und schlecht macht, um nur nicht Anstoß oder Aggressionen bei den andern auszulösen. Dahinter liegt immer mangelndes Vertrauen zu Gott oder den Menschen.
Schließlich kennt man die Erscheinung, dass Menschen sich in eine Krankheit flüchten, weil sie sich damit vor den harten Anforderungen des Lebens retten zu können glauben und die fürsorgende Aufmerksamkeit anderer auf sich lenken möchten, selbst wenn ihnen das oft gar nicht bewusst wird. So kann man sich auch in seine Schuldgefühle flüchten, so sehr "genötigt", sich mit ihnen abzugeben, dass keine Zeit und Kraft mehr bleibt, die alltäglichen Pflichten nüchtern oder gar freudig anzugehen.
Wer sich fahrlässig oder bewusst in diese Verhaltensweisen einließe, kann aber - weil sie unehrlich sind und den Einsatz für den Nächsten hindern - offenbar gerade durch dieses Beharren in falschen Schuldgefühlen selbst schuldig werden.
Albert Keller SJ
Oft gilt Bescheidenheit als eine besonders christlich hoch zu schätzende Haltung. Wenn Bescheidenheit heißt, dass man zurücksteht, dem anderen den Vorrang lässt und dienstbereit für seine Mitmenschen zur Verfügung steht, stimmt das auch. Zu dieser Haltung fordert Jesus auf, da er sagt: "Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, der soll der Sklave aller sein (Mk 10,43f)." Wenn Bescheidenheit aber die Kleinlichkeit meint, mit der ein Mensch seine Wünsche einschränkt und seine Ziele niedrig hängt, dann ist sie ein Laster. Jesus tadelt diesen Kleinglauben wie kaum etwas sonst bei den Seinen, denen die Ausrede des Atheisten verwehrt ist, der dem Menschen nur diese endliche Welt anbieten kann. Auf diesem dürftigen Boden aber gedeiht das spießbürgerliche Gewächs des Kleinglaubens fast zwangsläufig. Denn entweder lehnt man da jede für den Menschen verbindliche Norm ab, oder man ordnet ihn der Natur und der Geschichte unter, nach denen er sich zu richten hätte.
Im ersten Fall entsteht die blasierte Spielart des Spießbürgers, der sich über nichts ernsthaft zu empören vermag, sich für nichts im Wissen um seine Verpflichtung ganz einsetzen kann, weil ohne verbindliche Richtschnur für ihn letzten Endes alles gleichgültig wird.
Im zweiten Fall ist der Mensch Rädchen in einem gigantischen Getriebe, unbedeutend, gemessen an den ungeheuren Dimensionen des Alls und der Riesenspanne von dessen Geschichte. Alles, was man von ihm verlangen könnte, alles, womit er sich dann auch bescheiden müsste, wäre, dass er in diesem System reibungslos funktioniert.
Der Philosoph Ortega y Gasset schrieb dagegen zu Recht: "Das Wertvollste am Menschen ist seine Fähigkeit, sich nicht zu bescheiden. Wenn er etwas Göttliches besitzt, so ist es diese seine göttliche Ungenügsamkeit, eine Art Liebe ohne Geliebtes, und gleichsam ein Schmerz, den wir in Gliedern spüren, die wir nicht besitzen."
Don Juan, der bei keiner Frau Genüge findet, der Geizige, der auch mit noch so hoch angehäuften Schätzen nicht zufrieden ist - all diese Fehlformen beweisen doch noch die Unersättlichkeit, die den Menschen vom Tier unterscheidet und von der Paul Claudel sagt: "Das Unersättliche kann sich nur ans Unerschöpfliche wenden" (in: Das Mädchen Violaine). Weil nichts in dieser Welt groß genug ist, den Hunger der Seele zu stillen - auch den seliggepriesenen Hunger und Durst nach Gerechtigkeit nicht - deshalb erst hält der Mensch Ausschau nach Gott.
Wenn er aber diesen Hunger in sich erstickte, wenn er satt würde und stumpf, dann hätte er sich nicht nur den Zugang zu Gott versperrt, er verkümmerte auch als Mensch. Denn was wäre das für eine Liebe, die sagt: "Es ist genug!", was für ein Erkenntnisdrang, der dem Verstand Grenzen setzte, was für ein Leben, das sich nicht verschwenden, sondern aufsparen wollte, ja, was für ein Glück, das nicht Unendlichkeit wünschte! Der alte Carl J. Burckhardt notiert: "Europa leidet am Ermatten seiner Wunschfähigkeit" (Briefe, München 1977, 65). Das ist die tödlichste Krankheit der Seele: Nicht einmal mehr Verzweifelung bringt sie dann auf, weil die noch aus geheimen, unerfüllbaren Wünschen wächst, sondern bloß noch Starre, die nach Tod riecht. Und die Heilung, das Heil? Jesus verspricht und gebietet es (Jo 10,10): "Ich bin gekommen, dass sie das Leben haben und es in Fülle haben."
Albert Keller SJ
Unsere Sprache ist vom Christentum geprägt, selbst wo uns das kaum noch bewusst ist. Wer etwa sagt, einer sei talentiert, denkt selten daran, dass er damit das Evangelium zitiert. Talentiert ist jemand, der Talente erhalten hat, von Gott erhalten hat, und damit wirtschaften soll. Auch wer sagt, jemand sei begabt, denkt wohl zu wenig daran, dass darin Gabe steckt und Geben, und wenn er versucht, dieses Wort nicht auf Gott zu beziehen, bleibt ihm als Ausweg nur, die Natur als Geber zu nehmen. Aber "Natur" ist ein wolkiger Begriff. Im Alten Testament war die Wolke ein Bild für Gott. Er zog in Gestalt einer Wolke vor seinem Volk her. Auch heute laufen viele Wolken nach, hinter denen sich Gott verbirgt, etwa wenn gespürt wird, dass Gaben, die man hat, Aufgaben darstellen, dass uns der Vorzug, gesund zu sein, Beschäftigung zu haben oder eine gute Familie, verpflichtet, wenn wir uns mit Menschen vergleichen, denen all dies nicht zuteil wird. Die Natur verpflichtet nicht. Die produziert und vernichtet. Wer also seine Begabung als Auftrag empfindet, ahnt vielleicht doch den hinter dem Wolkenwort "Natur" verborgenen Gott. Das Christentum aber musste aufklären, die Wolke wegrücken, dass Gott zum Vorschein kommt, um denen zu helfen, die da etwas spüren, aber nicht hinreichend nachdenken. Glaube ist, recht verstanden, eine Denkhilfe.
Wenn aber Begabung Gabe ist und wenn dieser kurze Spruch "Gabe ist Aufgabe" gilt, dann fragt sich, wer stellt die Aufgabe? Und worin besteht sie? Unsere Aufgabe besteht in uns selbst. Jeder ist sich aufgegeben, Leihgabe Gottes, mit der zu wirtschaften ist, er selbst in seiner Gesellschaft, in seiner Familie, in dieser ganzen Natur, ist Aufgabe Gottes, und zwar ganz individuell: Du sollst gerade dieses Leben führen; deine Talente hat sonst keiner. Dein Lebensraum, in dessen Mitte du stehst, ist eine Aufgabe, die keiner erfüllen kann als du. Und da deine Talente unterschiedlich sind, abweichend von jedem um dich herum, ist auch deine Aufgabe unterschiedlich. Daher hat dieses verteufelte "man" - was macht man, was tut der Nachbar; was ist üblich - keine Kraft, uns zu verpflichten. Es kann sein, dass ich mehr tun muss als der Nachbar; es kann aber auch sein, dass ich weniger vermag. Meine Talente stellen meine Aufgaben dar. Darin liegt aber eine Umwertung der Werte. Denn die gängige Meinung sieht im talentierten Menschen einen vorrangig zu erstrebenden Wert. Eltern wollen lieber einen hochbegabten, wenn auch faulen Nachkömmling haben als einen, von dem man sagt, er müht sich zwar, aber die Talente fehlen. Und die christliche Umwertung sagt: Talente, das sind Schulden. Das ist nicht etwas, dessen man sich zu rühmen hätte. Talente ist aufgenommenes Kapital. Da gilt es zu wirtschaften und etwas zu erbringen, und wer viel weniger brächte, wäre stümperhafter als der Unbegabte.
Und weil wir nie über die Talente, all die Gaben und Begabungen des einzelnen, hinreichend Bescheid wissen, sind wir unfähig, andere zu beurteilen und zu bewerten. Wie kann ich denn einen Weitsprung beurteilen, wenn ich nicht weiß, von wo abgesprungen wird, wenn ich bloß das Aufsetzen beobachte? Die Absprungbasis sind die Talente, die einer hat, und die kenne ich nicht; deshalb weiß ich nicht, wie weit einer im Leben wirklich gekommen ist. Es könnte ja sein, dass einer, der gerade so - von allen Wohlanständigen verachtet - ein auch ethisch kümmerliches Leben führt, von seiner noch viel kümmerlicheren Ausgangslage viel mehr erbracht hat als der allseits angesehene, der mit Talenten überschüttet worden ist und von daher gemessen vielleicht viel Dürftigeres erbracht hat als der andere. Talente sind Schulden. Wer das ahnt, ist in Gefahr, sich um die damit gestellte Aufgabe zu drücken, indem er seine Talente verschweigt, verdrängt, vergräbt, wie das Evangelium sagt. Man räumt sich nicht ein, was man an Gaben hat. Und der fromme Trick ist, das noch als Demut auszugeben, zu sagen, ich bin nicht stolz, ich gebe sofort zu: ich vermag gar nichts; das ist die billigste Weise, seine Talente zuzuschütten. Dagegen gilt es zu erkennen, wie begabt wir sind, wie viele Gaben auf uns einströmen, nicht nur in der eigenen Veranlagung, sondern etwa auch, dass wir in diesem Land leben können, dass wir nicht in Wüstengebieten hungern oder Araber in einem israelischen Lager sind oder Jude unter fanatischen Moslems oder rechtsradikalen Deutschen. Wir schätzen manche Gaben gar nicht, weil wir sie nicht sehen. Aber vieles ist Aufgabe, was wir als selbstverständlich hinnehmen.
Dass wir noch Luft zum Atmen und Wasser zum Trinken haben, ist Aufgabe - all das, vor allen Dingen wir selbst - ist Gut Gottes, uns anvertraut. Und deshalb kann man nicht Christ sein, wenn man die Hände in den Schoß legt, den lieben Gott nur walten lässt. Er warnt im Evangelium: Kommt mir nicht und sagt: "Du bist doch der, der erntet, wo er nicht gesät hat, ich bewahre und rette das, was ich habe, und lege es nicht an." Nein, was uns gegeben ist, ist uns gegeben, um eingesetzt zu werden. Es ist sogar missverständlich, es Geschenk Gottes zu nennen, so wie ich einem Kind eine Eisenbahn oder eine Puppe schenke, und es kann damit machen, was es will, oder es liegen lassen. Nein, es ist nicht Geschenk, es ist Leihgabe, wir haben damit zu wirtschaften, mit Vermögen, mit Gesundheit, mit allem, was wir sind und haben.
Was heißt aber "wirtschaften" im Blick Gottes? Das heißt Gaben anlegen und einsetzen für andere. Denn neben der Gefahr, die eigenen Talente nicht wahrhaben zu wollen, werden die vielleicht noch mehr vergraben und verschwendet, wenn man versucht, sie bloß für sich selbst einzusetzen in der fälschlichen Meinung, man könne sich finden, wenn man in der Selbstsucht nur sich sucht. Wir müssen unsere Talente verwirklichen. Sie müssen Zinsen tragen. Aber man verzinst sie gerade nicht, indem man sie für sich zurückhält und aufspart. Zinsen bringen sie nur, wenn man sie einsetzt, und das heißt, für andere anlegt. Du und all das deine ist Leihgabe Gottes, dir gegeben, damit es anderen nützt. Nicht zuerst, damit du deine Seele rettest, sondern damit es anderen zu Gute kommt. So mehrst du den Zins. Und so mehrst du auch dich. Nur so. Es zahlt sich aus, deine Gaben so anzulegen. Das ist die frohe Botschaft: Es zahlt sich aus. Wer so in diesem Leben wirtschaftet, der verliert es nicht. Zuletzt behält man nur, was man verschenkt hat. Wer aber meint, haben zu müssen und für sich zusammenzuraffen, dieses ihm gar nicht gehörende Gut Gottes, dem wird auch noch das genommen, was er hat. Man kann sein Leben verlieren, gerade wenn man es nur für sich aufzusparen trachtet. Wer's aber hingibt, der gewinnt. Der gewinnt hier schon den Sinn seines Tuns, und er gewinnt ein Leben, das der Tod nicht zu löschen vermag.
P. Albert Keller SJ
Obwohl Weihnachten als Fest des Friedens gilt, gibt es die traditionellen Weihnachtsstreitereien in den Familien, die Weihnachtsdepressionen bei den Vereinsamten. Beide resultieren nicht selten aus Weihnachts-Enttäuschungen. Wir laden dieses Fest so voll mit Erwartungen, vielleicht aus einer golden gefärbten Kindheitserinnerung, dass es dann zwangsläufig hinter Wunschvorstellungen zurückbleiben muss. Wenn wir das Wort Enttäuschung auseinander nehmen, heißt es enttäuschen, uns aus einer Täuschung herausholen. Vielleicht täuschen wir uns in unserer Erwartung, in unseren Wünschen. Und werden dann enttäuscht, weil wir nicht recht gewünscht haben.
Wenn wir nur wüssten, was wir wünschen sollten, oder uns auch nur ehrlich fragten, was wir uns im Grunde wünschen, nicht nur von Weihnachten, und weshalb wir dann enttäuscht sind. Die Wünsche des Menschen entlarven sich eben oft in ihrer Erfüllung. Da schreibt etwa ein Journalist, Weihnachten sei letztlich überall eine Frage des Geldes. Wer diese Meinung teilt, wird seine Ent-Täuschung erleben. Die Weihnachtsbotschaft, das Kind im Futtertrog, verkündet gerade, dass nicht das Geld noch die Macht den Frieden, das Glück auf Erden ermöglichen. Im Gegenteil, das wahre Glück ist nicht käuflich, kann uns nicht von äußeren Umständen gewährt werden.
Was wünschen wir? Wir sind in dem, was wir tun, nicht einfach gut. Aber sind wir's in unserem Wünschen? Sind nicht etwa die Wünsche derart, dass sie enttäuscht werden müssen? Vielleicht ist das Weihnachtsfest im guten Sinn ent-täuschend, unsere Wünsche als Täuschungen entlarvend, weil es das nicht bringt, was wir im Herzen gewollt haben. Wo ist die Täuschung?
Vielleicht in einer Selbstunterschätzung. Unsere Wünsche sind nicht zu groß, sondern zu bescheiden. Die Täuschung liegt dann darin, dass wir meinen, wir wollten bloß Sattheit und In-Ruhe-gelassen-sein und Behaglichkeit. Und wir entdecken dann, dass uns das nicht genügt: Sattes, behagliches Leben und gemütliche Stimmung und gutes Essen, auch nicht an Weihnachten. Aber was wollen wir noch? Vielleicht liegt die Antwort nicht in dem, was wir ausdrücklich wünschen, sondern in dem, wonach sich unser Herz sehnt. Fragen wir unser Herz! Wir suchen mehr als bloß Behaglichkeit. Wir suchen Menschenfreundlichkeit, Erfüllung des Lebens, grenzenlos und auf Dauer. Von Weihnachten her lässt sich sagen: Wir suchen Gott. Alle, ob sie es wissen oder nicht. Und Gott, sagt die Weihnachtsbotschaft, erfüllt diesen Wunsch: Er schenkt sich uns selbst, Gott mit uns. Allem Volk zuteil.
Von Weihnachten her, vom Kind in der Krippe aus, ergibt sich die Antwort: So wichtig es ist, dass Not und Angst und Elend und Hass in der Welt und bei anderen Menschen ausgeräumt werden, entscheidend ist etwas anderes, nämlich dass wir selber Menschen guten Willens sind und aus allen Kräften versuchen, gut zu sein und zu lieben. Wenn wir freilich auf unsere Selbstsucht, unsere Trägheit und selbst Bosheit sehen, werden wir mit der Dichterin Christine Lavant fragen: "Wer weiß, ob sich der Himmel niederkniet, wenn wir zu schwach sind, um hinaufzukommen." Aber Weihnachten antwortet: Er hat sich niedergekniet, ganz tief. Gott ist Mensch geworden, einer von uns, in alle Niedrigkeiten der Menschen hat er sich hineinbegeben bis zur Gottverlassenheit. Wenn wir das annehmen können, dass er immer mit uns ist, in hellen wie in den dunkelsten Stunden, dann erst ist die Grundsehnsucht unseres Herzens erfüllt. Das ist uns an Weihnachten zugesagt, nicht als Verheißung für die Zukunft, sondern als gute Kunde für die Gegenwart. Die Engelsbotschaft lautet ja nicht, in einer kommenden Zeit werde es einmal die Verherrlichung Gottes und Friede auf Erden geben, sondern sie lautet: Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Frieden bei den Menschen, die guten Willens sind, die also in der Gnade Gottes stehen. Diese Gnade ist da, sie ist uns angeboten. Sie muss nur erst in uns wirken, damit sie um uns wachsen kann.
Diese "Eirene", dieser "Friede", den die Engel verkünden, heißt mehr als ruhige Zeit, heißt Harmonie und Heil, heißt Liebe zu Gott und den Menschen. Wer dies von Weihnachten erwartet, wer sich darauf einlässt, wird nicht enttäuscht. Dieses Weihnachtsgeschenk liegt bereit, wir brauchen es nur auszupacken. Törichte Menschen stören sich vielleicht am Einwickelpapier; an irgendwelchen Umständen des Weihnachtfestes, vielleicht auch an etlichen Gegebenheiten in der Kirche; die sind nicht nach ihrem Geschmack, dafür mag es gute Gründe geben. Dennoch müsste man ihnen sagen: Haltet euch nicht bei der Hülle auf. Packt aus, schaut auf den Kern. Schaut auf das, was hinter der eigenen Unzulänglichkeit oder den unerwünschten Begleiterscheinungen des Festes liegt, und ihr werdet sehen: Da liegt eine große Freude bereit, die allem Volk zuteil werden soll! Diese ausstrahlende Freude ersehnen wir für uns und für alle mit dem eher abgegriffenen Wunsch: Frohe Weihnachten!
Albert Keller SJ