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Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands e.V.

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Texte von P. Albert Keller SJ aus dem Jahr 2002

Januar

Unsere Monatsnamen verraten etwas über die Kalendergeschichte. September, Oktober, November und Dezember sind offenkundig nach den lateinischen Zahlwörtern für sieben (septem), acht (octo), neun (novem) und zehn (decem) benannt. Das weist darauf hin, dass im ursprünglichen römischen Kalender das Jahr mit dem Monat März begann und folglich der September tatsächlich der siebte Monat des Jahres war. Das änderte sich im Jahr 153 v. Chr., als man den Jahresbeginn zwei Monate früher ansetzte. Man nannte nun den das Jahr eröffnenden Monat "mensis ianuarius" nach dem altitalienischen Gott Ianus, dem Gott des Eingangs, der Türen und Tore, weil man mit diesem Monat ins Neue Jahr einging. "Janus" bezeichnet im Lateinischen den bedeckten Durchgang oder die Torhalle, und von diesem Wort leitete sich dann der Name für den dafür zuständigen Gott her. Dieser wurde mit einem Doppelantlitz, also mit je einem Gesicht nach vorne und einem nach hinten dargestellt, weil er als der Gott des Eingangs wie des Ausgangs, des Anfangs und des Endes galt.

In dieser Doppelgesichtigkeit ist eine Haltung symbolisiert, die dem Menschen in der Tat naheliegt, wenn er eine Zeitenschwelle überschreitet, also etwa in ein Neues Jahr eintritt. Er ist dann geneigt, einen Rückblick über das verflossene Jahr anzustellen, aber auch eine Vorschau auf das nun auf ihn zukommende zu versuchen, dem er mit Vorsätzen und Plänen entgegengeht. Dabei scheint es von unterschiedlichen Lebenseinstellungen, wohl auch vom Lebensalter abzuhängen, ob er sich mehr dem kommenden widmet oder mehr dem vergangenen nachhängt. In der Beschäftigung mit der Vergangenheit scheint nun aber ein größeres Risiko zu liegen als in der Orientierung auf die anstehende Zukunft hin. Hier könnte es wohl nur schädlich sein, zu großmäulig Vorsätze zu fassen, wenn sich dann zu bald herausstellt, dass man nicht in der Lage ist, sie zu erfüllen, und dann infolgedessen völlig resigniert. Hingegen liegt gewiss eine ernstlichere Gefahr darin, dass man sich zu eindringlich mit der Vergangenheit herumschlägt. Das Wort von der "Vergangenheitsbewältigung" ist nämlich, nimmt man es genau, ein Schwindel, denn an der Vergangenheit lässt sich auch nicht das kleinste Jota ändern. Sich da-her dabei aufzuhalten, was etwa alles früher schiefgelaufen ist oder was man verkehrt gemacht hat, ist nur dann sinnvoll, wenn ich daraus Lehren ziehe für das, was ich in ähnlichen Situationen in der Zukunft besser machen könnte. Es würde in einzelnen Leben wie auch in der Geschichte der Völker wohl manches besser, wenn man die Vergangenheit vergangen sein ließe und seine ganze Kraft der allein unserem Zugriff ausge-setzten Zukunft widmete. Darauf zielt wohl der Merk-spruch Goethes: "Nichts taugt Ungeduld, noch weni-ger Reue: Jene vermehrt die Schuld, diese schafft neue." Paradox könnte man formulieren: Mancher sollte bereuen, sich zu sehr der Reue hinzugeben. Oder christlich ausgedrückt: Nicht so sehr Reue ist von uns verlangt, wenn wir an uns Verkehrtheiten feststellen, sondern Umkehr zum Besseren.

Albert Keller SJ

Fastnacht - Karneval - Fasching

Weil wir - katholisch liturgisch gesprochen - jetzt in einer „geprägten Zeit" leben, die - wie aus dem Titel dieses Beitrags erkenntlich - in unterschiedlichen Gegenden unterschiedlich benannt wird, soll diesmal als Sonderform des „Letzten Wortes" eine Kurzvorlesung über Witze mit besonderer Untersuchung einer ihrer Unterarten vorgelegt werden: Nicht alle Witze sind zweideutig. Aber das Wort „Witz" hat sogar eine zumindest dreifache Bedeutung. In einem veraltenden Gebrauch benennt es wachen Verstand und rasche Klugheit; kommt die aus Erfahrung, spricht man auch von „Gewitztheit". Daneben kann „Witz" auch in etwa dem aus dem Französischen entlehnten Fremdwort „Esprit" entsprechen Es besagt dann ungefähr so viel wie Schlagfertigkeit und benennt die Begabung, geistreich und ironisch spöttisch zu reden und zu reagieren. Meist versteht man unter „Witz" jedoch einen knappen scherzhaften Text, den das „Deutsche Universalwörterbuch" so kennzeichnet: „kurz formulierter Sachverhalt, der durch seine Verbindung mit einem abliegenden Gebiet einen - scheinbar unbeabsichtigten - Doppelsinn entstehen lässt, so dass das Durchschauen der Pointe zum Lachen reizt."

So, jetzt wissen Sie's - auch dass demnach alle Witze doppeldeutig sind, was dennoch nicht heißt, dass sie zweideutig sein müssten. Manchmal rührt nun ein Witz in dieser dritten Bereitung daher, dass bei jemandem der Witz im ersten Sinn schwach entwickelt erscheint. Das zeigt sich etwa daran, dass er mit Schlussfolgerungen seine Schwierigkeiten hat. Die Fehler beim Folgern sind dabei nicht im ostfriesischen Sinn genommen, wonach man versucht, den vierten Grog zwischen dem zweiten und dritten zu trinken, sondern sie liegen darin, dass aus einem Tatbestand merkwürdige Schlüsse gezogen werden. Als Beleg für diese schlussfolgernde Art von Witzen seien drei Kurzdialoge angeführt:

1."In dieser Straße sind am Bahnübergang doch ausnahmslos ständig die Schranken heruntergelassen. Ich möchte wissen, wie da jemals überhaupt ein Auto durchkommt." „Wie kommen Sie denn zu dieser Meinung, dass hier die Schranken stets geschlossen sind?" „Nun, ich fahr hier täglich zweimal mit dem Zug durch - und noch nie habe ich sie offen gesehen!"

2."Sie kommen mir so bekannt vor. Haben wir uns nicht schon irgendwo getroffen?" „Vielleicht im vergangenen Jahr in Acapulco?" „Nein, das kann nicht sein. Ich war noch nie in Acapulco." „Ich auch noch nicht. Das müssen dann vermutlich zwei andere gewesen sein, die sich dort getroffen haben."

3."Das ist wohl Ihr Mann?" „Nein, ich bin nicht verheiratet." „So? Interessant! Dann ist Ihr Herr Gemahl also noch Junggeselle."

Als durchaus folgerungsfähig in diesem Sinn erwies sich ein Erstklässler namens Kurt, der aufmerksam verfolgte, wie sich seine Lehrerin am ersten Schultag nach den Namen der Jungen in der Klasse erkundigte: „Wie heißt du?", fragt sie den Ersten. „Achim", antwortet der. „Ein schöner Name`, sagt sie, „aber weißt du, in seiner vollen Form lautet der Joachim." „Und wie wirst Du gerufen?", will sie von dem Zweiten wissen. „Seppl", gibt der Auskunft. „Also auf Hochdeutsch heißt du Josef; Seppl ist ein Dialektausdruck", wird der belehrt. Nun ist der Dritte an der Reihe: „Wie ist dein Vorname?" Der erwidert: „Ich bin der Hans!" Und wieder erfolgt die Korrektur: „Richtig müsste man Johannes sagen. Hans ist auch nur eine Kurzform, gerade wie das bei deinen Mitschülern, die vor dir dran waren, der Fall gewesen ist." Dem allen hatte unser Erstklässler gespannt zugehört und auch gleich für sich die Schlussfolgerung aus dieser Beobachtung gezogen Als er daher nun aufgerufen und nach seinem Namen gefragt wurde, antwortete er „Ich heiße Jokurt!"

Als ähnlich lerneifrig erwies sich Karli. Der hatte wohlerzogen in der U-Bahn einer schwangeren Frau seinen Sitzplatz überlassen. Die bedankte sich bei ihm: „Du bist ja ein richtiger Gentleman." Wie es der Zufall wollte, stieß man im Unterricht wenig später auf dieses Fremdwort, und die Lehrerin fragte: „Wer von euch kann uns sagen, was das ist, ein `Gentleman'?" Und Karli antwortete: „Ein Gentleman ist einer, der eine schwangere Frau sitzen lässt."

Albert Keller SJ



Bekennen

Zu den zentralen christlichen Glaubensäußerungen gehört das „Credo", das christliche Glaubensbekenntnis. Was heißt aber „etwas bekennen"? Zunächst sagen wir oft bei Mängeln, einer bekenne sie; er bekennt seinen Fehler, einen Irrtum, eine Schuld. Da heißt also Bekennen so viel wie Eingestehen. Zugeben. Allerdings kann man auch seinen Glauben bekennen oder eine Überzeugung, wenn sie eine Art Weltanschauung darstellt. Aber da sagt man dann öfter, man bekenne sich zu etwas, zum Christentum etwa oder zum Kommunismus. In beiden Fällen, ob man einen Fehler eingesteht oder offen für etwas eintritt, verlangt das nicht selten Charakterfestigkeit, weil man sich das Missfallen anderer durch ein solches Bekenntnis zuziehen kann. Wenn einer dennoch so viel Rückgrat aufbringt, auch gegen andere zu etwas zu stehen, heißt es, er habe Bekennermut. Den braucht man weniger, wenn man in einer Masse Gleichgesinnter untertauchen kann, die sich gemeinsam für etwas bekennen, etwa bei einem Aufmarsch oder einer Demonstration. Wenn man fragt, weshalb man sich zu etwas bekennen soll, läge da schon ein Motiv. Man stärkt nämlich damit anderen den Rücken, die ähnlich denken, es aber vielleicht nicht wagen, das offen zu zeigen, weil sie sich mit ihrer Meinung allein fühlen.

Viel wichtiger aber ist ein anderer Grund. Wer wirklich von etwas überzeugt und durchdrungen ist, der kann das nicht im Inneren verschließen, der muss das auch nach außen kundtun und, wenn nötig, vor anderen dafür einstehen. Sonst nimmt er sich selbst nicht ernst, und seine Überzeugung verkümmert wie eine Pflanze, die man von Licht und Luft ausschließt. Ein Mensch ohne Überzeugung, ohne eigenen Standpunkt aber wird fast unausweichlich zum Spielball der Meinungen anderer, ein Anpasser und Mitläufer.

Dennoch gibt es auch Bedenken gegen eine zu leichtfertige Bekenntnisbereitschaft. Drei Fehlformen des Bekennens machen das deutlich. Die erste besteht darin, dass man das Bekennen nur benutzt, um sich selbst wichtig zu machen und in die Brust zu werfen. Selbst beim Schuldbekenntnis ist das nicht ausgeschlossen, dass es dazu herhalten soll, sozusagen mannhaft kundzutun, man stehe zu dem, was man getan hat. Wer sich wirklich seiner Schuld bewusst ist, wird sie kaum groß vor sich hertragen. Aber auch wer seine eigene Überzeugung schätzt, wird sie nicht ohne weiteres wie Perlen vor die Säue werfen. Die zweite Fehlhaltung läge darin, dass das Bekenntnis als Ersatz für das Ibn gelten muss. So kann einer glauben, schon deswegen genug für den Frieden getan zu haben, weil er bei einer Demonstration mitgelaufen ist. Sonst aber bleibt er zänkisch und egoistisch und fanatisch, ohne zu bemerken, dass damit im Kleinen wie im Großen der Boden für Unfrieden bereitet wird. Schließlich kann drittens sogar das laute Bekennen nach außen nur die eigene innere Dürftigkeit übertönen. Manche Menschen gleichen da Litfaßsäulen: nach außen lauter plakatives Bekennen und im Inneren gähnende Hohlheit. Dagegen muss sich jedes rechte Bekenntnis daraufhin überprüfen lassen, ob es bescheiden und ehrlich ist und die Überzeugung das l'lm nicht ersetzt, sondern unterstützt. Schließlich liegt im bescheidenen und ehrlichen Nm selbst das überzeugendste Bekenntnis.

Das alles gilt auch für das Bekennen des christlichen Glaubens. Auch da kann bisweilen ein äußeres Beteuern die innere Halbherzigkeit überdecken; auch da ist es - wie schon das Evangelium anmerkt - unter Umständen leichter, „Herr, Herr" zu sagen als den Willen Gottes zu tun. Fast am wenigsten aber verträgt es sich gerade mit dem christlichen Glauben, falls einer das Bekenntnis dazu benutzen wollte, um sich selbst damit zu brüsten. Da kann es geradezu als Vorteil gelten, dass eine spöttische oder gleichgültige Umwelt dem heute weithin die Grundlage entzieht: denn ihr gegenüber gewinnt einer kaum dadurch an Ansehen, dass er sich zum christlichen Glauben bekennt; vielmehr gehört heute nicht selten Mut dazu: aber ein Mut, der sich nichts auf sich selbst einbildet, sondern der ganz auf einen anderen verweist. Der Christ muss sich nämlich gewiss auch bekennen; aber er muss sich zu einem anderen, zu Jesus Christus bekennen.

Albert Keller SJ



Offene Fragen

Im Epilog zu Bert Brechts Drama "Der gute Mensch von Sezuan" finden sich die Zeilen: "Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen." Die kamen mir in den Sinn, als gemeldet wurde, Rom habe angeordnet, dass auch das Bistum Limburg die Mitwirkung bei der staatlichen Schwangerenkonfliktberatung einstellen müsse, wozu Kardinal Lehmann angemerkt habe, damit komme "ein langer und schwieriger Prozess zu einem Abschluss". Vorhang zu! Aber wichtige Fragen bleiben offen.

Die erste wäre: Werden durch diese Entscheidung mehr Abtreibungen verhindert? Die Antwort muss leider wohl heißen: Im Gegenteil! Denn es wird festgestellt, dass zwar die kirchlichen Beratungsstellen weiter in Anspruch genommen werden, dass jedoch die Zahl der Schwangeren, die eine Konfliktberatung suchten, zurückgegangen sei. Die Frauen also, die ernsthaft einen Abbruch der Schwangerschaft erwägen, bleiben aus. Dass es in der Diözese Limburg gelungen war, etliche dieser Ratsuchenden zu bewegen, ihr Kind auszutragen, das sie ohne diese Beratung abgetrieben hätten, viel offenbar bei der römischen Entscheidung nicht ins Gewicht.

Das führt zur zweiten Frage: Wie glaubwürdig ist die Einstellung der kirchlichen Amtsträger, was die Ablehnung der Abtreibungen betrifft, wenn anscheinend in Kauf genommen wird, dass in Folge ihrer Entscheidung mehr Kinder abgetrieben werden als ohne sie? Dass kirchliche Stellen nicht einen Beratungsschein ausstellen dürfen, der in Deutschland dafür gefordert wird, dass eine Abtreibung nicht bestraft wird, wurde doch auch damit begründet, dass dadurch die kirchliche Ablehnung der Abtreibung verdunkelt würde. Eben diese "Verdunkelung" stellt sich aber gerade ein, wenn auf Grund einer kirchlichen Verordnung auch nur ein Kind mehr abgetrieben wird als ohne sie.

Von daher ergibt sich die dritte und wohl bedrängendste Frage: Wer nimmt die zusätzlich abgetriebenen Kinder auf sein Gewissen? Die muss sich jeder stellen, der in diesem "schwierigen Prozess" des Umgangs mit den Abtreibungen eine Rolle spielen kann, also jeder mündige Christ. So lange die nicht beantwortet ist, kann niemand diesen Prozess für sich als abgeschlossen sehen. Der Vorhang darf nicht zugezogen werden, weil diese Fragen offen bleiben. Und das Gewissen kann man nicht delegieren, auch nicht an "übergeordnete Stellen". Dass dies von christlichen Laien begriffen wird, zeigen Unternehmungen wie "donum vitae", die weiter versuchen, Schwangere noch in der Konfliktsituation - und nicht erst, wenn sie sich dankenswerterweise schon für das Kind entschieden haben - zu beraten und so wo möglich eine Abteilung zu verhindern.

Darin kann man sogar eine positive Folgerung aus der ansonsten ziemlich verfahrenen kirchlichen Stellung zur Abtreibungsfrage in Deutschland erblicken, dass nämlich Kirche nicht einfach mit Amtskirche gleichgesetzt werden darf, dass vielmehr - mit dem Evangelium gesagt - "der Geist weht, wo er will" (Joh 3,8).

Albert Keller SJ


Was muss man wissen?

Wissbegier ist dem Menschen angeboren. Wir sind darin unersättlich. Wenn es uns keine Mühe macht, möchten wir immer Neues erleben und erfahren. "Der Mensch strebt von Natur aus nach Wissen", beginnt Aristoteles seine Metaphysik. Am liebsten wären wir allwissend. "Zwar weiß ich viel, doch möcht' ich alles wissen", so drückt Goethe dieses Verlangen im "Faust" aus.

Der Schatz des menschlichen Wissens wächst aber heute so schnell, dass der einzelne immer weniger davon fasst. Gemessen an der sich ins Unüberschaubare dehnenden Flut von Informationen und Theorien und Wissen, vermag der einzelne nur einen immer kleineren Ausschnitt davon zu fassen. Wir sind zum Spezialistentum verurteilt, und vom Spezialisten gilt das Bonmot, dass er immer mehr von immer weniger weiß, bis er schließlich alles von nichts weiß. In seinem engen und vergleichsweise enger werdenden Fachgebiet kennt er sich aus; das erwartet man zumindest von ihm. Für eine immer mehr wachsende Zahl von Bereichen aber ist er unzuständig, inkompetent.

Alles kann man also gewiss nicht mehr wissen. Deshalb gilt es zu überlegen, was man denn vor allem wissen müßte. Man bräuchte eine Rangliste der wichtigen Fragen. Die würde je nach dem Beruf oder der Rolle, die einer im Leben zu spielen hat, von Mensch zu Mensch unterschiedlich ausfallen. Was ein Arzt wissen muss, ist verschieden von dem Wissen, das man von einem Börsenmakler oder einem Elektromonteur oder einer Hausfrau erwarten kann. Aber darüber hinaus bräuchte man wohl noch eine Rangliste des Wissens, über das jeder vernünftige Mensch verfügen sollte. Wenn es die gäbe, so scheint mir, ein Spitzenplatz in dieser Tabelle käme der Frage zu: "Was ist denn im menschlichen Leben das Entscheidende? Worauf vor allem kommt es an?"

Und natürlich wüssten wir gern die Antwort auf diese Frage, damit wir sicher sein könnten, das Wichtigste im Leben nicht zu verpassen oder zu verpfuschen. Stelle dir nur vor, du liegst im Sterben und hast die Chance, noch einmal auf dein Leben zurückzublicken. Dann würdest du dich doch fragen: "Hat es sich gelohnt? Hat es einen Sinn gehabt, mein Leben?" Ein sinnloses Leben möchte also wohl keiner führen, wenn er das vermeiden könnte. Darum sollte er wissen, wann sein Leben sinnvoll ist und wann nicht. Zudem könnte einer, der seinen Kopf mit allerlei Fachwissen so vollgepfropft hätte, dass für diese Überlegung kein Platz mehr bliebe, auch sein sonstiges Wissen nicht rechtfertigen, denn wer nicht weiss, worin der Sinn des ganzen Lebens liegt, der kann zuletzt auch keine Auskunft über den Sinn des Wissens geben.

Der Frage: "Wozu mein Wissen?" und schließlich: "Wozu mein Leben?" müßte also jeder nachzugehen suchen, denn das zu wissen, wäre für jeden vordringlich. Und er sollte dabei wohl wenigstens so weit kommen wie Wilhelm Busch, der in einem kurzen Rückblick auf versäumte Gelegenheiten meint:
"Demnach hast du dich vergebens
meistenteils herumgetrieben;
denn die Summe unsres Lebens
sind die Stunden, wo wir lieben."

Albert Keller SJ


Dank

Wer einem Gutes tut, dem gebührt Dank. Man spricht von Dankesschuld. Aber niemand ist gerne Schuldner. Manche Leute mögen deshalb gar nicht so sehr, dass man ihnen hilft, weil sie nicht in diese Schuldigkeit geraten wollen; sie möchten anderen nichts schuldig sein. Und doch führt ein kümmerliches Leben, wer nicht danken kann, wer nichts zu danken hätte oder nichts zu danken wüsste. Danken zu können bereichert auch das Leben dessen, der dankt; es ist also eine Kunst, die zu lernen sich lohnt.

Der erste Lernschritt wäre wahrzunehmen, dass man beschenkt ist. Leider schätzen wir den Wert vieler Dinge erst, wenn wir sie entbehren oder verlieren, sei es, dass man sie selbst verliert oder den Verlust bei einem anderen sieht. Wenn einer selbst von einem Schicksalsschlag getroffen wird, fragt er bisweilen: "Womit habe ich das verdient?" Aber wir fragen uns das kaum, wenn wir Annehmliches erleben. Womit haben wir es verdient, geboren worden zu sein, zu leben, zu atmen, Sinne und Verstand gebrauchen zu können, Bekannte zu haben? Wir müssten ehrlich antworten: Das kommt uns alles ohne eigenes Verdienst zu, alles das ist uns geschenkt, ohne dass wir ein Recht darauf hätten.

Und diese Liste von unverdienten Gaben ließe sich beliebig verlängern. Nur übersehen wir sie oft. Ein simples Beispiel: Kaum einer empfindet als dankenswert, dass er sich nachts im Bett ausstrecken kann. Aber man muß nur einmal vierzehn Stunden geflogen sein über Nacht, in einen engen Sitz eingepfercht, um es dann als Gabe zu schätzen, ausgestreckt schlafen zu können; oder man muß einen anderen erleben, der wegen Asthma bloß im Sitzen schlafen kann; nur dann fällt es einem als dankenswert auf; sonst aber scheint es selbstverständlich.

So ist uns vieles selbstverständlich: Dass wir hier keinen Hurrikan fürchten müssen wie in den Antillen, keine Überflutung wie in Bangladesch, keinen Hunger wie im Sudan, keine Ermordung ganzer Volksgruppen wie in Burundi, keine Vertreibung wie im Kosovo. So könnte man die Welt durchmustern; und wenn man vergleicht, gewinnt unsere Gegend paradiesische Züge. Erst im Vergleich kann uns aufgehen, wie beschenkt wir sind. Wir sehen freilich immer bloß die eigenen kleinen Mängelchen. Es geht uns so, wie es in diesem Satz der Nachkriegszeit ausgedrückt ist. "Ich jammerte, weil ich keine Schuhe hatte, bis ich einen traf, der keine Beine hatte." Wir jammern über Kleinigkeiten, weil wir nicht mehr sehen, wie viel Elend und Not sonst wo in der Welt herrschen. So müßten wir wahrzunehmen lernen, wie viel Gutes und Schönes wir ständig in unserem Leben geschenkt erhalten, um dankbar zu sein für ganz vieles, was andere entbehren und was wir als selbstverständlich hinnehmen. Diese Dankbarkeit könnte uns dann auch motivieren, anderen beizustehen, die nicht in der gleichen günstigen Situation leben.

Aber auch deshalb sollten wir für all die glücklichen Umstände unseres Lebens danken, weil der Dank uns selbst bereichert. Was ich mir bloß erringe, was mir zufällig über den Weg läuft oder in den Schoß fällt, dessen kann ich mich gar nicht so freuen, wie wenn ich es als Geschenk begreife. Wenn ich lerne, dankbar zu sein, dann lerne ich auch, mich mehr an den einzelnen Dingen zu freuen!

Und deshalb ist der Mensch arm, der nicht danken kann, der bloß rechnet, was er verdient und erwirbt, und dann darauf pocht: "Darauf habe ich einen Anspruch und ein Recht." Ein solcher "Rechthaber" ist kümmerlicher als der, der sich über ganz vieles freut, weil er es als unverdientes Geschenk entdeckt. Er wird sich zum Beispiel sogar darüber freuen können, dass er erwerben kann, ein Recht gewinnen kann, arbeiten kann, wenn er sich etwa mit Arbeitslosen vergleicht. Erst wenn ich mich so als beschenkt verstehe und lerne zu danken, gewinnt vieles für mich einen neuen Wert als Gabe, die mich erfreut. Und vielleicht fühlte ich mich dann auch gedrängt, so zu leben, dass mich meine Mitmenschen ebenfalls als unverdientes Geschenk begreifen könnten, für das sie Dankbarkeit zu empfinden vermöchten.

Albert Keller SJ







Freude und Freiheit

Wir vermögen uns über jede Erfüllung eines Verlangens, über jede Strebung, die Ihr Ziel findet, also über alles Gute zu freuen. Ob das als spezifisch menschlich gelten kann, sei dahingestellt, denn wir nehmen an, dass auch ein Tier zumindest Befriedigung empfindet, wenn seiner Neigung entsprochen wird.

Über eine Weise der Freude aber, die dem Menschen eignet, weil sie auf einer Freiheitserfahrung beruht, hat Nietzsche bemerkenswerte Gedanken vorgelegt: Er verbindet die Freude mit dem für sie kennzeichnenden Ausdrucksverhalten, dem Lachen. Der Mensch kann es zwar auch zu einem bitter-höhnischen Verlachen oder zum verzweifelten Gelächter verformen; aber es ist ursprünglich, wie bei Kindern zu beobachten, das frohe Lachen, in dem sich Freude äußert, und zwar als typisch menschlicher Ausdruck. Thomas von Aquin etwa vertrat beiläufig die Ansicht, dass nur der Mensch des Lachens fähig sei, eine aus der Erfahrung wohl zu stützende Auffassung, nach der also das Lachen ohnehin eine nur dem Menschen zukommende Weise, sich zu freuen, darstellte.

Nietzsche hat als Grund dieser typisch menschlichen Freude die Begegnung mit dem Unsinn angegeben: "Wie kann der Mensch Freude am Unsinn haben? Soweit nämlich auf der Welt gelacht wird, ist dies der Fall, ja man kann sagen, fast überall, wo es Glück gibt, gibt es Freude am Unsinn. Das Umwerfen der Erfahrung ins Gegenteil, des Zweckmäßigen ins Zwecklose, des Notwendigen ins Beliebige, doch so, dass dieser Vorgang keinen Schaden macht und nur einmal aus Übermut vorgestellt wird, ergötzt, denn es befreit uns momentan von dem Zwange des Notwendigen, Zweckmäßigen und Erfahrungsgemäßen, in denen wir für gewöhnlich unsere unerbittlichen Herren sehen; wir spielen und lachen dann, wenn das Erwartete (das gewöhnlich bange macht und spannt) sich ohne zu schädigen entladet."

Dieses befreiende Lachen entsteht also, wenn die Freiheit gleichsam entdeckt, dass die Regeln des Zwecks, des Erfahrungsüblichen, der anscheinenden Notwendigkeit, die sich ihr gegenüber immer als Garanten des Sinns aufspielen, den sie zu ihrer vernünftigen Verwirklichung braucht, und die sie so selbst in ihre Normen einbinden möchten, nun entthront werden, weil sich eine ungeahnte Form von Sinn auch ergibt, wenn sie scheitern. Die Freiheit feiert dann im Lachen ihre Freisetzung von einer falschen Unterjochung unter geistige Sinnansprüche.

So schwingt im frohen Lachen immer ein wenig Triumph mit, der besagt, es liegt auch im Unsinn Sinn, wenn er nämlich frei macht. Dann besteht das den Humor kennzeichnende "trotzdem Lachen", nämlich allem Unsinn und allen Zwängen und Bedrohung in der Gewissheit trotzend, dass die Freiheit schließlich die Oberhand behält und ihre Hemmnisse sich als lächerlich erweisen. Da dies jedoch außer in komischen Situationen und Geschichten noch nicht endgültig offenkundig ist, könnte man auch sagen, wir hoffen noch auf diese umfassende Verbindung von Freiheit und Freude, die das Lachen kundtut.

Es ist wieder Thomas von Aquin, der dazu anmerkt, die Menschen hätten nach der Auferstehung die gleiche sie kennzeichnende Fähigkeit zu lachen wie jetzt: "Ebenso wird dort die gleiche Eigentümlichkeit sein, nämlich das Lachen; lob VIII, 21: Dein Mund wird mit Lachen erfüllt und deine Lippen mit Jubel."

Albert Keller SJ

Christ sein heißt Mensch sein

Schon früh findet sich in der Kirche der Spruch: "Christianus alter Christus", "der Christ ist ein anderer Christus". Sehr jung ist hingegen die Aussage: "Christus ist der Mensch für andere", die allerdings nur den Satz des Glaubensbekenntnisses wiedergibt: "Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel gekommen." Nimmt man die beiden Aussagen zusammen, so ergibt sich als Fazit: " Christ ist man für andere." Das lässt sich allerdings erweitern. Als Pilatus den mit Dornen gekrönten Jesus der Menge mit den Worten "Ecce homo", "Seht, der Mensch" vorstellte, verkündete er unwissentlich ein Programm. In Jesus, in dieser verspotteten Leidensgestalt, steht der Idealtyp Mensch vor uns. In seiner Bereitschaft, sich völlig selbstlos und bis zum letzten für andere einzusetzen, verkörpert er eine Haltung, die für alle Menschen als Ziel gelten muss.

Jeder Mensch existiert nämlich nur in Ausrichtung auf andere. Der völlig auf sich Gekehrte wäre Unmensch. Christlich kommt das durch das uns eingeschaffene Grundgebot zum Ausdruck: "Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst." Die Grundgebote der Gottes- und Nächstenliebe sind uns nicht von außen aufgetragen, sondern sie stecken in uns, tiefer als in unseren Knochen, denn nur in der ihnen gemäßen Ausrichtung kann man als Mensch leben, Mensch sein. Sie nennen also das Ziel jedes Menschen. Daraus ergibt sich: Christsein hebt Menschsein nicht auf. Es setzt es voraus und vollendet es. Lücken in der Menschlichkeit können daher nicht durch Christentum ausgefüllt werden. Christentum kann und darf nicht Ersatz für Menschlichkeit sein. Der Christ sollte eigentlich nur im Vergleich mit anderen der menschlichere Mensch sein.

Christentum ist daher nicht eine neben den übrigen Religionen und Weltanschauungen, sondern es will alle dazu anleiten und es uns ermöglichen, Mensch zu sein. Dass das nicht einfach ist, stellt uns anschaulich die Szene des "Ecce homo!" bei Pilatus vor Augen. Man könnte salopp formulieren: Mensch zu sein ist kein Honigschlecken; es fordert unser ganzes und unablässiges Bemühen und verlangt Opferbereitschaft, nämlich die Fähigkeit, etwas von uns hergeben zu können. Eine Liebe, die nichts zu schenken vermöchte, wäre ein Schwindel.

Diese Ausrichtung auf andere, die Liebe heißt, zeigt sich, christlich gesehen, über das Natürliche hinaus als besondere Gabe der Gottesebenbildlichkeit. In der Dreifaltigkeit ist nämlich jede göttliche Person nur Person, insofern sie auf die anderen Personen bezogen ist. Das macht ihre Eigenständigkeit aus, dieser Bezug auf andere. Darin liegt das Urbild auch für jede geschaffene Person. Wer sich gegen diese bejahende Beziehung zum anderen sperren wollte, sperre sich also gegen diese Teilhabe an der Personalität, die Gott uns nach seinem Bild eingeschaffen hat; er behinderte sich selbst in seiner Fähigkeit, Mensch zu sein und Christ zu sein. Denn man kann einem, der fragte: "Was muss ich tun, um ein guter Christ zu sein?" einfach antworten: "Sei ein guter Mensch!"

P. Albert Keller SJ




Umwertung der Werte

Man redet heute von der Umwertung der Werte, vom Wertewandel; einige bedauernd und skeptisch, andere leise triumphierend, dass da alte Werte verschwinden und abgeschafft werden. Die Umwertung aller Werte hat bereits vor über hundert Jahren Friedrich Nietzsche verkündet, mehr als gefordert. Was sind Werte? Kurz gesagt, das, was wir schätzen. Was für uns wertvoll ist oder scheint, dem verleihen wir Wert. Es gibt nun im Evangelium eine Umwertung aller Werte, gegen die Nietzsches These harmlos anmutet. Das geht uns nicht auf, weil wir immer wieder die Botschaft des Evangeliums verpacken, wattieren, mundgerecht machen. Man kann sich ihre revolutionäre Forderung so vor Augen führen: Wenn wir die Macht hätten, die Welt einzurichten, wie wir das möchten, nach unseren Werten, wie sähe diese Welt aus? "Keine Armut!" würde man fordern, "Weg mit dem Hunger!", ja weg mit dem Leid überhaupt, und schließlich weg mit aller Ausbeutung, Unterdrückung und Verfolgung. Das wären nicht oberflächliche Werte eines Genießers, eines seichten Egoisten, sondern unsere Werte für den Entwurf einer besseren Welt. Dann kommt da ein Zimmermannssohn aus Nazareth und sagt Folgendes, bei Lukas ursprünglicher bewahrt als bei Matthäus: "Selig, die arm sind. Selig, die hungern. Selig, die weinen. Und: Selig, die verfolgt, verschmäht, ausgestoßen, unterdrückt werden." Und er untermauert das mit Weherufen: "Wehe den Reichen, wehe den Satten, wehe den leidfrei Lachenden, wehe denen, die da nur Erfolgsschmeicheleiansehen haben!"(Vgl. Mt 5,3-12 und Lk 6,20-26).

Wenn wir uns mit einer solchen Botschaft konfrontiert sehen, denke ich doch, dass sich in uns etwas wehrt. Dieser Widerstand erwächst wiederum nicht bloß aus unserem Wunsch nach Behaglichkeit und Bequemlichkeit und sicherem Leben, sondern er kann getragen sein von politischer Verantwortung und Sorge für den Mitmenschen. Man müsste doch gegen diese Botschaft des Lukasevangeliums, wenn sie so vorgetragen wird, das Bedenken erheben: Sollen wir denn nichts tun gegen die Armut und gegen den Hunger und gegen die Unterdrückung und gegen das Leid? Um der Heiligen Schrift gerecht zu werden, muss man sie sehr sorgfältig lesen. Bei Lukas stellen die Seligpreisungen keine allgemeinen Richtlinien auf, sondern sie richten sich an die Jünger: "Selig seid ihr Armen. Selig seid ihr, die hungert. Selig seid ihr, die weint." Es wird der Einzelne in seiner Wertordnung angesprochen. Es wird deutlich, dass damit nicht eine universelle Gesetzgebung erfolgen soll, derart dass man sagt: Die Welt ist in Ordnung, wo Hunger und Trauer und Verfolgung herrschen. Sondern der Einzelne wird angesprochen, ihm wird gesagt: Kümmere dich um den Hunger der anderen. Den schaffe ab! Aber wenn du hungerst, das darf dich im Grunde nicht treffen. Das klingt doch wieder schizophren. Weil man ja sagen könnte: Wenn Hunger bei den anderen schlecht ist, warum soll er denn bei mir gut sein? Die Antwort scheint mir in der Tat in dieser Überlegung zu suchen: Was sind unsere Werte? Was verrrät unser Streben? Was verraten so saloppe Ausdrücke wie "Hauptsache gesund", dieser häufig gehörte Wunsch? Was ist für uns die Hauptsache? Diese Frage richtet sich allerdings an jeden Menschen. Ist es die Hauptsache, der Wert schlechthin reich zu sein, Wohlstand zu haben und satt zu sein? Und fröhlich und anerkannt? Oder gibt es andere Werte? Werte, die dieses alles nicht aufheben, aber in Frage stellen und als vorläufig zeigen. Das ist durchgängige Botschaft des Evangeliums: Es ist anderes entscheidend als bloß die Sattheit, der Reichtum und das Behagen hier.

Nächstes Bedenken: da haben wir doch das, was man der Kirche im vorigen Jahrhundert vorgeworfen hat:Vertröstung auf das Jenseits. "Wenn es euch hier schlecht geht, macht es ja gar nichts. Der Lohn im Himmel wird groß sein." Es geht aber bei den Seligpreisungen nicht ums Jenseits. Es geht um die Werte hier! Wer ist hier erbärmlich? Das "wehe" ist keine Androhung von späterer Strafe, sondern es ist eine Aufdeckung einer menschlichen Öde und Wüstenei im Inneren schon jetzt. Wehe du Satter, wehe du Reicher, wehe du Fröhlicher! Wenn das alles ist, wodurch unterscheidest du dich vom zufriedenen Rind, von den sogenannten glücklichen Kühen? Satt und behaglich sind auch die. Was ist der Sinn des Lebens jetzt, nicht später? Das ist der tiefere Sinn der Seligpreisungen: Nur der Mensch ist selig - und verglichen damit zählt kein anderer Wert, keine Sattheit und kein Reichtum und nichts - der die Menschen liebt wie sich selbst und Gott aus ganzem Herzen. Daneben sind alle anderen Werte gleichgültig.

Allerdings steckt darin eine härtere Botschaft: Wer nämlich Reichtum und Armut, Verfolgung und Angesehensein für sich als gleichgültig ansieht, der ist nicht chancengleich mit einem, dem Reichtum und Ruhm und Leidensfreiheit höchste Werte sind. Einer, dem alles auf's Geld ankommt, der wird in der Regel mehr Geld haben. Einer, dem alles darum geht, Sättigung zu erreichen, der wird eher satt als einer, der das für nebensächlich hält. Das heißt, der Erfolg in der Welt wird in der Tat vermutlich bei denen mehr sein, die diese Werte als ihre höchsten hinstellen. Insofern ist eben das Christentum kein Garant für eine geglückte innerweltliche Ordnung. Im Gegenteil, es wird gesagt: "Ihr müsst damit rechnen, wenn euch nichts darüber geht, über die Nächsten- und Gottesliebe, dass ihr dann benachteiligt seid". Jesus macht uns keinen Schmu vor. Er leugnet nicht, dass die, die ihm nachfolgen wollen, ihr Kreuz, ihr spezielles, und mehr als die anderen zu tragen haben. Und doch bleiben die Seligpreisungen eine frohe Botschaft. Denn sie sagt: Und wenn es so ist, und wenn ihr arm und hungernd wäret und klagend und missachtet und verächtlich, ihr seid die Seligen und nicht die anderen, die da im Wohlstand protzen. Ihr habt die wahre Wertordnung erkannt. Ihr, meine Jünger, arm und verfolgt und verschmäht und so weiter. Insofern vermiest uns in der Tat eine solche Botschaft die oberflächliche Behaglichkeit, wenn wir bloß bequem und reich und satt sind. Sie stellt unsere Wertordnung in Frage. Glaube ist nie bloß, sich irgendwelche Sätze anhören und dann sagen, ja ist so. Er will uns umkrempeln. Umwertung der Werte heißt Umstülpung unseres Herzens. Es ist Aufforderung und die Verheißung zugleich. Du bist selig, wenn du so lebst, dass alle diese irdischen Werte nicht den Sinn deines Lebens ausmachen. Selig die, die Gott über alles lieben, wäre dann die einfache Kurzfassung dieser Botschaft.

Albert Keller SJ



Einheit im Glauben

In seiner Abschiedsrede an die Jünger im 17. Kapitel des Johannesevangeliums legt Jesus sein geistliches Vermächtnis vor. Es kreist um einen Gedanken: "Dass sie eins seien", seine Jünger und alle, die auf ihr Wort hin Jesus folgen und dann schaut man auf die Christenheit und fragt: Was haben sie daraus gemacht, die sich nach ihm Christen nennen?

Dass sie eins seien, will er, und zwar "damit die Welt glaubt". Das ist ein wichtiger Grund, denn die Erfahrung zeigt, dass dort, wo im Namen Christi Gegensätzliches verkündet wird, das gewiss nicht zur Glaubwürdigkeit dieser Botschaft beiträgt. Aber es geht nicht vor allem um die Einheit der Lehre. Gewiss hat das Christentum sich in seiner ganzen Geschichte immer auch um eine einheitliche Lehre bemüht, hat Dogmen und Glaubensbekenntnisse aufgestellt, an die man sich zu halten hat. Dennoch ist die Einheit der Lehre nicht letztes Ziel. Wir müssen zwar eines Sinnes sein, und doch gilt andererseits das Sprichwort hier und in allen Fragen: "So viele Köpfe, so viele Sinne". Glaube ist nur dann lebendig, wenn ich darüber nachdenke, und jeder, der denkt, ist ein Andersdenkender, der betet nicht einfach nur Gedanken nach. Man kann sich fragen: Wo rede ich über meinen Glauben nicht sofort über den Glauben der Kirche, sondern über meine persönliche Ansicht? Wenn jeder dem anderen ehrlich erzählte, was er glaubt, ungeschützt und nicht gleich im Blick auf Lehramt und irgendwelche Ängste vor anderen, dann würde wohl ein sehr vielfältiges Bild entstehen. Und das wäre kein Mangel, sondern eine Bereicherung.

Das also kann nicht das Ideal sein, dass wir nur mit einer Stimme reden. Gott will vielfältig gelobt werden! Das Problem liegt dann darin, dass wir den anderen, der von uns abweicht, gleich des Irrglaubens verdächtigen. Wir decken etwa den Sinn der Schrift von verschiedenen Seiten auf. Die Gefahr ist und zwar eine, die auch die Glaubensspaltung begleitet, wo Schuld vorliegen kann auf allen Seiten dass man nicht den verschiedenen Sinn aufdeckt, der ja im Wort Gottes liegt, das reicher ist als das, was jeder sich selbst ausdenken kann, weshalb er den anderen braucht, um das zu ergänzen dass wir nicht den vielfältigen Sinn des Wortes Gottes suchen, sondern den eigenen Sinn und den versuchen durchzusetzen. Das ist immer die Gefahr, dass man Recht haben will. Und man kann im Deutschen Recht behalten, ohne es zu haben.

Man kann nämlich den eigenen Sinn für den Sinn der Schrift ausgeben und daraus nur das entnehmen, was uns passt. Und deshalb müssen wir uns und unsere Ansicht in Frage stellen lassen von anderen, von der Kirche mit der Absicht, in aller Unterschiedlichkeit einig zu sein gemäß der Bitte Jesu an seinen Vater: "Sie sollen eins sein".

Der weitere, wichtigere Grund, warum Jesus will, dass sie eins seien, liegt darin, dass für ihn ein Gebot ganz entscheidend ist: Gott zu lieben aus ganzem Herzen und den Näch sten wie sich selbst. Und ich kann nicht lieben, wenn ich nicht auf Einheit aus bin, und der Nächste ist nicht einfach der, der Glaubensgenosse, der gleicher Rasse, gleichen Vaterlandes oder gleicher Meinung ist, sondern das ist jeder Mensch, sogar der Feind. Wo also dieses Gebot gilt, da muss Einheit mit den Mitmenschen vorherrschendes Ziel sein.

Der wichtigste, tiefste Grund, warum Jesus Einheit will, bildet den Kern des christlichen Glaubens: dass wir nur durch die Einheit, nämlich die Einheit mit Christus erlöst sind, der die Sünden der Welt hinweggenommen hat. Sünde ist im Sinne Jesu nämlich immer nur Lieblosigkeit, und Lieblosigkeit wird beseitigt durch Liebe, und zwar eine Liebe, die keine Schranken und Grenzen kennt, die bis zum letzten Blutstropfen geht. Und das ist die Liebe Jesu. Als der Auferstandene ist er beim Vater und so allen Menschen aller Zeiten gegenwärtig, das heißt: Seine Liebe ist bei uns bis ans Ende der Welt. Die kann zudecken und ergänzen, was an Lieblosigkeit in uns bleibt, kann es aber nur, wenn wir eins sind mit ihm, wenn wir uns in seine Liebe hinein flüchten. Deshalb ist keine Erlösung, wo keine Einheit ist. Ich distanziere mich von der Erlösung, wo immer ich mich von einem Menschen distanziere. So müssten wir darüber erschrecken, wie wir leben können in Distanzen gegeneinander, in unterschiedlichen Konfessionen, in Parteiungen jedenfalls dort, wo es um den Glauben geht. Die Einheit muss uns auf den Nägeln brennen als Aufgabe; sie gehört zum Kern unseres Glaubens. Dazu muss man allerdings begreifen, dass Einheit nicht Einerleiheit besagt. Es wäre kein Ideal, eine monolithische Kirche zu haben, wo alle die gleiche Kniebeuge machen, alle den gleichen Kult haben. Ich kann im Grunde nicht einen Sizilianer und einen Hamburger, geschweige denn Koreaner, Japaner und Afrikaner zu den gleichen Formen des Glaubens bringen wollen. Das wäre den Menschen nicht gerecht, sie alle in die gleiche Jacke zwängen zu wollen. Vielfältigkeit ist nicht nur ein Kompromiss, den man eingehen muss, weil die Menschen zu schwach sind; vielmehr dient gerade sie der Einheit, nicht aber ein Einerlei.

Einheit - um nur ein Beispiel zu nennen - zwischen Mann und Frau kommt nicht zustande, wenn der Mann weiblich und die Frau männlich wird. Reiche Einheit kommt gerade dort zustande, wo Vielfalt ist und sich ergänzt. Und das sollten wir auch im Glauben akzeptieren: Vielfalt, die sich ergänzt, sollte das Ziel sein. Ich muss nicht den anderen auf meine Linie bringen wollen, muss aber auch nicht meine Linie aufgeben wollen; nur: Es darf uns nicht um die eigene Linie gehen; es darf uns nur darum gehen, den Auftrag Christi zu verwirklichen. Und der verlangt nicht, dass wir Vielfalt ausrotten, sondern nur, dass wir sie ergänzen in der Liebe, nicht in unserer so sehr, sondern in seiner.

Albert Keller SJ


Vorfreude

Advent ist eine Zeit der ‚Erwartung und Vorfreude', denn jetzt freuen sich doch manche, vor allem Kinder, auf Weihnachten, auf den Heiligen Abend. Und Advent und Weihnachten sind Zeiten, in denen wir vielleicht in besonderem Maße manches von Kindern lernen könnten, wie etwa diese kindliche Vorfreude. Denn sind nicht die Stunden, die vor dem Ereignis liegen, auf das wir uns freuen, die liebsten und wertvollsten? Vorfreude ist die schönste Freude, sagt man doch. Wenn das stimmt, warum geben wir ihr nicht mehr Raum? Warum etwa nehmen wir uns heute nicht die Zeit und setzen uns hin und freuen uns auf das, was wir erwarten? Das können wir nur in der Vorbereitungszeit.

Sich im voraus zu freuen, heißt aber nicht, dass wir das freudig erwartete Fest einfach vorziehen sollten, wie es unsere hastige Ungeduld immer wieder versucht. Wer schon alles vorwegnimmt, was der Heilige Abend und Weihnachten bringen, zerstört nicht nur den herausragenden Glanz dieser Tage, sondern untergräbt auch die Vorfreude selbst, der ja nichts mehr bleibt, worauf sie sich freuen kann. Wenn man etwa schon tage- oder gar wochenlang zuvor alle Weihnachtslieder singt und abspielt und hört, wenn man schon eine Fülle vorgezogener Weihnachtsfeiern mitmachen musste, bleibt der Erwartung kein rechter Höhepunkt mehr, auf den sie sich einrichtet, alles wird flacher und damit schaler.

Das ist wohl eine besondere Gefahr unserer Zeit, dass sie nichts mehr aufzusparen vermag und so auf vielen Gebieten keine außerordentlichen Gipfel mehr kennt, weil sie alles eingeebnet hat ins Gewohnte und Gewöhnliche. So wird sie unfähig, noch wirklich zu feiern. Das rechte Feiern gelingt nämlich nicht ohne Zuwarten und ohne Vorbereitung. Und denken wir jetzt nicht wieder gleich ans Einkaufen und Zurüsten und Aufräumen und Putzen. Das alles mag erforderlich sein, damit ein behagliches Fest zustande kommt. Aber wir dürfen darüber nicht etwas anderes vergessen, was wohl noch unerlässlicher ist, nämlich die rechte Einstimmung; und dazu gehört vor allem die Vorfreude.

Die sollte überhaupt in unserem Leben eine größere Rolle spielen. Wenn wir uns tagtäglich so abhetzen und plagen, riskieren wir doch öfter die Frage: Wozu und wofür eigentlich?! Es mag die Familie sein oder das Haus, der Feierabend oder der Sonntag oder der Urlaub oder die Rente, weswegen wir uns abmühen, oder vielleicht auch das Fortkommen im Beruf. Das alles hat aber doch nur einen Sinn, wenn wir uns schließlich an dem freuen, für das wir alle Anstrengungen auf uns nehmen - so wie die ganze Weihnachtsvorbereitung nur sinnvoll ist, wenn wir uns an Weihnachten schließlich zu freuen vermögen. Wenn das aber so ist, dann sollten wir uns jetzt nicht griesgrämig mit unseren Pflichten herumschlagen, selbst wenn sie - so für sich genommen - nicht sehr erfreulich sind. Vielmehr sollten wir jene Freuden, um deretwillen wir uns abrackern, mehr schon jetzt in den Blick nehmen, uns darauf freuen, also aus der Vorfreude heraus leben. Das ist keine Vertröstung, denn die Vorfreude ist jetzt schon da, und allein aus ihr wächst die Kraft zu einem Leben, das schwer sein kann, aber dann doch ohne Verbitterung bleibt.

Für uns Christen aber ist der Advent deshalb eine besondere Zeit, weil er unser ganzes Leben kennzeichnet, es kennzeichnen müsste, wenn wir glauben. Denn so sollten wir leben, dass wir im Heute uns darauf freuen, dass wir uns morgen freuen werden.

Was unsere Mitmenschen nämlich brauchen, ist unsere Freude. Ich kann sie nicht trübselig lieben, nicht in kalter Pflichterfüllung. Wir überhören zu leicht im Ausdruck Nächstenliebe das Wort Liebe. Niemand, der liebt, kann in der Liebe griesgrämig sein. Den frohen Geber hat nicht nur Gott lieb, den brauchen die Menschen; einen, bei dem sie merken, dass er ihnen gut will; und dazu muss er Freude verbreiten. Wer könnte das, wenn er nicht sich selbst freut? Es gibt keine Nächstenliebe, die nicht versuchte, dem anderen Freude zu bereiten. Also müssten wir zuvor der Freude in uns selbst Raum geben. Ein kalter Herd wärmt nicht, und ein kaltes, trübseliges Herz strahlt keine Freude aus.

Christliche Freude aber erwächst aus dem Glauben. Glauben heißt nämlich: hinübergehen auf die Seite Gottes. Wenn ich in meiner eigenen Enge bleibe, finde ich freilich keinen Grund zu überschwänglicher Freude. Aber das, was wir daran als negativ, als mies, als böse empfinden, kann ja gerade der Stachel sein, uns herauszustöbern aus unserem behaglichen Nest, aus dem trüben und dumpfen, über das wir schimpfen und aus dem wir doch nicht herauswollen. Da müssen wir aufstehen, aufwachen, hinübergehen zu Gott und sehen: Nur von seiner Seite aus kann ich mich freuen. Unser Ärger hat oft als Hintergrund eine Besserwisserei. Wir wissen doch viel zu oft besser als Gott, was gut ist für uns. Wir schreiben ihm vor und setzen die Bedingung: Erst muss das sein und dann das und drittens das ... dann könnte ich mich vielleicht freuen. Der Glaube sagt: Nein, Gott weiß es besser, Gott weiß es viel besser. Ich finde mich nicht mit der Welt ab, ich sehe, was da schlecht ist, und gehe dagegen an. Aber in all dem liegt kein Grund zur Verzweiflung. Ich glaube ja: Denen, die Gott lieben, gereicht alles zum Besten. Ich glaube es nicht ganz, ich glaube es nicht, sonst würde ich mich ja freuen über alles, über jeden Dreck würde ich mich freuen ... Aber ich muss mich doch auf den Weg machen, ich muss es doch lernen, Schritt für Schritt: Nicht über die große Dunkelheit schimpfen - eine kleine Kerze anzünden, jeden Tag eine neue!

Albert Keller SJ








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