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Texte von P. Albert Keller SJ
aus dem Jahr 2001

Für alles danken

Vor Jahren sah ich an der Wallfahrtskapelle in Altötting ein Motivbild, das mir wegen seiner Doppeldeutigkeit in Erinnerung geblieben ist. Da wurde in knapper Drastik, wie sie gute naive Malerei auszeichnet, ein Unglücksfall geschildert. In einer Winterlandschaft überfuhr ein mit Langholz beladener schwerer Transportschlitten einen Holzknecht, dessen Blut den umgebenden Schnee rot färbte. Und unter dieser erschreckenden Szene stand nur: "Maria sei Dank"!

Will man nicht unterstellen, dass da eine drangsalierte Ehefrau ihren Dank abstatten wollte, weil sie von ihrem Haustyrann durch dieses Unglück befreit worden war, das ihr dann eher wie ein Glücksfall vorgekommen wäre, dann muß man annehmen, dass vermutlich der Verunglückte selbst dieses Motivbild zum Dank dafür stiftete, dass er diese lebensgefährliche Situation überstanden hatte. Denn er war sich bewusst, dass beim Abtransport mit dem Holzschlitten solche schweren Arbeitsunfälle oft tödlich endeten. Dann aber kommt es wohl auch dem Frömmsten nicht in den Sinn. Maria oder überhaupt wem für einen derartigen tragischen Ausgang zu danken.

Das zu fordern oder auch nur nahezulegen, schiene uns denn doch Übermenschliches, wenn nicht gar Unmenschliches verlangt.

Dann stoßen wir aber im Römerbrief auf den Satz: "Wir wissen, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Gute führt" (8.28). "Alles", das heißt doch wohl nicht nur das uns Angenehme wie Erhalt der Gesundheit, Wohlstand, Erfolg und Ansehen, sondern auch Krankheit, Entbehrung, Scheitern unserer Pläne und Verachtung, also nicht nur Freude, sondern auch Leid. Steckt nicht hinter der anklagenden und nie befriedigend zu beantwortenden Frage, wie Gott denn all das Elend und Unrecht in der Welt zulassen könne, insgeheim unsere Überzeugung, das könne doch unmöglich zum Guten führen? Uneingestanden halten wir uns dann für klüger als Gott, der uns eben dies versichern läßt, dass alles zum Guten führt - wohl mit der einzigen Ausnahme unserer eigenen Bosheit; und selbst die führte nur zum üblen Ende, wenn wir uns der Vergebung verweigern, die Gott auch jedem Bösen, dem Sünder nämlich angeboten hat: Dann und nur dann gehörten wir freilich nicht zu denen, die Gott lieben und denen daher alles zum Guten gereicht.

Das könnte also geradezu zum Probierstein unseres Glaubens werden, ob es uns gelingt, diese Überzeugung unser Leben bestimmen zu lassen, dass wir auch noch in der widrigsten Lage keinen Grund zur Verzagtheit oder gar zur Verzweiflung haben, weil wir des guten Ausgangs auch der schlimmsten Situation gewiss sein können. Näher besehen ergibt sich das ohne weiteres aus dem christlichen Glauben, denn der bekennt: "Gott ist die Liebe!" Wenn das aber zutrifft, dann folgt darauf, dass alles, was er uns schickt oder zumutet, für uns zum Guten ist. In dem Maß, wie wir das glauben, müßten wir im Stande sein, für alles zu danken. Nicht nur für das Angenehme, sondern sogar auch für alles Übel, das uns zustößt.

Wer allzu ängstlich, miesepeterig oder gar verbittert durchs Leben geht, der müßte sich also prüfen, ob er wirklich Christ ist, also glaubt, dass ihm alles zum Guten gereicht und er daher auch für ausnahmslos alles, was ihm begegnet, Gott danken kann.

Albert Keller SJ




Freiheit und Glück

Der Mensch ist bestimmt durch seine Ausrichtung auf Freiheit. Falls nun dieser innere Drang möglichst weitgehend erfüllt und dies auch erlebt wird, so liegt eben darin das spezifisch menschliche Glück, weil das erfüllte Hinstreben nicht nur mit der Grundausrichtung des Menschen in Einklang steht, sondern mit ihr in eins fällt. Somit läge hier auch, mit einem Modewort gesprochen, die zentrale "Selbstverwirklichung" des Menschen vor, die fälschlich oft im Eingehen auf peripherere Bedürfnisse gesucht wird. Allerdings bleibt die Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit, dass derartige nicht zum Personkern gehörende Triebe und Ausrichtungen auch dann - unter Umständen sogar gerade dann - unerfüllt bleiben, wenn die zentrale Tendenz, nämlich die Freiheit, ihre höchste Verwirklichung erfährt. Das bestätigte die Lebensweisheit, dass "des Lebens ungemischte Freude" in dieser Welt kaum anzutreffen ist. Mit dem Glück verhält es sich unter dieser Rücksicht ähnlich wie mit der Freiheit: Es ist nicht entweder in seiner Fülle da oder gar nicht, sondern es ist, wenn es vorliegt, in unterschiedlichen Graden verwirklicht.

Wenn also das Glück nicht in dem Sinn umfassend ist, dass alle menschlichen Neigungen gleichermaßen als erfüllt erlebt werden - was wohl prinzipiell unmöglich ist, da sich einige dieser Neigungen glatt widersprechen -, genügt das nicht, um zu bestreiten, jemand sei glücklich. Nur darf das menschliche Glück - auch wenn es nur mit Einschränkungen verwirklicht ist - nicht mit einer teilweisen Triebbefriedigung verwechselt werden, denn entscheidend dafür ist nur das Erleben von verwirklichter Freiheit, nämlich einer auf ihre Grenzenlosigkeit ausgerichtete Fähigkeit des Menschen, sich selbst zu bestimmen. Sie entspricht auch der Forderung des Aristoteles, menschliches Glück müsse in einer Handlung bestehen, die nicht nur als Mittel für etwas anderes, sondern um ihrer selbst Willen gesucht wird. Dass dieses Glück graduell abgeschwächt vorkommen kann, liegt daher auch nicht nur darin begründet, dass andere, peripherere Tendenzen als die Freiheit unerfüllt bleiben können, obwohl die Freiheit selbst in hohem Grad verwirklicht ist, sondern noch mehr eben in dieser Möglichkeit einer nur teilweise gelungenen Verwirklichung von Freiheit.

Dass aber in diesem Freiheitserlebnis das menschliche Glück besteht, hält etwa auch der Spruch fest: "Des Menschen Wille ist sein Himmelreich", dem der Satz aus Schillers "Wallensteins Lager" entspricht: "Des Menschen Wille, das ist sein Glück."

Wer meint, diese These liege doch zu weit ab von der gängigen Überzeugung der Menschen und deren Glückserfahrung, denkt vielleicht daran, dass viele jene Zeiten ihres Lebens für die glücklichsten halten, die von einer gelungenen Liebe geprägt waren. Josef Pieper formuliert sogar: Alles Glück ist Liebesglück.

Das stützt jedoch die vorliegende These eher, als dass es sie schwächte. Man muss nur berücksichtigen, dass Liebe zwischen Menschen nicht auf eine rein emotionale Ebene abgeschoben werden darf. Vielmehr besteht sie zentral im freien Ja eines Menschen zum andern als Freien und darin, dass dieses Ja auch ankommt, also auf einen Freien trifft und von diesem daher nicht abgelehnt wird. Dadurch entsteht zugleich eine spezifisch menschliche, nämlich nur zwischen Personen mögliche Gemeinschaft. So entspricht der höchstmöglichen Freiheit unter dieser Rücksicht die innigstmögliche zwischenmenschliche Gemeinschaft. Dass die zu erleben das spezifisch menschliche Glück ausmacht, dürfte nun aber durchaus der genannten "gängigen Überzeugung der Menschen und ihrer Glückserfahrung" weithin entsprechen.

Albert Keller SJ




Beten: sich gesammelt vor Gott besinnen

Sich vor Gott zu besinnen ist die unaufwendigste und zugleich grundlegendste Form zu beten. Unaufwendig ist sie, denn wir brauchen dafür nicht viel mitzubringen: kein ausgearbeitetes Gottesbild, das der wahre Gott doch undenkbar weit überragt; keinen unangefochtenen Glauben, es genügte im Grenzfall selbst die leise Hoffnung, es könne doch sein, dass ein Gott über uns und für uns da ist; auch keine besondere Gebetspraxis, eine Erfahrung im religiösen Leben, keine kultische Einstellung ist erfordert; wir sollen uns ja nur besinnen, vor Gott, d. h. ohne uns gegen ihn abzusperren mit notdürftig gezimmerten Gedankenbarrieren oder unsere Scheininteressen gegen ihn abzusichern hinter einem Wall von Wünschen und Begierden, denen wir uns ausliefern. Denn das eine freilich müssen wir mitbringen zu dieser Besinnung, müssen zumindest bereit sein, es in diesen kurzen Minuten dafür einzusetzen: uns selbst nämlich.Wenn's weiter nichts ist, könnte einer sagen, uns selbst haben wir doch immer zur Hand; sich selber zu einer Einladung mitzubringen - nichts leichter als das.

Wer es aber ernstlich versucht, wird rasch geneigt sein, entgegengesetzt zu behaupten: Nichts schwerer als das. Schwer deshalb weil man sich sammeln muss, will man sich selbst ganz in eine solche Besinnung einbringen. Gesammelt, zusammengetragen muss werden, was in vielen Stücken zerteilt auseinander liegt, zerstreut ist. Wir sind solche auseinander gerissene, geteilte, zerstreute Menschen, nicht nur, weil wir als Gemeinschaft auf vielfache Weise nicht einig, sondern zerstritten oder doch mit entgegengesetzten Interessen aneinander vorbei lebe, sondern mehr noch - und hier liegt der letzte Grund auch für die Zwistigkeiten und Reibereien der Menschen untereinander -, weil jeder einzelne von uns in sich selbst diese widerstrebende Vielfalt, diese Zerstreutheit erfährt, ihr unterliegt.

Wenn von Zerstreutheit bei der Besinnung, beim Beten die Rede ist, denken wir zunächst an das Auseinanderlaufen unserer Gedanken, die sich auf eines, etwa auf uns selbst in unserer Stellung vor Gott, konzentrieren können, sondern immer wieder abgelenkt werden von Erinnerungsfetzen, Randbeobachtungen, auftauchenden Sorgen. Diese Zerstreutheit aber ist harmlos gegenüber der anderen, ihr zugrundeliegenden, die uns viel ursprünglicher hindert, uns ganz als uns vor Gott zu stellen. Es ist die Zerstreutheit des Herzens, die tiefer geht als die der Gedanken.

Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz, sagt uns Christus. Und unser Herz hängt an vielen Schätzen. Wir sorgen und kümmern uns um so vieles, nicht nur in einer vernünftigen und freien Vorsorge, sondern so, dass wir uns ausgeliefert, unser Herz daran gehängt haben, ob es unsere Gesundheit oder unser Beruf, das Wohl unserer Familie oder unsere finanzielle Sicherheit, unsere Zukunft oder nur das Verhalten unserer Nachbarn ist - so vielerlei liegt uns am Herzen, dass wir aufgeteilt und zerstreut sind, wie einst das ausgewählte Volk unter die Heiden. Von diesem sagte Gott durch Prophetenmund: "Heimholen will ich mein Volk von überallher" - und das müssten wir als erstes mit uns geschehen lassen und dabei mittun, damit wir uns selbst mitbringen können in diese Besinnung vor Gott: uns - unsere Gedanken und unser Herz - heimholen lassen von überallher, hier zusammen, gesammelt vor Gott.

Wenn wir dann sagen könnten, wenn jeder von uns sagen könnte: Sieh, Herr, da bin ich mit meinen Schwächen, meinen zerstreuten Ideen und Interessen, aber auch mit dem, was ich kann und täglich tue, da bin ich mit meinen Wünschen und Bitten, mit meinen Ängsten und Freuden, so wie ich eben bin, unverstellt und ohne Ausflüchte vor Dir, wir hätten ein gutes Stück beten gelernt hin zu jenem Gebet, in das hinein sich ein Christenleben ein Leben lang zu vollenden mühen muss, dass es sich sammeln, zusammenfassen lässt, ganz einfach und ganz schwer, in die Antwort an Gott, die nur heißt, heißen kann: "Herr, da bin ich ganz!"

Albert Keller SJ




Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer

Das Opferschlachten, Opfertiere darbringen, war ein Grundbestandteil des israelitischen Kultes, und es scheint Grundbestandteil religiösen Verhaltens durch die Zeiten und durch die verschiedenen Religionen. Gegen diesen Brauch richtet sich ein hartes Wort Jesu: ,,Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer". Warum ein hartes Wort? Weil es zurückweist, was durch Jahrtausende und weltweit die Menschen an Opfern darbrachten und darbringen. Die Römer gossen ihren Wein in den Sand, und sonst wurden Tausende und Abertausende Schafe, Rinder oder Pferde geschlachtet und bisweilen sogar Menschen Gott dargebracht als Opfer, wohl sogar in der Frühzeit der israelitischen Tradition; die Geschichte von Abraham und Isaak spielt darauf an, zeigt, wie sie durch Tieropfer abgelöst wurden, das Gott sagt: ,,Kein Menschenopfer, nimm statt dessen den Widder!" Und nun lehrt Jesu: ,,Ich will nicht Opfer" - zweimal, nicht nur beiläufig; und das ist keine Erfindung von ihm, er zitiert das sechste Kapitel des Propheten Hosea, wo es heißt: Der Prophet spricht im Namen Jahwes: ,,Liebe will ich, nicht Schlachtopfer."

Wenn die Menschen opfern, die verschiedenen Religionen zu dem gleichen Gestus des Opfers kommen, wollen sie etwas ausdrücken, sie wollen ihr Verständnis zu Gott ausdrücken. Opfer wollen zeigen, dass Gott alles gehört. Sie wollen es ihm sozusagen zurückgeben; nur sind sie eine ganz hilflose, ins Leere gehende Geste, weil ja Gott ohnehin alles gehört. So bleibt ihnen nichts übrig, als Tieren die Kehle durchzuschneiden, Fleisch oder Weihrauch zu verbrennen oder Wein auszugießen, kurz, gute Dinge zu vernichten. Denn es mussten immer beste Dinge sein, Gott sollte kein Abfall dargebracht werden, fehlerlose Lämmer, Erstgeborene - das, was in der Hochschätzung stand, wurde vernichtet. Dennoch bleibt es nicht möglich, mit dem Opfer zu leisten, was man will, nämlich zu zeigen, dass man ganz Gott gehört; man müsste sich nämlich selbst darbringen. Deshalb sind diese noch hilflosen Gesten durch Jesus abgelöst worden.

Wir haben in der Verlängerung all dieser Bemühungen ein einziges gültiges Opfer, nämlich Jesus selbst. Das ist das Opfer der Christen: Jesus am Kreuz. Aber es ist nicht nur das Kreuz. Es ist sein Leben. Jesus ist nicht auf die Erde gekommen um nun, in Verlängerung der Tieropfer, noch einmal ein Menschenopfer darzubringen. Obwohl es bei ihm keine hilflose Geste gewesen wäre. Bei uns wäre es selbst dann eine hohle Geste, wenn wir unser eigenes Leben Gott weihen wollten, weil wir sterben müssen, ob's uns passt oder nicht. Unser Leben gehört uns nicht. Jesus hingegen konnte sagen: ,,Niemand vermag mir mein Leben zu nehmen. Ich selbst gebe es hin." Er war imstande zu opfern. Und doch wäre es eine Fehleinschätzung zu meinen, er sei mindest seit seiner Taufe schnurstracks aufs Kreuz zugewandert. Das sei das Ziel seines Auftretens gewesen. Gar nicht! Er wollte vielmehr seinem Volk zeigen, was Reich Gottes heißt; dass Reich Gottes nicht heißt, über andere herrschen und die erste Stelle einnehmen, wie es sich das Volk Israel erträumte: Wenn der Gesandte Gottes kommt, wird er das Volk groß machen und über alle hoch erheben - dann ist der Gesandte Gottes, der Messias, der Christus gekommen und hat gelehrt: ,,Reich Gottes heißt dienen" - da hat man ihn umgebracht. Sein Opfer bestand nur darin, dass er seinen Dienst, den er als seine Lebensaufgabe erkannt hatte, den Dienst der Wahrheit, fortgeführt hat, auch als er gesehen hat, dass das sein Leben kostet.

Hier heißt dann Opfer neu: sein Leben einsetzen für die Mitmenschen und darin den Auftrag Gottes erfüllen. Und hier zeigt sich das spezifisch Christliche: der Weg zu Gott führt ohne Seitenstraße immer über den Mitmenschen. Es gibt nicht das Gott unmittelbar und allein dargebrachte Opfer, nicht einmal bei Christus am Kreuz. Er opfert es immer auch den Mitmenschen auf. Deshalb die Forderung: ,,Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer". Opfern nützt nichts, wenn nicht alle Menschlichkeit in der Mitte steht.

Ein Grund, weshalb Jesus Opfer ablehnt, liegt in der Gefahr, sich auf irgendwelche Frömmigkeitsübungen zu berufen, wenn es um Menschlichkeit geht. Das Frommsein kann nie Ersatz sein; es ist eine notwendige, eine unerlässliche Hilfe, aber es ist kein Ersatz für Barmherzigkeit. Es gibt aber noch einen anderen Grund. Wenn wir heute von Opfer reden, denken wir ja kaum nicht mehr an Tiere schlachten oder Wein ausgießen.Wir sagen ,Opfer bringen' und meinen damit ,einen Verzicht leisten'. Aber auch dafür gilt der Satz: ,,Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer". Das steht schon im 68. Kapitel bei Jesaja. Das Volk sagt zunächst: ,,Warum Jahwe hörst du uns nicht, wo wir doch fasten und uns Entsagungen auferlegen?" Und dann spricht der Prophet im Namen Jahwes: ,,Wie sähe denn das Fasten aus, wie es mir gefällt? Das hieße, den Gefangenen Fesseln lösen, den Hungernden dein Brot austeilen, deinen Bruder nicht im Stich lassen. Dies ist ein Fasten, wie ich es liebe", spricht Jahwe - und trifft damit auch eine Fehlform des Christentums: Dass einer bloß ausrechnet, wie er für sich mit seinem Gott ins Reine kommt, und sich dafür noch diese Beeinträchtigung auferlegt und jenen Verzicht und zum Schluss ein verbitterter und in sich verbohrter Mensch wird. Hart gegen sich selbst, aber doch auch hart gegen die anderen - Und dem muss gesagt werden, auf diese Leistungen deiner Selbstkasteiungen verzichtet Gott: Barmherzigkeit will er, nicht Opfer -.

Albert Keller SJ




Um frei zu sein, musst du dich entscheiden!

Menschliche Freiheit ist zunächst eine Fähigkeit, die zwar naturgegeben ist, die aber im Menschen heranreifen und sich in ihm entfalten muss. Das geschieht allerdings nicht gleichsam automatisch ohne menschliches Zutun; vielmehr muss der Mensch von seiner Freiheit Gebrauch machen. Eine Freiheit, die nie zur Verwirklichung käme, wäre eben nicht wirklich, nicht einmal wirkliche Fähigkeit. Es bliebe nicht nur zweifelhaft, ob sie überhaupt vorliegt, wenn sie nie eingesetzt würde. Einem Freiheit zuzusprechen, der nie frei handelt, wäre vielmehr ähnlich absurd, wie von jemandem zu behaupten, er sei sehr liebenswürdig, mache nur nie von seiner Liebenswürdigkeit Gebrauch.

Die Freiheitsfähigkeit wird also nicht nur beeinträchtigt, wenn sie längere Zeit nicht tätig wird, wie einem Sänger die Fähigkeit zu singen leidet, wenn er sie nicht ausübt. Vielmehr müsste Freiheit völlig absterben, wenn sie dauernd brachläge. Im Unterschied zu einer erworbenen Fähigkeit, zu deren Betätigung man sich eigens entschließen muss, tendiert bei einer Naturanlage nämlich die Entfaltung gleichsam von selbst über die Fähigkeit hinaus zu deren Betätigung; wenn sie also ohne äußere Behinderung dennoch nicht zur Tat käme, läge eine derartige Fähigkeit auch nicht vor.

Ich muss also nicht nur aus der vorhandenen Freiheit heraus meine Entscheidungen treffen, sondern aus den Entscheidungen wächst auch umgekehrt erst meine Freiheit. Dazu schreibt Leibniz: "Aber Vermögen ohne jegliche Betätigung, mit einem Worte: die bloßen Möglichkeiten der Schule sind gleichfalls nur Fiktionen, von denen die Natur nichts weiß und die man nur durch Abstraktionen erhält. Denn wo wird man jemals in der Welt ein Vermögen finden, das sich auf die bloße Möglichkeit beschränkt, ohne sich in irgendeiner Weise zu betätigen?" (G. W. Leibniz, Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand, übersetzt v. E. Cassirer, Hamburg 1971, 83f).

So ist Freiheit als Fähigkeit zugleich Disposition und Tendenz zur Tätigkeit, und zwar nicht zu einer bestimmten, sondern zum Tätigsein überhaupt; um so mehr bliebe sie ohne Tun bloße Fiktion. Kurz: Freiheit als bloße Fähigkeit, d. h. darauf eingeschränkt, hörte auf Freiheit zu sein.

Daher ist der Neigung zu widerstehen, Freiheit gleichsam zu schonen, die Hölderlins "Hyperion" ausrufen lässt: "O hätt' ich doch nie gehandelt! Um wie manche Hoffnung wär' ich reicher!" - In der Tat werden sonst Möglichkeiten ausgeschieden, gehen verloren, wenn man sich für eine unter ihnen entscheidet. Während der unbearbeitete Marmorblock noch tausende möglicher Statuen in sich schließt, schwindet diese Zahl in dem Maß, wie eine bestimmte Statue herausgemeißelt wird. Ähnlich kann der Mensch nicht alle seine Fähigkeiten gleichermaßen entwickeln; es kann sich einer etwa nicht zugleich zum Schwergewichtsringer und zum Jockey heranbilden. Daher könnte man versucht sein, sich dadurch alle Möglichkeiten offen zu halten, dass man sich auf keine festlegt. Und so könnte man auch meinen, die Freiheit dadurch zu bewahren, dass man sich nicht entscheidet. Doch der bewahrt die Freiheit nicht, sondern er ruiniert sie, der sie nicht im Entscheiden verwirklicht.

Albert Keller SJ




Psychische Freiheit

Unter psychischer Freiheit wird die Fähigkeit zur Entscheidung und Selbstbestimmung verstanden, die nicht von Trieben oder Ängsten dominiert wird, und zwar vorgängig zur Frage, wie sie sich im körperlichen Verhalten oder in gesellschaftlichen Beziehungen auswirkt. Auf psychischem Gebiet ist der Mensch frei, wenn er Zwängen nicht unterliegt.

Zwänge gibt es aber nicht nur in Form abnormaler Ängste oder Zwangsvorstellungen wie bei psychisch Kranken, die Platzangst oder Waschzwang plagt. Auch Süchte, wie Drogenabhängigkeit oder Alkoholismus, oder übermächtige Triebe, wie krankhafter Ehrgeiz oder Arbeitswut, gehören dazu.

Doch selbst normale Anhänglichkeit und Hinneigung bleiben nicht ohne Konsequenzen für die psychische Freiheit. Darauf verweist die Aussage J.G. Fichtes: "Wer sterben kann, wer kann den zwingen?" Äußerer Zwang braucht nämlich einen inneren Ansatzpunkt, damit er wirksam werden kann. Wer etwa durch die Drohung erpresst werden soll, man werde sein Haus anzünden, ist dadurch unberührt, falls er gar kein Haus besitzt oder bewohnt oder falls ihm an seinem Haus nichts liegt. "Wer sterben kann", soll heißen: Wer in der Lage ist, auf alles, selbst sein Leben, gelassen zu verzichten, der bietet für keine Erpressung eine Handhabe, der ist gegen Zwänge immun. Mit dieser Fichte´schen These stimmt die Behauptung überein, jede Angst sei Angst vor dem Tod, nämlich davor, etwas unwiederbringlich zu verlieren oder am Leben dauerhaft beeinträchtigt oder geschädigt zu werden. Der von solcher Angst Beherrschte kann sich nicht entscheiden, falls dies zum gefürchteten Verlust oder Schaden führte.

Daher scheint Freiheit auch Angstfreiheit zu fordern. Andererseits aber ist Angst lebensnotwendig. Wer blind wäre für die Gefahren, die ihm drohen, oder wem sie gleichgültig wären, der müßte bald darin umkommen. Deshalb hat sich wohl Angst in der Evolution herausgebildet, weil sie - ebenso wie der Schmerz - eine lebenssichernde Funktion hat. Eine angstfreie Maus wird bald von der Katze gefressen.

Nun ist aber Leben Vorbedingung für die Freiheit. Nur wer lebt, kann sich entscheiden und sich selbst bestimmen. Also ist Angst auch freiheitsdienlich. Die Lösung des Dilemmas zwischen freiheitshemmender und freiheitsfördernder Angst liegt darin, dass nicht das bloße Vorhandensein von Angst der Freiheit entgegensteht, sondern die nur gehindert oder gar verunmöglicht wird, wenn wir uns von der Angst bestimmen oder gänzlich beherrschen lassen. Zu fordern ist also nicht Freiheit von Angst, sondern Freiheit trotz Angst. Daher darf Angst nicht ignoriert oder verdrängt werden; vielmehr ist sie zu beachten, ohne ihr zum Schaden eigener Überlegung und Entscheidung die Herrschaft über unser Verhalten einzuräumen.

Ganz ähnlich verhält es sich mit der Rolle der Neigungen und Triebe. Ein Mensch, der nicht nur von Ängsten, sondern auch von Trieben frei wäre, ein völlig "Abgetöteter", würde durch diese "Abtötung" von Trieben und Ängsten auch antriebslos, gewönne also nicht eine besondere Fähigkeit zur freien Entscheidung, sondern würde entscheidungsschwach und so in seiner Freiheit behindert.

Albert Keller SJ




Gott -Vater oder Mutter?

Beim Propheten Jesaja. (66,12f) steht: "So spricht der Herr:... Wie eine Mutter ihren Sohn tröstet, so tröste ich euch." Und an einer anderen Jesajastelle heißt es: "Kann denn eine Frau ihr Kind vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde, ich vergesse dich nicht." (49,15) Sonst finden sich im Alten Testament kaum Aussagen, in denen Gott weibliche Züge zugesprochen bekommt; ebenso wenig übrigens im Neuen Testament. Verbreitet hingegen sind männliche Gottesbezeichnungen wie "Herr" oder "Vater".

Natürlich handelt es sich bei solchen Begriffen um Bilder. Gottesbilder aber sind unvermeidlich einseitig. Nach den Zehn Geboten ist es überhaupt untersagt, sich ein Gottesbild zu machen. Dass wir jedoch im Reden über Gott nicht ohne Bilder auskommen, wurde da nicht berücksichtigt. Allerdings wird aus dem Kontext ersichtlich, dass das Verbot Götterbilder betraf, vor denen man sich nicht "niederwerfen" dürfe. In diesem Sinn gilt das Gebot bis heute. Wir dürfen unsere Gottesbilder nicht an die Stelle Gottes rücken und sie gleichsam anbeten. Das ist die Gefahr in jedem dogmatischen Fanatismus, der nur sein Bild gelten lässt und sonst keines. Deshalb müsste man wenigstens fordern: Du musst über deine Bilder mit dir reden lassen. Wenn daher neuerdings von der feministischen Theologie der Vorschlag kommt, statt "Vater unser" "Mutter unser" zu beten, sollte man das mindestens als Aufforderung ernst nehmen: Kontrolliert einmal, was ihr tut, wenn ihr Gott nur Vater nennt! Darüber muss man nämlich mit sich reden lassen und sich bewusst machen: Das ist nur ein Bild. Und natürlich bleiben auch alle anderen Bilder weit hinter dem zurück, was Gott ist. Wenn ich nun "Vater" "Mutter" sage, wäre das nicht besser, wohl aber eine nicht unsinnige Ergänzung.

Zwar könnte man für die uns geläufigere Aussage "Gott ist Vater" ins Gefecht bringen, das sei nicht nur eine alte, ehrwürdige Tradition, sondern sie gehe auf Jesus selbst zurück, denn der nennt Gott "Vater" und gebietet uns zu beten "Vater unser". Also gelte es diese Tradition zu bewahren. Nur kann man gerade an diesem Beispiel gut dokumentieren, dass ich eine Tradition aufgebe, wenn ich nur ihren Wortlaut festhalten: Wenn wir sagen, Gott ist Vater, verstehen wir n i c h t, was Jesus, was das frühe Mittelalter, was alle Menschen vor der Neuzeit darunter verstanden haben. Wieso? Die meinten nämlich, der Vater sei der alleinige Lebensspender. Die Frau sei nur gleichsam der Acker. Das Wort für die männlichen Geschlechtszellen - Same - verrät es noch: der Mann sät, die Frau nimmt auf. Unfruchtbar war danach allein die Frau; dass der Grund auch beim Mann liegen könnte, sah man nicht. Von ihm ging das Leben aus, die Frau hatte es aufzunehmen und auszutragen, sie war Gefäß, aber sie trug nichts von sich zum Leben bei. Erst 1827 hat Karl Ernst von Baer nachgewiesen, dass auch der Mensch wie die lebendgebärenden Tiere sich aus befruchteten Eizellen der Frau entwickeln, so dass - gleichsam gleichberechtigt - männliche und weibliche Zellen zusammenkommen, wobei sogar das Ei wichtiger ist als der Same; und die Frau, die Mutter, gibt das Leben gewiss nicht weniger weiter als der Vater beiträgt. Das ist zu bedenken, um zu verstehen, was Jesus sagen wollte, wenn er Gott "Vater" nennt; ich muss da durchaus "Mutter" mit hinein hören, sonst verstehe ich nicht mehr richtig. Gott ist Vater und Mutter - man müsste sofort hinzufügen: und doch auch nichts von beiden. Wir nehmen unsere Bilder von unserem Vater und unserer Mutter und übertragen sie auf Gott; doch den treffen sie nicht, da er unendlich mehr ist. Dazu gibt es nun eine interessante Stelle im Epheserbrief (3,14f): "Daher beuge ich meine Knie vor dem Vater, von dem her jede Vaterschaft im Himmel und auf Erden den Namen hat". Da wird umgekehrt gelehrt, unser Vaterverständnis habe von Gott her den Namen. Und das würde ebenso von "Mutter" gelten.

Das lässt sich vom Kind her verstehen. Ein neugeborenes Kind ist völlig abhängig von den Eltern und muss ihnen in allem vertrauen. Es hat keine andere Wahl, als sein Leben auszuliefern und andererseits sich geborgen zu wissen. Wenn dieses Urvertrauen gestört wird, reagiert es fast verzweifelt. Es schreit Verlassenheit, es will Kontakt und braucht ihn. Aber jedes Kind wird irgendwann enttäuscht; kein menschliches Elternpaar kann ununterbrochen und restlos seine Erwartungen erfüllen. Und deshalb kann man sagen, was Vater, was Mutter meint in der Sehnsucht des Menschen, das ist allein in Gott verwirklicht. Ob wir ihn Vater oder Mutter nennen, wir müssen wissen, er ist weit, weit mehr als das und besser als das.

Albert Keller SJ




Fauler Friede

Bei Bert Brecht findet sich ein kurzes Gedicht mit dem Titel: "Die Maske des Bösen." Es lautet: "An meiner Wand hängt ein japanisches Holzwerk Maske eines bösen Dämons, bemalt mit Goldlack. Mitfühlend sehe ich Die geschwollenen Stirnadern, andeutend Wie anstrengend es ist, böse zu sein."

Und im "Seidenen Schuh" von Paul Claudel steht der Satz: "Das Böse allein ist in Wahrheit anstrengend." Prosaischer hat man festgestellt, dass für ein heiteres oder lächelndes Gesicht weit weniger Muskeln angespannt werden müssen als für eine finstere oder wütende Miene. Zweifelsohne ist auch das gesamte Leben angenehmer und bequemer, wenn man es nicht in Zank und Ärger oder Gehässigkeit verbringt. Will man sich nicht anstrengen, muss man also versuchen, Frieden zu halten und sich durch keine Bosheit oder Ungerechtigkeit aus der Ruhe bringen lassen.

Diese Haltung des unerschütterlichen Gleichmuts bildete in der griechisch-römischen Stoa ein Lebensideal, weshalb wir noch heute von "stoischer Gemütsruhe" reden. Weil hier jedoch in der Bequemlichkeit oder Faulheit der Grund für die angestrebte Friedlichkeit liegt, kann man ihr Produkt auch einen "faulen Frieden" nennen. Sein Manko besteht nicht vor allem in seiner Brüchigkeit, weil uns irgendwann doch der Geduldsfaden reißen könnte, wenn uns etwas zu sehr auf die Nerven geht. Sein größerer Fehler, der ihn ethisch unverantwortlich erscheinen lässt, liegt vielmehr darin, dass er uns auch dort zu Unterlassungen verführt, wo wir handeln müssten.

Wir sind vielerlei Misslichkeiten ausgesetzt, die nicht oder nur zum geringen Teil von Menschen verursacht werden. Unter den von uns selbst zu verantwortenden Übeln aber gibt es kaum eines, das so viel Unheil mit sich bringt wie Feindseligkeit zwischen Menschen. Bereits im Privaten können Streitereien das Leben nachhaltig vermiesen, und zwar beim Gehässigen nicht weniger als bei seinem Opfer, denn nicht immer sind beide Parteien gleich boshafte und unversöhnliche Streithähne. Noch verheerender - das Wort kommt von "Heer" - wirkt sich Feindschaft zwischen Gruppen oder Völkern aus. Die Gräuel der Kriege ziehen eine fürchterlich blutige Spur der Unmenschlichkeit durch die Menschheitsgeschichte.

Angesichts dessen kann es nicht wundernehmen, dass der Gegensatz zu Streit und Krieg, nämlich der Friede, als hohes Ideal für das Zusammenleben der Menschen gilt und dass man daher alles zu vermeiden sucht, was ihn gefährden könnte. Das könnte nun aber dazu führen, dass man auch Unmenschlichkeiten und Ungerechtigkeiten, gerade wenn andere darunter zu leiden haben, "um des lieben Friedens willen" tatenlos zusieht, zumal das auch weniger Mühe kostet, anstatt Widerstand zu leisten oder einzugreifen. Dann hätte man den "faulen Frieden", die Haltung eines Pilatus oder der Mitläufer in diktatorischen Systemen, die keineswegs als Ideal einer Gesellschaft gelten dürfte. Gewiss wird einer, der nicht den Dingen ihren Lauf lässt, die ihm unmenschlich scheinen, sich bei denen, die sie betreiben, Feinde schaffen. Aber er wird, wenn er sich am Christentum orientiert, nicht diese Feinde gehässig bekämpfen, sondern sein Angriff und seine Empörung wird sich auf das Unrecht konzentrieren, nicht auf die, die es verüben. Ob ihm das gelingen wird, mag er selbst bezweifeln; aber versuchen muss er es. Denn nur wer sich bemüht, das gewiss nicht leichte Gebot Christi zu befolgen: "Liebt eure Feinde, tut denen Gutes, die euch hassen." (Lk 6,27), kann einen Weg finden, der weg vom "faulen Frieden" zu dem echten engagierten Frieden führt, der in der Tat ein Leitziel jeder menschlichen Gesellschaft sein sollte.

Albert Keller SJ




DER WAHN DER HEIDEN

Wenn man zeitgenössische Bibelübersetzungen vergleicht, entdeckt man bisweilen Abweichungen im Text, meist geringfügig und manchmal doch überraschend. So lautet eine Stelle aus dem Epheserbrief in der gegenwärtigen Einheitsübersetzung: "Lebt nicht mehr wie die Heiden in ihrem nichtigen Denken" (Eph 4,17). Vorher, noch im neuen Schott von 1975, hieß die †bersetzung: "Lebt nicht wie die Heiden in ihrem Wahn". Man ist also in den letzten Jahren anscheinend den Heiden gegenüber schonungsvoller geworden. Man will sie nicht als "im Wahn " befangen erklären.

Diese Feinfühligkeit ist durchaus begrüßenswert; sie ist gut christlich. Menschen dürfen wir nämlich nicht richten. Aber das heißt nicht, dass wir nicht Ideologien und Meinungen beurteilen dürfen und müssen, sie auch als Wahn bezeichnen können, wenn sie es sind. Warum könnten Heidentum, Gottlosigkeit ein Wahn genannt werden? Was sind Kennzeichen für Wahn? Es gibt die Paranoia, die systematisierte Wahnidee, wo die Menschen sonst ganz logisch, vernünftig, klar geordnet denken. Bloß in einem Bereich, da haben sie ihre sogenannte "fixe Idee": Da fühlen sie sich z.B. von ihrer Umgebung verfolgt. Und sie deuten dann alles so, dass es zu dieser fixen Idee passt. Wenn z.B. die Nachbarin das Fenster putzt, meint der Wahnbesessene: "Die hat mich beim Fensterputzen angeschaut, weil sie mir beibringen will, dass sie die Fenster putzt und ich nicht; sie hält mich also für schmutzig" - So lässt der Wahn alles nur unter der Rücksicht sehen, dass es zu diesem System passt. Diese einseitige, beschränkte Aufnahme findet sich aber durchaus auch im "Heidentum", und keineswegs bloß bei ungebildeten Ungläubigen oder bei "Halbgebildeten", es sei denn, man rechnet dazu auch solche, die in ihrem Fach ganz gebildet sind, aber eben nur darin; ich würde sie lieber "Maulwurfsgebildete" nennen, weil sie sich tief in ihr Spezialisten-Loch hinein verbohren und bloß von diesem Ausschnitt aus die Welt sehen und nichts darüber hinaus wahrnehmen.

Da entdeckt man doch bisweilen auf religiösem Gebiet eine himmelschreiende Ignoranz, selbst wenn es sich um Akademiker handelt, um anerkannte Fachleute auf ihrem Gebiet. Nur wenn es um religiöse Themen geht, dann offenbaren sie nicht selten die Bildung von Analphabeten. Die aber wird abgesichert durch irgendwelche herausgegriffene einseitige Lektüre. Da besteht die ganze Kirchengeschichte nur aus Hexenverfolgung, Ablassstreit, dem Fall Galilei. Mehr wissen sie nicht von der Kirche und wollen es auch nicht wissen. Genau das ist aber wahnhaft: Man nimmt nicht die ganze Wirklichkeit zur Kenntnis, sondern nur das, was einem passt; alles andere wird ignoriert oder verdrängt.

Allerdings muss man sofort zugestehen, dass es diese Art Wahn auch unter Christen gibt. Dann wird deutlich, dass wir die Menschen gar nicht ohne weiteres in Gläubige und Ungläubige, Christen und Heiden einteilen dürfen, sondern nur darauf aufmerksam werden sollen, dass sich in jedem von uns Glaube und Heidentum finden. Es gibt nämlich auch unter Christen Borniertheit in frommem Gewand, die etwa Vernunft ausschalten möchte, um sich bloß noch von Emotion und Gefühl leiten zu lassen, bis hin zur wahnähnlichen Sicht, die einseitig nur das zur Kenntnis nimmt, was in den eigenen Kram passt. Auch da wird also vielerlei ignoriert oder verdrängt, vielleicht noch mit der Ausrede gerechtfertigt, man dürfe das nicht in Betracht ziehen, was dem Glauben, und das heißt dann den eigenen überkommenen Ansichten darüber, gefährlich werden könnte. Aber das entspricht gerade nicht dem echten Christentum, das Offenheit, Freimut und vernünftige Rechenschaft im Glauben fordert. Eben deshalb ergeht ja die Mahnung an uns, wir sollten uns vor wahnhaftern Leben hüten, vor Fanatismus und Borniertheit, weil wir sonst Heiden wären, wie sehr wir uns auch für Christen hielten.

Albert Keller SJ




Fragwürdige Religion

Für die Attentäter von New York wie für ihre Sympathisanten weltweit spielt ihre religiöse Gesinnung eine entscheidende Rolle. Würde dies ignoriert oder kleingeredet, müssten alle Gegenreaktionen fehlgehen. Freilich darf man dabei nicht übersehen, dass der Begriff "Religion" vieldeutig und vielschichtig ist. Er kann etwa ganz allgemein die Beziehung des Menschen zu etwas Unbedingtem bezeichnen, das er als Absolutes anerkennt und verehrt. Weil dies aber weder zwangsläufig Gott sein noch als Gott erkannt werden muss, kann es in diesem weiten Sinn auch pantheistische oder sogar atheistische Religionen geben. Dies gilt auch, wenn man wie in der neueren Religionswissenschaft Religion als Verhältnis des Menschen zum Heiligen bestimmt, um etwa etliche Formen des Buddhismus ohne ausgeprägten Gottesglauben als Religion verstehen zu können. Schließlich wurden auch im Nationalsozialismus das Vaterland oder die Fahne "heilig" genannt, und im Grenzkonflikt mit China am Ussuri sprach man im kommunistischen Moskau von den "heiligen Grenzen" der Sowjetunion.

Das Heilige benennt dann den Bereich der unangreifbar höchsten Werte, der allem Profanen, das wörtlich vor dem "fanum", dem geheiligten Bezirk liegt, übergeordnet und davon abgesondert wird. Orte, Zeiten, Lehren, Handlungen oder Menschen, die als heilig gelten, sind damit menschlichem Urteil und Zugriff entzogen, sind Tabu. In auf Gott bezogenen Religionen ist das Heilige entsprechend das für Gott aussschließlich in Beschlag Genommene, für ihn Ausgesonderte. Für den derart religiösen Menschen teilt sich demnach Wirklichkeit in Heiliges und Profanes; dabei wird das Heilige allem anderen, dem "Weltlichen", nicht nur vorgeordnet, sondern es besitzt eine ganz einzigartige Qualität, die profanen Maßstäben unzugänglich ist, die aber ihrerseits alles Weltliche zu bestimmen vermag.

Eben darin gründet ein erster wichtiger Vorbehalt, dem zumindest diese Art Religion fragwürdig scheint. Verantwortlich kann der Mensch nämlich nur handeln, wenn er seine Entscheidung vernünftig überprüft. Überzeugungen ungeprüft zu übernehmen, wäre demnach verantwortungslos. Unter dem Stichwort "neue Religiosität" verbirgt sich jedoch nicht selten eine Haltung, die sich vernünftiger Überprüfung entzieht, indem sie sich auf Mythen oder auf Esoterik beruft und alle Rationalität verdächtigt. Auf deren Grenzen hinzuweisen, bleibt indes ein legitimes Anliegen.

Noch unannehmbarer aber ist ein eher praktischer Auswuchs von Religiosität, wie er sich bei den Attentätern zeigt. Weil die heiligen Bezirke und Werte, das "fanum", unbedingte Geltung beanspruchen, werden ihre Vorkämpfer fast zwangsläufig zu "Fanatikern", denen eben sonst nichts heilig ist als ihre eigenen religiösen Werte und die keine andere Auffassung als ihre eigene "Wahrheit" zulassen. Selbst hier könnte jedoch noch eine kritische Aufgabe durchscheinen, nämlich aufzuzeigen, dass eine völlig standpunktlose, alles gleichermaßen "tolerierende" Haltung zuletzt nicht einmal der Intoleranz entschieden entgegentreten kann, so dass dieser Indifferentismus diese Flucht ins Unverbindliche, dem Fanatismus in die Hände spielt.

Falls man jedoch die Position, die das Heilige dem Weltlichen gegenüberstllt, es der vernünftigen Kritik entzieht und es fanatisch durchzusetzen versucht, für ein unaufgebbares Merkmal der Religion hielte, müßte man sich wohl der Auffassung Karl Barths anschließen, nach der recht verstandenes Christentum selbst nicht als Religion zu fassen ist. Ihm ist nämlich kein herausgehobener Bezirk, sondern die ganze Welt und insbesondere jeder Mensch heilig; ihm verbietet sich andererseits der Fanatismus, weil kein innerweltlicher Wert, sondern allein der alle Welt übersteigende Gott absolut ist. Der aber findet seinen ausgezeichneten Bezugspunkt im Menschen, denn er ist selbst Mensch geworden und hat sich sodann mit allen Menschen, mit dem "geringsten seiner Brüder" solidarisch erklärt. Daher kann ihm auch nichts Religiöses als dem Menschen in dieser Welt vorgeordnet gelten. Zwar bedarf der Mensch der Religion; aber sie ist seinetwegen, nicht er ihretwegen da. So kristallisiert sich christliche Religionskritik in dem Satz Jesu: "Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat." (Mk 2,27)

Albert Keller SJ




Die Wiederkunft Christi

Advent heißt Ankunft. Er soll uns an das dreifache Kommen Christi in diese Welt erinnern, nämlich zuerst bei seiner Geburt vor zweitausend Jahren, dann im gegenwärtigen Leben jedes Christen, schließlich seine Wiederkunft am Ende der Zeiten. An diese Wiederkunft erinnern Evangelientexte, die jedes Jahr am Ende des Kirchenjahres und zum Anfang des neuen verlesen werden, und wir beten in jeder Heiligen Messe: "Deinen Tod o Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit." Aber spielt er wirklich eine Rolle in unserem Glauben, der "Jüngste Tag"? Irgendwann, an einem Nimmerleinstag, wird so etwas einbrechen; aber niemand rechnet ernsthaft, dass er dabei wäre. Daher fragt sich, was soll das in unserem Glauben? Was mich nichts angeht, was mein Leben nicht trifft, berührt, ändert, ist kein Glaubensgegenstand, ist eine merkwürdige Kuriosität, eine Spekulation. Überdies verkünden das auf ihre Weise die Naturwissenschaften auch, dass die Welt ein Ende haben wird. Jedenfalls die Welt, wie wir sie so verstehen, unsere Erde, unser Planetensystem, das, worüber wir uns aufregen, wenn wir von Weltzerstörung reden - das gesamte Universum ist noch einmal eine ganz andere Sache - aber unser Planetensystem, dem gibt man maximal fünf Milliarden Jahre; das weiß die Astronomie, dass es dann ein Ende haben wird. Sehr wahrscheinlich wird längst vorher die Menschheit schon ausgestorben sein. Das könnte man also auch der Naturwissenschaft entnehmen - könnte man, aber tut man´s auch? Das ist gerade der Unterschied von "glauben" im Sinn von wissenschaftlichen Hypothesen, von "wissen" also, und christlichem Glauben. Christlich glauben heißt etwas annehmen, was mein Leben ändert. Wenn es darauf keinen Einfluss hat, mag es wahr sein oder nicht, ist es nicht Gegenstand christlichen Glaubens. Ob es Millionen Engel gibt oder weniger oder gar keine: Sie glauben es nur, wenn Sie angeben können, dass es Ihr Leben betrifft und ändert, sonst ist es müßige Spekulation.

Glauben wir an das Weltende und in dem Sinn, dass es unser Leben betrifft? Das kann ich nur - und das ist dann auch das, was im Grunde im Evangelium gesagt werden soll - wenn ich es als eine Aussage über das jetzige Leben und die jetzige Welt verstehe und nicht als einen Verweis auf den Tag X irgendwann im Kalender.

Der Tag Christi, der Tag des Herrn - wenn er wiederkommt - ist überhaupt kein Tag des Kalenders, den wir haben. Der meint eine andere Wirklichkeit und zwar eine, die jetzt schon da ist. Welche denn? Nun es meint, dass diese Welt nichts Endgültiges bietet, dass alles, was innerhalb dieser Welt geschieht und in ihr aufgeht, vergänglich ist. Und zwar letzten Endes so vergänglich, als ob es gar nicht gewesen wäre, innerhalb dieser Welt. Und das ist ein wichtiger Glaubenssatz, der trifft mein Leben. Denn wie viel Eifer, wie viel Einsatz, wie viel Fanatismus tritt dort auf, wo man meint, man müsse um alles diese Welt retten und bessern. Das ist eine verbreitete Weltanschauung: "Die Natur ist heilig." Kein Stäubchen wird davon übrig bleiben, wie wir es kennen. Für nichts lebten die Leute, die das allein zum Inhalt ihres Lebens machen würden. Und wenn es nicht um so große Ideologien geht, wie "rette die Natur", wenn es bloß um Kleines geht: Rette deine Firma, deine Gesundheit. Ist es das, wofür du lebst? Dann lebst du für Vergängliches, letzten Endes - letzten Endes! - für nichts und wieder nichts.

"Bis du kommst in Herrlichkeit" verweist uns nicht auf den Jüngsten Tag, sondern auf unseren Tod, an dem für uns die Welt untergeht; nicht irgendwann im Dritten oder Zehnten oder Fünfzehnten Jahrtausend, sondern in den nächsten zehn, zwanzig, dreißig Jahren, vielleicht im nächsten Monat, trifft es jeden von uns, dem Herrn entgegenzugehen mit all seinen Heiligen in der Herrlichkeit. Das gilt es in unser Leben einzubauen, nicht als Endpunkt, sondern in der Frage: Woraufhin lohnt es sich zu leben? Und da können wir als Christen antworten: Es ist nicht alles vergänglich. Der Mensch vergeht nicht mit der Welt, und alles, was er an Güte, an Opferbereitschaft, an Einsatz für den Mitmenschen bringt, vergeht nicht am Ende, sondern bleibt für diese Begegnung mit Christus, bleibt in der Ewigkeit. In dieser Zeit, in jeder Minute, entscheidet sich daher Endgültiges. Daher mahnt das Neue Testament: "Kauft die Zeit aus." Sie ist dir gegeben als Kaufpreis, kauf dir was dafür! Und zwar etwas, das bleibt und letztgültig zählt. Diese Währung hat der überhaupt nicht anzubieten, der nur für diese Welt lebt und in ihr aufgeht; er hat nur inflationäres, wertloses Papiergeld in den Händen, von dem nichts bleibt.

Daher sollten wir uns stets fragen: Lebe ich so, dass es sich zuletzt lohnt? Bestimmt diese Frage unser Leben, so dürfen wir hoffen - der Advent erinnert an diese Hoffnung - dass es dem Licht entgegengeht mit jeder neuen Kerze, dem Licht der Begegnung mit Christus, wenn er uns entgegentritt in seiner Herrlichkeit.

Albert Keller SJ






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