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Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands e.V.

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Texte von P. Albert Keller SJ
aus dem Jahr 2000

Das Neue Jahr

Der Tag der Geburt Christi war unseren Vorvätern so wichtig, dass sie von ihm her unsere gesamte Zeitrechnung einteilten in die Jahre vor Christi Geburt und die danach. Allerdings hat man sich wohl ein wenig verrechnet, als man Anfang des 6. Jahrhunderts den Zeitpunkt dieser Geburt festlegte, denn vermutlich wurde Jesus Christus schon einige Jahre vor der Zeitwende geboren. Dennoch bestimmt das damals angenommene Datum der Geburt Christi heute ziemlich weltweit unsere Jahreszahlen und begründet, dass wir jetzt das Jahr 2000 begonnen haben. Das könnte Anlass sein, auf diese vergangenen zwei Jahrtausende christlicher Zeit zurückzublicken. Da drängt sich nun keinesfalls der Eindruck auf, mit Jesus sei eine neue und bessere Zeit angebrochen. Es gab Gräuel vor ihm, und es gibt ebenso Gräuel in all den Zeiten danach. Wir brauchen nur an unser Jahrhundert zu denken, an die Brutalität des Nationalsozialismus oder des Stalinismus, an Kriege, an Armut, an Hungergebiete, an Verbrechen und Menschenverachtung. Die Welt scheint in der christlichen Ära keineswegs derart besser geworden, dass nun überall Frieden und Menschenfreundlichkeit herrschten.

Das aber hat Jesus auch nicht verheißen. Er prophezeit vielmehr Hunger, Verfolgung, Schwert und kündigt an: "Sie werden euch Gewalt antun und euch verfolgen"; "ja es kommt die Stunde, in der alle, die euch töten, meinen, Gott einen heiligen Dienst zu erweisen." Die Geschichte bestätigt also nur, was er vorhergesagt hat. Er ist nicht gekommen, um eine Zeit der Behaglichkeit und des Wohlstands heraufzuführen. Er hat auch nicht eine Gesellschaft aus lauter vollkommenen, heiligmäßigen und moralisch einwandfreien Menschen in Aussicht gestellt. Vielmehr sagt er von sich, er sei gekommen, die Sünder zu berufen, und mit Sünder meint er nicht in erster Linie schwache, sondern vor allem gemeine, böse, gewissenlose und hartherzige Menschen. Die beruft er, nicht indem er sie zwingt und unterjocht, sondern indem er ihnen nachläuft und sich ihrer erbarmt. Das ist ein Ärgernis für viele, mögen sie sich für fromm oder für aufgeklärt halten. Wir meinen nämlich, wenn Gott in dieser Welt etwas zurechtrücken müsste - und es gibt gewiss ganz vieles, was nicht in Ordnung ist - dann müsse er doch, gemäß der Erwartung der Propheten, hereinbrechen, dreinschlagen wie der Drescher auf der Tenne und die Bösen vernichten, wie man Unkraut ausrottet. Jesus aber schlägt nicht drein und stößt niemanden von sich. Vielmehr lädt er alle ein in das Reich Gottes, das er verkündet.

Wenn dieses Reich aber nicht in einer behaglicheren Welt und goldenen Zeiten besteht, die mit Jesus anbrechen, wenn es nicht einmal die moralisch bessere und gerechtere Gesellschaft auf die Erde bringt, wo ist es dann zu suchen? Es ist nicht von dieser Welt, wie Jesus sagt, aber es ist bereits in dieser Welt; also nicht erst in Zukunft, etwa im nächsten Jahrtausend, gewiss nicht erst nach dem Ende der Welt zu erwarten. Denn mit Jesus bricht dieses Reich Gottes an: "es ist mitten unter euch!", sagt er. Wer dieses Reich, diese Herrschaft Gottes entdecken möchte, der muss freilich umdenken. Ganz gegen unsere Erwartung herrscht Gott nämlich in Jesus Christus dadurch, dass der den Menschen dient mit seinem ganzen Leben bis hin zu seiner Kreuzigung. Die Macht Gottes, seine Herrschaft, ist keine Gewaltausübung, sondern sie ist dienende Liebe. Am Kreuz also, wo er sein Leben hingibt aus Liebe bis zum letzten Blutstropfen, da ist das Wort Jesu erfüllt, seine Zeitgenossen würden noch zu Lebzeiten sehen, dass das Reich Gottes in Macht gekommen ist. Zwar scheint er am Kreuz völlig machtlos; und doch herrscht da die selbst vom Tod nicht zu bezwingende Macht der Liebe.

Denn wahre Macht - auch Macht in dieser Welt - liegt nicht da vor, wo Zwang und Gewalt, geistige oder körperliche, herrschen. Wahre Macht über die Herzen entsteht nur, wo geliebt wird. Das ist die Macht des Reiches Gottes, die Macht des guten Willens. Und von der ist verheißen, dass sie kein Ende haben wird. Sie wird also auch in diesem Jahr und Jahrhundert weltweit am Werk sein. Wir müssen ihr nur Raum geben.

Albert Keller SJ







Unterscheidung der Geister

Die Lehre von der Unterscheidung der Geister in der christlichen Spirutalität würde missverstanden, wenn man in ihr eine Anleitung zum Aufspüren und Auseinandersortieren von guten und bösen Geistern, also von Engeln und Teufeln oder Dämonen, sähe. So gibt es in den Exerzitien des hl. Ignatius von Loyola Anweisungen, die als "Regeln zur Unterscheidung der Geister" bekannt sind. So werden sie in seinem Exerzitienbuch aber gar nicht genannt; vielmehr stehen sie dort unter dem Titel: "Regeln, um auf irgendeine Weise die verschiedenen Bewegungen zu verspüren und zu erkennen, die in der Seele verursacht werden: die guten, um sie aufzunehmen, die schlechten, um sie zu verwerfen." Ignatius nennt eine Fülle solcher Bewegungen, nämlich Bilder sinnlicher Genüsse und Lüste, Gewissensbisse durch die innere Stimme der Vernunft; Gewissenangst, traurige Stimmung und Beunruhigung, aber auch Mut und innere Freude und Ruhe; weiter Einsprechungen, Versuchungen und Gedanken, die aus solchen Stimmungen entstehen. Denen sollen wir uns nicht unbedacht überlassen, sondern wir sollen sie uns zunächst bewusst machen, um sie dann zu sichten, also eben Gutes und Schlechtes daran zu unterscheiden.

Das stellt die Lehre von der Unterscheidung der Geister in den großen Rahmen des verantwortlichen Lebens vor Gott, das von uns verlangt, über unsere Wünsche, Vorhaben und Entscheidungen selbstkritisch prüfend Rechenschaft abzulegen. Dieser Rahmen ist bereits durch das Gotteswort aus dem Deuteronomium markant abgesteckt: "Vorgelegt habe ich dir Leben und Tod, Segen und Fluch. So wähle denn das Leben!" (Dtn 30,19). Für eine solche Wahl ist Unterscheidungsfähigkeit gefordert. Die aber kann sich nicht auf die Beurteilung äußerer Einflüsse, also von Personen und Lehren, Lebensumständen und Ereignissen beschränken, sondern muss vor allem die inneren Regungen in uns prüfen, die "geistige Atmosphäre", in der wir uns befinden. Diesen Geist in uns also gilt es nach gut und böse zu unterscheiden. Somit enthält die Lehre von der Geistesunterscheidung, wie man vielleicht besser sagen sollte, eine für das christliche Leben so grundsätzliche Forderung, dass es nicht erstaunt, bereits im Neuen Testament entsprechende Mahnungen zu finden. So heißt es im ersten Johannesbrief: "Liebe Brüder, traut nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind" (1 Joh 4,1). Und im ersten Korintherbrief ist ausdrücklich von der "Fähigkeit, die Geister zu unterscheiden", die Rede (1 Kor 12,10).

Heute, wo wir auch auf dem Gebiet des Glaubens und des christlichen Lebens einer Vielfalt von Verhaltensangeboten und Meinungen, von Privatoffenbarungen und frommen Ratschlägen ausgesetzt sind, ist dieses Problem, Geistesbewegungen zu unterscheiden, gewiss nicht weniger dringlich als zu urchristlichen Zeiten. Man könnte nun meinen, um festzustellen, "wes Geistes Kind" die eigenen Gedanken und inneren Anmutungen seien, dazu bedürfe es keiner besonderen Fähigkeit oder Regeln. Es genüge doch festzustellen, dass diese Vermutungen vernünftig, also zumindest nicht widersinnig sind und dem Geist Christi entsprechen, wie er sich im genuinen Glauben der Kirche zeigt. Gemäß dem Spruch Jesu: "An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen" wäre dann nur darauf zu achten, ob die Taten und Haltungen, zu denen diese Bewegungen der Seele anregen, mit dem Grundgebot der Gottes- und Nächstenliebe übereinstimmen. In der Tat ließen sich nicht wenige Eingebungen und Wünsche bereits mit diesen Kriterien als schlecht verwerfen. Aber zumindest ein Merkmal nennt der erste Korintherbrief noch, das bei dieser "Unterscheidung der Geister" leicht übersehen wird. Da heißt es nämlich: "Jedem wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt" (12.7). Nicht also ob etwas meiner eigenen Erbauung dient, dürfte letztentscheidend sein, sondern ob es meinen Mitmenschen, den einzelnen wie der Gemeinschaft, zugute kommt.

Albert Keller SJ




Seligpreisungen

Vom Wertewandel reden heute einige bedauernd und skeptisch, andere leise triumphierend, dass da alte Werte verschwinden und abgeschafft werden. Was sind Werte? Kurz gesagt, das, was wir schätzen. Nicht nur einen Wandel, eine Umwertung aller Werte hat bereits vor etwa hundert Jahren Friedrich Nietzsche mehr verkündet als gefordert. Das Evangelium legt nun eine Umwertung aller Werte vor, gegen die Nietzsches Vorschlag harmlose Plauderei scheint.

Hätten wir etwa die Macht, die Welt einzurichten nach unseren Werten, wie sähe diese Welt aus? "Keine Armut!" würde man fordern, "Weg mit dem Hunger!", ja weg mit dem Leid überhaupt und weg mit aller Ausbeutung, Unterdrückung und Verfolgung. Nicht oberflächliche Werte eines Genießers, eines seichten Egoisten wären das, sondern unsere Werte für den Entwurf einer besseren Welt.

Dann kommt da ein Zimmermannssohn aus Nazareth und sagt: "Selig, die arm sind. Selig, die hungern. Selig, die weinen. Und selig, die verfolgt, verschmäht, ausgestoßen, unterdrückt werden". Das unterstreicht er nach Lukas noch mit Weherufen: "Wehe den Reichen, wehe den Satten, wehe den leidfrei Lachenden, wehe den allseite Umschmeichelten! Der Widerstand gegen eine solche Botschaft muß nicht Behaglichkeit und Bequemlichkeit und sicherem Leben entspringen, sondern er kann auch aus Sorge für den Mitmenschen erwachsen: Sollten wir denn nichts tun gegen die Armut und gegen den Hunger und gegen die Unterdrückung und gegen das Leid? Man muss die Heilige Schrift genau lesen. Bei Lukas werden die Jünger angesprochen: "Selig seid ihr Armen. Selig seid ihr, die hungert. Selig seid ihr, die weint." Es wird also damit nicht eine Welt gutgeheißen, in der Hunger herrscht, sondern der Einzelne wird angesprochen: Kümmere dich um den Hunger der anderen. Den schaffe ab! Aber wenn du hungerst, dann sieh darin nicht das entscheidende Unglück! Aber ist das nicht schizophren: Wenn Hunger bei den anderen schlecht ist, warum soll er dann bei mir gut sein?

Die Antwort ergibt sich aus der Frage: Was sind unsere Werte? Das verraten so saloppe Ausdrücke wie "Hauptsache gesund". Was ist die Hauptsache? Ist es Hauptsache, Wert schlechthin, reich zu sein, satt zu sein und fröhlich und anerkannt? Oder gibt es andere Werte? Werte, die dieses alles nicht aufheben, aber in Frage stellen und als vorläufig zeigen. Das Evangelium will nachdrücklich lehren: Es sind ganz andere Werte entscheidend als Sattheit, Reichtum und Behagen.

Aber wird damit nicht der Vorwurf gegen die Kirche begründet, sie vertröste auf das Jenseits? "Wenn es euch hier schlecht geht, macht es ja gar nichts. Der Lohn im Himmel wird groß sein." Es geht nicht ums Jenseits. Es geht um die Werte hier! Wer ist hier erbärmlich? Das "wehe" ist keine Androhung von späterer Strafe, sondern es ist eine Aufdeckung menschlicher Öde und Wüstenei jetzt. Wehe du Satter, wehe du Reicher, wehe du Fröhlicher! Wenn das alles für dich ist, wodurch unterscheidest du dich von den so genannten glücklichen Kühen? Die sind auch satt und behaglich. Ist das der Sinn deines Lebens?

Die Seligpreisungen wollen eines herausstellen: Nur der Mensch ist selig, der die Menschen liebt wie sich selbst und Gott aus ganzem Herzen. Daneben sind alle anderen Werte gleichgültig. Im Vergleich damit zählt keine Sattheit und kein Reichtum, keine Heiterkeit und kein Erfolg! Aber liegt nicht auch darin eine sträfliche Verharmlosung, die reich und arm, Fröhlichkeit und Trauer, ja Unrecht leiden und sein Recht bekommen gleichstellt? Die Botschaft der Bergpredigt ist härter: Sie stellt diese Werte nicht gleich, sondern zieht das vor, was zunächst als Unwert scheint, jedenfalls in den Augen der Welt. Wem deren Werte die höchsten sind, der hat in ihr die besseren Chancen. Einer, dem alles aufs Geld ankommt, der wird mehr Geld haben. Einer, dem es vor allem darum geht, Sättigung zu erreichen, wird wohl eher satt als einer, der sich weniger darum kümmert. Der Erfolg in der Welt wird also vermutlich bei denen mehr sein, die diese Werte als ihre höchsten hinstellen.

Insofern ist das Christentum kein Garant für das Erreichen innerweltlicher Ziele. Im Gegenteil, es warnt: "Ihr müsst damit rechnen, dass ihr benachteiligt seid, wenn euch nichts über die Nächsten- und Gottesliebe geht." Jesus verhehlt nicht, dass die, die ihm nachfolgen wollen, ihr Kreuz zu tragen haben. Und doch bleiben die Seligpreisungen eine frohe Botschaft, die sagt: Auch wenn ihr arm und hungernd wäret und trauernd und missachtet, ihr seid die Seligen, und nicht die anderen, die da im Wohlstand protzen. Ihr habt die wahre Wertordnung erkannt, ihr, meine Jünger, die Benachteiligten in dieser Welt. Das ist eine Umwertung der Werte, nämlich Umstülpung unseres Herzens. Es ist die Aufforderung und die Verheißung: Du bist nur selig, wenn du so lebst, dass alle diese irdischen Werte nicht den Sinn deines Lebens ausmachen. Selig die, die Gott lieben über alles, lautet somit die Kurzfassung der Seligpreisungen.

Albert Keller SJ




ÜBER DEN TOD HINAUS

Der Mensch ist in seinem Verhalten unleugbar und unvermeidlich weithin durch das bestimmt, was er sich von der Zukunft erwartet oder was er für sie plant. Aus dieser Sicht könnte man den Menschen geradezu definieren als das Lebewesen, das durch seine bewusste Einstellung zur Zukunft geprägt wird. Wenn der Mensch sich nicht vorausschauend und planend um die Zukunft bemüht, kann er nicht überleben.

Diese Zukunft liegt aber nicht völlig in seiner Hand. Was er sich von ihr wünscht, ohne es durch sein Rechnen und Planen und Vorsorgen garantieren zu können, das erhofft er sich, und dieses Hoffen kennzeichnet den Menschen. Seine Vergangenheit, die aller ihm vorausgegangenen Geschlechter und seine eigene, haben ihn hergestellt; die Gegenwart fordert ihn heraus. Aber allein, was er sich für die Zukunft erhofft, das bestimmt zuletzt, was er wirklich ist, worauf er nämlich hinarbeitet und hinlebt und was dadurch aus dieser umrissenen Vergangenheit und der begrenzten Gegenwart heraus entsteht, jetzt entsteht, in ihm entsteht. Diese Hoffnung, die unser Wirken lenkt, ist also mehr ein Träumen, was sein könnte, mehr als ein zurückgelehntes Erwarten dessen, was da wohl eintreten wird. Dieses Hoffen heißt sich mit der ganzen Vernunft und Leidenschaft und Freiheit auf etwas noch Ausstehendes ausrichten und darauf hinbemühen, heißt bewusst auf ein Ziel hin leben, das freilich nicht völlig in unserer Hand liegt.

Dieses Ziel, auf das wir hinleben, unterscheidet sich von dem Ende, zu dem hin das Leben abläuft. Das ist nämlich der Tod. Und dem strebt kaum jemand entgegen. Auch wer glaubt, mit dem Tod sei alles aus, wird fast nie den Tod als das Ziel seines Lebens und Handelns ansetzen; sonst müsste er sich nämlich für Mord und Selbstmord entscheiden, weil sie zweifellos diesem Zweck entsprechen, nämlich den angezielten Tod herbeiführen. Glücklicherweise zeigt das Verhalten der weitaus meisten Menschen, dass sie den Tod zwar als Lebensende hinnehmen müssen, dass sie ihn aber keineswegs als Ziel ihres Lebens akzeptieren. So bleiben die Gedanken über die Zukunft, falls sie den Tod überhaupt bedenken, doch nicht bei ihm stehen. Vielmehr fragen sie darüber hinaus, etwa nach dem, was dann kommt. Wer für sich annähme, mit dem Tod ende sein Leben völlig, setzt sein Ziel notgedrungen in der weiterexistierenden Welt an, meist ohne zu bedenken, dass einmal auch die endet und dass jedenfalls für ihn "alles aus" ist, die Welt also in seinem Tod untergeht.

Weil man sein Leben kaum auf schieres Ende und Untergang auszurichten vermag (und das tatsächliche Verhalten weitaus der meisten Menschen wie angedeutet zeigt, dass sie dies auch nicht tun), muß man davon ausgehen, dass sie praktisch ein Leben über den Tod hinaus annehmen. Es mag sein, dass sie sich daraufbeschränken, sich über den Fortgang der Welt nach ihrem Sterben Gedanken zu machen. Aber nach allen Erkenntnissen heutiger Wissenschaft wird auch unsere Welt als ganze schließlich zu Grunde gehen, also ihren Tod erfahren. Wer das in Rechnung stellt, kann sich daher nicht mit dem Blick auf die zukünftige Welt über seinen eigenen Tod hinwegtrösten. Auf etwas hin, was schließlich völlig vergeht, läßt sich kein Leben ausrichten. Das ist daher auch nicht das Ziel, auf das hin die Menschen leben können, selbst wenn viele das theoretisch bestreiten oder sich dessen zumindest nicht bewusst sind; sonst müßten sie nämlich all ihr Tun als letzten Endes unsinnig ansetzen, da es im wahrsten Sinne "zu nichts führt".

Albert Keller SJ




Der Christ von morgen ein ,Mystiker'?

Einer der in jüngster Zeit häufig erwähnten theologischen Sätze von Karl Rahner lautet: "Der Fromme von morgen wird ein ,Mystiker' sein… oder er wird nicht mehr sein." Er wird oft auch in der Fassung zitiert: "Der Christ von morgen wird ein ,Mystiker' sein, oder er wird - nicht mehr sein…" Dabei darf in vielen Fällen bezweifelt werden, ob die Aussage so verstanden wird, wie Rahner sie gemeint hat. Allgemeinverständlichkeit ist leider ohnehin kein Prädikat, das sich bei der Lektüre der meisten theologischen Ausführungen Rahners aufdrängt. Er verspürt dieses Defizit selbst, als er in München die Nachfolge Guardinis antrat und dann leicht bekümmert anmerkte: "Meine Vorlesungen gelten als schwer." Mag er Guradini auch an theologischer Denkkraft und Tiefgründigkeit und Kühnheit einiges vorausgehabt haben, an sprachlicher Eingängigkeit und Eleganz war ihm der gewiss überlegen. Rahner verwandte jedenfalls anscheinend nicht sehr viel Zeit und Sorgfalt darauf, seine Gedankengänge auf die Fassungskraft seiner Hörer und Leser einzustellen. Vielleicht zeigt sich darin noch ein Einfluss Heideggers, der sich eine philosophische Sprache zulegte, die den üblichen Sprachgebrauch noch viel weitergehend ignorierte, also in diesem Sinne "asozial" war.

Eine derartige Einstellung bürdet die Last des Verständnisses denen auf, an die sich die Aussagen wenden; damit führt sie zwangsläufig zu Missverständnissen. Dass die auch dem angeführten Satz über die künftigen Christen als Mystiker drohen, hat Rahner wohl selbst gemerkt, da er ihm sogleich Erläuterungen hinzufügt. Der Satz begegnet zum ersten Mal in dem Aufsatz "Frömmigkeit früher und heute" (Schriften VII, 11-31) und lautet im Kontext: "Nur um deutlich zu machen, was gemeint ist, und im Wissen um die Belastung des Begriffs ,Mystik' (der recht verstanden, kein Gegensatz zu einem Glauben im Heiligen Pneuma ist, sondern dasselbe) könnte man sagen: der Fromme von morgen wird ein ,Mystiker' sein, einer, der etwas ,erfahren' hat, oder er wird nicht mehr sein, weil die Frömmigkeit von morgen nicht mehr durch die im Voraus zu einer personalen Erfahrung und Entscheidung einstimmige, selbstverständliche öffentliche Überzeugung und religiöse Sitte aller mitgetragen wird, die bisher übliche religiöse Erziehung also nur noch eine sehr sekundäre Dressur für das religiös Institutionelle sein kann."

In dem, was Rahner die Belastung des Begriffs ,Mystik' nennt, liegt die Gefahr des Missverständnisses dieses Satzes vor allem begründet. Der Duden etwa erläutert "mystisch" kurz mit "geheimnisvoll, dunkel", und im Herderlexikon wird festgestellt, Mystik sei "oft begleitet v. psycholog. seltsamen Phänomenen" wie Ekstase oder Stigmatistion. Da diese Bedeutung beim Wort "Mystik" meist im Vordergrund steht, wird unter Mystiker bestenfalls ein dem Alltag enthobener und in Gott Versunkener verstanden, der dadurch womöglich als normalen und nicht derart "begnadeten" Mitmenschen überlegen gilt, wenn er nicht gar als weltfremder Sonderling angesehen wird, der seinen frommen Schrullen nachhängt und für alltägliche Pflichten und eine effiziente Weltgestaltung kaum zu gebrauchen ist.

Ich fürchte, dass einige, die diesen Satz zitieren, ihn tatsächlich als Forderung nach einer gewissen Entrücktheit und Erhabenheit des künftigen Frommen verstehen, die ihn gegenüber dem normalen Christen mit seinen Alltagssorgen auszeichnet. Das trifft jedoch, wie sich aus dem angeführten Kontext ergibt, das Anliegen Rahners keineswegs. In vielleicht verständlicherem Deutsch könnte man es wohl so formulieren: "Der Christ von morgen muss sich seinen Glauben aus einer eigenständigen Entscheidung heraus aneignen, oder er wird ihn verlieren". Er kann sich nämlich nicht mehr von einem gesellschaftlichen Umfeld tragen lassen, das kirchlich geprägt ist, weil er das nicht mehr vorfindet, oder sich einer öffentlichen Meinung anschließen, die eine christliche Grundüberzeugung widerspiegelt; denn die gibt es hierzulande nicht mehr. Nicht der gehorsam und anpasserisch Mittrottende, auch nicht der sich in seine private Frömmigkeit Flüchtende hat als Christ Zukunft, sondern nur einer, der aufrecht in die Welt, und wo nötig gegen sie, seine eigene - und nicht bloß eine angelernte - christliche Glaubensüberzeugung zu vertreten weiß.

Albert Keller SJ




Wissen oder Denken

In einer der frühesten uns erhaltenen philosophischen Aussagen, einem zweieinhalb Jahrtausende alten Fragment des Heraklit (544-473 v. Chr.) heißt es: "Vielwisserei lehrt nicht Verstand haben." Gegen einen solchen Dünkel, in allem Bescheid zu wissen, zieht auch Kant zu Feld. In der "Nachricht von der Einrichtung seiner Vorlesungen in dem Winterhalbjahre von 1765-1766" polemisiert er gleich eingangs gegen "die frühkluge Geschwätzigkeit junger Denker, die blinder ist als irgendein anderer Eigendünkel und unheilbarer als die Unwissenheit." Dies rühre daher, dass versucht werde, den Studenten durch Wissensvermittlung gleich zum Gelehrten zu machen, bevor noch der Verstand an ihm ausgebildet wurde; er trage dann eine "Wissenschaft, die an ihm gleichsam nur geklebt und nicht gewachsen ist", wobei seine geistige Fähigkeit "noch so unfruchtbar wie jemals, aber zugleich durch den Wahn von Weisheit viel verderbter geworden ist. Dies ist die Ursache, weswegen man nicht selten Gelehrte, eigentlich Studierte, antrifft, die wenig Verstand zeigen, und warum die Akademien mehr abgeschmackte Köpfe in die Welt schicken als irgend ein anderer Stand des gemeinen Wesens." Diese Schelte Kants hat auch nach zweihundert Jahren, ebenso wie die Heraklits nach mehr als zwei Jahrtausenden, wie mir scheint, kaum an Berechtigung verloren.

Man denke nur an die politische Borniertheit in akademischen Kreisen unseres Jahrhunderts, die ihresgleichen sucht. Waren nicht Universitäten in vorderster Front bei der Durchsetzung des Nationalsozialismus in den eigenen Reihen, waren nicht Studenten die eifrigsten Bücherverbrenner? (Vgl. G. Sauder, Die Bücherverbrennung, München/Wien 1983; M. Grüttner, Studenten im Dritten Reich, Paderborn 1995). Und die jungakademischen Ho-tschi-min-Schreier der 68-Generation waren, was politisches Urteilsvermögen angeht, keinen Deut besser als ihre Vorväter. Das lag jeweils kaum daran, dass man ihnen nicht hinreichend Wissen vermittelt hätte, sondern dass man sie nicht kritisch denken lehrte.

Natürlich bildeten sie sich ein, kritisch zu sein. Aber sie verwechselten Kritik mit Nörgelei, die an allem, was ihr begegnet, herummäkelt und es abzulehnen sucht. Denn sie hatten vergessen, dass Kritik vom griechischen "krinein" kommt, das abwägendes und unterscheidendes Urteilen besagt. Das aber setzt eine Unvoreingenommenheit voraus, ein unbefangenes Eingehen auf die Gegebenheiten, das erschwert wird, wenn man, anstatt auf die Wirklichkeit zu achten, nur auf sein Wissen pocht. Im "Leben des Galilei" von Bert Brecht lehnen es Gelehrte ab, sich die von Galilei entdeckten Jupitermonde anzusehen, weil es die nach ihrem auf Ptolemäus und Aristoteles gestützten Wissensystem nicht geben könne. Galilei bemerkt, dass sich dieses alte System zwar "in Übereinstimmung mit der Philosophie, aber nicht mit den Fakten zu befinden scheint", und wirft seinen Kontrahenten vor: "Ich stelle mein Fernrohr zur Verfügung, dass man sich überzeugen kann, und man zitiert Aristoteles."

Diese allen Ideologien eigene Haltung, sich so auf die eigene Einstellung zu verlasen, dass man sie dem Blick auf die Gegebenheiten vorzieht, findet sich zwar nicht nur bei denen, die sich den Kopf mit Wissen vollgepropft haben; aber sie wird doch durch ihre Selbstsicherheit und Bescheidwisserei eher gefördert als gehemmt. Bildung darf also nicht auf bloße Wissensanhäufung abzielen, sondern müsste zur eigenständigen kritischen, insbesondere auch selbstkritischen Urteilsfindung anleiten. Das ist heute um so dringlicher, als in unserer sich rasch wandelnden Zeit auch das unvermeidlich immer aus der Vergangenheit stammende Wissen rasch überholt wird. Der Hinweis darauf, dass es heute notwendig sei, sich auf ein lebenslanges Lernen einzustellen, nimmt das zur Kenntnis. Wer sich darauf nicht einzustellen vermag, weil er sich allein auf Altbekanntes verlässt, den macht sein Wissen nicht klug, sondern dumm; er hängt nämlich an der Vergangenheit fest und verfehlt so nicht nur die Zukunft, sondern er verpasst auch die Gegenwart.

Albert Keller SJ




Erfolg

Gelegentlich findet man zitiert, der Erfolg sei kein Name Gottes. Das soll wohl heißen, dass Gott weder den Erfolg unserer Vorhaben garantiert noch unsere Bemühungen danach richtet, ob sie erfolgreich ablaufen. Somit käme es zuletzt nicht darauf an, ob wir Erfolg haben, sondern nur darauf, ob wir uns hinreichend eingesetzt haben, gemäß dem Satz aus Goethes Faust: "Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen!"

Dennoch dürfte die Behauptung, der Erfolg sei für uns nicht ausschlaggebend, nicht unüberlegt übernommen werden. Denn auf unseren Umgang mit der Welt und unseren Mitmenschen trifft sie ganz und gar nicht zu. Ob es darum geht, eine Brücke zu konstruieren, ein Gesetz zu erarbeiten oder einem Menschen ratend oder mit tätiger Unterstützung zu helfen - was dabei zählt, ist weder die aufgewandte Mühe noch die gute Absicht, sondern allein der Erfolg. Wer da nur sagte: "Ich habe es ja gut gemeint", brächte eher eine Anklage gegen sich vor, weil da "eine gute Meinung" als Rechtfertigung geboten wird, wo eine wirksame Leistung erfordert ist. Zugespitzt hat man daher formuliert, "gut gemeint" besage das Gegenteil von "gut". Mit den guten Vorsätzen betrügen wir uns ohnehin zu leicht selbst, nämlich immer dann, wenn sie uns das gute Gewissen verschaffen sollen, das bestenfalls unsere Taten uns bieten dürften.

In diese Richtung argumentiert wohl auch der Jakobusbrief, der sich mit einem Glauben, der Theorie bleibt, nicht zufrieden gibt: "Meine Brüder, was nützt es, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Taten? Kann etwa der Glaube ihn retten? Wenn ein Bruder oder eine Schwester ohne Kleidung ist und ohne das tägliche Brot und einer von euch zu ihnen sagt: Geht in Frieden, wärmt und sättigt euch, ihr gebt ihnen aber nicht, was der Körper braucht - was nützt das? So ist auch der Glaube für sich allein tot, wenn ihm keine Taten folgen" (2, 14-17). In diesem Sinne dürfen wir also den Erfolg außer acht lassen - oder unsere Absichten wären nicht ehrlich. Der Satz Rankes: "Nichts ist überzeugender als Erfolg" besagt nämlich auch, dass wir im Erfolg doch oft ein kaum zu ersetzendes Kriterium haben, um innere Haltungen zu beurteilen, so dass wir sogar, wenn es um unsere eigenen Vorsätze geht, Anlass haben, an der rechten Einstellung zu zweifeln, wenn sie ohne Wirkung nach außen bleiben. Dennoch zählt vor Gott - und das heißt für die richtige Einschätzung menschlicher Unternehmungen - zuletzt nicht der Erfolg, sondern wirklich allein das ehrliche Bemühen. Das allein steht nämlich bei uns, hängt von unserem Wollen ab; der Erfolg hingegen kann durch Umstände verhindert werden, auf die wir keinen Einfluss haben. - Da wir aber bei anderen nur den Erfolg oder Misserfolg, nicht jedoch die ehrliche Absicht sehen, ist es uns verwehrt, weil unsere Fähigkeit übersteigend, irgendeinen Menschen vor Gott zu richten, denn "der Mensch sieht nur das Äußere, der Herr aber sieht das Herz" (2 Sam 16,7).

Uns aber gibt der Glaube, wo wir trotz aller eigenen sorgfältigen Planung und unermüdlichen Anstrengung scheitern, Gelassenheit und Zuversicht, da er weiß, dass Gott nicht auf unsere Leistung angewiesen ist. Die Gemeinschaft, an der ihm liegt, ist keine Leistungs- oder Erfolgsgesellschaft, sondern eine, die durch die ungeheuchelte Bereitschaft zum wirksamen Dienst geprägt ist, in der die Nächstenliebe besteht.

Albert Keller SJ




Verschiedenheit und Einheit im Glauben

Nach einer nicht unumstrittenen etymologischen Meinung leitet sich das Wort "Gott" im Deutschen (und entsprechend im Englischen "god") am ehesten von einer germanischen Verbalwurzel "ghau-" ab, die "rufen", "anrufen" bedeutet. Gott wäre danach das von Menschen angerufene Wesen. Man könnte noch grundsätzlicher sagen, Gott sei das, wonach der Mensch im Grunde seines Herzens - oft auch für ihn selbst unhörbar - ruft, also derjenige, wonach jeder Mensch im Innersten verlangt. Umgekehrt ließe sich der Mensch als ein Schrei nach Gott bestimmen. In dieser seiner Grundausrichtung, in dem, was der Einzelne zuletzt möchte und von woher sein weiteres Handeln und Entscheiden seine Bestimmung erhält, liegt nun aber gerade das, was den unverwechselbaren Kern seiner Persönlichkeit ausmacht. Insofern ist also Gott als Ziel des einzelnen Menschen dessen eigenstes und persönliches Gut.

Niemand hat demnach die gleiche Beziehung zu Gott, den gleichen Glauben, niemand auch dasselbe Gottesbild wie ein anderer. Weil der Mensch kein fertiges Wesen ist, sondern sich entwickelt, selbst gestaltet, gerade auch geistig, solange er lebt, wird der nämlich radikal dadurch geprägt und bestimmt, woraufhin er sich entscheidet. Das ist der wahre Sinn an der Behauptung J.-P. Sartres: "Der Mensch ist nichts anderes, als was er aus sich macht." Man könnte auch sagen: "Die Eigenart eines Menschen liegt in dem, was er aus ganzem Herzen erhofft." So ist auf der einen Seite Gott und der Glaube an ihn das Individuellste im einzelnen Menschen, das, was ihn grundsätzlich von allen anderen unterscheidet.

Zum andern wird Gott aber als der völlig Grenzenlose, Unendliche verstanden, der alle positiven Bestimmungen in alles übersteigender Fülle in sich fasst. Folglich ist er die Erfüllung der Sehnsucht eben nicht bloß eines, sondern aller Menschen; er ist immer zugleich der Gott des einzelnen und aller. Eben deshalb aber muss sich mein Gottesbild auch ergänzen lassen durch das aller anderen Menschen, wenn es Gott näher kommen soll. Ein Glaube, der nur meiner wäre - ganz mein muss er zwar sein -, der also den anderer ausschlösse, zielte gar nicht auf Gott. Deshalb muss das "Ich glaube" immer in einen Chor hinein stimmen, der heißt: "Wir glauben."

In dieser individuellen Ausrichtung auf den gemeinsamen Gott aber gründet zuletzt die Fähigkeit der Menschen zu einer Gemeinschaft, die mehr ist als ein herdenhaftes Zusammenleben. Während nämlich alle auf die Welt bezogenen Interessen miteinander in Konflikt geraten können und so Gemeinschaft sprengen, die dann nur in einem unvermeidlichen Kompromiss in Kauf genommen würde, um gemeinschaftliche Interessen durchzusetzen, bewirkt und ermöglicht der Bezug auf Gott allein eine Gemeinschaft, in der keine Konkurrenz herrscht, sondern nur eine jeden bereichernde Ergänzung die einzelnen zusammenführt. Somit erweist sich Glauben, verstanden als Hinordnung des ganzen Lebens auf Gott - geschehe das auch bei vielen nur stückhaft und uneingestanden - als unerlässliche Bedingung für eine gelingende Gemeinschaft der Menschen. Umgekehrt muss alles, was Menschen grundsätzlich spaltet, als diesem Glauben zuwiderlaufend angesehen werden.

Albert Keller SJ




Die Frage nach den ethischen Grundlagen in unserer Gesellschaft

In Dostojewskis "Brüder Karamasow" findet sich sinngemäß die Aussage: "Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt." Das hieße auch, dass ohne Gott alles beliebig und damit sinnlos wird. Etwas hat dann einen Sinn, wenn es so ist, wie es sein soll. Und wenn ich das eine soll und das andere nicht, dann ist nicht alles beliebig.

Da fragt sich nun, wer festsetzen kann, dass etwas so oder so sein soll. Behaupten können das gewiss viele: "Die Gesellschaft muss so aussehen, der Mensch muss sich auf diese Weise verhalten, das darf unter keinen Umständen geschehen!" Aber können sie es mir vorschreiben, können sie mich verpflichten, wenn ich nicht will? Es kann aber nicht jede Verpflichtung davon abhängig gemacht werden, ob ich ihr zustimme. Sonst wird Pflicht ein sinnleeres Wort und besagt nur, dass ich etwas gern möchte. Andere Menschen aber können mich nicht nach ihrem Ermessen verpflichten, jedenfalls nicht aufgrund eines selbst beliebigen Beschlusses, den sie treffen. Warum sollte ich mich dem beugen, da ich Mensch bin wie sie und nicht ihr Untergebener, auch nicht, wenn sie die Mehrheit darstellen, denn die Mehrheit hat durchaus nicht immer recht.

Nein auf bloße menschliche Übereinkunft kann man das Sollen, die Verpflichtung letzten Endes nicht zurückführen, denn wer sollte mich verpflichten, die Übereinkunft einzuhalten? Meist wird eine Gesellschaft diese Einhaltung dadurch zu erzwingen versuchen, dass sie für die Übertretungen ihrer Vorschriften und Gesetze Strafen androht. Falls Strafen aber die einzige Grundlage für die Verpflichtung darstellen, dann kann ich den Gesetzen skrupellos zuwiderhandeln, wenn ich mich nur nicht erwischen lasse.

Erst recht aber können nicht die untermenschliche Natur und deren Gesetze mir etwas verpflichtend vorschreiben. Dem Zwang der Naturgesetze unterliege ich natürlich, und ich muss sie beachten, wenn ich irgend etwas in der Natur erreichen will, ob ich Maschinen baue oder Krankheiten bekämpfe. Aber dass ich gezwungen bin, belegt gerade, dass hier nicht von Verpflichtung geredet werden kann. "Ich bin dazu verpflichtet", heißt ja, dass ich es tun soll, obwohl ich auch anders könnte; Pflicht setzt also Freiheit voraus und nicht etwa naturgesetzlichen oder sonstigen Zwang.

Wenn es also außer der Welt und den Menschen nichts gäbe, gäbe es auch kein den Menschen verpflichtendes Sollen; mit anderen Worten: Ohne Gott wäre alles letzten Endes beliebig und sinnlos. Man mag diesen Überlegungen nicht zustimmen. Man muss auch nicht annehmen, dass in den kahlrasierten Köpfen der Schläger, die hierzulande auf Ausländer und Außenseiter losgehen, Platz für derartige Gedanken ist. Aber es darf doch gefragt werden, warum sie denn eine Einschränkung ihrer brutalen Gelüste akzeptieren sollen und woher sie die Grundnormen eines mitmenschlichen Verhaltens beziehen können, wenn die Gesellschaft, der sie ausgesetzt sind, selbst über die Basis ihrer ethischen Ansprüche keine gemeinsame Überzeugung anzubieten hat.

Solange darüber nicht zumindest intensiv diskutiert wird, droht jede Auseinandersetzung etwa mit dem Rechtsradikalismus sich im bloßen Kurieren der Symptome zu erschöpfen, ohne an deren Wurzeln zu rühren.

Albert Keller SJ




Wort Gottes

"Das Wort ist Fleisch geworden" (Joh 1,14) könnte als Kernsatz der Weihnachtsbotschaft gelten. Das Wort, das, was Gott uns von sich zu sagen hat. Was sagt es? Nun, es sagt dem ungeheuer viel und Überraschendes, der zu hören vermag.

Was Gesellschaft und Staat angeht: In der Krippe liegt kein Machthaber, da liegt kein Revolutionär. Da liegt das Kind eines Zimmermanns aus eher ärmlichen Verhältnissen, ohnmächtig und schreiend. Und es wird die Welt nicht verändern. Sie ist in zweitausend Jahren Christentum kein strahlendes Paradies der Menschenliebe geworden, auch nicht unter seinen Nachfolgern. Was sagt das Kind in der Krippe zu dieser Welt und ihren Machtverhältnissen? Es sagt, dass die Macht und die Unterdrückung nicht Wort Gottes sind. Dass die also auch gewiss nicht das letzte Wort in dieser Welt haben. Gehen Sie alle Machthaber der Geschichte durch: Wer von ihnen hat wirklich Herzen erobert? An wessen Geburtstag kommen auch die Penner und Ausgestoßenen noch zusammen mit Hoffnung und möchten sich freuen? - Es ist dieses Kind. Und seine ohnmächtige Liebe ist gewaltiger als alle Befehls- und Macht- und Technikstrukturen dieser Welt. Die sind für sich allein schal und zuletzt ohnmächtig, mit all ihrer Gewalt, wenn nicht im Grund und entscheidend die hingabebereite Liebe steht, die nicht triumphieren will und nicht erster sein in dieser Welt.

Und was sagt es zur Kirche, dieses Wort Gottes? Da liegt kein Dogmensystem in der Krippe und keine Hierarchie. Da liegt ein hilfsbedürftiger Mensch. Und er ist das Wort Gottes und nicht zwanzig Theologiebücher und nicht fünzehn Konzilien und gewiss nicht alles Klugreden von Kanzeln. An dem muss man sich orientieren, und alles Übrige kann und soll nur und müsste Hilfe sein, dass wir ihn finden. Und die Kirche wird daran gemessen, ob sie ihm im Weg steht mit ihren Prinzipien und mit ihren Strukturen, oder ob sie ihm den Weg bereitet. "Bereitet dem Herrn den Weg in der Wüste", und unsere Welt ist gewiss wüstenhaft.

Und wir selbst? Was sagt dieses Wort zu uns? Es liegt auch kein Märchenprinz in der Krippe. Nicht in Wohlstand gebettet, nicht mit sorgenfreier Zukunft, nicht durch hundert Versicherungen abgestützt. Er hat kein soziales Netz im Hintergrund, und er wird am Kreuz enden. Und er sagt uns: Solange euer höchster Wert die Leidensfreiheit ist und solange ihr nicht begreift, dass das wahre Übel, das den Menschen im Kern zerfrisst, ihm nicht von außen zugefügt werden kann, auch nicht durch Unterdrückung und Quälerei, sondern dass das wahre Übel die Lieblosigkeit, die Schuld ist, solange wird euer Leben nicht gelingen. Wir müssen aus der Finsternis heraus, aus der Selbstsucht und dem Egoismus und dem Recht-haben-Wollen, damit dieses Licht in uns leuchtet. Allen aber, die ihn so aufnehmen, indem sie auch ihre Mitmenschen annehmen, denen gibt er die Macht, Kinder Gottes zu werden. Wer ihm nachfolgt, dem gelingt das Leben, wie immer die äußeren Umstände sind. Das ist die frohe Botschaft von Weihnachten, die große Freude, die uns und allem Volk zuteil werden soll: Uns und allen ist der Retter geboren, der Herr.

Albert Keller SJ




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