Freiheit für und von Religion. Kirche und Gesellschaft in Tschechien und den Nachbarländern
Referent: Kardinal Miloslav Vlk, Erzbischof von Prag und Primas von Böhmen, Prag
Sie wollten Genosse Vlk verheiraten. Jetzt bloggt der Zeitgenosse Gottes
Der Erzbischof von Prag, Kardinal Miloslav Vlk, Erzbischof von Prag und Primas von Böhmen, zu Gast bei der Jahrestagung der Gesellschaft Katholischer Publizisten (GKP) in Freising
Freising. Auf der Jahrestagung der Gesellschaft Katholischer Publizisten in Freising berichtete der Erzbischof von Prag und Primas von Böhmen, Prag, Kardinal Miloslav Vlk zu den etwa 100 Teilnehmern, über seine Erfahrungen hinter dem Eisernen Vorhang und seine Erfahrungen während und nach der Wende.Schon als Kind wollte der 1937 geborene Miloslav Vlk Priester werden, doch nach dem Abitur 1952 in Budweis hatten die tschechischen Bischöfe aufgrund der Ereignisse von 1948 mit Ausnahme des Seminars in Prag alle Priesterausbildungsstätten geschlossen. Sie sollten nach der, wie sie dachten, kurzen Episode des Kommunismus wieder eröffnet werden. So war es dem Abiturienten verwehrt, Katholische Theologie zu studieren, um Priester zu werden. Er musste sich seinen Lebensunterhalt als Monteur in einer Autofabrik verdienen. Nach dem Militärdienst nahm der, um "geistig beweglich zu bleiben" das Studium der Archivkunde an der Prager Karls-Universität auf. Er schloss es 1960 mit der Promotion ab und arbeitete vier Jahre als Archivar an verschiedenen Archiven in Südböhmen. Seine Arbeit wurde sehr geschätzt, sodass seine Vorgesetzten meinten, sie müssten den "Genossen Vilk nur noch verheiraten."
Es sollte aber anders kommen.1964 wurde der 27-jähringe Doktor der Archivwissenschaften Priesteramtskandidat und nahm an der Theologischen Hochschule in Leitmeritz das Theologiestudium auf. Mitten im "Prager Frühling" wurde er 1968 zum Priester geweiht. Seine erfolgreiche Tätigkeit war den staatlichen Behörden zu politisch, sodass sie ihm diese von 1978 bis 1989 untersagten. Vlk ging wie viele Amtsbrüder in den Untergrund und verdiente seinen Lebensunterhalt von 1978 an zunächst acht Jahre als Fensterputzer in Prag und dann als Archivar bei einer Bank. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde er am 14. Januar 1990 Bischof des Bistums Budweis. Papst Johannes Paul II . bestimmte ihn nach dem Tod des Prager Erzbischofs Frantiek Tomáek am 1991 zu dessen Nachfolger. Im gleichen Jahr wählte ihn die Tschechische Bischofskonferenz zu ihrem Vorsitzenden. 1994 wurde er zum Kardinal kreiiert. Nach Erreichen der Altersgrenze im Jahr 2007 Jahr bat ihn Papst Benedikt XVI., noch zwei weitere Jahre im Amt zu bleiben.
Vlk beschrieb die Kirche vor der Wende als Hort der intellektuellen Auseinandersetzung, die vor allem dankbar war, aus Deutschland , namentlich vom Benno-Verlag in Leipzig , mit theologischer Literatur versorgt worden zu sein. Das Ansinnen des Staates, die Kirche in den Untergrund zu drängen, wurde zugunsten der Strategie aufgegeben, mit der Kirche "zusammen zu arbeiten". Dies war die Geburtsstunde der Friedenspriester und der vom Staat eingesetzten Bischöfe.In der Gegenwart erlebt die Kirche von Tschechien , dass die alten kommunstischen Kräfte noch sehr aktiv sind. So habe der Kampf der Kirche um Restitution des enteigneten Kircheneigentums bis heute keine Frucht gebracht. Der Kirchenbesitz belaufe sich auf einen Wert von etwa 86 Milliarden Euro. Der Vorschlag, die Immobilien dem Staat zu überlassen gegen eine gewissen Entschädigungszahlung zu verlangen, sei erst letztens wieder zurückgewiesen worden. So wurde kürzlich unter Vorsitz eines, wie Vlk meinte, kommunistischen Richters vom obersten Gericht festgelegt, dass die Regierung den Veiths-Dom verstaatliche müsse - aber ohne Zahlung einer Entschädigung. Um ein Schlaglist auf die Werteordnung in der tschechischen Gesellschaft zu werfen, berichtete der Prager Erzbischofs vom Verhalten der Abgeordneten im Parlament. Es habe ihn veranlasst, auf seiner Homepage zu fordern, man solle doch die Fernsehübertragungen aus dem Parlament einstellen, da den jungen Menschen dadurch ein schlechtes Beispiel gegeben würde.Angesprochen auf den Umgang mit den Priestern, die als Spitzel tätig waren, nannte Vlk die Zahl von etwa 10 % der Priester, die nach der Wende seinem Aufruf folgten, um mit ihm über die Zusammenarbeit mit den Kommunisten zu sprechen. Er schilderte ein bewegendes Beispiel, wie stark der Druck war, mit dem einzelne Priester zur Zusammenarbeit gezwungen wurden.
Man solle, so schloss der Kardinal, aber auch nicht vergessen, dass viele in der Verfolgung standhaft geblieben waren. Im Blick auf die Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft steht das Erzbistum Prag gerade vor einer diözesanen Synode, auf der die Fragen der Verkündigung und des kirchlichen Lebens reflektiert werden sollen. Vlk setzt darauf, dass sich im Dialog mit der Basis seines Bistums Wege öffnen werden, auf die Zeiterfordernisse besser zu antworten. Dies zeige auch die steigende Zahl der Taufbewerber. Die Präsenz der Kirche in den Medien komme zwar erst langsam voran. Er nehme aber mit Interesse wahr, dass in manchen Presseerzeugnissen zumindest kritische Stimmen vor allem der jungen Generation zu kirchlichen Fragen veröffentlich würden. So mancher der versammelten Publizisten staunte, als der Gast aus Prag schilderte, dass er solche kritischen Beitrage sorgfältig sammele und auf seine persönliche Homepage stelle, um sie dann dort zu beantworten. Angesichts eines solchen Engagements kann man kaum glauben, dass sich der 77-jährige bald einen Nachfolger auf dem Bischofssitz des hl. Veith wünscht, der kräftiger sei, die Auseinandersetzungen vor allem mit dem Staat zu führen. Sollte es so kommen, so darf man sicher sein, dass er sich wie damals um Untergrund auch im Ruhestand nicht davon abbringen lässt, ein Zeitgenosse Gottes zu sein.
BruderPaulus Terwitte ofm.cap.

