Religion und Kirche in Mittel- und Osteuropa. Entwicklungen nach der Wende
Referent: Prof. Dr. Dr. h.c. Miklós Tomka, Budapest
Die Mauer im Kopf der Kirche Osteuropas
Die DDR sah aus der Sicht der Ungarn bürgerlich aus. Polen war katholisch geblieben trotz einer religions- und kirchenfeindlichen Führungskultur. Trotz religiös offenen Umfelds stockt der Weg der Kirche Ungarns in die Mitte der Gesellschaft. Prof. Dr. Dr. h.c. Miklós Tomka, Budapest, referierte auf der Jahrestagung der Gesellschaft Katholischer Publizisten (GKP) in Freising.
Freising. Vor der sogenannten Wende gab es seit 1978 einen unerklärlichen Aufschwung im Sichtbarwerden der Religiösität. Das stellte der seit vierzig Jahren als Religionssoziologe forschende Prof. Dr. Dr. h.c. Miklós Tomka aus Budapest vor den etwa 100 Teilnehmern an der Jahrestagung der Gesellschaft Katholischer Publizisten in Freising fest. Er sprach auf Einladung der GKP über die Entwicklungen von Religion und Kirche in Mittel- und Osteuropa nach der sogenannten Wende. Zur allgemeinen Verblüffung, so Prof. Tomka, wurde hinter dem Eisernen Vorhang eine öffentliche Relevanz der Religion wahrgenommen, die viel stärker in der sozialen Wirklichkeit verankert war, als man es bis dahin angenommen hatte. Dies führte bei den Nichtglaubenden zu einer geradezu feindseligen Haltung, die dann aber oft nicht mehr als die alten Argumente der frühen Aufklärung wiederholten. Auf Nachfrage betonte Prof. Tomka, dass es aller soziologischen Logik widerspräche, die höhere Präsenz des Religiösen in Osteuropa allgemein mit der Wahl von Johannes Paul II . in Zusammenhang zu bringen. Diese müsse als singulär betrachtet werden und man könne höchstens für Polen eine solche Wirkung annehmen.In der Altersgruppe zwischen 30 und 60, also unter denen, die die Wende miterlebt haben, wandten sich viele nach dieser Zäsur der Religion zu. Allerdings seien die meisten von ihnen zwanzig Jahre später wieder in ihre alte Haltung zurückgekehrt. Wenn überhaupt, könne man in der jüngeren Generation eine Offenheit für Religiösität feststellen.
In Ungarn , wo man eine Kirche gründen kann, wenn man einhundert Unterschriften vorlegt, gebe es einen Boom von solchen "Kirchen", die auch mal auf Anregung einer Science-Fiction-Serie "gegründet" würden. Die diffuse Offenheit für das Religöse führe aber immerhin dazu, dass die Religion in der Öffentlichkeit anerkannt sei. Für Osteuropa könne kein einheitliches Bild gezeichnet werden. So könne man für Rumänien eine hohe Prozentzahl von Menschen feststellen, die sich für Christen halten, während es in Tschechien nur eine Minderheit ist. Gleich sei überall die Wertschätzung, die religiösen Menschen entgegengebracht werde. Trost und Stärke erhalten nach den einschlägigen Untersuchungen etwa gleichviel Prozent der Menschen in West- wie in Osteuropa, und auf beiden Seiten gebe es große Unterschiede zwischen einzelnen Ländern. Prof. Tomka stellte fest, dass die Kirchen in Osteuropa sich immer noch gebärden, als kämen sie aus einer anderen Zeit. Trotz einer unzureichenden Zahl der Priester würden Laien wenig herangezogen und noch weniger mit Befugnissen ausgestattet. Allein durch religiöse Gemeinschaften entstünden, wenn auch noch zögerlich, tragende Sozialgeflechte. Die Kirche sei lokal präsent, doch nur wenig in der Kultur, und gar nicht in der Arbeitswelt.
Alles in allem bleibe die öffentliche und politische Rolle von Religion und Kirche weit zurück hinter ihrem gesellschaftlichen Gewicht.Angesichts dieser Analyse könne nicht gemeinhin von einer gesellschaftlichen Kraft der Christen zur Gestaltung Europas gesprochen werden. Aus der Sicht Osteuropas erscheine z.B. die Ländergruppe Frankreich, England und Benelux so liberal, das man befürchtet, davon überfremdet zu werden. Der noch unter den Zuhörern weilende Referent des Vormittags dieser Tagung der GKP, Kardinal Vlk von Prag, ergänzte, er könnte angesichts der neuen Wahlprogramme von Parteien Westeuropas feststellen, dass es einen neuen Mut gebe zur Hinwendung zu den grundlegenden Werten der Gesellschaft und nannte ein weiteres Beispiel die Diskussionen um Werte in der Wirtschaft.
BruderPaulus Terwitte ofm.cap.
