Urbi et Gorbi. Christen als Wegbereiter der Wende
Referent: Joachim Jauer, ehemaliger Osteuropa-Korrespondent, ZDF, Berlin
"Ohne den Mut der Ungarn und Polen Wende in Deutschland undenkbar"
Der ehemalige Osteuropa-Korrespondent des ZDF, Joachim Jauer, berichtete auf der Tagung der Gesellschaft katholischer Publizisten in Freising von seinen Erfahrungen zur Wendezeit
Freising. Joachim Jauer, damals offiziell in der DDR akkreditierte ZDF- Korrespondent für Osteuropa, nahm die Teilnehmer der Tagung zunächst mit in die Zeit vor der sogenannten "Wende". Ein Priester im Untergrund, ein Flüchtlingslager für DDR-Bürger im "Bruderland", ein paar hundert "Schmuddelkinder" aus den Kellern evangelischer und katholischer Gemeinden und einige mutige Pfarrer - solche und andere Details fand der Journalist katholischen Glaubens in der Zeit vor 19989 vor. Auch heute sei ihm nicht klar, wie sich daraus die gewaltfreien Aktionen zum Umsturz des Systems entwickeln konnten. Als Beispiel für die Situation der Christen in der DDR vor der Wende erinnerte er an die Eröffnung der neuen evangelischen Kirche in Eisenhüttenstatt 1981. Einst als Hochburg des Sozialismus bezeichnet, war für diesen Standort nie eine Kirche geplant. Dennoch konnte es gelingen, sie dort zu errichten und dann auch noch Friedenskirche zu nennen. Die SED fühlte sich angegriffen, weil sie die Deutungshoheit über Begriffe wie Frieden und Gerechtigkeit zu haben meinte. Man müsse auch noch berücksichtigen, dass die DDR wie auch die die anderen kommunistischen Regimes nichts unversucht ließ, die evangelischen und wohl auch katholischen Gemeinden staatlich zu unterwandern. Um so erstaunlicher sei, dass sich in diesem Klima der Beargwöhnung eine Kraft entstehen konnte, die zu den Friedensgebeten und schließlich -demonstrationen führten.Sicher, so Jauer, müsse man im Blick auf die Veränderungen zur "Wende" hin das Wirken und die Wirkung des überraschend zum Papst gewählten Krakauer Kardinals Karol Woityla würdigen. Sein "Habt keine Angst. Öffnet die Grenzen der Staaten und Gesellschaftordnungen für Christus und seine rettende Macht!" (Johannes Paul II ., 1978) erschien ihm mit vielen anderen vielleicht visionär, aber gänzlich unrealistisch. Er habe jedoch bei seinen Pilgereisen in seine Heimat kurzerhand und für kurze Zeit jeweils Rom nach Krakau verlegt. Dorthin konnten die Katholiken des Ostblocks dann ungehindert reisen.
Der erste Besuch des Papstes führte zu Massenveranstaltungen in Polen , die über 10 Millionen von 40 Millionen Einwohnern Polens, was 1979 zunächst ein Kräftesammeln war. Viele konnten auf diese Weise mit den Händen greifen, dass es eine Bewegung in der polnischen Gesellschaft gab, die bis dahin nicht öffentlich sichtbar geworden war. Neben der sich daraus in Polen fortsetzenden Entwicklung gab es eine weitere in Ungarn, die für Jauer ausschlaggend für die weitere Entwicklung in Osteuropa und Deutschland ist. Eine Bürgerbewegung in Ungarn mit Historikern an der Spitze bewertete den Aufstand 1956 gegen die offizielle Lesart der Geschichte als Kampf für die Freiheit. In der Folge kam es dann auch in Polen zu weiteren Schritten der Öffnung auf demonstrierenden gesellschaftliche Gruppen hin , was dann schließlich zu dem legendären Runden Tisch führte, an den die immer mehr in Bedrängnis geratende polnische kommunistische Regierung Lech Walesa und die Solidarinosz laden musste. Ungarn brach mit der Öffnung des Stacheldrahtes zu Österreich hin am 2. Mai 1989 den ersten Stein aus der Mauer der DDR. Es kam zu einem Dominoeffekt, so Jauer, der ohne die "mutigen" Polen, die "besonnen" Ungarn und die "nachdenklichen" Tschechen und natürlich ohne Gorbatschow nicht vorstellbar sei. Es waren dann wieder Christen und Bürgerrechtler, die nach der Wende anprangerten, dass sich in Osteuropa ein ungezügelter Kapitalismus breit machte, den Josef Roth aus dem östlichen Gallizien schon lange Jahre vor der Wende charakterisierte als Gewalt, die der der Kopf nichts, das Herz wenig und die Faust alles ist".
BruderPaulus Terwitte ofm.cap.

