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home > Aktuelles > P.Dr.Albert Keller SJ: Nachrufe

GKP trauert um P. Dr. Albert Keller SJ

Der langjährige Geistliche Beirat der GKP starb am 5. Juli in München

Nachrufe von GKP-Mitgliedern:

- Max Kronawitter: Die Freiheit des Denkens hat er über alles gestellt
- Eva Maria Streier: „Hingabe-Glaube“ gegen „Satz-Glauben“
- Michaela Pilters: Dummheit war seiner Meinung nach Sünde
- Alfons Harms:„Dafür gibt es doch Kanzeln...“


P. Dr. Albert Keller SJ bei der Entgegennahme der Franz-von-Sales-Tafel der GKP

Die Freiheit des Denkens hat er über alles gestellt

von Max Kronawitter

Schon als Junge ist er zur Philosophischen Hochschule nach Frankfurt gefahren, um sich Fragen beantworten zu lassen, auf die seine Lehrer keine Antwort hatten. Hartnäckig hat er so lange an der Pforte gewartet, bis sich ein Professor bereit erklärte, mit ihm zu diskutieren. Den Dingen auf den Grund zu gehen hat Albert Keller nicht mehr losgelassen. Nicht als Jesuit, nicht als Priester und erst recht nicht als Professor und Philosoph.

Pater Keller war ein Grübler. Aggressiv hat es ihn gemacht, wenn er das Gefühl hatte, dass zu wenig gedacht wird. Die Freiheit des Denkens hat er über alles gestellt. Denkverbote haben ihn auf den Plan gerufen. Als Mitverfasser der so genannten Kölner Erklärung hat er mit über 100 Kollegen gegen die Tendenz in der Kirche rebelliert, nur noch linientreue Theologen an Universitäten zu berufen. Als Philosoph und Sprachwissenschaftler wusste er um die Relativität allen kirchlichen Redens.

Pater Keller war kein Mann der leisen Töne. Mit Wucht hat er in seinen Predigten ein Gottesbild kritisiert, das Gott als eine Art „Feuerwehrmann“ mißversteht, der immer dann gerufen wird, wenn es brennt. Seine kraftvolle Sprache, aber auch seine Leidenschaft, mit der er für seine Überzeugung eingetreten ist, haben ihn zum berühmtesten Prediger Münchens gemacht. Mit Klappstühlen sind die Menschen in seine Gottesdienste gepilgert, haben an seinen Lippen geklebt, wenn er wie einst Rupert Mayer auf die Kanzel stieg.

Pater Keller war alles andere als ein abgehobener Intellektueller. In seinem Kloster war er in Lederhose unterwegs. Als Feldgeistlicher der Gebirgsschützen marschierte er in alpenländischer Tracht, um dann 5000 Kameraden samt Ministerpräsidenten zu erklären, wie er christliche Tradition versteht.

So laut er auch sein konnte, so angrifflustig er über Mitdiskutanten hergefallen ist, Pater Keller hatte auch etwas sehr weiches, das viel freundschaftliche Nähe zugelassen hat. Und er lebte – das hat ihn so glaubwürdig gemacht - aus einer tiefen Gottesbeziehung. Eine Beziehung, die ihm so wesentlich war, dass er oft noch nachts im Hotelzimmer seinen kleinen Kelch aus dem Köfferchen holte, um still für sich die Hl. Messe zu feiern. Für diese Sehnsucht nach Wahrheit hat er gelebt. Am Abend des 5. Juli ist er gezeichnet von Krankheit dorthin gegangen, wo diese Wahrheit keiner Deutung mehr bedarf.

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„Hingabe-Glaube“ gegen „Satz-Glauben“

P. Albert Keller und die GKP
von Dr. Eva-Maria Streier

Samstagmorgen: nach einem häufig feucht-fröhlichen Abend und kurzer Nacht versammeln sich die Teilnehmer der GKP-Jahrestagung zum Abschlussgottesdienst vor der Mitgliederversammlung. Aus der Sakristei kommt Pater Keller, das Messgewand hängt etwas schief auf der linken Schulter, die Haarpracht ist mit Mühe gebändigt, dazu der graue Vollbart. Schon das äußere Erscheinungsbild signalisiert: hier geht es um anderes als den schönen Schein. Spätestens bei der Predigt sind alle hellwach, wenn Pater Keller wieder einmal wortgewaltig von der Freiheit des Christenmenschen und Gottes Liebe zu den Menschen spricht.

Dieser Prediger provozierte und faszinierte seine Zuhörer, aber er war auch der Seelsorger, der zuhören konnte. Immer wieder setzte er sich bei den GKP-Veranstaltungen zu den Älteren, nahm Anteil, munterte auf, stellte Gemeinschaft her. Insgesamt sechzehn Jahre – von 1990 bis 2006 war Albert Keller Geistlicher Beirat der Gesellschaft Katholischer Publizisten.Zahllose Veranstaltungen hat er begleitet und geprägt und bewegte sich sicher, souverän und authentisch auf jedem Parkett: bei Kolloquien und Jahrestagungen ebenso wie bei den Drei-Länder-Treffen der Publizisten aus Österreich, der Schweiz und Deutschland und den Deutsch- Französischen Publizistentreffen. Unvergessen bleibt die Begegnung französischer und deutscher Publizisten 1992 in Weimar zum Thema: „Vergangenheitsbewältigung. Zwischen Abrechnung und Versöhnung“ mit Wolfgang Thierse, Karl-Heinz Ducke, Bernhard Wiedemann und anderen. Pater Kellers unbestechlich klarer Intellekt half sortieren, der Seelsorger Keller schlug Brücken zwischen den einander noch fremden Publizisten aus Ost und West und die französischen Kollegen verfolgten voll Empathie und Staunen eine besondere Geschichtsstunde.

Schon in den 90er Jahren war es schwierig, die vielbeschäftigten Publizisten zur Teilnahme an Besinnungstagen zu gewinnen. Aber die kleine Gruppe derer, die Pater Keller dabei erleben durften, wurde schnell zum „Fan-Club“. Er sparte nicht mit Kritik an kirchlichen Strukturen und Lehrmeinungen, wenn sie –so seine immer wieder variierte Grundthese – der Liebe Gottes widersprachen. Unmissverständlich räumte er mit bestimmten Glaubensvorstellungen auf. So stellte er den „Hingabe-Glauben“ gegen den „Satz-Glauben“. „Jesus sagt nicht, glaub’ mir, sondern glaub an mich“, so Keller wörtlich. Die Hölle war für ihn der Moment im Tod eines Menschen, in der er erkennt, wie viel Liebe er schuldig geblieben ist. Sünde war für ihn die „selbstverschuldete Unfähigkeit, zu lieben“. Immer wieder appellierte Keller an die Verantwortlichkeit des Menschen. „Gott wird nicht reicher durch das Gut-Sein der Welt noch ärmer durch das Böse-Sein. Das macht uns verantwortlich und setzt uns frei“. Erlösung war für ihn die Einheit mit der Liebe Jesu Christi. Seine Impulse bleiben unvergessen! RIP!

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Dummheit war seiner Meinung nach Sünde

P. Albert Keller als Philosophieprofessor
von Michaela Pilters

Einem Professor widersprechen? Und das ausgerechnet im Examen! Nicht in jedem Fall geht das gut. Aber wenn der Professor Pater Keller heißt, dann war es fast die Garantie für eine bestandene Prüfung. Denn Pater Keller wollte nie, dass seine Studenten ihm nach dem Mund reden oder nur Auswendiggelerntes nachplappern.

Bei ihm Erkenntnislehre zu studieren war eine ganz besondere Herausforderung. Man musste sich einbringen, mitdenken, mitdiskutieren - auch in der Vorlesung, die nie ein Frontalunterricht war, sondern immer Diskurs. Und so brachte mir die gut begründete abweichende Meinung das Prädikat „sehr gut“ bei der Abschlussprüfung ein.

Ich hatte mich entschieden, mein Philosophiestudium, das für die Theologie notwendig war, nicht an der Ludwig-Maximilians-Universität zu belegen, sondern an der benachbarten Hochschule für Philosophie der Jesuiten. Diese Wahl habe ich nie bereut, denn bei den Jesuiten ging es nicht nur familiärer zu, sondern auch intensiver. Das Philosophieren war mit Lust am Denken verbunden, und die Professoren förderten ihre Studenten nach Kräften. Der Ton war eher leger in den 70erJahren, auch der Umgangsstil. Ein Highlight des Studiums wurden für mich schnell die Lehrveranstaltungen von Pater Albert Keller. Dieser kam in seiner Strickjacke in die Hochschule, und auch der Stil seiner Vorlesungen war eher hemdsärmelig. Aber er eröffnete uns neue Gedankenwelten, brach mit Klischees und regte uns an zu eigenem Philosophieren. Geduld war nicht seine Stärke, vor allem wenn er (Denk-)Faulheit bei seinem Gegenüber vermutete. Dann konnte er auch Poltern und Provozieren. Denn Dummheit war seiner Meinung nach Sünde. Er liebte die klare Sprache, kräftige Bilder und Vergleiche aus dem alltäglichen Leben. Wie Sokrates war er der Meinung, dass die Philosophie Lebenshilfe geben kann, dass sie Hebammenfunktion hat für das Denken.

Auch in der Theologie war ihm die Eigenständigkeit des Intellekts wichtig. Bei aller Loyalität blieb er ein kritischer Geist, dem nichts so verhasst war wie Gedankenlosigkeit und mangelndes Kritikvermögen. Er liebte die Freiheit, und dennoch nahm er das Gehorsamsgelübde seines Ordens sehr ernst.

In der GKP ist mir dann mein Philosophieprofessor von damals wieder begegnet, als geistlicher Beirat und Partner in der Vorstandsarbeit. Er war ein Streiter für eine offene Kirche, intellektuell anstrengend und allergisch gegen unsaubere Argumentation. Bei Rotwein und Zigarre lief er zu Höchstform auf. Wir verdanken ihm unendlich viele Impulse, geistig und spirituell, für die ich ihm immer dankbar bleiben werde. Seine Stimme fehlt uns.

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„Dafür gibt es doch Kanzeln...“

P. Albert Keller als Prediger
von Alfons Harms

Meine Frau zitierte den Karl Valentin leicht abgewandelt: „Im Leben halb belohnt ist der schon – der in München wohnt“, und zeigte auf ein Plakat an der Jesuitenkirche St. Michael in der Münchner Fußgängerzone. Dort stand, wer wann in welcher Messe predigt. Prediger-Auswahl? Unglaublich für uns, die wir vorher lange in der tiefsten Diaspora bei Hamburg gewohnt hatten und stets nur einem einzigen Pfarrer im riesigen Umkreis lauschen konnten. “Werden die hier verwöhnt“, staunte ich. „Und schau“, sagte meine Frau, „Sonntag predigt Pater Keller. Um 9 Uhr.

“Ui, da müssens aber recht früh do san“, spricht uns eine Frau an. Bei Pater Keller sei es immer sehr schnell voll.

Wir wohnten neu in Wolfratshausen, zirka 30 Kilometer südlich von München. Egal, für eine Predigt von Pater Keller lohnt sich auch eine lange SBahn- Fahrt. Also düsten wir früh los, waren wg. der Mahnung der Frau schon um 8.15 in St. Michael. Es gab noch viele freie Plätze. Also weit nach vorn! Wir wollten den Pater, den Sprachphilosophen Professor Dr. Albert Keller ja gut sehen und hören – wussten nach vielen Begegnungen und gkp-Einkehrtagen von seiner rethorischen Begabung, jedes Wort ist wichtig.

Eine Viertelstunde später war die Kirche gefüllt. Die Besucher stiegen sogar auf die Empore, standen dicht gedrängt in den Gängen, einige hatten Klappstühle mitgebracht – es war weder Weihnachten noch Ostern, ein ganz normaler Sonntag. Zirka 2500 Gläubige warteten auf den Beginn der Messe.

Endlich, 9 Uhr, Einzug der drei Konzelebranten, Messdienerinnen und so weiter. Dann, eine Nonne trug die Lesung vor - stand Pater Keller auf und ging in die Sakristei. Was ist los? Ist ihm nicht gut?

Das Evangelium wird von einem Pater vorn vom Altar aus vorgetragen. “Im Namen des Vaters...“ hörten wir dann die Stimme von Pater Keller. Jedoch nicht nah bei uns an unseren vorderen Plätzen. Sondern: Der Prediger Keller stand - wo gibt es denn so etwas noch? – hinter uns hoch auf der Kanzel und redete in seinem Stil mal donnernd und mal flüsternd, nicht schmusend oder ölend zu uns Gläubigen. Er zerflückte Alltagsgedanken, kritisierte, wo es nach gründlichen Nachdenken etwas zu kritisieren gab.

So war Pater Keller. Mitten drin. Im Volk, in der Kirche, im Leben. Nach der Messe begrüßte er jedes Mal draußen vor der Kirche viele Bekannte. Wir sprachen ihn auf die Kanzelpredigt an, so etwas hätte ich seit meiner Messdienerzeit nicht mehr erlebt. Na ja, nicht ganz so lange war es her. Pater Leppich wetterte ja auch oft von oben, und sei es auf einem Autodach stehend. Pater Keller schmunzelte nur in seiner netten Art und sagte: „Dafür gibt es doch Kanzeln...“ Ob er damit vielleicht sagen wollte, nur so könne auch abgekanzelt werden, wagte ich nicht zu fragen. Oft hörte ich, wie ihm nach der Messe jemand Komplimente machen wollte in der Art: „Das war heute wieder super, stärkt meinen Glauben...“ Dann schmunzelte Pater Keller wieder nur. Was soll ein Könner auch sagen, wenn ihm jemand bestätigt, dass er es kann.

War es ihm gesundheitlich möglich, predigte Pater Keller einmal im Monat in der großen St. Michaels-Kirche. Wir erlebten ihn bei einem Thema einmal weinend, manchmal regelrecht engagiert schreiend. Er las nie vom Blatt ab, nahm aber auch kein Blatt vor den Mund. Die Gläubigen hörten stets sichtbar konzentriert zu, einmal klatschten sie sogar kräftig Beifall. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, ob seine Mitbrüder auf diesen genialen Prediger wohl ein ganz klein wenig eifersüchtig sind. Oder einfach nur stolz.

Wir hatten besonderes Glück, denn manchmal predigte Pater Keller auch in unserer Kirche in Wolfratshausen. War das Wetter gut, saß er vor der Messe in Trachtenhut und Trachtenjanker auf der Bank vor der Kirche und plauderte freundlich, belehrte zum Beispiel uns Preißen, dass nach einer Wanderung zuerst ein Bier gegen den Durst und erst dann ein Weißbier zum Genuss getrunken wird.

Ernster war es oft nach der Messe. Da wollten die Kirchenbesucher oft, tja, Theologisches wissen. Einmal – daran erinnere ich mich nun besonders – wurde er gefragt: Warum ist Jesus eigentlich vor rund 2000 Jahren auf die Erde gekommen, um uns zu erlösen? Warum nicht 500 Jahre früher oder 1200 Jahre später? Vermutlich wurde nun von einem Jesuiten eine tiefgründige Antwort mit großem theologischen Überbau erwartet. Pater Keller aber strich sich nur durch den Bart und sagte: „Das werde ich erst wissen, wenn ich beim lieben Gott bin...“

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