Abenteuer Journalismus
Claudia Auffenberg - ein Thema mit FolgenClaudia Auffenberg ist seit Mai 2008 Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Kolping-Bildungswerk in Paderborn.
Der Beruf des Journalisten erlaubt es gelegentlich, sich mit Themen zu befassen, die zwar jeder interessant findet, über die aber wenig bis gar nicht oder nicht gern oder angeblich nicht gern gesprochen wird. Vor mehr als 10 Jahren habe ich, damals noch Redakteurin bei der Paderborner Kirchenzeitung DER DOM, mit zwei Kollegen eine Beilage zum Thema Tod und Sterben produziert. Die Erstellung dieses DOM-Magazins war ein Abenteuer, also eine Angelegenheit, die uns alle sehr und lange beschäftigt hat. Damals waren wir um die 30 Jahre alt, also nicht unbedingt in einem Alter, in dem man intensiv über das Sterben nachdenkt. Der Tod war vermeintlich weit weg, da konnten wir uns unbefangen heranpirschen.
Bei der Arbeit an diesem Magazin haben wir Menschen interviewt und besucht, die mit dem Tod zu tun haben oder nah dran sind, jedenfalls näher als wir: einen Bestatter, einen Kommissar, einen Mörder, eine Frau, deren Mann im Hospiz auf den Tod wartet und einen alten Herrn, der möglicherweise abends beim Schlafengehen darüber nachdenkt, dass er morgens nicht mehr wach wird. Einen solchen Menschen zu finden, war ein Problem. Wir konnten ja schließlich nicht einfach jemanden auf der Straße ansprechen und fragen: „Sagen Sie mal, denken Sie in Ihrem Alter beim Einschlafen manchmal daran, dass...?“ Wir haben nach einer Person gesucht, die prominent ist, also interview-erfahren, die katholisch ist und von der man weiß, dass sie mit dem Tod konfrontiert war, z. B. durch den Tod des Ehepartners. Rainer Barzel hat ausdrücklich wegen des Themas abgesagt. Glück hatten wir bei Dr. Josef Stingl, bis 1984 Präsident der Bundesanstalt für Arbeit. Ich habe ein langes Interview mit ihm geführt, er hat geduldig und ausführlich geantwortet. Auf die Frage nach den Gedanken beim Einschlafen antwortete er: „Ich denke nicht nur beim Einschlafen öfter daran, sondern auch, wenn ich nachts wach werde. Aber auch, wenn ich im Zug fahre, wenn ich in der Kirche sitze, dann denke ich schon daran, dass es nicht mehr lange ist. Und wenn ich auf die Uhr schaue und den Sekundenzeiger beobachte, denke ich immer: Wieder eine Sekunde näher daran, dass dein Leben beendet wird.“
Ein besonderes Erlebnis war auch der Besuch beim Bestatter, den ein Kollege übernommen hat. Als er wieder kam, haben wir uns begierig die Fotos angeschaut, und er musste uns detailliert erzählen, wie ein Bestatter arbeitet, detaillierter natürlich, als es im Artikel stehen konnte. Das mag jetzt absonderlich klingen, aber ehrlich gesagt: Das war hochinteressant!
Die Gespräche und die Termine, die wir geführt und absolviert haben, war en der eine Teil des Abenteuers. Der andere waren die Redaktionskonferenzen. Ich kann mich nicht erinnern, dass ein Thema im Vorfeld schon ein so großes Interesse bei Kollegen in der Redaktion und der Technik oder auch im Bekanntenkreis ausgelöst hat. Und auch wir drei haben bei den Konferenzen intensive Gespräche geführt. Wir haben uns von Todesfällen in der Familie erzählt, wir haben darüber diskutiert, ob man am offenen Sarg Abschied nehmen soll – ein Thema, das damals noch ziemlich distanziert betrachtet wurde, Abschiedsräume bei Bestattern gab es kaum, - wir haben einander gefragt, wer schon einmal einen Toten gesehen hat und wie das war und wir haben die Kriegserinnerungen unserer Großeltern ausgetauscht.
Von den Gedanken, die wir uns damals gemacht haben, zehre ich noch heute. Ich habe damals sehr viel fürs Leben gelernt. Der Titel des Magazins lautete übrigens: „Heimgerufen“.
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